Paul Freier über Peter Neururer, Real Madrid und WM-Träume

»Ich bin gelassener geworden«

Vor zwölf Jahren galt Paul Freier als eines der größten Talente im deutschen Fußball. Doch bei Bayer Leverkusen lief es selten gut. Heute kämpft er mit dem VfL Bochum mal wieder um den Klassenerhalt. Ein Gespräch über Peter Neururer, Real Madrid und WM-Träume.

Paul Freier, können Sie einen Tag ohne Fußball leben?
Natürlich. Wieso fragen Sie?
 
Ihre Frau hat mal über Sie gesagt: »Für meinen Paul gibt es nichts als Fußball. Morgens, mittags, abends, und wenn er nicht spielt, studiert er sämtliche Sport-Zeitungen oder guckt Fußball im Fernsehen.«
Das muss schon eine Weile her sein. (lacht) Als junger Spieler blickt man ja viel aufgeregter auf das Fußball-Geschäft.
 
Und deswegen wollten Sie sich ausreichend informieren?
Ich fand das einfach wahnsinnig spannend und ein stückweit unglaublich. Als Elfjähriger war ich aus Polen nach Deutschland gekommen, damals verstand ich kein Wort. Durch den Fußball habe ich Anschluss gefunden. Und wie alle meine Freunde träumte ich von der großen Bundesligakarriere. Als es schließlich klappte, habe ich alles aufgesogen. Das erste Mal mein Name in der Zeitung – das war das Größte! Heute sehe ich das alles ein bisschen gelassener. Natürlich spielt Fußball immer noch eine große Rolle, auch weil wir eine fußballbegeisterte Familie sind. Doch ich muss nicht mehr jeden Montag gucken, wer was über mich geschrieben hat.
 
Sie sind jetzt 34 Jahre alt. Können Sie erst aufhören, wenn der VfL wieder Bundesliga spielt?
Nein, so weit denke ich nicht. Wir wollen jetzt erst einmal den Klassenerhalt schaffen. Danach werde ich mich mit den Verantwortlichen zusammensetzen und überlegen, was das Beste für mich und den Verein ist.
 
Der VfL Bochum ist nun seit vier Jahren nicht in der Bundesliga gewesen. Das hat es zuletzt in den sechziger Jahren gegeben. Gehört er heute nicht mehr in die Bundesliga?
Schwierige Frage.
 
Anders gefragt: Ist er ein klassischer Zweitligaverein geworden?
Wir wären ja 2011 beinahe direkt wieder aufgestiegen. Damals haben wir unter Friedhelm Funkel 65 Punkte geholt, sind aber in der Relegation gegen Borussia Mönchengladbach tragisch gescheitert. Danach wurde der Aufstieg immer schwieriger.
 
Weil man sich dem Spielstil der Zweiten Liga immer mehr anpasst?
Weil man aufgrund der finanziellen Situation nicht mehr die besten Karten auf dem Transfermarkt hat. Das ist die harte Realität. Allerdings ist das natürlich auch eine Chance, denn so kann der Verein vermehrt auf die eigene Jugend setzen und mit einer hungrigen und homogenen Mannschaft den Aufstieg schaffen. Bestes Beispiel ist Eintracht Braunschweig im vergangenen Jahr.
 
Klubs wie Hoffenheim oder Wolfsburg haben den VfL Bochum längst überholt. Nun werden RB Leipzig und 1. FC Heidenheim in die Zweite Liga aufsteigen. Bereitet Ihnen das Sorge?
Zunächst mal ist es wichtig, was wir machen. Da müssen wir nicht auf andere Klubs gucken, zumal RB Leipzig oder Heidenheim noch gar nicht ins unserer Liga spielen.
 
Sie stört es demnach nicht, dass in Zukunft immer weniger sogenannte Traditionsvereine in der Bundesliga spielen?
Natürlich wäre das schade. Gerade hier im Pott sieht man, wie wichtig diese Vereine für die Menschen sind. Und auch auf die Gefahr hin, dass es wie ein altes Klischee klingt: Die Leute hier honorieren ehrliche Arbeit. Ich mag dieses Umfeld. Mitarbeiter, die sich voll und ganz mit dem Klub identifizieren. Fans, die ihr letztes Hemd geben, um sich die Auswärtsfahrt zu finanzieren. Die Leute kommen – und sie kommen immer wieder. Egal, wie es um den Verein steht. Bei meiner Rückkehr fühlte es sich auch so an, als wäre ich nie weg gewesen. Ich glaube, so etwas hast du nicht unbedingt bei jedem anderen Klub.
 
Peter Neururer ist auch einer, der wiedergekommen ist. Wie war seine Rückkehr für Sie?
Es hat sich ein Kreis geschlossen. Er war einer meiner ersten Trainer beim VfL, hat mir vollstes Vertrauen gegeben und mich auf das Profigeschäft vorbereitet. Zwei Jahre später sind wir phänomenal in den Uefa-Cup eingezogen – auch wegen Herrn Neururer.
 
Herr Neururer? Er hat Ihnen bist heute nicht das »Du« angeboten?
Nein, wo denken Sie hin? (lacht) Er heißt für alle Spieler nach wie vor Herr Trainer oder Herr Neururer.
Vor zwölf Jahren hat Herr Neururer mal über Sie gesagt: »Nimmt man Paul Freiers fußballerische Klasse und seinen Charakter zusammen, dann gibt es in Deutschland kein größeres Talent.« Wie zufrieden sind Sie mit dem, was Sie aus Ihrem Talent gemacht haben?
Ich kann zufrieden sein. Ich habe in der Europa League und in der Champions League gespielt. Außerdem habe ich ein paar Länderspiele gemacht. Doch klar: Mit etwas Glück hätte ich noch mehr aus dem Talent machen können.
 
Sie meinen: mit den richtigen Wechseln zur richtigen Zeit?
In Leverkusen hatte ich eine schwierige Zeit. Ich stand oft nicht in der ersten Elf, habe mich allerdings auch häufig zu unglücklichen Zeitpunkten verletzt. Trotzdem habe ich auch großartige Erinnerungen. Ich war zum Beispiel dabei, als wir Real Madrid oder den AS Rom geschlagen haben.
 
Sie sind einer der letzten aktiven Spieler, die die Völler-Ära in der Nationalmannschaft miterlebt haben. Erinnerungen an diese Zeit wirken manchmal wie Erinnerungen ans Schwarz-Weiß-Fernsehen.
Stimmt, die Ära erscheint unendlich weit weg. Das hängt natürlich damit zusammen, dass sich in den vergangenen zwölf Jahren im deutschen Fußball so unendlich viel verändert hat. Damals war es zum Beispiel für junge Spieler viel schwieriger in die erste Elf zu kommen, denn es gab viel mehr Platzhirsche. Heute kann man schon als 19-Jähriger seine Chance bekommen und mit 21 ein gestandener Nationalspieler sein.
 
Was hat sich außerdem in den vergangenen zwölf Jahren verändert?
Oftmals wird ja darüber gesprochen, dass in der Ära von Rudi Völler weniger Wert auf Taktik gelegt wurde, und heute alles bis ins letzte Detail analysiert wird. Natürlich wird heute viel mehr mit Computern und Experten gearbeitet. Doch mir schwingt da zu oft eine zu negative Sicht auf die Völler-Zeit mit. Immerhin ist Deutschland damals Vize-Weltmeister geworden. So schlecht kann die Mannschaft also nicht gewesen sein.
 
Sie haben zwar 19 Länderspiele gemacht, doch die EM 2004 und 2006 verpasst. Wie groß war damals die Enttäuschung?
Damals war ich natürlich frustriert. 2004 verletzte ich mich kurz vor dem EM-Turnier, danach kamen Jürgen Klinsmann und Jogi Löw, und die setzten vor der WM 2006 auf andere Spieler. Zum Beispiel auf David Odonkor. Was soll ich sagen? Sie haben alles richtig gemacht.
 
Sie haben also nie geträumt, wie Sie die rechte Seite gegen Polen entlangsprinten und für Oliver Neuville auflegen...
Und danach noch drei Tore mache? (lacht) Als kleiner Junge träumt jeder von so etwas. Als erwachsener Mann? Ach, nein.

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