Pablo Thiam im Interview

»Ich war keine Eintagsfliege«

Nach 17 Jahren Fußball beendet Wolfsburgs Pablo Thiam im Sommer seine Karriere. Zeit, zurück- und vorauszublicken. Wir sprachen mit ihm über seine Zukunft als Magaths Assistent, seinen härtesten Gegner und das, was übrig bleibt. Pablo Thiam im InterviewImago

Herr Thiam, Sie beenden zum Saisonende Ihre Karriere und steigen in das Management beim VfL Wolfsburg ein. Bedauern Sie das Ende Ihrer aktiven fußballerischen Laufbahn?

Nein, irgendwann muss man ja aufhören. Entscheidend ist der Zeitpunkt. Für mich hat sich, was die Zukunft anbetrifft, einfach eine neue Perspektive aufgetan. Natürlich denke ich ab und an, dass ich gerne noch weiter spielen würde. Aber diese Perspektive für die Zukunft ist so wichtig für mich, dass ich nicht darüber nachdenken muss, ob es die richtige Entscheidung ist.

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Was werden Sie vermissen?


Vermissen werde ich das zumeist unbeschwerte Leben, das man als Fußballprofi führt. Man kommt zum Training, hat Spaß mit den Jungs, trainiert gut und bereitet sich auf das nächste Spiel vor. Diese Zeit lernt man dann erst schätzen, wenn sie vorbei ist.

Als Profi-Fußballer steht man doch ständig unter Druck. Ist das nicht eine Last, die jetzt von Ihnen abfällt?

Nein. Es sind der Spaß und die Freude am Spiel, die mich dazu getrieben haben, mit dem Fußball anzufangen. Natürlich gibt es auch Druck, aber der ist während des Spiels weg, wenn man gewonnen hat sowieso. Im Rückblick denkt man eigentlich nur an die Spiele, nicht an den Druck, den man während seiner Laufbahn hatte.

Sie werden als Assistent von Felix Magath arbeiten. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Ich werde Felix Magath in seiner Tätigkeit als Sportdirektor unterstützen und versuchen, ein Bindeglied zwischen ihm als Trainer und der Mannschaft zu sein. Felix Magath hat drei Ämter und kann nicht immer an drei Orten gleichzeitig sein, so dass ich ihn bei verschiedenen Terminen vertreten werde. Darüber hinaus kümmere ich mich auch um die U23 des VfL Wolfsburg, wo ich als eine Art Sportdirektor fungieren werde. Das bedeutet: ich versuche zusammen mit den verantwortlichen Trainern Petar Houbtchev (Trainer der U23, Anm. d. Red.) und Felix Magath, eine Mannschaft für nächstes Jahr zusammen zu stellen.

Werden Sie sich auf Ihre Aufgabe speziell vorbereiten?


Ich habe bereits den einen oder anderen Termin wahrgenommen. Um die U23 kümmere ich mich jetzt auch schon zum Teil. Ich werde also nicht komplett unvorbereitet in diese Tätigkeit hineingehen, aber es wird natürlich schon eine große Umstellung sein.

Zunächst bleiben Sie dem Fußballgeschäft also erhalten. Könnten Sie sich auch eine Tätigkeit in einem völlig anderen Bereich vorstellen?

Momentan kann ich mir nicht vorstellen, etwas außerhalb des Fußballs zu machen. Ich bin seit 17 Jahren, seit meinem Abitur, Profi-Fußballer. Meine ganze Lebenserfahrung habe ich im Fußball gesammelt. Deswegen bin ich relativ sicher auf diesem Terrain, obwohl ich noch viel lernen muss. Wenn ich vor hätte, was anderes zu machen, müsste ich wieder bei Null anfangen. Deswegen ist es doch das Sinnvollste, im Fußball zu bleiben.

Könnten Sie sich vorstellen, als Trainer zu arbeiten?


Leute, die mich sehr gut kennen, sagen, dass es mir nicht liegen würde, als Trainer zu arbeiten. Das, was ich jetzt machen werde, sei genau das Richtige für mich. Diesen Leuten würde ich mal Recht geben.

Wieso sind Sie für den Trainerjob nicht geeignet?

Vielleicht liegt es an der Motivation. Wenn man als Spieler ständig unterwegs war, freut man sich auf ein anderes Leben nach der Karriere. Als Trainer hätte ich da genau den gleichen Rhythmus wie als Spieler, und das wollte ich doch vermeiden. Wenn man trotzdem im Verein und im Fußball weiter arbeiten kann, ist das umso schöner.

In der laufenden Saison haben Sie bisher nur zehn Spiele gemacht, in der letzten Saison sogar nur sechs. Hätten Sie sich die letzten Jahre ihrer Karriere nicht ein wenig anders vorgestellt?

Die Vergangenheit braucht man nicht mehr zu kommentieren. Als Felix Magath kam, hatte ich wieder die Gelegenheit, zu spielen. Aber schon damals habe ich mir Gedanken über meine Zukunft gemacht. Dann hat sich diese Perspektive ergeben. Mir hat man jetzt schon die Gelegenheit gegeben, mich auf meiner neuen Position einzuarbeiten. Aber trotzdem hoffe ich, noch ein, zwei Mal auf dem Platz zu stehen, um mich dort auch zu verabschieden. Aber wenn das nicht der Fall ist, bin ich auch nicht böse. Wir haben eine Mannschaft, die gut spielt, die erfolgreich spielt, die ich im Training und Drumherum unterstützen kann, und das ist mir auch sehr viel wert.

Sie sind Anfang 2006 vom Afrika-Cup zurückgekommen und von Trainer Klaus Augenthaler plötzlich aus der Stammelf genommen worden. Hat er diese Maßnahme begründet?

Es gab keine Begründung und aus meiner Sicht auch keinen Grund.
Aber so ist das Geschäft, ich bin da auch nicht böse oder verbittert. Die Sachen laufen nicht immer so, wie man sich das ausmalt. Aber ich bin drangeblieben, habe mich durchgekämpft und wurde dann am Ende auch belohnt. Das ist das Entscheidende.

Als Sie dann wieder spielen durften, sind Sie während des Aufwärmens vor dem Spiel gegen Bayern München als Kapitän entmachtet worden Kevin Hofland übernahm das Amt. Wie haben Sie das Ganze erlebt?

Das war für mich unverständlich – keine Frage. Aber auch das gehört der Vergangenheit an.

Haben Sie danach nie überlegt, den Verein zu verlassen?


Nein. Als ich damals meinen Vertrag verlängert habe, bevor Klaus Augenthaler nach Wolfsburg kam, habe ich mich sehr intensiv mit der Situation auseinandergesetzt und mich letztlich für den Verein entschieden. Das heißt, ich habe auch private Entscheidungen getroffen, die darauf basierten, dass ich in Wolfsburg spiele. Zudem habe ich gesehen, welches Potenzial und welche Möglichkeiten es in Wolfsburg gibt. Deswegen bin ich geblieben, und letztendlich bin ich auch sehr zufrieden mit dieser Entscheidung.

Wo wird denn der Weg des VfL Wolfsburg in den nächsten Jahren hinführen. In die Champions League?


So weit will ich gar nicht gehen, weil da so viele kleine Dinge entscheidend sind. Zumindest wird der VfL Wolfsburg, wenn er sich weiter so entwickelt, nichts mit den unteren Tabellenrängen zu tun haben. Wie weit wir dann nach vorne kommen, wird sich noch zeigen. Primäres Ziel ist es, attraktiven Fußball zu spielen und sich irgendwann im oberen Tabellendrittel zu etablieren.

Sie haben in Köln, Stuttgart, bei Bayern München und in Wolfsburg gespielt. Wo war es am schönsten?


Höhepunkte gab es überall, aber sie sind nicht miteinander zu vergleichen. In Köln habe ich in der Jugend gespielt, also war es ein Traum, im Müngersdorfer Stadion aufzulaufen. In Stuttgart war ich zunächst Ergänzungsspieler, habe mich dann zum Stamm- und Führungsspieler entwickelt. Bayern München war ein Höhepunkt, weil man als Bundesligaspieler nicht zwangsläufig die Möglichkeit bekommt, zu einem solch großen Verein zu wechseln. Am Anfang lief es auch noch ganz gut, bis ich mich verletzt habe. Ich konnte in München für mich persönlich ganz viel mitnehmen, habe viele Freunde gewonnen und gesehen, wie ein Verein professionell geführt wird. Dass ich dann nach Wolfsburg gewechselt bin, lag daran, dass ich einfach gut drauf war und unbedingt spielen wollte. Im Nachhinein war es also die richtige Entscheidung. Und mit über 300 Bundesligaspielen kann ich jedenfalls behaupten, dass ich keine Eintagsfliege in der Bundesliga war

Worin unterscheidet sich Bayern München von anderen Vereinen in der Bundesliga?

Wenn man zu Bayern München kommt, muss man lernen, dass es für jeden Gegner in der Bundesliga immer das Spiel des Jahres ist. Die gegnerischen Mannschaften sind immer hoch motiviert. Da braucht man schon eine ganz besondere Einstellung, um zu bestehen. Das lernt man nur bei den Bayern, und das ist es auch, was die Faszination ausmacht, insbesondere wenn man in der Fremde spielt.

Wer war denn Ihr unangenehmster Gegenspieler?

Unangenehm waren viele. Aber meistens hatte ich nur einmal Probleme, beim zweiten Mal war ich dann besser eingestellt (lacht). Aber im Ernst, ich kann mich an Spiele gegen Krassimir Balakov oder Rudi Völler erinnern, da habe ich als junger Spieler in Manndeckung gespielt. Und obwohl mir der Trainer nach dem Spiel eine gute Leistung attestiert hat, hat z. B. Rudi Völler zwei Tore vorbereitet, ohne dass ich es hätte verhindern können. Das hat mir dann schon gezeigt, in welchen Sphären sich solche Kaliber bewegen.

Und wer war Ihr stärkster Mitspieler?


Hm... (überlegt eine Weile). Dazu gehört mit Sicherheit einer wie Krassimir Balakov, der in Stuttgart immer unermüdlich vorne weg marschierte und auch im Alter noch topfit war. In München habe ich dann mit etlichen guten Spielern zusammen gespielt, die alle besondere Fähigkeiten hatten. Bei Mehmet Scholl hat es immer schon Spaß gemacht, überhaupt zuzuschauen. Auch Ze Roberto hat eine unglaubliche Technik.

Ihr Debüt in der höchsten deutschen Spielklasse liegt schon einige Jahre zurück. Hat sich das Spiel seitdem verändert?

Mit Sicherheit hat sich das Spiel verändert. Damals wurde noch oft mit Manndecker und Libero gespielt. Die Spielweise und die Spielsysteme haben sich verändert. Man ist zu Viererkette, Raumdeckung und Pressing übergegangen. Das Spiel wurde mit den Jahren viel athletischer, viel robuster. Das ist aber auch eine ganz normale Entwicklung, weil die Trainer immer größeren Wert auf die Fitness der Spieler legen.

Sie sind mit fünf Jahren nach Deutschland gekommen, haben die deutsche Staatsbürgerschaft. War die deutsche Nationalmannschaft nie ein Thema für Sie?


Ich habe mich sehr früh für Guinea entschieden (29 A-Länderspiele für Guinea, Anm. d. Red.). Das war auch ein wenig der Tradition meiner Familie geschuldet, da mein Vater selber für Guinea gespielt hat. Mit 17 Jahren war ich schon das erste Mal im Kreis der Nationalmannschaft dabei und hab dann auch bald meine ersten Spiele gemacht, so dass ich an die deutsche Nationalmannschaft nie einen Gedanken verschwendet habe. Dazu muss man auch sagen, dass ich meine deutsche Staatsbürgerschaft erst sehr spät mit Mitte Zwanzig erlangt habe.

Haben Sie demnächst mehr Freizeit oder sind Sie genauso eingespannt wie als Profi?

Das weiß ich selber noch nicht so genau. Die Zeitaufteilung wird natürlich anders sein. Ich möchte nah an der Mannschaft sein, werde aber auch Zeit im Büro verbringen. Wie es genau läuft – da lass ich mich einfach mal überraschen.

Gibt es etwas, was Sie immer schon machen wollten, aber bisher wegen ihrer Spielerkarriere nicht tun konnten?


Ich war noch nie in Amerika. Das ist ein großer Traum von mir. Ansonsten freue ich mich, das erste Mal in meinem Leben Urlaub zu machen, ohne morgens Fitnessprogramme absolvieren zu müssen.

Würden Sie Ihren Sohn unterstützen, wenn er Fußball-Profi werden will?

Mein älterer Sohn wird kein Profi, dafür hat er keine Anlagen. Mein Jüngster ist gerade zwei Jahre alt, spielt gerne Fußball und macht das auch ganz gut. Wenn er zu mir kommt und sagt, ich will Profi werden, werde ich ihn natürlich unterstützen. Wichtig ist aber, dass es ohne Zwang abläuft.

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