Pele Wollitz über den Cottbusser Umbau

»Aufstieg? Unrealistisch!«

Einst bestand das Cottbusser Team aus osteuropäischen Profis, die kamen und gingen. Nun setzt Trainer Wollitz auf junge deutsche Spieler. Ein Gespräch über den Umbau, die Risiken und die notwendige Beharrlichkeit.  Pele Wollitz über den Cottbusser Umbau

Herr Wollitz, früher standen in der Cottbusser Mannschaft schon mal elf Ausländer, jetzt wurden mit Kruska, Brzenska und Dum überwiegend deutsche Spieler verpflichtet. Ist das eine gezielte Neuausrichtung des Vereins?  

Ich glaube, in den vergangene Monaten nach dem Abstieg ist allen hier in Cottbus klar geworden, dass sich etwas verändern musste. Wir haben jetzt einen Umbruch eingeleitet, der unumgänglich und von der Vereinsführung auch genauso gewollt war.  

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Welche Rolle sollen Sie dabei spielen?

Die Verantwortlichen in Cottbus haben sich ganz bewusst für mich entschieden. Auch, weil man eben eine Figur wie mich gesucht hat. Jemanden, der einen solchen Umbruch moderieren kann. Der nach außen etwas darstellen kann, in der Öffentlichkeit eine bestimmte Meinung vertritt und dazu auch steht.  

Allein wegen Ihrer Fähigkeit als Moderator wird man Sie aber nicht geholt haben.

Nein. Bei den Gesprächen vor der Saison wurde natürlich auch diskutiert, welche Vorstellungen man hat. Der Verein hat sein Konzept vorgestellt, und das war in etwa deckungsgleich mit meinen Ideen von dem, was ich hier in Cottbus aufbauen will. Wären diese Gespräche nicht so positiv verlaufen, hätte ich auch nicht unterschrieben.  

Der Kern des Umbruchs in Cottbus bilden die Abkehr von der multinationalen Söldnertruppe und die Verpflichtung junger deutscher Spieler. Wie wichtig ist diese Sprengung des Ostblocks?  

Es ist ja nun einfach mal so, dass es die Arbeit ungemein erleichtert, wenn man mit Spielern arbeitet, die ohne Sprachbarriere einfach eine viel kürzere Eingewöhnungszeit benötigen. Wenn man einen Umbruch forciert, der ohnehin Unwägbarkeiten und Rückschläge mit sich bringt, ist es für mich als Trainer einfach leichter, wenn man die Spieler von Beginn an erreicht.  

Erhoffen Sie sich durch die Verpflichtungen deutscher Talente auch einen Schub für den Verein und einen Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung?  

In erster Linie wollten wir Spieler holen, die sich mit der Region identifizieren und so auch wiederum Identifikationsfiguren für die Fans sein können. Ich glaube, in der Lausitz haben die Menschen einen besonderen Stolz. Und deshalb braucht man gerade in Cottbus Spieler, die hierher passen und dankbar sind, hier spielen zu dürfen.  

Früher hieß es in Cottbus immer, dass junge deutsche Spieler kaum zu finanzieren seien, deshalb wurde vor allem auf Spieler aus Osteuropa gesetzt. Wie ist es nun möglich, plötzlich doch deutsche Talente zu verpflichten?  

Dass junge deutsche Spieler zu teuer seien, wie es in der Vergangenheit oft dargestellt wurde, stimmt einfach nicht. Das ist schlichtweg falsch. Ich muss mich allerdings um diese Spieler wirklich bemühen wollen. Wenn ich mich nicht bemühe, bekomme ich diese Spieler auch nicht.  

Wie ist es Ihnen gelungen, diese Spieler nach Cottbus zu holen?

Ich wusste, dass diese Spieler auf dem Markt sind, habe sie kontaktiert, dann habe ich mich mit ihnen getroffen und es letztendlich geschafft, sie davon überzeugen, dass wir hier in Cottbus gemeinsam etwas aufbauen können.

Kann sich Cottbus, auch vor dem Hintergrund der finanziellen Situation, eine radikale Abkehr von der Transferpolitik der Vergangenheit überhaupt leisten, oder werden sie doch auch in Zukunft in Osteuropa scouten?  

Wichtig ist nach wie vor die Mischung. Wenn ich einen guten Spieler bekomme, egal woher, und der passt ins Gehaltsgefüge und zu meiner Philosophie, dann werde ich ihn holen. Auch weil andere Kulturen immer andere Möglichkeiten eröffnen, neue Impulse geben und dadurch eine Mannschaft bereichern. Diese Reize zu setzen ist mir wichtig.  

Spieler aus Osteuropa wie etwa Vasile Miriuta, Erwin Skela oder Tomislav Piplica haben den Verein über Jahre geprägt. Auch weil sie von ihrer Mentalität gut nach Cottbus gepasst haben. Sind Sie sich sicher, dass sich die neuen Spieler, nur weil sie einen deutschen Pass besitzen, automatisch problemlos akklimatisieren können?  

Natürlich hat Energie Cottbus in der Vergangenheit mit einer Mannschaft, die fast ausschließlich aus Ausländern bestand, lange erstklassig gespielt. Aber warum sollte eine junge deutsche Cottbusser Mannschaft nicht in der Lage sein, in der Bundesliga zu spielen und irgendwann auch mal Bayern München zu schlagen?   

Was erwarten Sie von den jungen Spielern wie Kruska, Brzenska  oder Dum?  

Diese Spieler sollen zusammen mit Gerhard Tremmel unsere neuen Führungsspieler werden. Alle drei haben ihre Qualitäten bereits in der ersten Liga nachgewiesen. Wir haben sie ja nicht nur geholt, weil sie deutsch sind und soundso viele U-Länderspiele bestritten haben, sondern weil wir davon überzeugt sind, dass sie die Qualität unserer Mannschaft mittelfristig erhöhen. Und wir auf lange Sicht mit diesen Spielern Erfolg haben werden.  

Bisher haben die neuen Spieler den Verein nicht entscheidend nach vorne gebracht. Auch nach dem Sieg über den FSV Frankfurt steckt Energie noch immer unübersehbar in einer Krise. Stürzt der Umbruch den Verein letztendlich ins Chaos?  

Dass die Ergebnisse nicht stimmen, muss man nicht extra betonen. Aber dass wir jetzt noch einigen Schwankungen unterliegen und die jetzige Situation Fragen aufwirft, davon bin ich ausgegangen. Der Prozess einer umfassenden Neustrukturierung führt eben auch dazu, dass manch andere Dinge auf der Strecke bleiben und man zwangsläufig mit Rückschlägen konfrontiert wird.  

Was macht Sie so sicher, dass es in absehbarer Zeit besser wird?  

Noch braucht die Mannschaft Zeit, aber ich gehe davon aus, dass sich die Leistung stabilisieren wird. Kruska oder Dum kamen ja auch relativ spät. Wenn sich die Neuen aber erst einmal eingelebt haben, werden sie konstant ihre Leistung bringen. Und dann wird man sehen, ob das passt.  

Gefährdet der Umbau den direkten Wiederaufstieg?  

Es gab nie die Vorgabe, direkt wieder aufzusteigen. Der Umbruch genießt Priorität, er ist das vorrangige Ziel in dieser Saison.  

Sie wollen also nicht aufsteigen?  

Sich jetzt hinzustellen und zu behaupten, wir wären der Aufstiegsfavorit, davor habe ich schon vor Wochen gewarnt. Das wäre einfach vermessen, weil sich die Mannschaft erst einmal einspielen und auch zeigen und beweisen muss, dass sie eine Mannschaft werden kann.  

Was muss dafür auch innerhalb des Teams passieren?

Die Spieler müssen eine Mannschaft werden, die nicht aus verschiedenen Gruppierungen besteht. Aber nur vom Sprechen werden wir keine Mannschaft, das muss von innen kommen. Ich muss das von innen heraus leben wollen und auch Rückschläge wegstecken können. Und aus dieser schwierigen Phase muss man gestärkt zurückkommen, um dann eine gesunde Basis zu schaffen.  

Sie gelten als manisch ehrgeizig, werden sich aber erstmal mit dem Grau des Zweitligamittelmaßes begnügen müssen. Können Sie das?

Damit habe ich kein Problem. Ich habe ja von Anfang an gesagt, dass ich mir und dem Verein dieses Jahr zur Neuordnung gebe. Deshalb habe ich mich auch nicht einmal mit dem Thema Aufstieg befasst, weil es für mich zum jetzigen Zeitpunkt schlichtweg unrealistisch ist.  

Woraus ziehen Sie derzeit Ihre Motivation?

Aus der Perspektive. Ich bereite hier in dieser Saison etwas vor, baue jetzt eine Mannschaft auf, die im nächsten Jahr so stabil sein muss, dass wir dann oben mitspielen können.  

Wurden Sie durch die ersten Wochen nicht bereits desillusioniert?

Ganz im Gegenteil. Mich bekräftigt die momentane Situation eher darin, den eingeschlagenen Weg genau so weiter zu gehen, weil es zeigt, dass ich noch viel Arbeit investieren muss, um dorthin zu kommen, wo ich am Ende mit Energie Cottbus hin will.  

Haben Sie schon eine Ahnung, wie das gelingen soll?

Normalerweise war es mein Plan, dass wir bis zum Winter ordentlich durch die Hinrunde kommen. Jetzt kommt es darauf an, noch den einen oder anderen Punkt zu holen, um dann in Ruhe den nächsten Schritt vorzubereiten und zu schauen, was eigentlich möglich ist, wenn wir ein eingespieltes und zusammen gewachsenes Team ohne Eifersüchteleien sind, in dem einfach alle an einem Strang ziehen.  

Wie realistisch ist das noch?

Wir werden das schaffen, aber dazu brauchen wir eben auch ein Stück Gelassenheit und die Überzeugung, dass wir es schaffen können. Ich jedenfalls bin davon überzeugt.  

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