16.02.2011

Olli Schulz über Kutten und Happel

»Ich bin genau wie der HSV«

Der Musiker Olli Schulz war prädestiniert für eine Fußballkarriere: Er wuchs einen Steinwurf vom Volksparkstadion auf, war baumartig gebaut und hatte einen Eisenfuß. Doch leider war er ein Weichei. Die Bilanz eines Gescheiterten.

Interview: Andreas Bock und Dirk Gieselmann Bild: PROMO

Olli Schulz ist Musiker, Fan vom Hamburger SV und eine Frohnatur. Kürzlich sagte er in seiner neuen NDR-Show »Bei Olli«: »75 Prozent meines Lebens habe ich in Konzertclubs und in Plattenläden verbracht.«

Trevor Wilson ist Fußballschallplattensammler, Fan von Chelmsford City FC und schlecht gelaunt. Seit einigen Monaten schreibt er für 11FREUNDE wunderbar launige Rezensionen über Bands und Musiker mit Namen wie »Die Hajos«, Gus Backus oder Fifi Brix.

Wir brachten für einen Abend zusammen, was zusammen gehört. Oder doch nicht. Lest heute das Interview mit Olli Schulz und seht morgen, wie Trevor Wilson Olli Schulz erklärt, was gute Fußballmusik ist.



Olli Schulz: Sorry, Jungs, kann kein Bier trinken. Ich bin noch ein bisschen krank.

Mit Bier kann man dem Körper Fieber vortäuschen.

Olli Schulz: Stimmt. Vielleicht später.

Olli, neulich erzähltest du von deiner allerersten Schallplatte: eine HSV-Compilation samt Unterschriften der Spieler.


Olli Schulz: (zerknirscht) Da hab ich dick aufgetragen. Meine allererste Platte war von Phil Collins, 1985, da war ich zwölf Jahre alt. Ich bin nicht besonders stolz drauf, ganz ehrlich, würde lieber sagen: Meine erste Platte war von The Clash.

Etwa Phil Collins’ »In the air tonight«?

Olli Schulz: Nein, noch schlimmer: »Su Su Studio«. Eigentlich eine sehr fürchterliche Platte, doch die war damals angesagt. Meine zweite Platte war von U2, die dritte die besagte HSV-Platte.

Was war drauf? Die damals angesagten Stadion-Hits?

Olli Schulz: Nein. Da ist kein einziges Fußballlied drauf, das ist ja das Bescheuerte. Ich habe mir die Scheibe eigentlich auch nur wegen dem Ball auf dem Cover und den Unterschriften der HSV-Spieler gekauft. Ich war unglaublich heiß auf das Ding, denn einen Tag zuvor war ich mit meinen Eltern im Zirkus, und Manni Kaltz hatte dort eine Autogrammstunde. Nach der Vorstellung verteilte er diese Platte und signierte sie. Ich bekam keine ab und war ziemlich enttäuscht. Einen Tag später bin ich sofort in den Laden gerannt.

Bist du zu der Zeit schon ins Stadion gegangen?

Olli Schulz: Das war genau zu der Zeit, als ich das erste Mal hin bin, Saison 1985/86, erstes Spiel gegen Bayer Uerdingen und gleich eine 1:4-Klatsche. Ich stand in der Westkurve. Block E.

Da war Uerdingen noch stark.

Olli Schulz: Die sind in jenem Jahr Dritter geworden. Richtig, richtig stark.

Damals waren vermutlich nicht mehr als 5000 Zuschauer im Stadion.

Olli Schulz: Weiß ich nicht mehr. Aber es war zu der Zeit mitunter echt erbärmlich. Ich habe mich schnell dran gewöhnt. Ich bin ja in Hamburg-Stellingen aufgewachsen, also direkt da, wo das Stadion steht. Ich war also bei ziemlich vielen Spielen. Hab noch Jakobs, Kaltz und Stein spielen sehen. Uli mochte ich besonders. Ich war ja selber Torwart beim ETV, dem Eimsbüttler Turnverband in Hamburg.

(Andreas Bock jubelt) Da war ich auch! Stürmer!

Olli Schulz: (jubelt ebenfalls) ETV, wie geil.

(Bock selig) Mein erster Verein!

Olli Schulz: (ernüchtert) Nein, mein erster Verein war GWE – Grün-Weiß Eimsbüttel. Damals war die F-Jugend von GWE aber im Umbruch, der Trainer ging weg – er musste zum Bund – und wir sind eines Tages geschlossen zum ETV gegangen. Und da fand ich plötzlich richtig hierarchische Formen vor. Das war so elitenmäßig. Der Trainer sagte nach ein paar Spielen zu mir: »Du bist der einzige Torwart, der in Zeitlupe fallen kann.« Danach hatte ich einen neuen Spitznamen: die Bahnschranke. Fortan war ich zweiter Torwart.

Du bist immer Torwart geblieben?

Olli Schulz: Ja. Lag vermutlich an meinen Helden: Toni Schumacher und Uli Stein.

Das ist doch eigentlich unvereinbar.

Olli Schulz: Weil die verfeindet waren, ja. Am Anfang fand ich Schumacher geil, weil der so asozial war, danach Stein, weil der noch asozialer war.

Beide sind ja dafür bekannt, dass sie wahnsinnig schlecht verlieren konnten.

Olli Schulz: Wahnsinnig schlecht, richtig. Und gerne haben sie mal einem Stürmer einen mitgegeben.

Wie war das bei dir? Auch mal zugeschlagen?

Olli Schulz: (nachdenklich) Eigentlich war ich ein Weichei. Nur einmal bin ich raus und hab mit den Stollen einem Stürmer ins Gesicht getreten. Der blutete dann und weinte, und ich habe ihn getröstet – prompt fingen wir ein Gegentor, weil ich immer noch bei diesem Typen stand. Mein Trainer rief dann immer: »Schulzke! Schulzke, du Lappen!« Ich war echt zu weich. Das merkte ich schon bei meinem ersten Spiel.

Was passierte dort?

Olli Schulz: Ein Schuss kam aufs Tor, ich erreichte den Ball nicht, er knallte glücklicherweise gegen die Latte und unglücklicherweise danach direkt auf meine Nase. Ich lag auf dem Boden, jammerte und blutete aus beiden Nasenlöchern.

Du hast mal eine Platte gemacht: »Brichst du mir das Herz, brech ich dir die Beine.«

Olli Schulz: Damals war ich weit entfernt vom Rowdytum. Gerade in dieser Gegend, in der GWE spielte. Das war unweit der sogenannten Lenz-Siedlung, 'ne Plattenbausiedlung in Eimsbüttel. Ich will das nicht mit Wedding oder so vergleichen, aber das hatte schon was Ghettoartiges – zumindest wohnten da viele Kinder aus sozial schwächeren Verhältnissen. Und die spielten dann in meiner Mannschaft: Viele harte Jungs, die zwölf Jahre alt waren, aber 'ne Körperbehaarung hatten, als wären sie 35. Da gab es einen, der hieß Ulasch. Der war der Heftigste von allen. Ulasch. Ulasch. Was für ein geiler Name. Doch keiner hat sich je getraut, ihn »Gulasch« zu nennen.

Hattest du damals den Traum vom Profifußball?

Olli Schulz: Eines Tages waren tatsächlich Scouts von der Hamburger Auswahl vor Ort. Doch dann kam dieser Arsch von Trainer, Herr Wenzing, zu mir und beorderte mich ins Mittelfeld. Zu dem Typen von der Hamburger Auswahl sagte er: »Das ist Schulzke, den stell ich ins Mittelfeld, den nennen wir nämlich nur den Baum.« Die nannten mich den »Baum«, weil alle umfielen, wenn sie gegen mich liefen. Ich war sehr massiv. Ich hatte dicke Beine. Ich war zwar sehr unbeholfen, konnte aber derbe abziehen aus der zweiten Reihe. Echt jetzt.

Mitte der 80er war auch Happel-Zeit.

Olli Schulz: Ja, Happel. Der blieb ja bis 1987. Ich habe ihn noch gesehen – rauchend am Spielfeldrand.

War Happel eigentlich cool oder einfach nur schlecht drauf?

Olli Schulz: Für mich war das der erste Trainer-Dämon. (lacht) Ja, der hatte wirklich etwas Dämonisches. Aber damals konnte ich das nicht wirklich beurteilen, ich war ja erst zwölf Jahre alt. Happel hat auf jeden Fall Eindruck gemacht. Egal, ob die gewonnen oder verloren haben, der Typ hat ja nicht eine Regung gezeigt.

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