26.11.2007

Otto Addo über die Kunst des Angriffs

»Stürmer leben riskanter«

Komponierte Bach, als ihn Schläger umzingelten? Nein. Dichtete Rilke mit dem Messer im Strumpf? Wohl kaum. Der Stürmer aber ist ein Künstler, der ständig bedroht ist. So wie Otto Addo, der einst ein Tor mit gerissenem Kreuzband schoss.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Spielen Sie eigentlich eine Fußballsimulation an der Playstation?

Ja.

Ist das Spiel für Sie inspirierend?


Teils. Mitunter ist es tatsächlich wie im richtigen Spiel: Am Anfang spielt man schön geradlinig, mit der Zeit wird das Spiel aber risikofreudiger, und dann traut man sich Dinge, die man nie gelernt hat. Und wenn Spielzüge oder Tricks den gewünschten Erfolg bringen, macht man sie immer wieder. Und plötzlich schafft man Dinge, die man vorher nicht für möglich hielt.

Zum Beispiel ein Tor mit einem gerissenen Kreuzband. War dieses Tor ein besonderes für Sie?

Sicherlich. Es ist ein Tor, an das ich mich häufig erinnere. Ich spielte damals mit dem BVB gegen Austria Wien und ich erlitt in der 37. Minute einen Kreuzbandriss. Doch niemand schlug den Ball ins Aus, es gab keine Spielunterbrechung. Ich humpelte also über den Platz, bekam an der Strafraumgrenze den Ball und schoss. Der Ball schlug im Winkel ein. Wir gewannen 1:0. Ein tragisches Tor.

Sie erhielten dafür die Medaille zum »Tor des Monats«. Wie wichtig ist eine solche Auszeichnung?

Nicht so wichtig. Mir jedenfalls nicht. Natürlich ist es eine nette Anerkennung der eigenen Leistung. Wichtiger für einen Stürmer dürfte die Torjägerkanone sein.

Sie sagen, dass Sie gerne auflegen. Aber mal ehrlich: Kann ein Stürmer oder ein offensiver Mittelfeldspieler sich freuen, wenn seine Mannschaft 6:0 gewonnen hat, er selbst aber kein Tor erzielt hat?

Ich kann mich dann schon freuen. Für mich steht der Erfolg der Mannschaft an erster Stelle. Aber ich denke, dass es vielen Stürmern, vor allem den Mittelstürmern, anders geht. Wenn man vorne spielt, will man natürlich Tore machen.

Kann ein Stürmer ein Spiel tatsächlich allein entscheiden?

Bestimmte Stürmer schon. Es gibt halt solche, die auf Flanken und Pässe angewiesen sind, die nur im Strafraum stehen und auf Bälle warten. Aber gibt eben auch solche, die in einer scheinbar normalen oder einer ausweglosen Situation etwas Überraschendes machen, ein Dribbling starten, zum Abschluss kommen und dann treffen. So wie Ronaldo es oft getan hat. Der brauchte nicht unbedingt den Mitspieler, der ihm die Bälle zentimetergenau auflegen.

Beim HSV dachte man ja auch lange, dass nur Rafael van der Vaart Spiele entscheiden kann. In dieser Saison fehlte er aber bei einigen Siegen. Wieso kann die Mannschaft den Ausfall van der Vaarts besser kompensieren als in der Vergangenheit?

Die Mannschaft ist einfach sehr eng zusammen, wir haben ein sehr gutes Verhältnis untereinander. Und dieses Jahr stehen wir besonders in der Defensive sehr gut, nach vorne bekommt man immer mal Chancen. Zudem haben wir Spieler, die die Chancen eiskalt nutzen. Deshalb haben wir viele Spiele auch zu Null gewonnen.

Fehlt dem HSV nicht dennoch ein richtiger Stürmer, ein richtiger Dauerknipser? Seit dem Weggang von Bernardo Romeo hat kein HSV-Spieler mehr zweistellig in einer Saison getroffen.

Ich denke, dass wir gute Stürmer haben. Ivica Olic trifft momentan sehr häufig und Guerrero ist super drauf. Der hat zuletzt viele Tore gemacht, beim HSV und auch in der Nationalmannschaft.

Arsenals Mittelfeldmann Cesc Fàbregas begrüßte Henrys Abgang, da dieser die Mannschaft »eingeschüchtert« habe. Kann ein überragender Spieler – beim HSV ist diese zentrale Figur zweifelsohne Rafael van der Vaart – seiner Mannschaft in diesem Sinne schaden?

Es kommt immer auf den Charakter des Spielers an. Ich kenne Henry nicht, kann mir aber nicht vorstellen, dass er der Mannschaft geschadet hat. Rafael ist ein sehr angenehmer Typ, einer, der überhaupt keine Starallüren hat. Von daher schadet er der Mannschaft nicht. Er ist ein positiver Mensch und reißt die Mannschaft immer mit.

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