Otto Addo über die Kunst des Angriffs

»Stürmer leben riskanter«

Komponierte Bach, als ihn Schläger umzingelten? Nein. Dichtete Rilke mit dem Messer im Strumpf? Wohl kaum. Der Stürmer aber ist ein Künstler, der ständig bedroht ist. So wie Otto Addo, der einst ein Tor mit gerissenem Kreuzband schoss. Otto Addo über die Kunst des AngriffsImago
Heft #73 12 / 2007
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73

Herr Addo, wer ist Ihrer Meinung nach der beste Stürmer aller Zeiten?

Puh... (überlegt lange). Für mich ist das immer noch Ronaldo.

Vermutlich eine sehr exklusive Meinung...


Ja, klar, seine große Zeit ist vorbei. Wir haben bei der Weltmeisterschaft im letzten Jahr gesehen, dass er nicht mehr so fit ist wie einst. Doch was Ronaldo in seinen besten Zeiten gezeigt hat – ich meine die Jahre beim FC Barcelona und bei Inter Mailand –, war schon einmalig.

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Was konnte Ronaldo, was andere nicht können?


Er war ein Goalgetter, aber auch ein Teamplayer. Er war schnell und dribbelstark, hatte aber stets ein Auge für den Mitspieler. Es gibt ja viele Stürmer, die im Abschluss eiskalt sind – Gerd Müller etwa. Dann wieder andere, die viel auflegen. Ronaldo konnte beides.

Wo steht im Vergleich dazu Thierry Henry?

Henry ist auch ein Weltklassestürmer. Und er kommt einem Spieler wie Ronaldo sehr nahe. Henry ist dribbelstark, er ist unglaublich schnell, hat einen nahezu perfekten Abschluss. Und er hat auch wunderschöne Tore gemacht.

Henry und Ronaldo sind demnach fußballerisch auf Augenhöhe?


Ja, eigentlich schon. Allerdings hat Ronaldo wirklich phänomenale Sachen gemacht, der ist auch mal durch fünf oder sechs Spieler durchgegangen. So etwas habe ich bei Henry noch nie gesehen.

Beim FC Barcelona ist das Spiel nicht mehr ausschließlich auf Henry ausgerichtet. Es gibt mit Messi, Ronaldinho und Eto’o drei absolute Weltklassespieler in der Offensive. Denken Sie, dass Henrys Spielweise darunter leidet?

Ach, ich glaube nicht. Henry muss sich erstmal an seinen neuen Verein und auch an das Umfeld gewöhnen. Auch muss er sich auf die Spielweise und seine Mitspieler einstellen. Und es stimmt schon, dass bei Barça das Offensivspiel auf mehrere Schultern verteilt wird. Doch ich denke auch, dass Henry mit der Zeit wieder an seine Leistungen, die er bei Arsenal London gezeigt hat, anknüpfen wird.

Sehen Sie selbst sich eigentlich als Stürmer oder eher als Mittelfeldspieler?

Ich habe viele Jahre als Stürmer gespielt, doch ich sehe mich eher als offensiven Mittelfeldspieler, mitunter auch als hängende Spitze. Obwohl ich momentan beim HSV – sowohl in der ersten als auch in der zweiten Mannschaft – im defensiven Mittelfeld zum Einsatz komme.

Unter Huub Stevens spielt jeder ein bisschen defensiver...

Das stimmt. Die Null muss stehen. Das ist ja sein bekanntes Motto. Stevens versucht zuallererst die Defensive zu stärken. Die Offensive läuft schon irgendwie... (lacht)

War der Positionswechsel eine große Umstellung für Sie?


Nicht wirklich. Ich habe nun bei so vielen Vereinen gespielt und schon so häufig die Position gewechselt. In der Jugend fing ich als Verteidiger an und habe meist auf der linken oder rechten Abwehrseite gespielt. Mit den Jahren bin ich stets ein Stückchen nach vorne gerückt.

Wünscht man sich nicht gerade als Kind und Jugendlicher, in der Offensive zu spielen, als Stürmer viele Tore zu schießen?

Ich war eigentlich nie der Spieler, der ausschließlich darauf bedacht war, Tore zu schießen. Richtig torgeil war ich nie. Ich bin eher der Spielertyp, der anderen eine Freude bereitet, der gerne Tore auflegt.

Ihre Nummer ist demnach eigentlich die Zehn und nicht die Neun. Wer ist denn für Sie der beste Spielgestalter, der beste Zehner aller Zeiten?

Maradona. Ganz klar! Es gibt kaum einen Spieler, der eine Weltmeisterschaft so dominiert hat wie die von 1986 in Mexiko. Ich war damals elf Jahre alt und total fasziniert von ihm.

Haben Sie sich an Spielern wie Maradona, Ronaldo oder auch Henry orientiert?


Nein. Maradona war ein typischer Spielmacher. Er war einer, der sehr viele Bälle forderte und der auch viele Ballkontakte hatte. Henry macht viel mit Leichtigkeit, er hat eine unglaublich gute Technik. Zudem hat er ein riesengroßes Talent. Auch ich habe eine ganz gute Technik, aber ich habe mir viel erarbeitet, und ich komme oftmals über den Kampf ins Spiel. Vielleicht bin ich deswegen variabler einsetzbar. Henry ist für mich der typische Stürmer, Maradona der Prototyp der »Zehn«.

Ronaldo, Maradona, Henry sind allesamt sehr elegante Spieler. Wie wichtig ist Ihnen Eleganz?

Natürlich ist es am wichtigsten, Tore zu schießen. Aber mir ist auch die Schönheit des Fußballs wichtig. Vielleicht bin ich dieser klassische Typ „Straßenfußballer“. Ich stehe auf Tricks und Technik, auf die überraschenden Momente. Nicht so mein Fall sind typische Torjäger, die nur vorne stehen und den Fuß hinhalten... Aber was heißt schon »nur«: Diese Stürmer machen die Tore, sie sind unverzichtbar. Dennoch: Ich stehe mehr auf die »Künstler«.

Ist es heute – in Zeiten, in denen die Defensive stetig gestärkt wird – eigentlich schwieriger für die Künstler geworden, ihre Kunst zu zeigen?


Ja, teilweise schon. Trotzdem gibt es immer wieder Spieler, die Atemberaubendes vollbringen. Ich denke da an Messi oder auch an Cristiano Ronaldo. Und das Tolle ist: Diese Spieler kombinieren verschiedene Spielweisen. Die sind defensiv stark, in der Offensive Weltklasse. Das war früher anders, da war der Mittelstürmer wirklich nur im Strafraum unterwegs, der Abwehrspieler ging selten über die Mittellinie. Heute sind die Spieler viel flexibler geworden.

Hat ein „Künstler“ eigentlich ein gewisses Repertoire an Tricks, auf das er situationsbedingt zurückgreift, oder geschieht alles intuitiv?

Sowohl als auch. Vieles geschieht intuitiv. Ich kann mich an Spiele erinnern, da streichelte ich den Ball nur mit der Sohle, drehte mich mehrmals um meine eigene Achse und war mitten im Getümmel. Plötzlich aber stand ich wieder allein auf weiter Flur. Und dann fragt man sich natürlich schon: „Hey, wie bist du denn aus der Situation herausgekommen?“ Doch natürlich gehört in solchen Situationen neben der Trickkiste auch eine Menge Glück zum Gelingen – aber auch die Überzeugung, dass es klappt.

Haben Sie Ihre Tricks auf der Straße gelernt oder im Verein?


Auf der Straße. Und ich glaube, dass man Tricks und Technik vor allem dort lernt. Lernen ist auch eigentlich der falsche Ausdruck... Das passiert einfach. Nebenbei. Wir haben früher oft mit einem kleinen Ball auf kleine Tore gespielt, manchmal mit 20 Leuten auf einem Platz, der für zehn gedacht war. So lernst du schon früh, dich auf kleinstem Raum durchzusetzen.

Die besten Künstler und Stürmer werden vermutlich auf der Straße geboren.

Richtig. Ich denke, dass eine gute Kombination aus Verein und Straße ist die beste Ausbildung ist.

Unterbindet Huub Stevens im Training ein Spiel, wenn es zu trickreich wird?


Es kommt immer darauf, wie effizient die Tricks sind. Wenn zuviel getrickst wird und nichts Zählbares dabei herausspringt, dann wird das schon unterbunden.

Spielen Sie eigentlich eine Fußballsimulation an der Playstation?

Ja.

Ist das Spiel für Sie inspirierend?


Teils. Mitunter ist es tatsächlich wie im richtigen Spiel: Am Anfang spielt man schön geradlinig, mit der Zeit wird das Spiel aber risikofreudiger, und dann traut man sich Dinge, die man nie gelernt hat. Und wenn Spielzüge oder Tricks den gewünschten Erfolg bringen, macht man sie immer wieder. Und plötzlich schafft man Dinge, die man vorher nicht für möglich hielt.

Zum Beispiel ein Tor mit einem gerissenen Kreuzband. War dieses Tor ein besonderes für Sie?

Sicherlich. Es ist ein Tor, an das ich mich häufig erinnere. Ich spielte damals mit dem BVB gegen Austria Wien und ich erlitt in der 37. Minute einen Kreuzbandriss. Doch niemand schlug den Ball ins Aus, es gab keine Spielunterbrechung. Ich humpelte also über den Platz, bekam an der Strafraumgrenze den Ball und schoss. Der Ball schlug im Winkel ein. Wir gewannen 1:0. Ein tragisches Tor.

Sie erhielten dafür die Medaille zum »Tor des Monats«. Wie wichtig ist eine solche Auszeichnung?

Nicht so wichtig. Mir jedenfalls nicht. Natürlich ist es eine nette Anerkennung der eigenen Leistung. Wichtiger für einen Stürmer dürfte die Torjägerkanone sein.

Sie sagen, dass Sie gerne auflegen. Aber mal ehrlich: Kann ein Stürmer oder ein offensiver Mittelfeldspieler sich freuen, wenn seine Mannschaft 6:0 gewonnen hat, er selbst aber kein Tor erzielt hat?

Ich kann mich dann schon freuen. Für mich steht der Erfolg der Mannschaft an erster Stelle. Aber ich denke, dass es vielen Stürmern, vor allem den Mittelstürmern, anders geht. Wenn man vorne spielt, will man natürlich Tore machen.

Kann ein Stürmer ein Spiel tatsächlich allein entscheiden?

Bestimmte Stürmer schon. Es gibt halt solche, die auf Flanken und Pässe angewiesen sind, die nur im Strafraum stehen und auf Bälle warten. Aber gibt eben auch solche, die in einer scheinbar normalen oder einer ausweglosen Situation etwas Überraschendes machen, ein Dribbling starten, zum Abschluss kommen und dann treffen. So wie Ronaldo es oft getan hat. Der brauchte nicht unbedingt den Mitspieler, der ihm die Bälle zentimetergenau auflegen.

Beim HSV dachte man ja auch lange, dass nur Rafael van der Vaart Spiele entscheiden kann. In dieser Saison fehlte er aber bei einigen Siegen. Wieso kann die Mannschaft den Ausfall van der Vaarts besser kompensieren als in der Vergangenheit?

Die Mannschaft ist einfach sehr eng zusammen, wir haben ein sehr gutes Verhältnis untereinander. Und dieses Jahr stehen wir besonders in der Defensive sehr gut, nach vorne bekommt man immer mal Chancen. Zudem haben wir Spieler, die die Chancen eiskalt nutzen. Deshalb haben wir viele Spiele auch zu Null gewonnen.

Fehlt dem HSV nicht dennoch ein richtiger Stürmer, ein richtiger Dauerknipser? Seit dem Weggang von Bernardo Romeo hat kein HSV-Spieler mehr zweistellig in einer Saison getroffen.

Ich denke, dass wir gute Stürmer haben. Ivica Olic trifft momentan sehr häufig und Guerrero ist super drauf. Der hat zuletzt viele Tore gemacht, beim HSV und auch in der Nationalmannschaft.

Arsenals Mittelfeldmann Cesc Fàbregas begrüßte Henrys Abgang, da dieser die Mannschaft »eingeschüchtert« habe. Kann ein überragender Spieler – beim HSV ist diese zentrale Figur zweifelsohne Rafael van der Vaart – seiner Mannschaft in diesem Sinne schaden?

Es kommt immer auf den Charakter des Spielers an. Ich kenne Henry nicht, kann mir aber nicht vorstellen, dass er der Mannschaft geschadet hat. Rafael ist ein sehr angenehmer Typ, einer, der überhaupt keine Starallüren hat. Von daher schadet er der Mannschaft nicht. Er ist ein positiver Mensch und reißt die Mannschaft immer mit.

Sie haben mal gesagt, dass Sie Gegenspieler wie Khalid Bouhlarouz mögen. Wer ist denn bis dato denn Ihr unangenehmster Gegenspieler gewesen?

Generell finde ich Gegenspieler unangenehm, die keinen Fußball spielen können. Das mag sich vielleicht hart anhören, aber es gibt diese Spieler. Die laufen ständig mit, verfolgen dich das ganze Spiel. Das ist als ob eine Klette an dir hängt. Doch diese Spieler reagieren wenig auf das, was man mit dem Ball macht, und haben selbst kaum Ballkontakte. Die konzentrieren sich nur auf den Oberkörper. Und wenn die dann noch schnell sind, kann man sich schwer gegen sie durchsetzen. Das sind diese typische Spielzerstörer.

Denken Sie, dass bei diesen »90-Minuten-Verfolgungsjagden« auch ein bisschen Neid auf die filigrane Fußballkunst und die Popularität der Offensiv- und Kreativspieler mitläuft?

Nein, glaube ich nicht. Es ist schon so, dass die Offensivspieler und die Stürmer oft mehr im Mittelpunkt des Interesses stehen als Defensivspieler. Aber damit hat niemand ein Problem. Außerdem wissen die Abwehrspieler ja vor ihrer Karriere, auf was sie sich einlassen. (lacht)

Hatten Sie denn mal einen Gegenspieler, bei dem Sie das Gefühl hatten, dass er nur Ihre Beine sucht, nur auf Foul spielen will?


Ja, es gibt diese Spieler. Aber die sind mir eigentlich ganz lieb. Solche Spieler bekommen dann schnell eine gelbe Karte, und dann müssen die auch vorsichtiger sein. Und ganz ehrlich: Die sind mir sogar lieber als diese Spielzerstörer, die nur den Oberkörper einsetzen, die halten und ziehen, aber dafür nicht bestraft werden.

Hoeneß forderte vor einigen Wochen, dass Spieler wie Franck Ribéry stärker geschützt werden müssen. Denken Sie auch, dass die Fouls an kreativen Spielern Überhand nehmen und die Schiedsrichter häufiger die Rote Karte zeigen müssten?

Nein. Es ist natürlich richtig, dass die Spieler, die kreativ spielen und sich wendig bewegen, als Schaltzentrale der Mannschaft ausgemacht werden und dementsprechend häufiger gefoult werden. Doch es ist ja nicht so, dass der Foulende ungeschoren davon kommt. Die Schiedsrichter finden da meist das richtige Maß.

Das Spiel wird immer defensiver, die Torquote sinkt – trotzdem steigt das Interesse immer weiter. Sind Stürmer am Ende gar nicht die Hauptattraktion?

Das Spiel hat sich insgesamt verändert. Das Drumherum ist wichtiger geworden, das Spiel ist ein Event, ein Spektakel geworden. Es gibt nicht mehr nur die richtigen Fans, sondern auch die Besucher auf den Logen, in den VIP-Räumen, in den Kuchenblocks. Es gibt vor, während und nach dem Spiel Entertainment im Übermaß. Aber ich denke, dass die Leute immer noch kommen, weil sie in erster Linie das Spiel interessiert. Das Spiel an sich ist immer noch die Hauptattraktion. Und der Zuschauer sieht immer noch Sachen, die er vorher nie gesehen hat. Ich denke da etwa an diesen Trick von Ribéry, der im Spiel gegen Bremen den Ball auf dem Fuß balancierte, seine Gegenspieler foppte und dann über den halben Platz sprintete. Und genau wegen solchen Szenen gehen die Leute ja ins Stadion, deswegen schalten sie den Fernseher an.

Diese Melange aus trickreichem Spiel und dem Spieltag als Entertainment-Event lässt den einstigen »Proletensport« fast wie ein Pop-Phänomen erscheinen. Hinzu kommen solch »Popstars« wie Dejagah oder Jones, die mit ihren Tätowierungen und Piercings eher in auf ein Poster der »Bravo« passen würden als auf das Titelblatt des kicker. Ist Fußball heute richtig cool?

Auf jeden Fall. Fußball ist eine Art Lifestyle geworden. Das haben wir ja während der WM gesehen: Da war es plötzlich richtig in Mode, ins Stadion zu gehen oder auf den Fanmeilen Fußball zu gucken. Da waren so viele Menschen, die sich früher nie für Fußball interessiert haben.

Wird der Lifestyle-Charakter von der heutigen Spielergeneration stärker transportiert als zu Zeiten von Netzer, Breitner oder Völler?

Ich denke schon.

Auffällig ist, dass vornehmlich Offensivspieler und die Künstler auf dem Platz dieses neue Image formen.

Die Kreativspieler leben oft auch im Privaten kreativer. Im Gegensatz zu Abwehrspielern, die oftmals ein sehr solides Leben führen, leben die Stürmer und Mittelfeldgenies ein bisschen riskanter, ein bisschen abgefahrener. Sie sind oft ein wenig verrückter.

Sind Sie verrückt?

(lacht)
Nein, ganz bestimmt nicht.

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