12.04.2012

Pelé im 11FREUNDE-Interview

»Maradona ist kein guter Trainer«

Er ist der vielleicht größte Fußballer aller Zeiten: Pelé war dreimal Weltmeister, schoss mehr als 1000 Tore und ist noch heute das bekannteste Fußballer-Gesicht des Planeten. Wir sprachen mit ihm über Thomas Müller und Maradona.

Interview: Rafael Buschmann Bild: Imago

Pelé, Brasilien steht im Viertelfinale. Wie sehr freuen Sie sich über Erfolge der brasilianischen Mannschaft bei dieser WM? 
Ach, ich habe mich schon sehr gefreut und mit einigen Freunden gejubelt. Aber aus dem Alter, in dem man nächtelang wegen eines Fußballspiels feiert, bin ich mittlerweile raus. Zudem ärgert mich auch einiges an diesem WM-Turnier.

Was genau? 
Einige Mannschaften. Die Spieler der Elfenbeinküste galten beispielsweise vor der WM als afrikanische Brasilianer. Sie versprachen technischen, schnellen Fußball. Aber wo war der? Das Einzige, was ich im Spiel gegen Brasilien gesehen habe, waren böse Tritte und hinterhältige Provokationen.

Aber die einzige Rote Karte des Spiels gab es für den Brasilianer Kaká. 
Dass das eine Rote Karte war, will ich immer noch nicht glauben. Der Gegenspieler läuft auf Kaká zu, ohne auf ihn zu gucken. Kaká schützt sich und hebt den Arm. So etwas ist keine Tätlichkeit. Kaká ist einer der fairsten Spieler der Welt.

Es gab in Südafrika viele umstrittene Schiedsrichterentscheidungen. Das Wembley-Tor der Engländer, das Abseitstor von Carlos Tevez gegen Mexiko. Auch Deutschlands Miroslav Klose wurde im Spiel gegen Serbien vom Platz gestellt.
Auch der spanische Schiedsrichter in diesem Spiel hatte eine sehr eigenwillige Regelauslegung. Ich glaube, die Gelb-Rote Karte von Klose war völlig überzogen.

Wie beurteilen Sie denn grundsätzlich das deutsche Spiel? 
Man sieht, dass sich etwas im deutschen Fußball getan hat. Schon bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren zeigten die Deutschen zwischenzeitlich richtig schönen Offensivfußball. Aber diesmal haben sie Spieler wie Mesut Özil oder diesen, wie heißt er denn noch mal...

...Müller? 
Genau, diesen Müller von Bayern. Das sind Spieler wie früher Overath oder Littbarski. Die können dribbeln, tödliche Pässe spielen, überraschende Momente kreieren. Es macht Spaß, denen zuzusehen.

Am Sonnabend könnte der deutsche Traum vom Weltmeistertitel vorbei sein, wenn die Mannschaft im Viertelfinale auf Argentinien trifft. 
Deutschland ist immer dann stark, wenn es darauf ankommt. Das ist eine echte Turniermannschaft.

Die Weltmeister werden kann? 
Deutschland hat eine der jüngsten Mannschaften der Weltmeisterschaft. Ich glaube, dass sie für den Titel noch ein wenig zu unerfahren ist.

Also holt Brasilien den Titel?
Ich würde es mir sehr wünschen. Aber trotz des 3:0-Sieges über Chile bin ich noch nicht komplett von diesem Team überzeugt. 

Warum nicht?

Ich selbst war Stürmer und wollte immer nur Tore schießen. Das war das Wichtigste, weil es die Fans begeistert. Das heutige Team hingegen ist eher auf Konter eingestellt, beherrscht das Spiel nur wenig. Die Dominanz und der Wille, immer über den Gegner zu herrschen und den Ball zu besitzen, sind nicht vorhanden.

Weil Trainer Carlos Dunga zu defensiv agieren lässt? 
Er sagte mir, er agiere nicht defensiv, sondern kontrolliert. Aber was ist das für ein Fußball, wenn man mit einem Stürmer das Spiel kontrollieren will?

Aber dieses System hat sich bei dieser WM als ein probates Mittel erwiesen. Und Brasilien hat neben Luis Fabiano auch noch Ihren Ziehsohn Robinho als hängende Spitze im Team. 
Vergessen Sie nicht Kaká, der ebenfalls sehr offensiv agiert, aber sich bei Ballverlusten fast wie ein Abwehrspieler verhält und weit in die eigene Hälfte zurückfallen lässt. Ebenso Robinho. Es dauert dann sehr lange, bis sie wieder am gegnerischen Strafraum sind. Eine dominierende Mannschaft könnte Brasilien so sehr unter Druck setzen, dass die hängenden Stürmer überhaupt nicht mehr nach vorne kommen und wir dadurch kaum Torchancen bekommen.

Welche Mannschaft hat bei diesem Turnier die Qualitäten, das brasilianische Team in Zwangslagen zu bringen? 
Die Spanier können dies. Und vielleicht auch Deutschland an einem guten Tag.

Und Argentinien? 
Nein, Argentinien nicht.

Sie haben schon mehrfach gesagt, dass Sie wenig vom argentinischen Spiel halten. Ist dies wirklich Ihre Meinung oder eine Privatfehde mit Diego Maradona? 
Ich habe kein Problem mit Maradona. Ich glaube einfach nur, dass er kein guter Trainer ist. Er hat eine sehr ausgefallene Lebensführung und das kommt bei einer Mannschaft nur sehr selten gut an.

Aber sein Team spielt erfolgreich und gut geordnet. 
Da spielen nur Weltstars, die ordnen sich schon ganz gut alleine. Und vorne sorgt Messi für so viel Aufregung, dass viele Mitspieler große Räume frei haben. 

Sie waren als Spieler ebenfalls ein großer Alleinunterhalter. Würde der Pelé von damals auch heute so dominant auftreten? 

Das hinge von meinen Mitspielern ab. Aber grundsätzlich hat sich doch der Fußball gar nicht so entscheidend verändert. Es geht immer noch um einen Ball, zwei Tore und 22 Spieler.

Sind Sie mit dieser einfachen Formel dreimal Weltmeister geworden?

Es gehörte auch viel Arbeit dazu. Aber Lockerheit war schon sehr wichtig, ohne diese verkrampft man und dann wird das Tor sehr klein.

Zu Ihrer Zeit bei Cosmos New York, zum Ende Ihrer Karriere, sollen Sie so locker gewesen sein, dass Sie schon vor dem Spiel in der Kabine Samba tanzten. 

Das stimmt. Wir hatten sehr viele europäische Spieler im Team, darunter auch Franz Beckenbauer, und die waren immer wahnsinnig konzentriert und zogen sich bei völliger Stille um. Ich brauchte immer Musik, um meine Freude am Spiel zu entwickeln. Deshalb habe ich manchmal schon vor dem Spiel getanzt.

Wie hat denn Beckenbauer darauf reagiert? 
Franz blieb ruhig sitzen, lehnte sich vor dem Spiel mit dem Kopf an seinen Spind und schloss die Augen. Irgendwann habe ich ihn gepackt und mit ihm getanzt.

Wie hat er sich denn angestellt? 
Zunächst blieb er ganz steif. Ich habe ihn dann gefragt, ob er auch auf dem Feld so verteidigt. Das hat ihn ein wenig getroffen und er begann sich zu bewegen. Und soll ich Ihnen was sagen? Der konnte das ganz gut. Franz hat ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl.

Reden Sie gelegentlich mit ihm noch über solche Dinge? So von »Kaiser«, wie Beckenbauer in Deutschland genannt wird, zu »König«, wie Ihr Spitzname in Brasilien lautet? 
Natürlich. Aber wir reden uns nicht mit Kaiser oder König an. Wir sind Freunde und plauschen über körperliche Gebrechen, Familien oder Südafrika.

Nicht über Fußball?
Doch, auch. Aber es gibt daneben noch so viele andere wundervolle Dinge.

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