25.05.2012

Ottmar Hitzfeld über Deutschlands EM-Chancen

»Die Defensive ist nicht so stabil«

Am Samstag bestreitet die DFB-Elf gegen die Schweiz ihren vorletzten Test vor der EM. Wir sprachen mit Ottmar Hitzfeld, Trainer der Eidgenossen, über Deutschlands Defensive, Arjen Robben und menschliche Stärke.

Interview: Roland Wiedemann Bild: Imago

Ottmar Hitzfeld, für Ihren Trainerkollegen Jogi Löw ist die Partie gegen die Schweiz ein wichtiger Test vor der EM. Ihre Elf ist in Polen und in der Ukraine nicht dabei. Welche Bedeutung hat für Sie die Partie gegen Deutschland – eine Standortbestimmung, ein Prestigeduell?
Wenn man gegen so eine große Mannschaft wie jetzt gegen Deutschland oder im Februar gegen Argentinien antritt, ist das generell eine Standortbestimmung. Aber sicherlich kann man auch von einem Prestigeduell sprechen. Wir haben eine Mannschaft mit einer guten Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern. Ich denke, es geht vor allem darum, die Abwehr noch mehr einzuspielen. Leider kommen nicht alle meine Spieler regelmäßig in ihren Klubs zum Einsatz. Würde ich das voraussetzen, dann müssten wir gegen Deutschland ja fast ohne Stürmer spielen. Ich hoffe, dass Eren Derdiyok nach seinem Wechsel zu Hoffenheim dort gesetzt ist. Das Problem ist, wenn Spieler zu früh ins Ausland gehen.

Machen Sie sich auch Sorgen um Xherdan Shaqiri, der wechselt mit 20 Jahren vom FC Basel zum FC Bayern München?
Da sehe ich weniger ein Problem. Jupp Heynckes ist ein Trainer, der öfter rotiert. Robben und Ribéry sind ja auch immer wieder mal verletzt. Xherdan ist ein außergewöhnliches Talent. Er bringt so viel Qualität mit, der kann sich zum Publikumsliebling entwickeln – selbst in München. Es wäre für ihn schwieriger geworden, wenn der FC Bayern Robben verkauft hätte. Dann wäre der Druck auf ihn als Robben-Ersatz viel größer gewesen.

Sowohl Real Madrid als auch der FC Barcelona verpassten den Finaleinzug in der Champions League. Hat das auch Auswirkungen auf die Vormachtstellung der spanischen Nationalmannschaft?
Das ist durchaus möglich. Die Erwartungen, was die Champions League angeht, haben sich für die Spanier nicht erfüllt. Sowohl in den Reihen von Real als auch bei Barcelona sind viele Nationalspieler. Es wäre für die deutsche Nationalmannschaft sehr wichtig gewesen, wenn Bayern das Champions League-Finale gewonnen hätte.

Was bedeutet die Final-Niederlage für das deutsche Team?
Für die Bayern ist das ganz, ganz bitter. Sie waren nahe an drei Titeln dran, am Schluss stehen sie nun mit leeren Händen da. Vor allem die Niederlage im Final der Champions League ist besonders hart, denn die Bayern hatten ja nicht gegen Real oder Barcelona zu spielen, sondern gegen Chelsea, gegen ein Team also, gegen das man Favorit ist, das die weniger gute Mannschaft war. Für das deutsche Team bedeutet das wohl vor allem, dass Jogi Löw am Samstag in der Schweiz ohne die Nationalspieler des FC Bayern spielen wird. Das freut mich weniger, mir wäre lieber, Deutschland würde mit der EM-Startelf gegen uns beginnen. Wenn die Spieler zum Einsatz kommen, die sich noch für eben einen solchen Startplatz im Team aufdrängen wollen, macht das unsere Aufgabe nicht leichter. So oder so wird die DFB-Auswahl das Spiel sehr ernst nehmen.

Wo steht Deutschland vor dem EM-Start?
Deutschland ist mit Spanien Favorit auf den EM-Titel. Das sind aus meiner Sicht die beiden besten Teams. Die deutsche Nationalmannschaft hat großartige Fortschritte gemacht. Sie war schon 2008 im Finale und hat auch in 2010 bei der WM in Südafrika einen sehr attraktiven, offensiven Fußball gezeigt. Das schnelle Umschalten, das vertikale Spiel – die Qualität der Mannschaft ist einfach großartig.

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