Paul Stalteri über Werder, Schaaf und Kanada

»WM-Gastgeber? Warum nicht!«

»Oh, Paul Stalteri, you are the love of my life«, sangen einst die Fans der Tottenham Hotspur über, genau, Paul Stalteri. Auch bei seinem Stationen in Bremen und Mönchengladbach war der Kanadier Publikumsliebling.

Paul Stalteri, Sie haben Ihre Karriere im vergangen Jahr beendet. Wie verbringen Sie seitdem Ihre Zeit?
Ich habe begonnen, einige Jugendteams zu trainieren. Und seit einem halben Jahr gehöre ich zum Trainerstab der kanadischen U15-Nationalmannschaft. Wenn man so lange Zeit in diesem Geschäft ist, fällt es schwer, damit abzuschließen. Speziell wenn man Kinder hat, die selbst auch spielen möchten.

Keine Ambitionen, als Cheftrainer in der Major League Soccer (MLS) anzuheuern?
Im Moment nicht. Ein solcher Job bringt eine große Verantwortung mit sich. Momentan sehe ich meinen Lebensmittelpunkt gemeinsam mit meiner Familie in Toronto. Ich bin glücklich mit dem was ich tue. Es erlaubt mir, dem Fußball verbunden zu bleiben und dennoch Teil des Familienlebens zu sein. Ich habe eine gute Balance gefunden.

Sie wurden 1977 in Toronto geboren und sollen sich später auch deshalb für Fußball entschieden haben, weil eine Eishockey-Ausrüstung so teuer war. Glauben Sie, dass der Fußball Eishockey jemals als Sportart Nummer Eins in Kanada ablösen kann?
Ich würde dieses Statement nicht wagen. Kanada ist eine Hockeynation, und wenn sich kanadische Kinder in eine Sportart vergucken, ist es eben meistens Eishockey. Allerdings hat sich das Verhältnis in den vergangenen Jahren schon deutlich verschoben, immer mehr Kinder spielen gerne Fußball. Gegen Eishockey hat der Sport keine Chance, aber vielleicht können wir ja in den nächsten Jahren einiges dafür tun, dass Fußball noch populärer wird.

Sie spielten sieben Jahre bei Werder Bremen und zwei Spielzeiten für Borussia Mönchengladbach. Inwiefern kann der kanadische Fußball vom deutschen lernen?
Das sind vor allem strukturelle Dinge. Junge Spieler zwischen acht und zwölf müssen die Möglichkeiten bekommen, das Spiel angemessen zu erlernen. Wir brauchen entsprechende Anlagen und qualifizierte Trainer. Die Bundesliga ist momentan ein herausragendes Beispiel, aber auch diese Entwicklung brauchte Zeit und Geduld. Wo stand Deutschland nach der Euro 2000? Es brauchte ungefähr ein Jahrzehnt, bis sich die Änderungen, insbesondere in der Nachwuchsförderung, ausgezahlt haben.

Gibt es auch etwas, was der deutsche Fußball von Kanada lernen könnte?
Nein, nicht wirklich. (lacht) Vielleicht können wir den Deutschen etwas über Eishockey beibringen…

Wie ist die Situation des Amateurfußballs in Kanada?
Es gibt genug Leute die Fußball spielen möchten, dass war nie ein Problem. Aber der Fußball im Allgemeinen hat mit den langen Wintern zu kämpfen, es muss für einen sehr großen Teil der Saison in Hallen trainiert und gespielt werden. Die sind teuer und noch zu selten. Viele Trainingsplätze sind in einem schlechten Zustand. Außerdem müssen wir professioneller werden, was die fußballerische Erziehung unserer Talente angeht. Wir habe viele ehrenamtliche Übungsleiter, aber nur wenige Profis. Unsere 14-Jährigen können vielleicht schnell rennen und sind topfit, aber ihnen fehlen die fußballerischen Grundfähigkeiten. Technik, taktisches Verständnis, solche Dinge.

Kürzlich bewarb sich der kanadische Fußballverband um die Ausrichtung der WM 2026. Wäre Kanada ein geeigneter Gastgeber?
Das wäre eine große Aufgabe. Die Kandidatur an sich benötigt viel Planungs- und Forschungsarbeit. Aber wir wären dazu in der Lage, keine Frage. Kanada ist eine führende Wirtschaftsnation, das Geld ist da, die Infrastruktur steht. Hotels, Highways, Flughäfen, der Transport im Land und in den Städten – das funktioniert alles bereits. Kanada war bereits Olympiagastgeber (Montreal 1976 bei den Sommerspielen, Vancouver 2010 bei den Winterspielen, d. Red.). Offenkundig mangelt es aber noch an geeigneten Fußballstadien.


Wäre eine WM in Kanada nachhaltiger als beispielsweise in Südafrika, wo viele Stadien seitdem größtenteils leer stehen?
Ganz ehrlich, das ist ein großes Fragezeichen. Man darf so ein Turnier nicht als einmaliges Event angehen. Der komplette Fußball im Land muss von einem Sog erfasst werden. Mein Wunsch wäre, dass mit einer kanadischen WM auch die Gründung einer eigenen kanadischen Profiliga einhergehen würde. So wie der Aufbau der Major League mit der WM 1994 in Verbindung stand. Heute gibt es bereits drei kanadische MLS-Teams. Es benötige allerdings zehn bis zwölf Stadien, für die auch nach dem Turnier Bedarf besteht. Prinzipiell könnten natürlich auch American bzw. Canadian Football Teams die Stadien nutzen.

In Südafrika hat die WM langfristig wirtschaftlich wie sportlich vermutlich mehr Schaden als Nutzen angerichtet hat. Würde das auch für Kanada gelten?
Wirtschaftlich habe ich diesbezüglich keine Bedenken. Nach der WM 2018 werden wir die einzige G8-Nation ohne Weltmeisterschaft sein (G8 bezeichnet die Gruppe der stärksten Wirtschaftsnationen der Welt, d. Red.) Und was den Fußball betrifft: Wenn man so viel Geld investiert, sollte man einen Plan haben, wie es mit dem Sport nach dem Turnier weitergeht. Kanada müsste langfristig denken.

Wie wäre der Rückhalt in der Bevölkerung für eine kanadische WM?
Wir sind ein Einwandererland, hier leben viele Leute aus aller Welt, die Fußball lieben und es definitiv unterstützen würden. Auch die Besucher wären begeistert. Kanada ist ein großartiges, wunderschönes und sicheres Land, das bereits viele Reisende anlockt. Im kommenden Jahr ist Kanada Gastgeber der Frauen-WM, das wird eine erste Bewährungsprobe.

Kanada ist nicht für die WM 2014 qualifiziert: Welchem Team werden Sie die Daumen drücken?
Mein Vater ist Italiener, meine Frau hat portugiesische Wurzeln. Portugal und Italien haben also schon mal meine Unterstützung. Genauso wie die Länder, in denen ich aktiv spielte: England und natürlich Deutschland. Aber eigentlich liegt mir mehr daran, qualitativ gute Spiele zu sehen. Davon wird meine Begeisterung letztlich abhängen.

Sie waren lange Jahre in der Bundesliga aktiv, sind mit Werder 2004 Deutscher Meister geworden. Wie bewerten Sie die Trennung von Thomas Schaaf und den Neuanfang in Bremen?
Ich bin mir nicht sicher, ob das so eine gute Idee war. Thomas Schaaf hat jahrelang einen fantastischen Job gemacht, und ich denke dass er fähig gewesen wäre, ein neues Team aufzubauen. Man sieht ja jetzt, dass es offenbar nicht nur am Trainer lag.

War Thomas Schaaf der einflussreichste Trainer während Ihrer Karriere?
In Europa definitiv ja. Wir gewannen 2004 zusammen das Double und wenn man solche Titel gewinnt, ist das natürlich ein zentraler Punkt der Karriere. Wir hatten ein fantastisches Jahr, die beste Saison der Vereinsgeschichte. So etwas gab es für Werder nie zuvor. Für mich persönlich war es ein sehr stolzer Moment und die größte Leistung meiner Laufbahn.

Verfolgen Sie die Entwicklung Ihres letzten Arbeitgebers Borussia Mönchengladbach?
Klar. Ich habe ja 2011 auch noch unter Lucien Favre trainiert. Er kam, rettet Gladbach vor dem Abstieg und legte damit den Grundstein für alles Kommende. Wer weiß wo der Klub heute wäre, wenn man ein oder zwei Wochen länger gewartet hätte.

Verwandte Artikel

0Wie Paul Stalteri Gladbach retten soll

Wie Paul Stalteri Gladb…

Aus Erfahrung gut

0Horst Köppel über seine Zeit in Kanada

Horst Köppel über seine…

»Als ich den Grizzly sah, ging mir die Muffe«

0

Kanadas neuer Profi-Klu…

„Angesagter als wir dachten“

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!