17.05.2012

Patrik Andersson über Bayern und Chelsea

»In diesem Augenblick explodierte alles«

Er brach ganz Schalke das Herz und holte mit dem FC Bayern den Champions-League-Titel. Der Schwede Patrik Anderson über den FC Chelsea, Gänsehaut bei der Champions League-Hymne und einen Freistoß, nach dem alle Dämme brachen.

Interview: Roland Wiedemann Bild: Imago

Patrik Andersson, im Vorfeld des Champions-League-Finals treffen Sie im Rahmen des»Ultimate Champions Match« am Samstag im Münchner Olympiastadion auf viele ehemalige Weltstars. Unter anderem werden Sie es mit Ihrem Ex-Teamkollegen Giovane Elber als Gegenspieler zu tun bekommen. Sind Sie fit?
Patrik Andersson: Ich betreue 23 Fußballakademien in Schweden, bin Mitinhaber einer Investmentfirma, die mit Aktien und Immobilien handelt, und eines Reiseunternehmens, das Fußballreisen anbietet. Da bleibt leider wenig Zeit, um selbst Fußball zu spielen. Aber es geht ja nicht darum, wer das Spiel im Olympiastadion gewinnt. Das Match im Rahmen des Champions League Festivals ist für die Zuschauer, die Kinder und die Jugendlichen.

Sie werden für das World All Star-Team auflaufen, warum nicht im Dress ihres Ex-Klubs, dem FC Bayern?
Patrik Andersson: Ich bin Champions League-Botschafter und habe im vergangenen Jahr vor dem Finale in London auch schon für das World All Star Team gespielt, damals im Hyde Park. Aber es ist schön, ehemalige Teamkollegen wieder zu treffen. Und ich freue mich enorm auf das Finale Bayern gegen Chelsea in der Allianz Arena. Ich war erst einmal in der Allianz-Arena. Das war 2006 während der Weltmeisterschaft. Irgendwie hat sich das danach nicht mehr ergeben.

Dafür sind Sie umso häufiger in Barcelona im Camp Nou.
Patrik Andersson: Mein Reiseunternehmen hat einen Vertrag mit dem FC Barcelona. Wir haben für jedes Heimspiel 120 Karten. Und da bin ich öfter mal dabei.

Zum FC Bayern zieht es Ihre Kunden nicht?
Patrik Andersson: Wenn jemand nach München ins Stadion will, dann organisieren wir das natürlich. Aber das kommt nur vereinzelt vor. Die Bundesliga ist sicher sehr stark und ausgeglichen, das internationale Ansehen steigt. Aber es fehlen ganz einfach die absoluten Spitzenspieler. Zudem wird im schwedischen Fernsehen kaum Bundesligafußball gezeigt, im Gegensatz zur spanischen Primera Division und der englischen Premier League. Wobei der englische Fußball ganz sicher schwächer geworden ist. Am deutlichsten sieht man das an Manchester United. Zuerst das Aus in der Champions League und dann auch gleich noch das Scheitern in der Europa League. Aber die Engländer selbst glauben immer noch, dass Sie die Größten sind. Das liegt vielleicht auch daran, dass keine englischen Spieler ins Ausland gehen und man deshalb nicht über den eigenen Tellerrand hinaussieht.

Immerhin hat sich Chelsea als englischer Vertreter ins Champions League-Finale »gemauert«. Haben Sie arg gelitten, als Ihr Ex-Klub Barcelona mit seinem Sturmlauf an Chelseas Verteidigungsring gescheitert ist?
Patrik Andersson: Ich war auf einer Geschäftsreise und habe das Rückspiel nicht gesehen. Aber Barcelona hat ja schon beim Hinspiel in London so viele Torchancen verballert. Ein Finale Bayern gegen Barcelona wäre klasse gewesen. Trotzdem darf man Chelsea nicht unterschätzen.

Was zeichnet die Mannschaft aus?
Patrik Andersson: Chelsea hat seine Stärken ganz klar im taktischen Bereich und ist bei Standards sehr gefährlich. Ich glaube aber nicht, dass sich Chelsea wieder so defensiv präsentieren wird wie gegen Barcelona. Dennoch wird es für die Bayern schwer werden, weil sie immer am besten sind, wenn das Spiel offen ist, und sie sich sonst schwer tun, den richtigen Schlüssel zu finden. Chelsea wird den Bayern nicht den Gefallen tun, Chancen für Konter zuzulassen. Und dann habe ich eben auch noch ein bisschen Angst vor den Standards.

Was löst das 2:5-Debakel im Pokalfinale gegen Dortmund in den Köpfen der Spieler aus: Trotzreaktion oder Verunsicherung?
Patrik Andersson: Es wird eine Trotzreaktion geben. Der FC Bayern ist immer am stärksten, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht. Aber am Ende ist einfach die Tagesform ausschlaggebend.

2001 war die Situation eine ganz andere. Sie reisten mit Ihrem Team als frischgekürter deutscher Meister zum Champions League-Finale nach Mailand, nach einem irrsinnigen letzten Spieltag, das mit ihrem Last-Minute-Treffer ein unglaubliches Ende fand.  Fiel es nicht schwer, sich nach dem nervenaufreibenden Bundesligafinale auf die Partie gegen Valencia zu konzentrieren?

Patrik Andersson: Nein. Wir hatten am Samstag nach dem Spiel gegen den HSV noch eine längere Sitzung im Seehaus im Englischen Garten. Aber das lief sehr diszipliniert ab. Alle waren im Kopf schon beim Spiel am Mittwoch in Mailand.

Wann haben Sie das letzte Mal Ihren Freistoß zum 1:1 in Hamburg gesehen?
Patrik Andersson: Das war im April vor dem Clasico in Barcelona, als ich bei einem Interview dazu etwas sagen musste.

War das, was sich in der Nachspielzeit in Hamburg ereignete, der größte Augenblick in Ihrer Profikarriere?
Patrik Andersson: Weiß ich nicht. Als Moment sicher, auch wenn es andere Erfolge gab, vor allem den Gewinn der Champions League. In dem Moment, in dem ich zum 1:1 traf, brach einfach alles zusammen, wir Spieler, die Trainer, die Zuschauer. Dazu die Reaktionen in Gelsenkirchen. In diesem Augenblick explodierte alles. Aber irgendwie hast du als Spieler gar nicht die Zeit, das richtig zu genießen. Nach dem Spiel in Hamburg mussten wir gleich den Fokus voll auf das Endspiel in der Champions League richten. Und zwei Tage nach dem Finale in Mailand war ich schon wieder mit der schwedischen Nationalmannschaft bei Qualifikationsspielen unterwegs.

Was bleibt, sind die Erinnerungen.
Patrik Andersson: Ja, das stimmt. Jedes Mal wenn ich heute vor dem Fernseher oder im Stadion sitze und die Champions League-Hymne höre, bekomme ich eine Gänsehaut und denke an das Finale von 2001. Dann ist alles wieder präsent.

Dabei wären Sie damals, nur vier Tage nach ihrem umjubelten Treffer gegen den HSV, beinahe zu einer tragischen Figur des Finales von 2001 geworden. Sie scheiterten im Elfmeterschießen an Canizares.
Patrik Andersson: Zum Glück hatten wir Oliver Kahn in der Mannschaft. Der hielt drei Elfmeter. Aber hätte der Scholli in der regulären Spielzeit den Strafstoß reingemacht, wäre es nach 90 Minuten 2:1 für uns gestanden und es hätte gar kein Elfmeterschießen gegeben. Man kann also nicht eine einzelne Szene herausnehmen.

Das Finale 2001 begann furios mit dem 1:0 für Valencia nach fünf Minuten, ein Elfmeter. Wenig später verschoss Scholl einen Strafstoß, ehe Stefan Effenberg in der 50. Minute vom Elfmeterpunkt zum 1:1 verwandelte. Danach gab es kaum noch Höhepunkt. Aus dem Spiel heraus ist kein Tor gefallen.
Patrick Andersson: Valencias Trainer Hector Cuper hatte seine Mannschaft taktisch bestens eingestellt. Nach dem Führungstreffer machte Valencia noch extremer zu. Daher war es ganz schwer, Torchancen herauszuspielen. Aber am Ende haben wir doch noch den Champions League-Titel geholt - verdientermaßen. Wir hatten zuerst im Viertelfinale gegen Manchester United und dann auch noch im Halbfinale gegen Real jeweils Hin- und Rückspiel gewonnen. Das muss man erst einmal schaffen.

Nach Ende Ihrer Karriere waren Sie als Scout für Manchester United im Einsatz.
Patrik Andersson: Ich hatte einen Einjahresvertrag und beobachtete das erste halbe Jahr für Man United in der ganzen Welt Torhüter. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Danach habe ich mich nach Spielern im skandinavischen Raum umgesehen. Aber das Niveau ist dort nicht sehr hoch. Die schwedische Liga beispielsweise ist die Nummer 30 in Europa. Das Problem ist, dass unsere Nachwuchsspieler zu früh ins Ausland wechseln, wo es mehr Geld zu verdienen gibt. Es würde ihnen sehr gut tun, in der heimischen Liga noch an sich zu arbeiten und Erfahrung zu sammeln. Aber schon als Jugendliche sehen sie sich im Internet und Fernsehen nur noch Spiele der europäischen Topligen an und sind dann in Gedanken schon raus aus Schweden. Dazu kommt, dass die Berater schnelles Geld machen wollen. Martin Dahlin ist auch Spielerberater, aber der macht das sehr gut. Den treffe ich öfter.

Haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Teamkollegen, auch aus Gladbacher und Münchner Zeiten?
Patrik Andersson: Kaum. Weil ich viel unterwegs bin, ist es ja schon schwierig, genügend Zeit für die engsten Freunde zu finden. Den Scholli habe ich ein paar Mal getroffen, zuletzt in Gladbach im Stadion. Und am Samstag werde ich  sicher auch Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge sehen. Darauf freue ich mich.

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