Ost-Experte Hanns Leske über Fehler im System

»Der Osten wird zur Steppe«

Nur wenige kennen den ostdeutschen Fußball so gut, wie Dr. Hanns Leske. Der ehemalige Politiker nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht Missstände anzuprangern. Ein Gespräch über Vergangenheit, Erpressung und öde Steppen. Ost-Experte Hanns Leske über Fehler im System
Heft#96 11/2009
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Herr Dr. Leske, in Ihrem Buch »Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder« beschreiben Sie die entscheidende Rolle der so genannten »Bezirksfürsten« in den jeweiligen Vereinen der DDR-Oberliga. Wie entscheidend war dieses Verhältnis, als es 1988/90 zum Bruch des Systems kam?

Der Niedergang des heutigen ostdeutschen Fußballs hat ja drei Gründe. Erstens: Mangel an der ökonomischen Basis, zweitens: fehlerhafte Führungsqualität in den Vereinen und drittens: die Fans, von denen ein Großteil rechtsradikal ist. Diese Punkte muss man nun einzeln

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Nur zu.

Direkt nach der Wende, also 1991, sind Fehler gemacht worden, weil die sportlichen Leitungen völlig überfordert waren. Keiner kannte die Gesetze des Kapitalismus. Und die, die aus dem Westen eingeflogen worden, waren zumeist – das ist heute hinlänglich bekannt – gewissenlose Bauunternehmer, die im Westen gescheitert waren. Das beste Beispiel ist Dynamo Dresden mit dem später verurteilten Rolf-Jürgen Otto. Diese Unternehmer haben später entsprechend große Ruinen im Osten hinterlassen – davon haben sich die Ost-Vereine nur schwer bis gar nicht erholt. Zwischen 1990 und 1992 sind ja Millionen D-Mark aus Spielertransfers in den Osten geflossen. Beim BFC Dynamo waren es alleine fast zehn Millionen D-Mark. Und niemand weiß heute mehr, wo dieses Geld geblieben ist. Das ist unbemerkt versiegt.

Liegt das Versagen nur bei den ostdeutschen Vereinen oder auch im Westen?


Sie müssen das betrachten, wie in der normalen Wirtschaft auch. Die ehemaligen DDR-Klubs sind völlig übergangslos in den Kapitalismus entlassen worden. Mit der Folge, dass die westdeutschen Aasgeier gekommen sind und die Ost-Vereine platt gemacht haben. Das heißt: Ihnen die besten Spieler weggekauft haben. Obwohl man das ja noch verstehen kann, aber es geht ja weiter. Bestes Beispiel ist Bayer Leverkusen: Calmund hat ja nicht nur im Seniorenbereich gewildert, sondern auch im Nachwuchsbereich bei den B- und A-Junioren. Insbesondere beim BFC Dynamo. Der hat sich dort die besten Spieler rausgepickt, die haben dann zwei oder drei Jahre bei Bayer Leverkusen gespielt und wenn dann der Kader für die neue Saison bekannt gegeben wurde, stand drauf: Neuzugang – Eigener Nachwuchs. Das war natürlich eine Frechheit. Calmund ist da nicht der Einzige gewesen, er ist nur das extremste Beispiel.

Welche Fehler muss man den Ost-Vereinen ankreiden?


Ich tue mich immer schwer damit die ganze Schuld den Vereinsfunktionären anzulasten. Viele Regionen im Osten haben ja nicht nur sportlich den Anschluss verloren, in der Kultur oder produzierenden Wirtschaft ist das genauso. Wie soll man eine angemessene Struktur aufbauen, wenn die Geldgeber dafür nicht vorhanden sind? Sicherlich sind zum Beispiel in Leipzig oder auch Dresden die Probleme hausgemacht. Dort gibt es die Konflikte mit den Fans. Auch deshalb, weil im Osten eine zivilisierte Fan-Kultur, wie es sie im Westen gibt, nicht vorhanden ist.

Das hört sich für mich so an, als wenn Sie die Fans im Osten über einen Kamm scheren und in die rechte Ecke drängen. Dabei gibt es doch in Jena oder auch Berlin Gegenbeispiele.

Sie müssen aber dabei beachten, dass die aktuelle Fankultur im Westen Produkt jahrelanger mühsamer Arbeit an der Basis ist. In den achtziger Jahren war das noch ganz anders, siehe beispielsweise die rechtsradikale Borussen-Front. Die Fanprojekte haben seitdem aber gute Arbeit geleistet. Diese Fankultur gibt es in der ehemaligen DDR leider nicht. Das liegt auch daran, dass Fanprojekte oder Fanbetreuer teilweise überfordert sind oder eine eigene Hooligan-Vergangenheit haben und dementsprechend nicht in der Lage sind solche Tendenzen in den eigenen Reihen zu unterbinden.

Kann man daraus nicht schlussfolgern, dass der Westen einfach gute zehn Jahre Vorsprung in der Fanarbeit hatte und ergo im Osten die aktuellen Probleme in einem Jahrzehnt ebenfalls beseitigt sind?


Ich bin kein Soziologe, aber auffallend ist doch der rechtsradikale Anteil bei den Hooligans der ehemaligen DDR-Vereine. Offiziell gab es in der DDR keinen Rechtsextremismus, aber die Wurzeln dafür waren natürlich vorhanden und nach 1989 sind die voll ausgeschlagen. Dieses Problem hat man seitdem nicht richtig in den Griff bekommen. Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit – das sind sicherlich auch Aspekte, die die Anfälligkeit für rechte Tendenzen verstärken.

Ist es nicht vielleicht auch so zu deuten, dass es in der Zeit des DDR-Regimes eigentlich keinen größeren Widerstand geben konnte, als sich im rechten Spektrum zu bewegen und diese »Bewegung« nach der Wende quasi rüber gerettet wurde?

Ganz bestimmt. Wenn jemand in der DDR gebeutelt war, bestand natürlich die Gefahr, dass derjenige ins andere Extrem schwenkte – also zum Rechtsradikalismus. Das ist eben leider Gottes vor allem unter Fußball-Fans hängen geblieben. Aus teilweise politischem Widerstand ist Rechtsextremismus geworden. Das ist für die Vereine ein riesengroßes Problem. Es ist auch ein Führungsproblem.

Wie meinen Sie das?

Der Nordostdeutsche Fußballverband bekommt diesen Problem nicht in Griff, beziehungsweise ignoriert es einfach. Der aktuelle Vorsitzende des Verbandes, Moldenhauer, war früher selber bei der Stasi. Der Vorsitzende der Sicherheitskommission für den Nordostdeutschen Bereich ist Bernd Stumpf, nach eigenen Angaben früherer IM und zeitweise sogar hauptamtlich für die Stasi tätig. Der ist heute noch im Amt. Diese Leute können und wollen das eben angesprochene Problem nicht beheben.

Aber widerspricht sich das nicht: Dass ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheit kein Interesse daran haben ausgerechnet gegen Rechtsextremismus vorzugehen?


Diese Leute haben das demokratische Grundverständnis einfach nicht verstanden. Stumpf zum Beispiel war eine kleine Figur im totalitären Regime, der einen Schiedsrichterkollegen denunziert hatte, weil dieser Schiedsrichter-Pfeifen aus dem Westen mitgebracht hatte. Vor zwei Jahren hat Stumpf erklärt, dass er heute wieder ganz genauso handeln würde. Dieser Mann hat es heute noch nicht begriffen, welch schreiendes Unrecht er begangen hat und ist meines Erachtens nicht in der Lage so eine entscheidende Position beim Verband zu besetzen. Trotzdem macht er diesen Job weiterhin, auch wenn ich schon mehrfach dagegen protestiert habe.

Durch die Wiedervereinigung sind viele Funktionäre aus der ehemaligen DDR beim DFB untergekommen. Darunter viele, die eine durchaus schmutzige Vergangenheit hatten. Wie wichtig ist das mit Blick auf das Schicksal des Ost-Fußballs?


Das sind die einheitsbedingten Kollateralschäden. Der DFB hat in diesem Fall nicht verhindern können oder wollen, dass alte DDR-Eliten im wiedervereinigten Einheitsfußball mitgemischt haben. Die alten Seilschaften bestehen immer noch, in der Wirtschaft und Politik, genauso, wie im Sport. Die, die einmal in den Stromkreisen von Dynamo Berlin oder Lok Leipzig drin waren, haben den Stromkreis nach der Wende ja nicht einfach aufgebrochen. Im Gegenteil: Die alten Kader haben nach Wagenburgmentalität weiter fest zusammen gehalten. Andererseits: Dass der Ost-Fußball Probleme hat, kann nicht nur daran liegen, dass alte Stasi-Leute zu entscheidenden Funktionsträgern geworden sind.

Reichen die Stasi-Verbindungen im Fußball eigentlich noch weiter?


Sicher. Ich muss ihnen sagen, dass teilweise auch deswegen nur so wenig von der IM-Vergangenheit einiger Spieler und Funktionäre durchsickert, weil in den Sportredaktionen auch Journalisten sitzen, die schon früher für die SED-Zeitungen geschrieben haben. Ich hatte mal eine Podiumsdiskussion in Frankfurt an der Oder mit ehemaligen ASK-Spielern (Armeesportklub, d. Red.) und ehemaligen Stasi-Leuten. Eine recht heftige Diskussion. Und wer hat danach den Bericht über die Veranstaltung in der Zeitung verfasst? Ein ehemaliger Redakteur der SED-Zeitung. Von dem können sie natürlich nicht erwarten, dass er kritisch mit den Personen umgeht.

Wie wirkt sich das auf die Arbeit der Aufarbeitung aus?

Dass zum Beispiel auch Mitarbeiter von Außendienststellen der Birthler-Behörde vor diesem Problem stehen. Die haben es ungemein schwer, wenn sie einen Artikel in den Sportredaktionen unterbekommen wollen. Weil da die alten Leute sitzen. Ich kann ihnen noch ein Beispiel nennen: Vor drei Jahren habe ich Erich Hamann, der 1974 den Pass zum berühmten Sparwasser-Tor gegen die BRD gegeben hat, als Stasi-Spitzel enttarnt. Der hat meine Anklage gelesen, das sofort dementiert und abgestritten. Daraufhin habe ich mit einem Redakteur gesprochen, der aber nicht bereit war, meine Stellungnahme dazu in seiner Zeitung abzudrucken. Erst nachdem ich dem Chefredakteur erklärte, ich könne ihm gerne ein Faksimile mit der schriftlichen Verpflichtungserklärung von Herrn Hamann zuschicken, ist die Sache in der Zeitung erschienen. Herr Hamann hat seitdem kein Wort mehr zu mir gesagt.

Eine utopische Frage, aber: Was hätte man damals direkt nach dem Mauerfall, nach der Wende besser machen können?


Man hätte versuchen müssen bestimmte Übergangsfristen einzuführen. Beispielsweise eine dreijährige Schutzfrist für Nachwuchsspieler, die ihrem Verein zunächst erhalten bleiben. Im Profibereich wäre das relativ unmöglich gewesen, das sind eben die Regeln der freien Marktwirtschaft. Dass man ein kleines Land, wie die DDR, dass sich 14 Erstligisten geleistet hat, sportlich nicht auf dem Level hätte halten können, war von Vornherein klar. Und zum zweiten hätte man sich darum kümmern müssen, dass man nicht nur die sportliche Infrastruktur aufbaut, sondern auch das Personal dafür zur Verfügung stellt. Die Unterstützung in Form von Aufbauhilfe hätte auch vom DFB kommen müssen.

Können Sie das genauer erklären?


So, wie das in Politik gemacht wurde. Ich war zur Wendezeit selber politisch in Berlin-Schöneberg tätig. Wir haben nach der Wiedervereinigung unseren besten leitenden Beamte der Bezirksverwaltung zeitweise nach Weißensee geschickt und die haben dort die Verwaltung aufgebaut.

Eine Starthilfe.


Ganz genau. Auch der DFB hätte einen Teil seiner besten Leute in den Osten schicken müssen. Wenn beispielsweise Leverkusen, Dortmund oder Bremen jeweils zwei Mitarbeiter aus ihrer Geschäftsstelle für zwei Jahre nach Dresden, Leipzig oder Rostock geschickt hätten, dann hätte dort eine gesunde Struktur wachsen können.

Hat man im Fußball vielleicht noch weniger als in der Politik begriffen, welche gesellschaftliche und soziale Ausnahmesituation mit der Wiedervereinigung in Kraft getreten war?


Man kann es auch sarkastisch sagen: Es herrschte eher eine Anschlussmentalität vor. Die BRD war 1990 gerade erst Weltmeister geworden. Dann kam da dieses kleine Land dazu, aus dem man sich nun bedienen konnte, man glaubte sich die ganzen Ressourcen einverleiben zu können. Wie Beckenbauer gesagt hat: »Auf Jahre hinaus wird unsere Nationalmannschaft unschlagbar sein.« Man hat sich am reichhaltigen Angebot bedient und dabei Wüsten hinterlassen.

Abschlussfrage: Geben Sie dem Fußball im Osten eine Chance für die Zukunft?


Die nächsten zehn Jahre werden unwahrscheinlich bitter und hart werden, ein knallhartes Ausscheidungsringen geben. Einige Vereine werden es schaffen, sich im Profifußball in Liga drei bis eins zu etablieren und einige, die heute noch hoffen, werden gnadenlos wegrasiert werden. Die landen entweder in der Bedeutungslosigkeit im unteren Amateurfußball oder werden liquidiert. Der Kuchen ist so klein, und nur ein paar werden es schaffen ein Stück davon abzubekommen. Der Fußball-Osten wird eine öde Steppe werden, und zwischendurch stehen zwei oder drei Leuchttürme.

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