Peter Esterhazy über Fußball und Kunst

»Ich fühle mich Gomez nah«

Der ungarische Schriftsteller Peter Esterhazy hat mit »Keine Kunst« das Fußballbuch des Jahres 2009 geschrieben. Im Interview spricht er über die tragische Puskas-Elf, Rummenigges »Danke«-Gedicht und seine Knorpelmaus Bela. Peter Esterhazy über Fußball und Kunst

Péter Esterházy, der große Alfredo di Stefano ist zu der Erkenntnis gekommen: »Fußball ist eine Kunst«. Hat der Mann Recht?

Sowohl der Fußball als auch die Kunst sind ein Spiel, kein kindliches, sondern ein sehr ernsthaftes. Eine Welt für sich, in der andere Regeln bestehen als in der realen Welt. Insofern kann ich Alfredo di Stefano zustimmen.

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Welche Metaphern bietet der Fußball uns fürs Leben an?

Ich finde es nicht gut, wenn der Fußball damit beladen wird. Das halte ich für Schöngeisterei. In vielem unterscheidet sich der Fußball sehr vom wirklichen Leben. Zum Beispiel bin ich der Meinung, dass man im Fußball immer gewinnen wollen muss. Im Leben ist das jedoch nicht der Fall. Ich mag Menschen nicht, die immer gewinnen wollen. Aber ich möchte mit niemandem in einer Mannschaft spielen, der nicht gewinnen will. Nach dem Tod von Robert Enke wurde gesagt, Fußball sei nicht alles. Das stimmt. Mit einer Ausnahme: Wenn man Fußballer ist. 

Für Fußballer muss Fußball alles sein?

Wenn man sich auf dieses Spiel einlässt, dann ja. Das meine ich, wenn ich sage: eine Welt für sich. Und die Welt ist alles.

Die Liverpooler Trainerlegende Bill Shankly sagte: »Einige Leute halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist!«

(lacht) Sehr wahr! Und auch wieder nicht: Wenn man Fußball als Teil der Gesellschaft betrachtet, dann gelten solche Metaphern natürlich nicht. Aber das interessiert mich weniger. Ich betrachte, was in diesem Viereck passiert. Und da kann man nach einem verlorenen Spiel nun mal nicht sagen: »Ach, es war doch nur ein Spiel!« Dann sollte man es gleich bleiben lassen. 

Sind Sie ein schlechter Verlierer?

Ich bin vielmehr ein guter Sieger. Ich kann mich an wenige Momente in meinem Leben erinnern, die so schön waren, wie ein Sieg im Fußball. Also, es lohnt sich, mich gewinnen zu lassen, dann steigt die Glücksmenge in der Welt erheblich.

Es wird behauptet, dass die WM 2006 das gesellschaftliche Klima in Deutschland verbessert habe. Kann der Fußball so etwas tatsächlich bewirken?

Wenn eine Gesellschaft gut funktioniert, kann Fußball nicht wichtig sein. Anders war das 1954, als der Krieg den Menschen noch in den Knochen steckte. Das galt übrigens auch in Ungarn, obwohl die Nationalmannschaft das WM-Finale verloren hatte. Der Fußball ließ die Menschen die Diktatur, unter der sie leben mussten, vergessen. Jedoch ist das immer eine Art von Selbstbetrug. Denn schließlich ist man immer nur im Stadion während der 90 Minuten, die das Spiel dauert, frei. Man kann aber nicht nur sonntags frei sein.

Der Fußball als eine Art Schutzraum. Auch das hätte er dann mit der Kunst gemein.

Richtig, auch die Kunst gewinnt in einer nicht funktionierenden Gesellschaft eine überproportionale Bedeutung. Deswegen träumen Künstler in einer Demokratie ja auch so oft davon, ins Gefängnis geworfen zu werden (lacht).

Hätte Ungarns Geschichte eine andere Entwicklung genommen, wenn die Nationalmannschaft das Endspiel von Bern gewonnen hätte?

Bei der Heimkehr der Spieler konnten die Menschen öffentlich zusammen kommen, um sie zu begrüßen oder zu beschimpfen. Solche Massenversammlungen hätten die kommunistischen Kader sonst nicht zugelassen. Insofern hat dieses Spiel schon eine unmittelbare Folge gehabt. Wenn es einen gnädigen Gott gäbe, hätte Ungarn dieses Finale gewonnen. Ich würde jedoch nicht soweit gehen, dass es im Falle eines Sieges nicht zum ungarischen Volksaufstand von 1956 gekommen wäre. Ein Sieg hätte sich nicht so auf das Nationalbewusstsein übertragen können wie in Deutschland, wo alle dachten: »Wir sind wieder wer!« Das war nur in einer Demokratie möglich.

Warum?

Die ungarische Wunderelf war ein zwiespältiges Phänomen. Einerseits war sie, wie gesagt, eine Projektionsfläche für Illusionen, andererseits haben die Kader sie auch für ihre Zwecke ausgenutzt. Sport diente im gesamten Ostblock Propagandazwecken. Denken Sie nur an die Eishockeyhelden in der Sowjetunion.

Wie gingen Sie als Sportfan damit um?

Man hätte eigentlich gegen diese Spieler sein sollen, aber man wollte für sie sein. Weil sie nun einmal die Besten waren. Es war kompliziert. Nehmen wir zum Beispiel den sowjetischen Eishockeystar Valery Kharlamov. Er war elegant, fein, genial. Es war sehr schwer, aus politischen Überlegungen gegen ihn zu sein, der Fan in uns kämpfte mit dem politisch Unterdrückten.  

Bei Ferenc Puskás und seinen Mannschaftskameraden war es noch komplizierter. Sie waren die Besten – und doch die tragischen Verlierer. 

Natürlich passte diese Niederlage gut zur ungarischen Melancholie. Wir denken, dass wir immer verlieren und Gott und die Welt gegen uns sind. Daraus sind malerische Verschwörungstheorien entstanden. 

Sind solche Niederlagen der bessere Romanstoff, als es Siege sein können?

Theoretisch taugt Glück zu nichts. Wer glücklich ist, kann eigentlich keine guten Bücher schreiben. Aber ob die Niederlage von 1954 ein guter Stoff wäre, das könnte man nur post festum beurteilen. Bislang ist dieser Roman nicht geschrieben worden. Das einzige gute Buch über das Finale von 1954, das ich kenne, ist »Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde« von dem deutschen Schriftsteller F. C. Delius. Und auch ich habe zwei, drei gute... Zeilen. (lacht) 

Wie wurde das Spiel denn in Ungarn verarbeitet?

Der Diskurs hielt nicht lange an. Der Aufstand von 1956 verdrängte die Erinnerung an 1954. Danach sprachen wir eigentlich nur noch über Puskás bei Real Madrid – und ärgerten uns darüber, dass über ihn kaum noch berichtet wurde. Er galt ja als Fahnenflüchtiger, weil er den Militärsportverein Honved verlassen hatte. Wenn Real Madrid in Budapest spielte, reiste er nicht einmal mit.

Saßen Sie in Ihrem Jugendzimmer und grübelten, wie Sie nach Spanien gelangen könnten, um den »Major« spielen zu sehen?

Oh, nein! Das war unmöglich. Das politische Klima in Ungarn war gefroren. Man durfte nur alle drei Jahre in den Westen reisen, und das auch nur, wenn man Geld hatte. Der Gedanke an einen Besuch im Estadio Bernabeu kam nicht einmal auf. Später traf ich Puskás einmal, aber es war schwer, wirklich mit ihm ins Gespräch zu kommen, weil er zu jedem, wirklich jedem, eine persönliche Beziehung hatte. Alle kannten ihn, er kannte alle. Ein typischer Volksheld. 

In den 50er Jahren dürften die Kommunisten in ihm eine Gefahr gesehen haben.

Sie ließen ihn erst Anfang der 80er Jahre wieder ins Land, als sie schon zynisch und nicht mehr ideologisch waren. Und dann stand da dieser Mann mit einem dicken Bauch vor 80.000 begeisterten Zuschauern. Eigentlich war es lächerlich, ein Altherren-Spiel. Aber plötzlich, ich sehe es immer noch vor mir, schlug er mit dem linken Fuß – den rechten hatte er nur zum Abstützen – einen Vierzigmeterpass auf Linksaußen. Das wollte ich auch können. Aber ich wusste: Dafür muss ich 200 Jahre üben (lacht)!

Träumen Sie immer noch davon, diesen Pass schlagen zu können?

Ja, durchaus. Wann immer ich große Fußballer sehe, befällt mich diese Demut, und ich bin wieder der kleine Schuljunge, der zu ihnen aufblickt.

Wie verhalten sich die Fußballer Ihnen gegenüber?

Die meisten kennen mich aus dem Fernsehen und sprechen mit mir, als wäre ich jemand. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie meine Bücher gelesen haben, ist nicht sehr hoch.

Möglicherweise ist es für einen Fußballer ein Hindernis, zu intelligent zu sein. Gerd Müller meinte: »Wennst nachdenkst, is’ eh zu spät.«

Ein guter Satz! Das gilt für alles – auch für das Schreiben. Manche Schriftsteller sind gut, aber zu fein, zu selbstkritisch und dadurch zu unsicher. Schriftstellerei ist theoretisch eine unendliche Arbeit. Wenn man sich fragt: »Warum mache ich das jetzt?«, dann gibt es nur eine Antwort: »Weil ich es so will!« Und dann muss man hindurchgehen wie ein Wildschwein. Wie Gerd Müller, ohne nachzudenken.

Haben auch Sie Formkrisen?

Ja, wie Mario Gomez. Manchmal geht der Ball nicht rein. Und dann trifft er wieder. Keiner weiß, warum der Knoten plötzlich platzt. Ich fühle mich Gomez also recht nah. 

Sie haben den Vorteil, dass Ihnen kein Millionenpublikum beim Scheitern zuschaut.

Das stimmt. Für Gomez ist das ein wahnsinniger Druck, um den ich ihn nicht beneide. Bei den Bayern werden die Bosse gleich hysterisch, und wenn sie sagen, sie seien nicht hysterisch, dann sind sie umso hysterischer. Es ist selten, dass jemand im jungen Alter die Reife hat, gegen diesen Druck nahezu resistent zu sein. Da fällt mir nur Lionel Messi ein, den anscheinend nichts beirren kann. Mein jüngerer Bruder Marton, der bei Honvéd spielte, gestand mir einmal, dass er bis zu seinem 25. Lebensjahr keine Ahnung hatte, was er auf dem Platz überhaupt tun musste. Umso erstaunlicher ist es, was Messi zeigt.  

Schade, dass der Körper nicht mehr mitmacht, wenn man menschlich reif genug ist, das Spiel wirklich zu lesen.

Ja, in der Tat. Es wäre ein schönes Bild, weise alte Männer auf Krücken spielen zu sehen. Das hätte Dramatik. Wenn man jung ist, denkt man nicht an den Tod. Nicht mal an einen Meniskusriss. 

Haben Sie sich beim Fußball je verletzt?

Ja, ich hatte tatsächlich einen Meniskusriss. Der Knorpel riss ab und wanderte durch mein Knie. Im Ungarischen nennt man so etwas »Knorpelmaus«. Wenn ich dann später ein Tor geschossen hatte, streichelte ich meine Knorpelmaus. Sie hatte sogar einen Namen: Béla!

»Knorpelmaus Béla« – ein schöner Titel für ein Kinderbuch.

Ich habe fast keine Fehler. Aber ein Fehler ist, dass ich kein Kinderbuch geschrieben habe. Es gibt in der Literaturgeschichte nur ein Buch, auf das ich neidisch bin: »Der Zahlenteufel« von Hans Magnus Enzensberger.

Von welchem Fußballer würden Sie gern einmal ein literarisches Werk lesen? Vielleicht nicht gleich einen ganzen Roman, sondern ein Gedicht.

Auf jeden Fall nicht von Beckenbauer!

Was würde uns da erwarten?

Wahrscheinlich ein Vierzeiler für die Bierstube. 

Kennen Sie das Gedicht, das Karl-Heinz Rummenigge zu Franz Beckenbauers Abschied als Präsident vortrug?

Ich nehme an, es reimt sich.

Wo es nur kann. Es lautet: »Lieber Franz, ich danke Dir / Ich danke Dir, ich danke Dir sehr / Ich danke Dir, das fällt uns nicht schwer. / Ich danke Dir, danke Dir ganz toll / Weiß gar nicht, was ich alles sagen soll / Ich danke Dir, Du bist ein Schatz / Dies sage ich Dir in diesem Satz / Ich danke Dir, das fällt nicht schwer / Danke, danke, danke sehr.«

(lacht) Das ist höchste Ernst-Jandl-Schule: »Ottos Mops kotzt / Ogottogott!«

Sind Sie etwa neidisch, Herr Esterházy?

Nein, ich bin gut darin, nicht neidisch zu sein. Ich kann meine Kollegen gut schätzen.

Könnte Zinedine Zidane Ihnen gefährlich werden, wenn er ein Gedicht über das WM-Finale 2006 verfassen würde?

Auch das nicht. Auch wenn ich lange über diesen Kopfstoß nachgedacht habe. Warum hat er das bloß getan? Dass Materazzi ein Intrigant ist muss er gewusst haben, er hatte ja selbst lange in Italien gespielt. Nein, das kann es nicht gewesen sein. Schon wie er den Elfmeter schoss, so leichtsinnig und überheblich, zeigte, dass er in einer seltsamen Verfassung war. So etwas tut man nicht! Selbst wenn man im Freibad um ein Bier spielt, bekommt man dafür Ärger.

Solche Endspiele sind für den ungarischen Fußball derzeit unerreichbar. 

Es ist schon komisch, dass seit der letzten WM-Teilnahme 1986 eine ganze Generation herangewachsen ist, ohne zu erleben, was Spitzenfußball bedeutet. Die ungarische Meisterschaft ist lächerlich. Es kommen so wenige Zuschauer zu den Spielen wie in Deutschland in der Kreisliga. Ich selbst schaue kaum noch ungarischen Fußball. Ich bin untreu geworden und schwärme für den FC Barcelona und Manchester United. Das ist natürlich einfach, um nicht zu sagen: banal.

Stoßen Sie mit Ihrer Fußballleidenschaft bei Ihren ungarischen Schriftstellerkollegen manchmal auf Unverständnis?

Nicht bei allen. In den letzten Jahren ist es zur Mode geworden, sich mit dem Fußball zu beschäftigen. Es gibt sogar eine ungarische Schriftstellerauswahl. Aber ich habe eine künstliche Hüfte und komme zum Glück nicht in Versuchung, da mitzumischen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ich so ungeschickt wäre wie meine Kollegen (lacht)!

Wären Schriftsteller gute Trainer?

Nein, siehe Gerd Müllers Satz.

Und wenn ein Spiel 200 Jahre dauern würde?

Dann würde es unentschieden ausgehen. Ungefähr.  

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