Ottmar Hitzfeld über Deutschlands EM-Chancen

»Die Defensive ist nicht so stabil«

Am Samstag bestreitet die DFB-Elf gegen die Schweiz ihren vorletzten Test vor der EM. Wir sprachen mit Ottmar Hitzfeld, Trainer der Eidgenossen, über Deutschlands Defensive, Arjen Robben und menschliche Stärke.

Ottmar Hitzfeld, für Ihren Trainerkollegen Jogi Löw ist die Partie gegen die Schweiz ein wichtiger Test vor der EM. Ihre Elf ist in Polen und in der Ukraine nicht dabei. Welche Bedeutung hat für Sie die Partie gegen Deutschland – eine Standortbestimmung, ein Prestigeduell?
Wenn man gegen so eine große Mannschaft wie jetzt gegen Deutschland oder im Februar gegen Argentinien antritt, ist das generell eine Standortbestimmung. Aber sicherlich kann man auch von einem Prestigeduell sprechen. Wir haben eine Mannschaft mit einer guten Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern. Ich denke, es geht vor allem darum, die Abwehr noch mehr einzuspielen. Leider kommen nicht alle meine Spieler regelmäßig in ihren Klubs zum Einsatz. Würde ich das voraussetzen, dann müssten wir gegen Deutschland ja fast ohne Stürmer spielen. Ich hoffe, dass Eren Derdiyok nach seinem Wechsel zu Hoffenheim dort gesetzt ist. Das Problem ist, wenn Spieler zu früh ins Ausland gehen.

Machen Sie sich auch Sorgen um Xherdan Shaqiri, der wechselt mit 20 Jahren vom FC Basel zum FC Bayern München?
Da sehe ich weniger ein Problem. Jupp Heynckes ist ein Trainer, der öfter rotiert. Robben und Ribéry sind ja auch immer wieder mal verletzt. Xherdan ist ein außergewöhnliches Talent. Er bringt so viel Qualität mit, der kann sich zum Publikumsliebling entwickeln – selbst in München. Es wäre für ihn schwieriger geworden, wenn der FC Bayern Robben verkauft hätte. Dann wäre der Druck auf ihn als Robben-Ersatz viel größer gewesen.

Sowohl Real Madrid als auch der FC Barcelona verpassten den Finaleinzug in der Champions League. Hat das auch Auswirkungen auf die Vormachtstellung der spanischen Nationalmannschaft?
Das ist durchaus möglich. Die Erwartungen, was die Champions League angeht, haben sich für die Spanier nicht erfüllt. Sowohl in den Reihen von Real als auch bei Barcelona sind viele Nationalspieler. Es wäre für die deutsche Nationalmannschaft sehr wichtig gewesen, wenn Bayern das Champions League-Finale gewonnen hätte.

Was bedeutet die Final-Niederlage für das deutsche Team?
Für die Bayern ist das ganz, ganz bitter. Sie waren nahe an drei Titeln dran, am Schluss stehen sie nun mit leeren Händen da. Vor allem die Niederlage im Final der Champions League ist besonders hart, denn die Bayern hatten ja nicht gegen Real oder Barcelona zu spielen, sondern gegen Chelsea, gegen ein Team also, gegen das man Favorit ist, das die weniger gute Mannschaft war. Für das deutsche Team bedeutet das wohl vor allem, dass Jogi Löw am Samstag in der Schweiz ohne die Nationalspieler des FC Bayern spielen wird. Das freut mich weniger, mir wäre lieber, Deutschland würde mit der EM-Startelf gegen uns beginnen. Wenn die Spieler zum Einsatz kommen, die sich noch für eben einen solchen Startplatz im Team aufdrängen wollen, macht das unsere Aufgabe nicht leichter. So oder so wird die DFB-Auswahl das Spiel sehr ernst nehmen.

Wo steht Deutschland vor dem EM-Start?
Deutschland ist mit Spanien Favorit auf den EM-Titel. Das sind aus meiner Sicht die beiden besten Teams. Die deutsche Nationalmannschaft hat großartige Fortschritte gemacht. Sie war schon 2008 im Finale und hat auch in 2010 bei der WM in Südafrika einen sehr attraktiven, offensiven Fußball gezeigt. Das schnelle Umschalten, das vertikale Spiel – die Qualität der Mannschaft ist einfach großartig.


Wie hat sich die deutsche Mannschaft seit der WM 2010 weiterentwickelt?
Sie hat das Niveau gehalten und das ist beeindruckend genug. Denn in Südafrika hat das Team von Jogi Löw die Erwartungen übertroffen.

Wo sehen Sie als Experte Verbesserungsmöglichkeiten?
Die Mannschaft ist in der Defensive noch nicht so stabil. Wenn man Welt- oder Europameister werden will, muss man noch besser verteidigen.

In welchen Bereichen ist Spanien weiterhin voraus?
Die Spanier haben sich durch den Titelgewinn bei der EM 2008 und bei der WM 2010 Siege sehr viel Selbstvertrauen geholt. Was den Ballbesitz und den Spielaufbau angeht, hat Spanien immer noch die beste Mannschaft der Welt – aber Deutschland spielt nicht selten effizienter.

Treffen Sie sich gelegentlich zum Gedankenaustausch mit Jogi Löw, immerhin wohnt Ihr Trainerkollege gleich um die Ecke?
Wir laufen uns immer wieder mal bei offiziellen Anlässen über den Weg, zuletzt beim Pokalfinale in Berlin. Geplante Treffen gibt es aber keine. Jeder hat seine eigenen Probleme. Aber ich schätze Jogi Löw und seine Arbeit sehr. Er hat ja schon als Assistent von Jürgen Klinsmann das Training geleitet. Klinsmann war der Motivator und Löw der Spiritus Rector, was den taktischen Bereich angeht. Löw hat seinen eigenen Stil entwickelt, der eben durch das schnelle Umschalten und das vertikale Spiel nach vorne geprägt ist. Und was noch auffällt, Jogi Löw setzt sehr großes Vertrauen in seine Spieler. Er hat beispielsweise an Miroslav Klose festgehalten, obwohl Mario Gomez Bundesligatorschütze war. Das ist ein Zeichen menschlicher Stärke.

Tut es noch weh, dass Sie mit Ihrem Team die EM-Qualifikation verpasst haben?
Die Wunden werden immer wieder aufgerissen, vor allem dann, wenn die EM laufen wird. Aber wir müssen aus dem Scheitern in der Qualifikation unsere Lehren ziehen und es in der WM-Qualifikation besser machen.

Werden Sie in Polen oder in der Ukraine im Stadion sein?

Vielleicht, noch ist nichts geplant. Eigentlich sieht man ja mehr, wenn man sich ein Spiel im Fernsehen ansieht oder im Video analysiert.

Die Kassette mit dem Sieg der Franzosen gegen Deutschland dürften Sie mehrmals eingelegt haben.
Ja, wer hätte damit gerechnet, dass Frankreich Deutschland schlägt? Aber ich habe auch das Spiel der deutschen Mannschaft gegen Holland gesehen. Das war in den vergangenen beiden Jahren die beste Leistung des Teams von Joachim Löw. (lächelt) Allerdings muss man dazu sagen, dass wir die Holländer ein paar Tage zuvor beim 0:0 in Amsterdam müde gespielt haben.

Vor dem EM-Auftakt wird viel über ein mögliches Duell Deutschland gegen Spanien gesprochen und ganz vergessen, dass das Turnier vielleicht schon nach der Vorrunde für die Löw-Truppe vorbei sein könnte.
Das wird nicht passieren.

Aber mit Holland, Portugal und Dänemark trifft Deutschland auf lauter Teams aus den Top Ten der Weltrangliste. Da kann man auch ausscheiden.
Ich bleibe dabei: Das wird nicht passieren.

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