03.10.2011

Ost-Experte Hanns Leske über Fehler im System

»Der Osten wird zur Steppe«

Nur wenige kennen den ostdeutschen Fußball so gut, wie Dr. Hanns Leske. Der ehemalige Politiker nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht Missstände anzuprangern. Ein Gespräch über Vergangenheit, Erpressung und öde Steppen.

Interview: Alex Raack Bild: Imago
Ost-Experte Hanns Leske über Fehler im System
Wie meinen Sie das?

Der Nordostdeutsche Fußballverband bekommt diesen Problem nicht in Griff, beziehungsweise ignoriert es einfach. Der aktuelle Vorsitzende des Verbandes, Moldenhauer, war früher selber bei der Stasi. Der Vorsitzende der Sicherheitskommission für den Nordostdeutschen Bereich ist Bernd Stumpf, nach eigenen Angaben früherer IM und zeitweise sogar hauptamtlich für die Stasi tätig. Der ist heute noch im Amt. Diese Leute können und wollen das eben angesprochene Problem nicht beheben.

Aber widerspricht sich das nicht: Dass ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheit kein Interesse daran haben ausgerechnet gegen Rechtsextremismus vorzugehen?


Diese Leute haben das demokratische Grundverständnis einfach nicht verstanden. Stumpf zum Beispiel war eine kleine Figur im totalitären Regime, der einen Schiedsrichterkollegen denunziert hatte, weil dieser Schiedsrichter-Pfeifen aus dem Westen mitgebracht hatte. Vor zwei Jahren hat Stumpf erklärt, dass er heute wieder ganz genauso handeln würde. Dieser Mann hat es heute noch nicht begriffen, welch schreiendes Unrecht er begangen hat und ist meines Erachtens nicht in der Lage so eine entscheidende Position beim Verband zu besetzen. Trotzdem macht er diesen Job weiterhin, auch wenn ich schon mehrfach dagegen protestiert habe.

Durch die Wiedervereinigung sind viele Funktionäre aus der ehemaligen DDR beim DFB untergekommen. Darunter viele, die eine durchaus schmutzige Vergangenheit hatten. Wie wichtig ist das mit Blick auf das Schicksal des Ost-Fußballs?


Das sind die einheitsbedingten Kollateralschäden. Der DFB hat in diesem Fall nicht verhindern können oder wollen, dass alte DDR-Eliten im wiedervereinigten Einheitsfußball mitgemischt haben. Die alten Seilschaften bestehen immer noch, in der Wirtschaft und Politik, genauso, wie im Sport. Die, die einmal in den Stromkreisen von Dynamo Berlin oder Lok Leipzig drin waren, haben den Stromkreis nach der Wende ja nicht einfach aufgebrochen. Im Gegenteil: Die alten Kader haben nach Wagenburgmentalität weiter fest zusammen gehalten. Andererseits: Dass der Ost-Fußball Probleme hat, kann nicht nur daran liegen, dass alte Stasi-Leute zu entscheidenden Funktionsträgern geworden sind.

Reichen die Stasi-Verbindungen im Fußball eigentlich noch weiter?


Sicher. Ich muss ihnen sagen, dass teilweise auch deswegen nur so wenig von der IM-Vergangenheit einiger Spieler und Funktionäre durchsickert, weil in den Sportredaktionen auch Journalisten sitzen, die schon früher für die SED-Zeitungen geschrieben haben. Ich hatte mal eine Podiumsdiskussion in Frankfurt an der Oder mit ehemaligen ASK-Spielern (Armeesportklub, d. Red.) und ehemaligen Stasi-Leuten. Eine recht heftige Diskussion. Und wer hat danach den Bericht über die Veranstaltung in der Zeitung verfasst? Ein ehemaliger Redakteur der SED-Zeitung. Von dem können sie natürlich nicht erwarten, dass er kritisch mit den Personen umgeht.

Wie wirkt sich das auf die Arbeit der Aufarbeitung aus?

Dass zum Beispiel auch Mitarbeiter von Außendienststellen der Birthler-Behörde vor diesem Problem stehen. Die haben es ungemein schwer, wenn sie einen Artikel in den Sportredaktionen unterbekommen wollen. Weil da die alten Leute sitzen. Ich kann ihnen noch ein Beispiel nennen: Vor drei Jahren habe ich Erich Hamann, der 1974 den Pass zum berühmten Sparwasser-Tor gegen die BRD gegeben hat, als Stasi-Spitzel enttarnt. Der hat meine Anklage gelesen, das sofort dementiert und abgestritten. Daraufhin habe ich mit einem Redakteur gesprochen, der aber nicht bereit war, meine Stellungnahme dazu in seiner Zeitung abzudrucken. Erst nachdem ich dem Chefredakteur erklärte, ich könne ihm gerne ein Faksimile mit der schriftlichen Verpflichtungserklärung von Herrn Hamann zuschicken, ist die Sache in der Zeitung erschienen. Herr Hamann hat seitdem kein Wort mehr zu mir gesagt.

Eine utopische Frage, aber: Was hätte man damals direkt nach dem Mauerfall, nach der Wende besser machen können?


Man hätte versuchen müssen bestimmte Übergangsfristen einzuführen. Beispielsweise eine dreijährige Schutzfrist für Nachwuchsspieler, die ihrem Verein zunächst erhalten bleiben. Im Profibereich wäre das relativ unmöglich gewesen, das sind eben die Regeln der freien Marktwirtschaft. Dass man ein kleines Land, wie die DDR, dass sich 14 Erstligisten geleistet hat, sportlich nicht auf dem Level hätte halten können, war von Vornherein klar. Und zum zweiten hätte man sich darum kümmern müssen, dass man nicht nur die sportliche Infrastruktur aufbaut, sondern auch das Personal dafür zur Verfügung stellt. Die Unterstützung in Form von Aufbauhilfe hätte auch vom DFB kommen müssen.

Können Sie das genauer erklären?


So, wie das in Politik gemacht wurde. Ich war zur Wendezeit selber politisch in Berlin-Schöneberg tätig. Wir haben nach der Wiedervereinigung unseren besten leitenden Beamte der Bezirksverwaltung zeitweise nach Weißensee geschickt und die haben dort die Verwaltung aufgebaut.

Eine Starthilfe.


Ganz genau. Auch der DFB hätte einen Teil seiner besten Leute in den Osten schicken müssen. Wenn beispielsweise Leverkusen, Dortmund oder Bremen jeweils zwei Mitarbeiter aus ihrer Geschäftsstelle für zwei Jahre nach Dresden, Leipzig oder Rostock geschickt hätten, dann hätte dort eine gesunde Struktur wachsen können.

Hat man im Fußball vielleicht noch weniger als in der Politik begriffen, welche gesellschaftliche und soziale Ausnahmesituation mit der Wiedervereinigung in Kraft getreten war?


Man kann es auch sarkastisch sagen: Es herrschte eher eine Anschlussmentalität vor. Die BRD war 1990 gerade erst Weltmeister geworden. Dann kam da dieses kleine Land dazu, aus dem man sich nun bedienen konnte, man glaubte sich die ganzen Ressourcen einverleiben zu können. Wie Beckenbauer gesagt hat: »Auf Jahre hinaus wird unsere Nationalmannschaft unschlagbar sein.« Man hat sich am reichhaltigen Angebot bedient und dabei Wüsten hinterlassen.

Abschlussfrage: Geben Sie dem Fußball im Osten eine Chance für die Zukunft?


Die nächsten zehn Jahre werden unwahrscheinlich bitter und hart werden, ein knallhartes Ausscheidungsringen geben. Einige Vereine werden es schaffen, sich im Profifußball in Liga drei bis eins zu etablieren und einige, die heute noch hoffen, werden gnadenlos wegrasiert werden. Die landen entweder in der Bedeutungslosigkeit im unteren Amateurfußball oder werden liquidiert. Der Kuchen ist so klein, und nur ein paar werden es schaffen ein Stück davon abzubekommen. Der Fußball-Osten wird eine öde Steppe werden, und zwischendurch stehen zwei oder drei Leuchttürme.
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