Pawel Wojtala im Interview

»Und der Pole sagt: Ich kann gar nichts«

Polens Ex-Nationalspieler Pawel Wojtala, 39, spielte einst für den HSV, Werder Bremen, RW Oberhausen, LR Ahlen, den KSC und den Halleschen FC. Wir sprachen mit ihm über Polen, Deutschland – und die Euro 2012.

Pawel Wojtala, Sie wechselten 1997 mit 24 Jahren von Widzew Lodz zum Hamburger SV in die Bundesliga. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit der Anfangszeit in Deutschland?
Ich konnte nicht deutsch sprechen, ich kannte Deutschland nicht und war einfach schlecht vorbereitet auf das, was mich dort erwartete. Ich war ein bisschen naiv, auch was die Probleme, betraf, der HSV damals hatte. Mit dem Abstiegskampf und der daraus resultierenden Stimmung im Verein hatte ich mich vor meinem Wechsel überhaupt nicht befasst.

Waren Sie auf die deutsche Kultur und ihre Unterschiede zur polnischen Kultur vorbereitet?
Ich wusste schon, dass sie anders ist. In Polen kommst Du zu jemandem nach Hause und er stellt alles auf den Tisch, was er hat. In Deutschland ist das nicht so.

Zum ganz großen Durchbruch hat es allerdings nicht gereicht. In den drei Spielzeiten für den HSV und später Werder Bremen kamen Sie insgesamt auf 41 Einsätze und wechselten anschließend zu Legia Warschau.
Es stimmt, ich hatte mehrere Verletzungen, die mich zurückgeworfen haben. Doch ich sage immer: Was gibt es Besseres im Leben – du machst, was du liebst, und verdienst gutes Geld dabei. Es gibt nicht viele Jobs, wo das so ist.

Sie haben 2005 Ihre Karriere beendet und leben nun wieder in Ihrer Heimatstadt Posen. Erkennen die Menschen den zwölffachen Nationalspieler Wojtala noch?
Klar, insbesondere die Älteren erinnern sich an mich, die Leute vergessen einen hier nicht so schnell. Aber ich kann in Ruhe Brötchen kaufen gehen, ich bin kein Celebrity, ich war auch nie einer. Ich kenne Spieler aus Warschau, die leben das Leben von Stars. Aber das ist nicht meine Welt.

Pawel Wojtala, was ist typisch deutsch?
Im Fußball? Das Selbstvertrauen. Jeder deutsche Fußballer ist viel selbstbewusster als ein polnischer Fußballer. Sagen wir, es gibt eine Übung, die wird zehnmal wiederholt. Der deutsche Fußballer macht die Übung achtmal schlecht aber zweimal gut. Der polnische Fußballer macht die Übung fünfmal gut und fünfmal schlecht. Der deutsche Spieler wird nachher sagen: Ich war zwei Mal gut, ich bin ein Weltmeister! Der polnische Spieler wird sagen: ich war fünfmal schlecht, ich kann gar nichts. Das ist ein kleiner, aber sehr wichtiger Unterschied in der Mentalität.

Generell oder nur im Fußball?
Ich glaube, das ist generell so. Na gut, die jungen Polen sind jetzt auch anders. Offener, selbstbewusster. Die sind in den neunziger Jahren geboren, sind hungrig auf die Welt, gehen aus ihren Dörfern in die großen Städte, gehen ins Ausland zum Studieren, sprechen Sprachen und trauen sich was. Aber wir Polen sind grundsätzlich nicht so optimistisch. Wenn es gut läuft glauben wir, dass die Probleme sicherlich schon vor der Tür stehen.

Sie sind Jahrgang 1972 und haben Ihre fußballerische Ausbildung noch hinter dem Eisernen Vorhang abgeleistet. Wie sehr hat sich die polnische Nachwuchsarbeit bis heute verändert?
In Polen gab es lange Zeit keine wirklich gute Ausbildung, aus dem einfachen Grund, weil das Geld dafür fehlte. Die professionellen Jugend-Leistungszentren, die in Deutschland seit mehr als zehn Jahren Standart sind, gibt es Polen erst seit gut zwei Jahren. Außerdem fehlt vielen Klubs bis heute das Verständnis, das Budget nicht nur für die ersten Mannschaften zu verpulvern. Wir brauchen also noch etwas Zeit, bis wir gute Generationen an Fußballern hervorbringen können. Das Dortmunder Trio Robert Lewandowski, Jakub Blaszczykowski und Lukasz Piszczeck ist natürlich eine erfreuliche Ausnahme. Aber in der Breite sind wir einfach noch zu schwach aufgestellt.



Die meisten polnischen Talente zieht es in andere Ligen. Kann sich die Attraktivität der heimischen Liga durch den Bau der neuen Stadien verbessern?
Sicherlich. gegen den Reiz des Auslands kommen wir noch nicht an. Mehr Geld, mehr Atmosphäre, mehr Herausforderung. Mit den Stadien ist es ja eh so eine Sache: Eigentlich brauchen wir so große Stadien gar nicht. In Posen steht jetzt ein Stadion für 43.000 Zuschauer, dabei kommen im Schnitt zu den Spielen von Lech durchschnittlich 20.000 Menschen. Andererseits brauchen wir die Investitionen, sie modernisieren den polnischen Fußball. Langfristig können wir davon profitieren.

Was, glauben Sie, wird sich noch durch die EM verändern?
Jetzt, kurz vor der Europameisterschaft, herrscht eine große Euphorie, es wird viel investiert, alle wollen sich von ihrer besten Seite zeigen. Wir werden hier einen super Monat haben, aber danach wird sich alles wieder verlangsamen. Jede Investition wird länger dauern, der Alltag wird sich normalisieren. Auch damit müssen wir zurecht kommen.

Stichwort »Hooliganproblem«. Wie sehen Sie das Problem?
Hooligans gibt es überall, auch in Deutschland. Die machen zwar die negativen Schlagzeilen, aber sie sind sicher nicht die Mehrheit, sondern nur ein paar Idioten. Mit den neuen Stadien werden wir auch in Polen die Sicherheit weiter verbessern, ich habe keine Angst, dass es zu Ausschreitungen kommen wird. Wir haben übrigens auch in anderen Sportarten gezeigt, was für großartige Fans wir haben, zum Beispiel als Adam Malysz im Skispringen so erfolgreich war. Aber auch im Handball oder Volleyball. Eines ist aber klar: die polnischen Fußballfans sind fanatisch.

Haben Sie während Ihrer Karriere Kontakt zu den eigenen Fans gehabt?
In Posen kenne ich ein paar Fans, hier komme ich her, hier weiß ich wer mit dem Megaphon auf dem Zaun sitzt. Wenn es den heute sehe, sage ich: »Hallo, wie geht’s?« Aber das ist eigentlich alles. Ich hatte sonst nie ein besonderes Verhältnis zu den Fans. Meine Meinung ist: Die Fans sollen hinter ihrer Mannschaft stehen, in guten und schlechten Zeiten. Aber sie sollen sich nicht in die Angelegenheiten des Vereins einmischen, das führt, jedenfalls in Polen, zu nichts. 

Pawel Wojtala, wenn Sie einen Wunsch frei hätten für die Europameisterschaft 2012, welcher wäre das?
Dass die Fans nach der EM nach Hause fahren und ihren Freunden sagen: »Ja, es war eine fantastische EM!«

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