26.11.2007

Otto Addo über die Kunst des Angriffs

»Stürmer leben riskanter«

Komponierte Bach, als ihn Schläger umzingelten? Nein. Dichtete Rilke mit dem Messer im Strumpf? Wohl kaum. Der Stürmer aber ist ein Künstler, der ständig bedroht ist. So wie Otto Addo, der einst ein Tor mit gerissenem Kreuzband schoss.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Ihre Nummer ist demnach eigentlich die Zehn und nicht die Neun. Wer ist denn für Sie der beste Spielgestalter, der beste Zehner aller Zeiten?

Maradona. Ganz klar! Es gibt kaum einen Spieler, der eine Weltmeisterschaft so dominiert hat wie die von 1986 in Mexiko. Ich war damals elf Jahre alt und total fasziniert von ihm.

Haben Sie sich an Spielern wie Maradona, Ronaldo oder auch Henry orientiert?


Nein. Maradona war ein typischer Spielmacher. Er war einer, der sehr viele Bälle forderte und der auch viele Ballkontakte hatte. Henry macht viel mit Leichtigkeit, er hat eine unglaublich gute Technik. Zudem hat er ein riesengroßes Talent. Auch ich habe eine ganz gute Technik, aber ich habe mir viel erarbeitet, und ich komme oftmals über den Kampf ins Spiel. Vielleicht bin ich deswegen variabler einsetzbar. Henry ist für mich der typische Stürmer, Maradona der Prototyp der »Zehn«.

Ronaldo, Maradona, Henry sind allesamt sehr elegante Spieler. Wie wichtig ist Ihnen Eleganz?

Natürlich ist es am wichtigsten, Tore zu schießen. Aber mir ist auch die Schönheit des Fußballs wichtig. Vielleicht bin ich dieser klassische Typ „Straßenfußballer“. Ich stehe auf Tricks und Technik, auf die überraschenden Momente. Nicht so mein Fall sind typische Torjäger, die nur vorne stehen und den Fuß hinhalten... Aber was heißt schon »nur«: Diese Stürmer machen die Tore, sie sind unverzichtbar. Dennoch: Ich stehe mehr auf die »Künstler«.

Ist es heute – in Zeiten, in denen die Defensive stetig gestärkt wird – eigentlich schwieriger für die Künstler geworden, ihre Kunst zu zeigen?


Ja, teilweise schon. Trotzdem gibt es immer wieder Spieler, die Atemberaubendes vollbringen. Ich denke da an Messi oder auch an Cristiano Ronaldo. Und das Tolle ist: Diese Spieler kombinieren verschiedene Spielweisen. Die sind defensiv stark, in der Offensive Weltklasse. Das war früher anders, da war der Mittelstürmer wirklich nur im Strafraum unterwegs, der Abwehrspieler ging selten über die Mittellinie. Heute sind die Spieler viel flexibler geworden.

Hat ein „Künstler“ eigentlich ein gewisses Repertoire an Tricks, auf das er situationsbedingt zurückgreift, oder geschieht alles intuitiv?

Sowohl als auch. Vieles geschieht intuitiv. Ich kann mich an Spiele erinnern, da streichelte ich den Ball nur mit der Sohle, drehte mich mehrmals um meine eigene Achse und war mitten im Getümmel. Plötzlich aber stand ich wieder allein auf weiter Flur. Und dann fragt man sich natürlich schon: „Hey, wie bist du denn aus der Situation herausgekommen?“ Doch natürlich gehört in solchen Situationen neben der Trickkiste auch eine Menge Glück zum Gelingen – aber auch die Überzeugung, dass es klappt.

Haben Sie Ihre Tricks auf der Straße gelernt oder im Verein?


Auf der Straße. Und ich glaube, dass man Tricks und Technik vor allem dort lernt. Lernen ist auch eigentlich der falsche Ausdruck... Das passiert einfach. Nebenbei. Wir haben früher oft mit einem kleinen Ball auf kleine Tore gespielt, manchmal mit 20 Leuten auf einem Platz, der für zehn gedacht war. So lernst du schon früh, dich auf kleinstem Raum durchzusetzen.

Die besten Künstler und Stürmer werden vermutlich auf der Straße geboren.

Richtig. Ich denke, dass eine gute Kombination aus Verein und Straße ist die beste Ausbildung ist.

Unterbindet Huub Stevens im Training ein Spiel, wenn es zu trickreich wird?


Es kommt immer darauf, wie effizient die Tricks sind. Wenn zuviel getrickst wird und nichts Zählbares dabei herausspringt, dann wird das schon unterbunden.

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