Patrick Owomoyela im Interview

„Ich bin noch lange nicht fertig“

Nicht wenige sagen, Patrick Owomoyela sei der größte Verlierer der letzten Monate. Erst wurde er nicht für die WM nominiert, dann büßte er seinen Stammplatz bei Werder ein. Mit 11freunde.de sprach er über die schwierigste Phase seiner Karriere. Imago

Herr Owomoyela, Sie stießen recht spät, mit 24 Jahren, zum Profifußball. Was folgte, war ein rasanter Aufstieg bis in die Nationalelf. Haben Sie damals schon geahnt, dass Sie irgendwann abstürzen könnten?

Ich bin zwar ein optimistischer Mensch. Aber ich gehe auch mit offenen Augen durch die Welt. Ich war also darauf gefasst, dass so etwas mal passieren könnte. Dass es aber so rapide kommen würde, damit habe ich nicht gerechnet.

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Im Sommer sagten Sie im Gespräch mit 11FREUNDE, Ihre Nichtnominierung für die WM sei für Sie „der erste große Schritt zurück“. Das klingt immerhin noch nach Bewegung. War das halbe Jahr danach eine Stagnation?

Die Nichtnominierung war zunächst einmal eine Erfahrung, aus der ich vieles ziehen konnte. Sie hat mich geprägt und geschliffen. Ich habe an mir gearbeitet und hatte im September das Gefühl, dass es nicht mehr lang dauern würde, bis ich wieder ins Geschehen eingreife.

Dann verletzten Sie sich jedoch am Knöchel, eine langwierige Geschichte.

Ja, danach ist es wirklich stagniert. Mittlerweile liege ich seit fünf Monaten auf Eis.

Wie motivieren Sie sich in einer solch langen Zeit mit nur sporadischen Einsätzen?

Man musst körperlich ständig an sich arbeiten. Was das Mentale anbelangt, muss man mit aller Kraft gegen die Selbstzweifel ankämpfen. Es wäre nur natürlich, wenn man in einer solchen Situation denken würde: „Ach, vielleicht habe ich es gar nicht drauf.“ Das habe ich nie getan. Ich habe mehr drauf, als nur Back-Up zu sein und auf der Bank zu sitzen.

Waren Sie manchmal zornig auf Ihren Körper?

Es war eine Verletzung, von der alle dachten, sie sei bald wieder auskuriert. Als der Heilungsprozess ins Stocken geriet, habe ich überall den Schuldigen gesucht – auch in meinem eigenen Körper (lacht). Aber es nützt nichts. Ich mache mir keinen Zeitdruck mehr. Und mittlerweile bin ich auf einem guten Weg, wieder tragender Teil der Mannschaft zu werden.

Hatten Sie nie die Befürchtung, dass Ihre einstige Hochform ein einmaliges Phänomen bleiben wird – dass Sie nie wieder so gut sein werden wie etwa 2005?

Nein, weiß Gott nicht. Ich habe überhaupt keine Zweifel an mir. Ich weiß, was ich kann, und ich weiß, dass ich noch besser werden kann. Ich freue mich einfach nur darauf, wieder gesund zu werden. Dann wird sich zeigen, wohin die Reise geht. Ich bin noch lange nicht fertig!

„Ich werde mich im Training anbieten“ ist ein Standardsatz aller Spieler, die sich wieder herankämpfen wollen. Wie sieht das aus, wenn man sich „anbietet“?

Natürlich ist das in gewisser Hinsicht eine Phrase. Aber es stimmt: Man muss im Training angreifen und sich präsentieren. Und gerade diejenigen, die ins Hintertreffen geraten sind, müssen das umso mehr tun, um für eine Veränderung zu sorgen.

Viele Spieler verkrampfen dann, sind übermotiviert und verletzten sich erneut. Wie vermeiden Sie es, in diesen Teufelskreis zu geraten?

Natürlich besteht ein gewisses Risiko zu verkrampfen, sich verrückt zu machen. Alles, was mich interessiert, ist schließlich, wieder gesund zu werden. Aber ich glaube fest an mein Potenzial und werde auch vor dieser schwierigen Situation nicht kneifen.

Würde ein Ahnungsloser, der das Werder-Training verfolgt, merken, dass Sie kein Stammspieler mehr sind?

Nur daran, dass ich manchmal das Reserveleibchen trage (lacht)! Im Ernst: Ich weiß, dass meine Bemühungen von allen Seiten honoriert werden.


Als Sie von der Arminia zu Werder wechselten, begründeten Sie die Entscheidung mit dem Wunsch, unbedingt international spielen zu wollen. In dieser Saison kamen Sie auf zwei Minuten Einsatzzeit gegen Barcelona. „Mittendrin und doch nicht dabei“ – Das muss doch eine Qual sein.

Letztes Jahr habe ich noch alle Champions-League-Partien bestritten und die meisten Spiele für Werder überhaupt gemacht. Aber dieses letzte halbe Jahr, beginnend mit der Nichtnominierung für die WM, war sicherlich kein gutes.

Ist diese Phase Ihrer Karriere, alles zusammengenommen, eine größere Prüfung für Sie als es ein WM-Turnier hätte sein können?

Bestimmt sind extrem negative Erfahrungen eine größere Prüfung als extrem positive. Sie bringen einen Menschen viel weiter. Das letzte halbe Jahr ist für mich genau das gewesen. Ich habe daraus Schlüsse gezogen und viel gelernt. Jetzt will ich einfach nur gesund werden, um das auch umsetzen zu können.

Was tun Thomas Schaaf und Wolfgang Rolff, um Sie wieder an die Mannschaft heranzuführen?

Ehrlich gesagt, habe ich im Moment keinen so engen Kontakt zu den Herren. Ich mache mein Reha-Programm und stehe also nicht direkt unter ihrem Einfluss. Wie sie reagieren, wenn ich wieder voll ins Mannschaftstraining einsteige, das weiß ich nicht.

Haben Sie manchmal ungute Gefühle gegenüber ihrem direkten Konkurrenten bei Werder und auch in der Nationalelf, Clemens Fritz?

Nein. Ich habe meine eigenen Probleme noch nie auf eine andere Person projiziert. Der Clemens ist ein guter Typ, wir unternehmen auch privat viel miteinander und verstehen uns super. Trotzdem muss ich zugeben: Wenn man fit ist und mitten in der Konkurrenz steht, dann kommt sicherlich unterbewusst die Hoffnung auf, dass der Konkurrent mal ein schlechtes Spiel macht. Aber ich wünsche dem Team und besonders Clemens nichts Böses. Ich will es durch meine eigene Leistung packen.

Werder spielte in der Hinrunde überragend. Könnte es sein, dass Ihre Kollegen Ihnen langsam aber sicher die über den Kopf wachsen?

Nein, auf keinen Fall. Ich habe mich unheimlich darüber gefreut, wie gut wir gespielt haben. Es ist einfach klasse zu sehen, wie sich diese Mannschaft entwickelt. Aber gerade zu Beginn der Rückrunde ist die Entwicklung ein wenig ins Stocken geraten. Ich glaube, da steckt noch viel, viel mehr drin.

Werden Sie Werder noch helfen können, Deutscher Meister zu werden?

Ich gehe schwer davon aus. Ich hoffe, dass ich zeitnah wieder ins Mannschaftstraining einsteigen kann, und ich weiß, dass ich relativ schnell die körperlichen Rückstände aufholen kann. Bis zum Mai werde ich wieder aktiv mitmischen.



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