08.07.2010

Peter Esterhazy über Fußball und Kunst

»Ich fühle mich Gomez nah«

Der ungarische Schriftsteller Peter Esterhazy hat mit »Keine Kunst« das Fußballbuch des Jahres 2009 geschrieben. Im Interview spricht er über die tragische Puskas-Elf, Rummenigges »Danke«-Gedicht und seine Knorpelmaus Bela.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Bei Ferenc Puskás und seinen Mannschaftskameraden war es noch komplizierter. Sie waren die Besten – und doch die tragischen Verlierer. 

Natürlich passte diese Niederlage gut zur ungarischen Melancholie. Wir denken, dass wir immer verlieren und Gott und die Welt gegen uns sind. Daraus sind malerische Verschwörungstheorien entstanden. 

Sind solche Niederlagen der bessere Romanstoff, als es Siege sein können?

Theoretisch taugt Glück zu nichts. Wer glücklich ist, kann eigentlich keine guten Bücher schreiben. Aber ob die Niederlage von 1954 ein guter Stoff wäre, das könnte man nur post festum beurteilen. Bislang ist dieser Roman nicht geschrieben worden. Das einzige gute Buch über das Finale von 1954, das ich kenne, ist »Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde« von dem deutschen Schriftsteller F. C. Delius. Und auch ich habe zwei, drei gute... Zeilen. (lacht) 

Wie wurde das Spiel denn in Ungarn verarbeitet?

Der Diskurs hielt nicht lange an. Der Aufstand von 1956 verdrängte die Erinnerung an 1954. Danach sprachen wir eigentlich nur noch über Puskás bei Real Madrid – und ärgerten uns darüber, dass über ihn kaum noch berichtet wurde. Er galt ja als Fahnenflüchtiger, weil er den Militärsportverein Honved verlassen hatte. Wenn Real Madrid in Budapest spielte, reiste er nicht einmal mit.

Saßen Sie in Ihrem Jugendzimmer und grübelten, wie Sie nach Spanien gelangen könnten, um den »Major« spielen zu sehen?

Oh, nein! Das war unmöglich. Das politische Klima in Ungarn war gefroren. Man durfte nur alle drei Jahre in den Westen reisen, und das auch nur, wenn man Geld hatte. Der Gedanke an einen Besuch im Estadio Bernabeu kam nicht einmal auf. Später traf ich Puskás einmal, aber es war schwer, wirklich mit ihm ins Gespräch zu kommen, weil er zu jedem, wirklich jedem, eine persönliche Beziehung hatte. Alle kannten ihn, er kannte alle. Ein typischer Volksheld. 

In den 50er Jahren dürften die Kommunisten in ihm eine Gefahr gesehen haben.

Sie ließen ihn erst Anfang der 80er Jahre wieder ins Land, als sie schon zynisch und nicht mehr ideologisch waren. Und dann stand da dieser Mann mit einem dicken Bauch vor 80.000 begeisterten Zuschauern. Eigentlich war es lächerlich, ein Altherren-Spiel. Aber plötzlich, ich sehe es immer noch vor mir, schlug er mit dem linken Fuß – den rechten hatte er nur zum Abstützen – einen Vierzigmeterpass auf Linksaußen. Das wollte ich auch können. Aber ich wusste: Dafür muss ich 200 Jahre üben (lacht)!

Träumen Sie immer noch davon, diesen Pass schlagen zu können?

Ja, durchaus. Wann immer ich große Fußballer sehe, befällt mich diese Demut, und ich bin wieder der kleine Schuljunge, der zu ihnen aufblickt.

Wie verhalten sich die Fußballer Ihnen gegenüber?

Die meisten kennen mich aus dem Fernsehen und sprechen mit mir, als wäre ich jemand. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie meine Bücher gelesen haben, ist nicht sehr hoch.

Möglicherweise ist es für einen Fußballer ein Hindernis, zu intelligent zu sein. Gerd Müller meinte: »Wennst nachdenkst, is’ eh zu spät.«

Ein guter Satz! Das gilt für alles – auch für das Schreiben. Manche Schriftsteller sind gut, aber zu fein, zu selbstkritisch und dadurch zu unsicher. Schriftstellerei ist theoretisch eine unendliche Arbeit. Wenn man sich fragt: »Warum mache ich das jetzt?«, dann gibt es nur eine Antwort: »Weil ich es so will!« Und dann muss man hindurchgehen wie ein Wildschwein. Wie Gerd Müller, ohne nachzudenken.

Haben auch Sie Formkrisen?

Ja, wie Mario Gomez. Manchmal geht der Ball nicht rein. Und dann trifft er wieder. Keiner weiß, warum der Knoten plötzlich platzt. Ich fühle mich Gomez also recht nah. 

Sie haben den Vorteil, dass Ihnen kein Millionenpublikum beim Scheitern zuschaut.

Das stimmt. Für Gomez ist das ein wahnsinniger Druck, um den ich ihn nicht beneide. Bei den Bayern werden die Bosse gleich hysterisch, und wenn sie sagen, sie seien nicht hysterisch, dann sind sie umso hysterischer. Es ist selten, dass jemand im jungen Alter die Reife hat, gegen diesen Druck nahezu resistent zu sein. Da fällt mir nur Lionel Messi ein, den anscheinend nichts beirren kann. Mein jüngerer Bruder Marton, der bei Honvéd spielte, gestand mir einmal, dass er bis zu seinem 25. Lebensjahr keine Ahnung hatte, was er auf dem Platz überhaupt tun musste. Umso erstaunlicher ist es, was Messi zeigt.  

Schade, dass der Körper nicht mehr mitmacht, wenn man menschlich reif genug ist, das Spiel wirklich zu lesen.

Ja, in der Tat. Es wäre ein schönes Bild, weise alte Männer auf Krücken spielen zu sehen. Das hätte Dramatik. Wenn man jung ist, denkt man nicht an den Tod. Nicht mal an einen Meniskusriss. 

Haben Sie sich beim Fußball je verletzt?

Ja, ich hatte tatsächlich einen Meniskusriss. Der Knorpel riss ab und wanderte durch mein Knie. Im Ungarischen nennt man so etwas »Knorpelmaus«. Wenn ich dann später ein Tor geschossen hatte, streichelte ich meine Knorpelmaus. Sie hatte sogar einen Namen: Béla!

»Knorpelmaus Béla« – ein schöner Titel für ein Kinderbuch.

Ich habe fast keine Fehler. Aber ein Fehler ist, dass ich kein Kinderbuch geschrieben habe. Es gibt in der Literaturgeschichte nur ein Buch, auf das ich neidisch bin: »Der Zahlenteufel« von Hans Magnus Enzensberger.

Von welchem Fußballer würden Sie gern einmal ein literarisches Werk lesen? Vielleicht nicht gleich einen ganzen Roman, sondern ein Gedicht.

Auf jeden Fall nicht von Beckenbauer!

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