08.07.2010

Peter Esterhazy über Fußball und Kunst

»Ich fühle mich Gomez nah«

Der ungarische Schriftsteller Peter Esterhazy hat mit »Keine Kunst« das Fußballbuch des Jahres 2009 geschrieben. Im Interview spricht er über die tragische Puskas-Elf, Rummenigges »Danke«-Gedicht und seine Knorpelmaus Bela.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Péter Esterházy, der große Alfredo di Stefano ist zu der Erkenntnis gekommen: »Fußball ist eine Kunst«. Hat der Mann Recht?

Sowohl der Fußball als auch die Kunst sind ein Spiel, kein kindliches, sondern ein sehr ernsthaftes. Eine Welt für sich, in der andere Regeln bestehen als in der realen Welt. Insofern kann ich Alfredo di Stefano zustimmen.



Welche Metaphern bietet der Fußball uns fürs Leben an?

Ich finde es nicht gut, wenn der Fußball damit beladen wird. Das halte ich für Schöngeisterei. In vielem unterscheidet sich der Fußball sehr vom wirklichen Leben. Zum Beispiel bin ich der Meinung, dass man im Fußball immer gewinnen wollen muss. Im Leben ist das jedoch nicht der Fall. Ich mag Menschen nicht, die immer gewinnen wollen. Aber ich möchte mit niemandem in einer Mannschaft spielen, der nicht gewinnen will. Nach dem Tod von Robert Enke wurde gesagt, Fußball sei nicht alles. Das stimmt. Mit einer Ausnahme: Wenn man Fußballer ist. 

Für Fußballer muss Fußball alles sein?

Wenn man sich auf dieses Spiel einlässt, dann ja. Das meine ich, wenn ich sage: eine Welt für sich. Und die Welt ist alles.

Die Liverpooler Trainerlegende Bill Shankly sagte: »Einige Leute halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist!«

(lacht) Sehr wahr! Und auch wieder nicht: Wenn man Fußball als Teil der Gesellschaft betrachtet, dann gelten solche Metaphern natürlich nicht. Aber das interessiert mich weniger. Ich betrachte, was in diesem Viereck passiert. Und da kann man nach einem verlorenen Spiel nun mal nicht sagen: »Ach, es war doch nur ein Spiel!« Dann sollte man es gleich bleiben lassen. 

Sind Sie ein schlechter Verlierer?

Ich bin vielmehr ein guter Sieger. Ich kann mich an wenige Momente in meinem Leben erinnern, die so schön waren, wie ein Sieg im Fußball. Also, es lohnt sich, mich gewinnen zu lassen, dann steigt die Glücksmenge in der Welt erheblich.

Es wird behauptet, dass die WM 2006 das gesellschaftliche Klima in Deutschland verbessert habe. Kann der Fußball so etwas tatsächlich bewirken?

Wenn eine Gesellschaft gut funktioniert, kann Fußball nicht wichtig sein. Anders war das 1954, als der Krieg den Menschen noch in den Knochen steckte. Das galt übrigens auch in Ungarn, obwohl die Nationalmannschaft das WM-Finale verloren hatte. Der Fußball ließ die Menschen die Diktatur, unter der sie leben mussten, vergessen. Jedoch ist das immer eine Art von Selbstbetrug. Denn schließlich ist man immer nur im Stadion während der 90 Minuten, die das Spiel dauert, frei. Man kann aber nicht nur sonntags frei sein.

Der Fußball als eine Art Schutzraum. Auch das hätte er dann mit der Kunst gemein.

Richtig, auch die Kunst gewinnt in einer nicht funktionierenden Gesellschaft eine überproportionale Bedeutung. Deswegen träumen Künstler in einer Demokratie ja auch so oft davon, ins Gefängnis geworfen zu werden (lacht).

Hätte Ungarns Geschichte eine andere Entwicklung genommen, wenn die Nationalmannschaft das Endspiel von Bern gewonnen hätte?

Bei der Heimkehr der Spieler konnten die Menschen öffentlich zusammen kommen, um sie zu begrüßen oder zu beschimpfen. Solche Massenversammlungen hätten die kommunistischen Kader sonst nicht zugelassen. Insofern hat dieses Spiel schon eine unmittelbare Folge gehabt. Wenn es einen gnädigen Gott gäbe, hätte Ungarn dieses Finale gewonnen. Ich würde jedoch nicht soweit gehen, dass es im Falle eines Sieges nicht zum ungarischen Volksaufstand von 1956 gekommen wäre. Ein Sieg hätte sich nicht so auf das Nationalbewusstsein übertragen können wie in Deutschland, wo alle dachten: »Wir sind wieder wer!« Das war nur in einer Demokratie möglich.

Warum?

Die ungarische Wunderelf war ein zwiespältiges Phänomen. Einerseits war sie, wie gesagt, eine Projektionsfläche für Illusionen, andererseits haben die Kader sie auch für ihre Zwecke ausgenutzt. Sport diente im gesamten Ostblock Propagandazwecken. Denken Sie nur an die Eishockeyhelden in der Sowjetunion.

Wie gingen Sie als Sportfan damit um?

Man hätte eigentlich gegen diese Spieler sein sollen, aber man wollte für sie sein. Weil sie nun einmal die Besten waren. Es war kompliziert. Nehmen wir zum Beispiel den sowjetischen Eishockeystar Valery Kharlamov. Er war elegant, fein, genial. Es war sehr schwer, aus politischen Überlegungen gegen ihn zu sein, der Fan in uns kämpfte mit dem politisch Unterdrückten.  

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