05.02.2014

Paul Stalteri über Werder, Schaaf und Kanada

»WM-Gastgeber? Warum nicht!«

»Oh, Paul Stalteri, you are the love of my life«, sangen einst die Fans der Tottenham Hotspur über, genau, Paul Stalteri. Auch bei seinem Stationen in Bremen und Mönchengladbach war der Kanadier Publikumsliebling. Ein Interview über die WM-Chancen seines Heimatlandes und den Abschied von Thomas Schaaf.

Interview: Benjamin Schaller Bild: Imago

Paul Stalteri, Sie haben Ihre Karriere im vergangen Jahr beendet. Wie verbringen Sie seitdem Ihre Zeit?
Ich habe begonnen, einige Jugendteams zu trainieren. Und seit einem halben Jahr gehöre ich zum Trainerstab der kanadischen U15-Nationalmannschaft. Wenn man so lange Zeit in diesem Geschäft ist, fällt es schwer, damit abzuschließen. Speziell wenn man Kinder hat, die selbst auch spielen möchten.

Keine Ambitionen, als Cheftrainer in der Major League Soccer (MLS) anzuheuern?
Im Moment nicht. Ein solcher Job bringt eine große Verantwortung mit sich. Momentan sehe ich meinen Lebensmittelpunkt gemeinsam mit meiner Familie in Toronto. Ich bin glücklich mit dem was ich tue. Es erlaubt mir, dem Fußball verbunden zu bleiben und dennoch Teil des Familienlebens zu sein. Ich habe eine gute Balance gefunden.

Sie wurden 1977 in Toronto geboren und sollen sich später auch deshalb für Fußball entschieden haben, weil eine Eishockey-Ausrüstung so teuer war. Glauben Sie, dass der Fußball Eishockey jemals als Sportart Nummer Eins in Kanada ablösen kann?
Ich würde dieses Statement nicht wagen. Kanada ist eine Hockeynation, und wenn sich kanadische Kinder in eine Sportart vergucken, ist es eben meistens Eishockey. Allerdings hat sich das Verhältnis in den vergangenen Jahren schon deutlich verschoben, immer mehr Kinder spielen gerne Fußball. Gegen Eishockey hat der Sport keine Chance, aber vielleicht können wir ja in den nächsten Jahren einiges dafür tun, dass Fußball noch populärer wird.

Sie spielten sieben Jahre bei Werder Bremen und zwei Spielzeiten für Borussia Mönchengladbach. Inwiefern kann der kanadische Fußball vom deutschen lernen?
Das sind vor allem strukturelle Dinge. Junge Spieler zwischen acht und zwölf müssen die Möglichkeiten bekommen, das Spiel angemessen zu erlernen. Wir brauchen entsprechende Anlagen und qualifizierte Trainer. Die Bundesliga ist momentan ein herausragendes Beispiel, aber auch diese Entwicklung brauchte Zeit und Geduld. Wo stand Deutschland nach der Euro 2000? Es brauchte ungefähr ein Jahrzehnt, bis sich die Änderungen, insbesondere in der Nachwuchsförderung, ausgezahlt haben.

Gibt es auch etwas, was der deutsche Fußball von Kanada lernen könnte?
Nein, nicht wirklich. (lacht) Vielleicht können wir den Deutschen etwas über Eishockey beibringen…

Wie ist die Situation des Amateurfußballs in Kanada?
Es gibt genug Leute die Fußball spielen möchten, dass war nie ein Problem. Aber der Fußball im Allgemeinen hat mit den langen Wintern zu kämpfen, es muss für einen sehr großen Teil der Saison in Hallen trainiert und gespielt werden. Die sind teuer und noch zu selten. Viele Trainingsplätze sind in einem schlechten Zustand. Außerdem müssen wir professioneller werden, was die fußballerische Erziehung unserer Talente angeht. Wir habe viele ehrenamtliche Übungsleiter, aber nur wenige Profis. Unsere 14-Jährigen können vielleicht schnell rennen und sind topfit, aber ihnen fehlen die fußballerischen Grundfähigkeiten. Technik, taktisches Verständnis, solche Dinge.

Kürzlich bewarb sich der kanadische Fußballverband um die Ausrichtung der WM 2026. Wäre Kanada ein geeigneter Gastgeber?
Das wäre eine große Aufgabe. Die Kandidatur an sich benötigt viel Planungs- und Forschungsarbeit. Aber wir wären dazu in der Lage, keine Frage. Kanada ist eine führende Wirtschaftsnation, das Geld ist da, die Infrastruktur steht. Hotels, Highways, Flughäfen, der Transport im Land und in den Städten – das funktioniert alles bereits. Kanada war bereits Olympiagastgeber (Montreal 1976 bei den Sommerspielen, Vancouver 2010 bei den Winterspielen, d. Red.). Offenkundig mangelt es aber noch an geeigneten Fußballstadien.

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