16.02.2011

Olli Schulz über Kutten und Happel

»Ich bin genau wie der HSV«

Der Musiker Olli Schulz war prädestiniert für eine Fußballkarriere: Er wuchs einen Steinwurf vom Volksparkstadion auf, war baumartig gebaut und hatte einen Eisenfuß. Doch leider war er ein Weichei. Die Bilanz eines Gescheiterten.

Interview: Andreas Bock und Dirk Gieselmann Bild: PROMO
Wie war es für dich als Jugendlicher eigentlich neben diesen Westkurven-Rockertypen?

Olli Schulz: Die standen da alle mit Vokuhila und Kutte. Das einzige, was ich hatte, waren Pulswärmer. Vor einiger Zeit hat Jan Eißfeldt gesagt, er gehe nicht zum HSV, weil da alle den rechten Arm heben. Fand ich doof. Echt ein doofer Spruch. Es gab immer schon einen unglaublich großen Asi-Anteil beim Fußball. Auch wenn ich heute noch ins Stadion gehe, gibt es da Leute, die will ich eigentlich nicht sehen. Aber ganz ehrlich: Ich erkenne da keine rechtsradikalen Tendenzen. Ich sehe unsoziale Tendenzen, das ja. Ich glaube, Jan war einfach lange nicht mehr im Volkspark.

Viele sagen, früher sei alles besser gewesen. Wie geht’s Dir: Vermisst du das alte Volksparkstadion?

Olli Schulz: Nee, ich finde das neue Stadion super. Das ist klasse gebaut, hat eine super Akustik, unglaublich laut. Das alte hatte natürlich seinen Charme, war aber auf Dauer doch sehr monoton in seiner Architektur.

Nun gehört ja auch Lotto King Karl zu diesem Paket.

Olli Schulz: Ich habe mit dem im letzten Jahr gespielt und finde, dass das ein total netter Kerl ist. Der redet unfassbar viel, fast noch mehr als ich. Für den zählt wahrscheinlich auch das, was meine Oma immer über mich sagt: »Wenn der Olli mal stirbt, muss man das Maul noch mal extra totschlagen.« Dennoch: Das Lied »Hamburg, meine Perle« finde ich scheiße.

Wie alle Fußballlieder.

Olli Schulz: Es gibt tatsächlich wenige gute Fußballlieder in Deutschland. So was wie »Football’s coming home« bekommst du auf Deutsch nicht hin. Es ist alles irgendwie ganz witzig, doch das eigentlich Faszinierende ist der Trash-Charakter. Es gibt auch tolle Chöre und Gesänge, doch leider gibt es kein Fußballlied aus Deutschland, das eine gewisse Tiefe hat und trotzdem noch das Volk anspricht. Ein solches Fußballlied ist noch nicht geschrieben worden. Oder wie siehst du das, Trevor?

(Trevor Wilson sortiert Vinyl-Singles auf dem Sofa)

Trevor Wilson: Bullshit, du hast keine Ahnung.

Olli Schulz: Ich habe keine Ahnung.

Trevor Wilson: Es gibt großartige Lieder aus Deutschland.

Olli Schulz: Ich bin gespannt.

Trevor Wilson: Alleine Space Kelly: »Frauen kommen und gehen, doch was mir bleibt, ist mein Verein.« Come on, Hammer-Text.

Olli Schulz: Das hat natürlich Charakter. Das will ich gar nicht bestreiten, aber für mich als leidenschaftlicher Musikfan ist das nichts.

Trevor: »Der Fußball ist rund wie die Welt«. Frank Schöbel 1974.

Olli Schulz: Das ist witzig, aber das höre ich mir nur einmal an.

Trevor Wilson: Du hast keine Ahnung.

Olli Schulz: Na gut, warten wir ab, was du gleich auflegst.

(Trevor Wilson sortiert weiter seine Vinyl-Singles auf dem Sofa)

Schlimmer als die Event-Kultur, die einem in den Stadien vorgesetzt wird, ist doch eigentlich die Tatsache, dass sie bei vielen auch noch so gut ankommt. Da fühlt man sich allein in Mitten von Tausenden.

Olli Schulz: Wohl wahr! Das geht mir auch bei meinen Konzerten so. (lacht)

Wenn eine konkrete Anfrage vom HSV käme, eine neue Hymne zu komponieren...

Olli Schulz: Ich würde mich ransetzen. Aber ich bezweifle, dass ich das hinkriege.

Nervt dich dieses ganze Entertainment-Programm im Stadion?

Olli Schulz: Vor einiger Zeit dachte ich, ich könnte damit meine Freundin ins Stadion locken. Fußball ist gar nicht ihre Welt: »Zu laut, zu viel Saufen«, sagt sie. Ich hab dann zwei Karten für Hertha gegen den HSV geholt und sie irgendwie überredet. Als wir dann zu unseren Plätzen gehen, ist sie eigentlich noch ganz gut drauf. Und mit einem Mal ist alles dahin. Direkt vor uns sitzen drei Typen, die eingeknickt (biegt sich nach vorne) mit ihren Händen über dem Kopf auf ihre eigenen riesigen Kotzlachen blicken. Vor dem Spiel, wohlgemerkt. Ich wollte meine Freundin überzeugen: »Fußball ist doch super.« Und dann das... Sie kam nie wieder mit.

Fußballer sind ständig unterwegs, reisen von Hotel zu Hotel, von Stadt zu Stadt. Ist der einzige Unterschied zu Musikern, dass sie nicht saufen dürfen?

Olli Schulz: Nein, Musiker sind eher wie Vereine. Ich bin jedenfalls auch HSV-Fan, weil ich den Verein gut mit meiner eigenen Karriere vergleichen kann: Eigentlich brillant, aber wenn es drauf ankommt, verkackt man.

Wann bist du denn das letzte Mal deutscher Meister geworden?

Olli Schulz: Ich habe noch keinen Nummer-Eins-Hit gehabt. (greift zum Sechserträger) Ich trinke jetzt doch mal ein Bier. Es beschäftigt mich wirklich, warum der HSV es seit Jahren nicht schafft, eine ganze Saison gut zu spielen. Es war immer mal so, dass die phasenweise unglaublich geil gespielt haben – erinnert euch mal an die legendären Spiele gegen Juventus Turin –, und du denkst: wie krass. Und dann auf einmal verkacken sie. Ohne ersichtlichen Grund. Das ist ähnlich bei mir: Bei Konzerten auf dem Dorf vor 150 Leuten spiele ich befreit auf, die Leute sind zufrieden, und ich denke: Hast geil abgeliefert, Alter! Und dann spiele ich bei Kurt Krömer auf 'ner Benefizgala, ausverkaufter Admiralspalast in Berlin, ich komm auf die Bühne, und alles geht schief. Nicht ein Spruch sitzt, nicht ein Griff sitzt. So ist es beim HSV. Je mehr ich drüber nachdenke: Ich bin echt genauso wie der HSV.

Kann man das tatsächlich vergleichen: Ein Verein ist wie ein Mensch?

Olli Schulz: Alle Spieler zusammen ergeben zusammen eine Psyche. Eine Gesamtpsyche.

Auch wenn die Spieler kommen und gehen: Diese Psyche hat eine Kontinuität?

Olli Schulz: Das kommt natürlich drauf an, wie der Verein geführt wird. Es kommt drauf an, wie wird mit Traditionen oder Ritualen gearbeitet wird. Guckt euch Bayern München an, die haben einfach so eine breite Brust, wenn du da als Spieler hingehst, weißt du sofort, du wirst hier in einem Mechanismus eingebaut. Und das bezweifle ich oft beim HSV: Dort werden zu häufig wichtige Pfeiler weggerissen, um so einen Organismus am Laufen zu halten. Ich will jetzt nicht pornografisch werden, aber HSV ist wie eine Frau, die einen richtig geil macht, aber im Bett 'ne Niete ist.

Warum hat der HSV eigentlich nicht dieses typisch hanseatische Selbstwertgefühl? Da fehlt dieses Guldenburgmäßige.

Olli Schulz: Stimmt. Guckt euch St. Pauli an, die haben keine Arroganz, aber eine gewisse Stärke, einen Stolz. Ich finde auch, dass der HSV Stolz hat, was ich aber nicht verstehe, dass die Brust so schmal ist. Das Ding ist doch: Der HSV ist der einzige Verein, der seit Anfang an und ununterbrochen dabei ist. Der HSV ist der Traditionsverein schlechthin. Dafür könnte man die Brust schon mehr rausfahren, mehr sein Image zu formen.

Bist du als Musiker dabei, dir ein Image aufzubauen?

Olli Schulz: Es gibt viele Musiker, die sich sehr gut selbst vermarkten können. Das habe ich leider nicht drauf.

Das kann ja auch ein Image sein.

Olli Schulz: Stimmt. Aber ich sehe, dass ich sehr viele Leute verwirre. Ich mach so einen Song wie den »Bibo«, so ein bescheuertes Ding, bei dem ich dachte, dass jeder den platten Humor versteht. Doch dann kam ein unheimlicher Gegenwind. Ein Jahr zuvor noch habe ich auf einem kleinen Indie-Label eine Vinyl-Single veröffentlicht, auf der ich zwei Stücke von der alten Punkband Razzia covere. Plötzlich kamen sie alle an: »Ja, geil, Olli, zeig uns, wo deine Roots sind.« Und nach »Bibo« alle so: »Hä?!« Das ist vielleicht mein Fluch: Ich mache das, worauf ich Lust habe, sinnlose Affennummer oder etwas, das mir wirklich am Herzen liegt. Ich habe da einfach keine Struktur drin.

Wie wichtig sind dir Trainer beim HSV, die das Image des HSV verkörpern? Martin Jol war ziemlich geradeaus, eine Art Seemannstyp. Der passte doch eigentlich ganz gut zum HSV – dachte man jedenfalls.

Olli Schulz: Eigentlich schon. Ich muss ehrlich sagen: Ich bin seit den 80ern HSV-Fan, aber es gab immer wieder Phasen, wo ich nicht dabei war, und das lag dann wirklich am Trainer. Als Toppmöller etwa da war. Der hatte immer schlechte Laune, das gefiel mir nicht. Den wollte ich nicht sehen.

Toppmöller war so komisch depressiv.

Olli Schulz: Ja, der hat diese Stimmung in den ganzen Verein gebracht. Pagelsdorf fand ich gut. Doll am Anfang auch. Doch der war irgendwann zu lieb, der hat einfach nicht die Autorität gehabt, hat gute Leidenschaft in den Verein gebracht, aber eben zu kurz. Also, wie gesagt: wenn der Trainer richtig ätzend ist, bin ich nicht dabei. Ich weiß nicht, wieso das so ist. Ich glaube, ich muss Vertrauen in den Trainer haben. Bei Bruno Labbadia war ich anfangs skeptisch. Der könnte auch sagen: »Brauchst du noch ein Auto, ruf mich an.«

Oder die Polo-Abteilung des HSV leiten.

Olli Schulz: Oder das, ja. Ich muss aber sagen, dass er seine Sache gerade ganz gut macht. Dass er sich äußerst souverän gibt.

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