13.07.2007

Pele Wollitz im Interview

„Ich muss authentisch sein“

Als Spieler war Claus-Dieter „Pele“ Wollitz ein schlampiges Genie. Als Trainer des VfL Osnabrück hat er jegliche Schlampigkeit abgelegt – und zeigt dennoch wieder geniale Züge. Wir sprachen mit ihm über seinen Job und die Herausforderung.

Interview: 11Freunde Bild: Imago
Herr Wollitz, mit welchen Gefühlen blicken Sie der kommenden Saison entgegen?

Die Freude ist riesengroß. Wenn man als Trainer in der Regionalliga bei einem Klub wie dem VfL Osnabrück arbeitet, kann man nur das Ziel haben, in die 2. Liga aufzusteigen. Und das haben wir geschafft.



Gibt es Spiele, auf die Sie sich besonders freuen?

Ich freue mich auf die Spiele gegen Köln, weil ich als Spieler mit Köln aufgestiegen bin, und auf die Partien gegen Kaiserslautern, weil ich mit dem FCK den DFB-Pokal gewonnen habe. Die Stimmung in Mainz, in Aachen und in der Allianz Arena wird super sein. Aber genauso freue ich mich auf die Spiele gegen Wehen und Hoffenheim. Ich bin einfach außerordentlich froh, mit Osnabrück in der 2. Liga dabei sein zu dürfen.

Ist der dramatische Aufstieg mit dem Moment zu vergleichen, als Sie den VfL 1991 durch ein Freistoßtor in der Schlussminute vor dem Abstieg retteten?

Das war anders. Damals war das Fußballinteresse in ganz Deutschland noch nicht so groß wie heute. Seitdem hat sich viel getan. Für Regionalligaverhältnisse gab es diesmal eine unheimlich große Aufmerksamkeit, wie es sie vielleicht noch nie gegeben hat. Während es 1991 in erster Linie in Osnabrück, aber nicht so sehr außerhalb der Stadtgrenzen Beachtung fand, war das Medieninteresse diesmal ungleich höher. Unvorstellbar.

Das lag wohl auch daran, dass die Aufstiegsentscheidung diesmal außergewöhnlich knapp war.

Sicherlich. Dadurch ist noch mal eine ganz andere Euphorie entstanden. Nach der Hinrunde dachte man ja noch, „Osnabrück hält keiner auf“. Wären wir so locker durchgekommen, wie es nach der Hinrunde und in weiten Teilen der Saison den Anschein hatte, wäre unsere Freude auch groß gewesen. Aber wenn die Entscheidung so eng ist wie in diesem Jahr, dann sind natürlich noch mehr Emotionen dabei.

Hatten Sie noch Hoffnung auf den Aufstieg, als Sie zwei Spieltage vor Schluss fünf Punkte Rückstand auf Magdeburg hatten?

Ich habe noch zu hundert Prozent an den Aufstieg geglaubt. Magdeburg hatte als Außenseiter die ganze Saison über keinen Druck. Ich habe intern wie auch nach außen gesagt, dass Magdeburg dem Druck, den sie plötzlich hatten, nicht standhalten wird, und wir es noch packen werden. Das ist normales Geplänkel, aber über die Presse kommt so etwas beim Konkurrenten an und verunsichert ihn.

Haben Sie befürchtet, dass St. Pauli im letzten Spiel gegen Magdeburg schwere Beine von seiner Aufstiegsfeier haben würde?

Emotional war es sehr schwer für die Paulianer, nach dem schon perfekt gemachten Aufstieg noch mal so eine Leistung abzurufen und in Magdeburg ein 1:1 zu holen. Ich habe immer dran geglaubt, dass Pauli sich nichts zu schulden kommen lässt, ihr Einsatz stimmt und man ihnen im Nachhinein nichts vorwerfen kann.

Nach dem Spiel sind Sie mit einem St. Pauli-Retter-Shirt im Fernsehen aufgetreten.

Auf diese Weise wollte ich meinen Respekt und meine Dankbarkeit gegenüber den Paulianern zum Ausdruck zu bringen. Ich hätte das auch in Worte fassen können, aber ich wollte es lieber symbolisch zeigen, weil das mehr aussagt als Worte. Damit hat der FC St. Pauli für mich wieder mal unter Beweis gestellt, dass er dieser einzigartige Kult-Klub ist. St. Pauli und uns kam aber sicherlich auch zu Gute, das es für die Magdeburger wirklich das einzige Spiel in der gesamten Saison war, in dem sie gewinnen mussten. In all den anderen Partien zuvor haben sie immer wieder gesagt, dass sie nur Außenseiter sind. So konnten sie die ganze Saison über befreit aufspielen. Bis zum letzten Spieltag.

War der Aufstieg für den VfL dieses Jahr eigentlich Pflicht?

Die Frage ist: Wann ist ein Aufstieg sinnvoll, wann kann man ihn nutzen? Nach dem letzten Abstieg 2004 wollte der VfL schnell wieder zurück in die 2. Liga. Doch damals wäre es meiner Meinung nach noch nicht sinnvoll gewesen. Jetzt sind wir mit unseren Strukturen weiter als damals. Obendrein ist es uns gelungen, uns finanziell zu konsolidieren. Wer schafft das schon in der Regionalliga? Somit glaube ich, dass wir dieses Jahr besser aufgestellt sind, als wenn uns der Aufstieg im letzten Jahr geglückt wäre. Dennoch wird die nächste Saison sehr schwer für uns, in der attraktivsten 2. Liga aller Zeiten. Wenn man sich die Strukturen der einzelnen Vereine ansieht, dann ist das eine verkappte 1. Liga.

Wie wollen Sie in dieser hochkarätigen Liga den Klassenerhalt schaffen?

Unsere einzige Chance liegt im Teamgeist, gegenseitigem Respekt und der Identifikation mit dem Verein. Bis jetzt haben wir in erster Linie deutsche Spieler verpflichtet, weil wir glauben, dass uns das mit diesen Spielern besser gelingt. Nehmen Sie Mathias Heidrich und Uwe Ehlers. Heidrich ist vor Jahren mit Aue in die 2. Liga aufgestiegen und weiß, was nötig ist, um die Klasse zu halten. Ähnlich verhält es sich mit Ehlers. Beide wissen, wie sie sich bei einem Aufsteiger wie uns zu verhalten haben. Außerdem wollte ich junge Spieler haben, um zu zeigen, dass man junge Spieler auch auf diesem Niveau entwickeln kann. Die müssen sich aber auch entwickeln lassen wollen. Wenn es in der Mannschaft passt, dann können wir die nötigen paar Prozent mehr rauskitzeln, um den Klassenerhalt zu schaffen.

Wonach suchen Sie Ihre Neuzugänge aus?

Wir verpflichten Spieler nicht nach Namen oder nach deren Vita, sondern schauen, welche Spieler charakterlich zu uns passen. Das ist unser Credo. In der letzten Saison hatte jeder unserer Spieler Anteil am Aufstieg, doch einige Akteure hatten naturgemäß einen höheren Anteil daran. So haben wir uns die Frage gestellt, welche Spielertypen wir zusätzlich zu diesem Stamm an Spielern, die eine wichtige Rolle in der Mannschaft bekleiden, dazu holen wollen, damit wir auch in der neuen Saison eine charakterlich intakte Mannschaft haben. Es ist wichtig, dass die Spieler, gerade auch in schwierigen Zeiten, ihre individuelle Klasse nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb zeigen.

Sie haben großes Vertrauen in Ihre Spieler.

Ja, das habe ich. Und ich denke, das gleiche gilt auch umgekehrt. Die langjährigen Bundesligaprofis Reichenberger und Feldhoff haben schon unter sehr renommierten Erstligatrainern gearbeitet. Ich trainiere die beiden jetzt seit vier bzw. fünf Jahren. Wenn hinter meinen Worten nichts stecken würde, würden ihre Leistungen mit der Zeit schlechter werden. Aber das ist nicht der Fall. Um die zwischenmenschliche Beziehung zu meinen Spielern mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Von allen Spielern, mit denen ich Gespräche darüber geführt habe, ob sie nach Osnabrück kommen oder nicht, hat noch keiner gesagt, dass er nicht gerne bei uns spielen möchte. Ich glaube das hat sich in der Branche auch rum gesprochen. Was ich mit den Spielern bespreche, das setzte ich auch um. Ich taktiere nicht mit den Spielern und gaukele ihnen auch nichts vor. So zu handeln finde ich unmöglich. Es ist meine Philosophie, ehrlich zu den Spielern zu sein. Ich kann und will sie nicht anlügen.

Glauben Sie, dass ihr Präsidium soviel Vertrauen zu Ihnen hat wie Sie zu Ihrer Mannschaft?

Ich habe Vertrauen zur Vereinführung, und die Vereinführung hat Vertrauen zu mir. Sonst wäre ich nicht nach drei Jahren noch Trainer in Osnabrück. Ich werde hier auch nicht einzig und allein an den nackten Ergebnissen gemessen.

Aber kann der Aufstieg für den Trainer einer Mannschaft, die sich permanent auf der Schwelle zwischen der 2. und 3. Liga bewegt, nicht auch gefährlich sein?

Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich keine Angst vor Niederlagen habe. Es ist nur ein Fußballspiel. Ich habe einen tollen Job, bei dem ich mich entfalten und zeigen kann, wie ich bin. Wie gesagt, es geht um ein Spiel, das man gewinnen oder auch verlieren kann. Aber wenn man ein gutes Miteinander pflegt, gewinnt man öfter, weil man darüber einiges herausholen kann. Egal in welcher Liga das ist.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden