Olli Schulz über Kutten und Happel

»Ich bin genau wie der HSV«

Der Musiker Olli Schulz war prädestiniert für eine Fußballkarriere: Er wuchs einen Steinwurf vom Volksparkstadion auf, war baumartig gebaut und hatte einen Eisenfuß. Doch leider war er ein Weichei. Die Bilanz eines Gescheiterten. Olli Schulz über Kutten und HappelPROMO

Olli Schulz ist Musiker, Fan vom Hamburger SV und eine Frohnatur. Kürzlich sagte er in seiner neuen NDR-Show »Bei Olli«: »75 Prozent meines Lebens habe ich in Konzertclubs und in Plattenläden verbracht.«

Trevor Wilson ist Fußballschallplattensammler, Fan von Chelmsford City FC und schlecht gelaunt. Seit einigen Monaten schreibt er für 11FREUNDE wunderbar launige Rezensionen über Bands und Musiker mit Namen wie »Die Hajos«, Gus Backus oder Fifi Brix.

Wir brachten für einen Abend zusammen, was zusammen gehört. Oder doch nicht. Lest heute das Interview mit Olli Schulz und seht morgen, wie Trevor Wilson Olli Schulz erklärt, was gute Fußballmusik ist.



Olli Schulz: Sorry, Jungs, kann kein Bier trinken. Ich bin noch ein bisschen krank.

Mit Bier kann man dem Körper Fieber vortäuschen.

Olli Schulz: Stimmt. Vielleicht später.

Olli, neulich erzähltest du von deiner allerersten Schallplatte: eine HSV-Compilation samt Unterschriften der Spieler.


Olli Schulz: (zerknirscht) Da hab ich dick aufgetragen. Meine allererste Platte war von Phil Collins, 1985, da war ich zwölf Jahre alt. Ich bin nicht besonders stolz drauf, ganz ehrlich, würde lieber sagen: Meine erste Platte war von The Clash.

Etwa Phil Collins’ »In the air tonight«?

Olli Schulz: Nein, noch schlimmer: »Su Su Studio«. Eigentlich eine sehr fürchterliche Platte, doch die war damals angesagt. Meine zweite Platte war von U2, die dritte die besagte HSV-Platte.

Was war drauf? Die damals angesagten Stadion-Hits?

Olli Schulz: Nein. Da ist kein einziges Fußballlied drauf, das ist ja das Bescheuerte. Ich habe mir die Scheibe eigentlich auch nur wegen dem Ball auf dem Cover und den Unterschriften der HSV-Spieler gekauft. Ich war unglaublich heiß auf das Ding, denn einen Tag zuvor war ich mit meinen Eltern im Zirkus, und Manni Kaltz hatte dort eine Autogrammstunde. Nach der Vorstellung verteilte er diese Platte und signierte sie. Ich bekam keine ab und war ziemlich enttäuscht. Einen Tag später bin ich sofort in den Laden gerannt.

Bist du zu der Zeit schon ins Stadion gegangen?

Olli Schulz: Das war genau zu der Zeit, als ich das erste Mal hin bin, Saison 1985/86, erstes Spiel gegen Bayer Uerdingen und gleich eine 1:4-Klatsche. Ich stand in der Westkurve. Block E.

Da war Uerdingen noch stark.

Olli Schulz: Die sind in jenem Jahr Dritter geworden. Richtig, richtig stark.

Damals waren vermutlich nicht mehr als 5000 Zuschauer im Stadion.

Olli Schulz: Weiß ich nicht mehr. Aber es war zu der Zeit mitunter echt erbärmlich. Ich habe mich schnell dran gewöhnt. Ich bin ja in Hamburg-Stellingen aufgewachsen, also direkt da, wo das Stadion steht. Ich war also bei ziemlich vielen Spielen. Hab noch Jakobs, Kaltz und Stein spielen sehen. Uli mochte ich besonders. Ich war ja selber Torwart beim ETV, dem Eimsbüttler Turnverband in Hamburg.

(Andreas Bock jubelt) Da war ich auch! Stürmer!

Olli Schulz: (jubelt ebenfalls) ETV, wie geil.

(Bock selig) Mein erster Verein!

Olli Schulz: (ernüchtert) Nein, mein erster Verein war GWE – Grün-Weiß Eimsbüttel. Damals war die F-Jugend von GWE aber im Umbruch, der Trainer ging weg – er musste zum Bund – und wir sind eines Tages geschlossen zum ETV gegangen. Und da fand ich plötzlich richtig hierarchische Formen vor. Das war so elitenmäßig. Der Trainer sagte nach ein paar Spielen zu mir: »Du bist der einzige Torwart, der in Zeitlupe fallen kann.« Danach hatte ich einen neuen Spitznamen: die Bahnschranke. Fortan war ich zweiter Torwart.

Du bist immer Torwart geblieben?

Olli Schulz: Ja. Lag vermutlich an meinen Helden: Toni Schumacher und Uli Stein.

Das ist doch eigentlich unvereinbar.

Olli Schulz: Weil die verfeindet waren, ja. Am Anfang fand ich Schumacher geil, weil der so asozial war, danach Stein, weil der noch asozialer war.

Beide sind ja dafür bekannt, dass sie wahnsinnig schlecht verlieren konnten.

Olli Schulz: Wahnsinnig schlecht, richtig. Und gerne haben sie mal einem Stürmer einen mitgegeben.

Wie war das bei dir? Auch mal zugeschlagen?

Olli Schulz: (nachdenklich) Eigentlich war ich ein Weichei. Nur einmal bin ich raus und hab mit den Stollen einem Stürmer ins Gesicht getreten. Der blutete dann und weinte, und ich habe ihn getröstet – prompt fingen wir ein Gegentor, weil ich immer noch bei diesem Typen stand. Mein Trainer rief dann immer: »Schulzke! Schulzke, du Lappen!« Ich war echt zu weich. Das merkte ich schon bei meinem ersten Spiel.

Was passierte dort?

Olli Schulz: Ein Schuss kam aufs Tor, ich erreichte den Ball nicht, er knallte glücklicherweise gegen die Latte und unglücklicherweise danach direkt auf meine Nase. Ich lag auf dem Boden, jammerte und blutete aus beiden Nasenlöchern.

Du hast mal eine Platte gemacht: »Brichst du mir das Herz, brech ich dir die Beine.«

Olli Schulz: Damals war ich weit entfernt vom Rowdytum. Gerade in dieser Gegend, in der GWE spielte. Das war unweit der sogenannten Lenz-Siedlung, 'ne Plattenbausiedlung in Eimsbüttel. Ich will das nicht mit Wedding oder so vergleichen, aber das hatte schon was Ghettoartiges – zumindest wohnten da viele Kinder aus sozial schwächeren Verhältnissen. Und die spielten dann in meiner Mannschaft: Viele harte Jungs, die zwölf Jahre alt waren, aber 'ne Körperbehaarung hatten, als wären sie 35. Da gab es einen, der hieß Ulasch. Der war der Heftigste von allen. Ulasch. Ulasch. Was für ein geiler Name. Doch keiner hat sich je getraut, ihn »Gulasch« zu nennen.

Hattest du damals den Traum vom Profifußball?

Olli Schulz: Eines Tages waren tatsächlich Scouts von der Hamburger Auswahl vor Ort. Doch dann kam dieser Arsch von Trainer, Herr Wenzing, zu mir und beorderte mich ins Mittelfeld. Zu dem Typen von der Hamburger Auswahl sagte er: »Das ist Schulzke, den stell ich ins Mittelfeld, den nennen wir nämlich nur den Baum.« Die nannten mich den »Baum«, weil alle umfielen, wenn sie gegen mich liefen. Ich war sehr massiv. Ich hatte dicke Beine. Ich war zwar sehr unbeholfen, konnte aber derbe abziehen aus der zweiten Reihe. Echt jetzt.

Mitte der 80er war auch Happel-Zeit.

Olli Schulz: Ja, Happel. Der blieb ja bis 1987. Ich habe ihn noch gesehen – rauchend am Spielfeldrand.

War Happel eigentlich cool oder einfach nur schlecht drauf?

Olli Schulz: Für mich war das der erste Trainer-Dämon. (lacht) Ja, der hatte wirklich etwas Dämonisches. Aber damals konnte ich das nicht wirklich beurteilen, ich war ja erst zwölf Jahre alt. Happel hat auf jeden Fall Eindruck gemacht. Egal, ob die gewonnen oder verloren haben, der Typ hat ja nicht eine Regung gezeigt.

Wie war es für dich als Jugendlicher eigentlich neben diesen Westkurven-Rockertypen?

Olli Schulz: Die standen da alle mit Vokuhila und Kutte. Das einzige, was ich hatte, waren Pulswärmer. Vor einiger Zeit hat Jan Eißfeldt gesagt, er gehe nicht zum HSV, weil da alle den rechten Arm heben. Fand ich doof. Echt ein doofer Spruch. Es gab immer schon einen unglaublich großen Asi-Anteil beim Fußball. Auch wenn ich heute noch ins Stadion gehe, gibt es da Leute, die will ich eigentlich nicht sehen. Aber ganz ehrlich: Ich erkenne da keine rechtsradikalen Tendenzen. Ich sehe unsoziale Tendenzen, das ja. Ich glaube, Jan war einfach lange nicht mehr im Volkspark.

Viele sagen, früher sei alles besser gewesen. Wie geht’s Dir: Vermisst du das alte Volksparkstadion?

Olli Schulz: Nee, ich finde das neue Stadion super. Das ist klasse gebaut, hat eine super Akustik, unglaublich laut. Das alte hatte natürlich seinen Charme, war aber auf Dauer doch sehr monoton in seiner Architektur.

Nun gehört ja auch Lotto King Karl zu diesem Paket.

Olli Schulz: Ich habe mit dem im letzten Jahr gespielt und finde, dass das ein total netter Kerl ist. Der redet unfassbar viel, fast noch mehr als ich. Für den zählt wahrscheinlich auch das, was meine Oma immer über mich sagt: »Wenn der Olli mal stirbt, muss man das Maul noch mal extra totschlagen.« Dennoch: Das Lied »Hamburg, meine Perle« finde ich scheiße.

Wie alle Fußballlieder.

Olli Schulz: Es gibt tatsächlich wenige gute Fußballlieder in Deutschland. So was wie »Football’s coming home« bekommst du auf Deutsch nicht hin. Es ist alles irgendwie ganz witzig, doch das eigentlich Faszinierende ist der Trash-Charakter. Es gibt auch tolle Chöre und Gesänge, doch leider gibt es kein Fußballlied aus Deutschland, das eine gewisse Tiefe hat und trotzdem noch das Volk anspricht. Ein solches Fußballlied ist noch nicht geschrieben worden. Oder wie siehst du das, Trevor?

(Trevor Wilson sortiert Vinyl-Singles auf dem Sofa)

Trevor Wilson: Bullshit, du hast keine Ahnung.

Olli Schulz: Ich habe keine Ahnung.

Trevor Wilson: Es gibt großartige Lieder aus Deutschland.

Olli Schulz: Ich bin gespannt.

Trevor Wilson: Alleine Space Kelly: »Frauen kommen und gehen, doch was mir bleibt, ist mein Verein.« Come on, Hammer-Text.

Olli Schulz: Das hat natürlich Charakter. Das will ich gar nicht bestreiten, aber für mich als leidenschaftlicher Musikfan ist das nichts.

Trevor: »Der Fußball ist rund wie die Welt«. Frank Schöbel 1974.

Olli Schulz: Das ist witzig, aber das höre ich mir nur einmal an.

Trevor Wilson: Du hast keine Ahnung.

Olli Schulz: Na gut, warten wir ab, was du gleich auflegst.

(Trevor Wilson sortiert weiter seine Vinyl-Singles auf dem Sofa)

Schlimmer als die Event-Kultur, die einem in den Stadien vorgesetzt wird, ist doch eigentlich die Tatsache, dass sie bei vielen auch noch so gut ankommt. Da fühlt man sich allein in Mitten von Tausenden.

Olli Schulz: Wohl wahr! Das geht mir auch bei meinen Konzerten so. (lacht)

Wenn eine konkrete Anfrage vom HSV käme, eine neue Hymne zu komponieren...

Olli Schulz: Ich würde mich ransetzen. Aber ich bezweifle, dass ich das hinkriege.

Nervt dich dieses ganze Entertainment-Programm im Stadion?

Olli Schulz: Vor einiger Zeit dachte ich, ich könnte damit meine Freundin ins Stadion locken. Fußball ist gar nicht ihre Welt: »Zu laut, zu viel Saufen«, sagt sie. Ich hab dann zwei Karten für Hertha gegen den HSV geholt und sie irgendwie überredet. Als wir dann zu unseren Plätzen gehen, ist sie eigentlich noch ganz gut drauf. Und mit einem Mal ist alles dahin. Direkt vor uns sitzen drei Typen, die eingeknickt (biegt sich nach vorne) mit ihren Händen über dem Kopf auf ihre eigenen riesigen Kotzlachen blicken. Vor dem Spiel, wohlgemerkt. Ich wollte meine Freundin überzeugen: »Fußball ist doch super.« Und dann das... Sie kam nie wieder mit.

Fußballer sind ständig unterwegs, reisen von Hotel zu Hotel, von Stadt zu Stadt. Ist der einzige Unterschied zu Musikern, dass sie nicht saufen dürfen?

Olli Schulz: Nein, Musiker sind eher wie Vereine. Ich bin jedenfalls auch HSV-Fan, weil ich den Verein gut mit meiner eigenen Karriere vergleichen kann: Eigentlich brillant, aber wenn es drauf ankommt, verkackt man.

Wann bist du denn das letzte Mal deutscher Meister geworden?

Olli Schulz: Ich habe noch keinen Nummer-Eins-Hit gehabt. (greift zum Sechserträger) Ich trinke jetzt doch mal ein Bier. Es beschäftigt mich wirklich, warum der HSV es seit Jahren nicht schafft, eine ganze Saison gut zu spielen. Es war immer mal so, dass die phasenweise unglaublich geil gespielt haben – erinnert euch mal an die legendären Spiele gegen Juventus Turin –, und du denkst: wie krass. Und dann auf einmal verkacken sie. Ohne ersichtlichen Grund. Das ist ähnlich bei mir: Bei Konzerten auf dem Dorf vor 150 Leuten spiele ich befreit auf, die Leute sind zufrieden, und ich denke: Hast geil abgeliefert, Alter! Und dann spiele ich bei Kurt Krömer auf 'ner Benefizgala, ausverkaufter Admiralspalast in Berlin, ich komm auf die Bühne, und alles geht schief. Nicht ein Spruch sitzt, nicht ein Griff sitzt. So ist es beim HSV. Je mehr ich drüber nachdenke: Ich bin echt genauso wie der HSV.

Kann man das tatsächlich vergleichen: Ein Verein ist wie ein Mensch?

Olli Schulz: Alle Spieler zusammen ergeben zusammen eine Psyche. Eine Gesamtpsyche.

Auch wenn die Spieler kommen und gehen: Diese Psyche hat eine Kontinuität?

Olli Schulz: Das kommt natürlich drauf an, wie der Verein geführt wird. Es kommt drauf an, wie wird mit Traditionen oder Ritualen gearbeitet wird. Guckt euch Bayern München an, die haben einfach so eine breite Brust, wenn du da als Spieler hingehst, weißt du sofort, du wirst hier in einem Mechanismus eingebaut. Und das bezweifle ich oft beim HSV: Dort werden zu häufig wichtige Pfeiler weggerissen, um so einen Organismus am Laufen zu halten. Ich will jetzt nicht pornografisch werden, aber HSV ist wie eine Frau, die einen richtig geil macht, aber im Bett 'ne Niete ist.

Warum hat der HSV eigentlich nicht dieses typisch hanseatische Selbstwertgefühl? Da fehlt dieses Guldenburgmäßige.

Olli Schulz: Stimmt. Guckt euch St. Pauli an, die haben keine Arroganz, aber eine gewisse Stärke, einen Stolz. Ich finde auch, dass der HSV Stolz hat, was ich aber nicht verstehe, dass die Brust so schmal ist. Das Ding ist doch: Der HSV ist der einzige Verein, der seit Anfang an und ununterbrochen dabei ist. Der HSV ist der Traditionsverein schlechthin. Dafür könnte man die Brust schon mehr rausfahren, mehr sein Image zu formen.

Bist du als Musiker dabei, dir ein Image aufzubauen?

Olli Schulz: Es gibt viele Musiker, die sich sehr gut selbst vermarkten können. Das habe ich leider nicht drauf.

Das kann ja auch ein Image sein.

Olli Schulz: Stimmt. Aber ich sehe, dass ich sehr viele Leute verwirre. Ich mach so einen Song wie den »Bibo«, so ein bescheuertes Ding, bei dem ich dachte, dass jeder den platten Humor versteht. Doch dann kam ein unheimlicher Gegenwind. Ein Jahr zuvor noch habe ich auf einem kleinen Indie-Label eine Vinyl-Single veröffentlicht, auf der ich zwei Stücke von der alten Punkband Razzia covere. Plötzlich kamen sie alle an: »Ja, geil, Olli, zeig uns, wo deine Roots sind.« Und nach »Bibo« alle so: »Hä?!« Das ist vielleicht mein Fluch: Ich mache das, worauf ich Lust habe, sinnlose Affennummer oder etwas, das mir wirklich am Herzen liegt. Ich habe da einfach keine Struktur drin.

Wie wichtig sind dir Trainer beim HSV, die das Image des HSV verkörpern? Martin Jol war ziemlich geradeaus, eine Art Seemannstyp. Der passte doch eigentlich ganz gut zum HSV – dachte man jedenfalls.

Olli Schulz: Eigentlich schon. Ich muss ehrlich sagen: Ich bin seit den 80ern HSV-Fan, aber es gab immer wieder Phasen, wo ich nicht dabei war, und das lag dann wirklich am Trainer. Als Toppmöller etwa da war. Der hatte immer schlechte Laune, das gefiel mir nicht. Den wollte ich nicht sehen.

Toppmöller war so komisch depressiv.

Olli Schulz: Ja, der hat diese Stimmung in den ganzen Verein gebracht. Pagelsdorf fand ich gut. Doll am Anfang auch. Doch der war irgendwann zu lieb, der hat einfach nicht die Autorität gehabt, hat gute Leidenschaft in den Verein gebracht, aber eben zu kurz. Also, wie gesagt: wenn der Trainer richtig ätzend ist, bin ich nicht dabei. Ich weiß nicht, wieso das so ist. Ich glaube, ich muss Vertrauen in den Trainer haben. Bei Bruno Labbadia war ich anfangs skeptisch. Der könnte auch sagen: »Brauchst du noch ein Auto, ruf mich an.«

Oder die Polo-Abteilung des HSV leiten.

Olli Schulz: Oder das, ja. Ich muss aber sagen, dass er seine Sache gerade ganz gut macht. Dass er sich äußerst souverän gibt.

Gibt es eigentlich Leute vom HSV, bei denen du dich freuen würdest, wenn sie zu deinem Konzert kämen?

Olli Schulz: Auf jeden Fall. Bei Barbarez zum Beispiel. Der hat den gleichen Friseur wie ich – einmal saß der neben mir im Friseurstuhl und machte einen äußerst sympathischen Eindruck. Den haben die auch zu früh gehen lassen, hätten ihn noch halten sollen. Doch generell kann man schon festhalten: Fußballer und Musiker sind sehr unterschiedlich. Ich würde sagen: In ihrem Herzen sind oder werden viele Fußballer zu bornierten Spießern.

Gelegentlich kommt es aber doch vor, dass Fußballer bei Konzerten auftauchen.

Olli Schulz: Ausnahmen gibt es immer. Eger von St. Pauli hat 'nen ganz guten Musikgeschmack. Oder Mehmt Scholl. Obwohl ich da noch nicht mal weiß, ob ihm nicht irgendjemand gesagt hat: Hier Mehmet, mach mal 'nen Sampler mit diesen und jenen Bands.

Wie ist dein Verhältnis zu St. Pauli? Liebe? Hass? Hassliebe?

Olli Schulz: Ich kenne keinen Hass. Und ganz ehrlich: Der Hass kommt immer von den kleineren Vereinen. Bestes Beispiel: Werder Bremen.

Werder ist der kleinere Verein?

Olli Schulz: Auf jeden Fall.

Stichwort: Uefa Cup-Halbfinale. Mein Lieber. (Werder-Fan Gieselmann nippt triumphierend am Bier, HSV-Fan Bock versinkt im Sessel)

Olli Schulz: (kleinlaut) Okay, Werder ist der erfolgreichere Verein in den letzten 20 Jahren gewesen. Und ich beneide den Klub für den Trainer und die loyalen Fans. Welche Mannschaft hat seit zwölf Jahren denselben Trainer? Aber da hängt doch noch viel mehr dran. Hamburg ist eine Weltstadt, hat einen großen Namen. AC/DC haben diesen Sommer in Bremen gespielt und Brian Johnson sagte nach jedem Lied: »Thank you, Hamburg!« Der dachte, Bremen sei ein Vorgarten von Hamburg. Um mich herum standen alle mit 'ner Fresse bis auf den Boden.           

Die kleinere Stadt bringt den erfolgreicheren Verein hervor. Das muss dich doch beschäftigen.

Olli Schulz: Ach, wenn ich mich jedes Mal über dumme Entscheidungen oder schlechte Spiele aufregen würde oder darüber, welcher Verein nun besser als der HSV steht... Das Ding ist doch: Ich bin in Hamburg aufgewachsen, direkt am Volksparkstadion. Das prägt. Und nun 'ne Phrase: Ein richtiger Fan leidet eben auch. Vielleicht bin ich auch nicht so sehr mit Haut und Haaren Fan, es gab einige Saisons, in denen ich ausgestiegen bin. Mit 20 wollte ich lieber auf Punk- und Hardcore-Konzerte gehen oder Mädchen kennen lernen, und nicht am Samstag beim Fußball abhängen. Doch jetzt, wo sich auch familiäre Strukturen bei mir bilden, kommt die Begeisterung wieder. Die letzten vier Saisons habe ich alle verfolgt.

Mal angenommen, du wärst unglaublich reich. Würdest du dir einen Verein kaufen so wie dein Kollege Elton John?


Olli Schulz: Nö. Zuviel Stress. Einen Spieler würde ich mir kaufen, als Kapitalanlage. Und dann richtig heiß halten. Strandläufe, wenig zu essen geben. Es ist doch paradox: Alle reden von der Weltwirtschaftskrise, aber im Fußball zirkuliert immer mehr Geld. Noch ist genug Kultur im Fußball, die mich versöhnt. Aber es wird immer weniger.

Wir machen uns Sorgen um den Fußball, dabei geht es ihm offenbar immer besser.

Olli Schulz: Ich glaube, dass viele Fans insgeheim denken: »Was machen die eigentlich mit uns?« Aber die Lust auf Protest ist nicht bei allen gleich.

Wenn nun beim HSV ein Scheich einsteigen und 100 Millionen in den Klub pumpen würde – würdest du protestieren?

Olli Schulz: Gemeine Frage. Wenn ich bedenke, dass wir dann van der Vaart zurückholen könnten und dauerhaft oben mitspielen...  Ach, es ist kompliziert.

Sven Regener von Element Of Crime sagte neulich zu uns, er sei froh, dass er nicht Bayern-Fan geworden sei. Er meint, dann hätte er heute wegen des ständigen Erfolgs einen ziemlich flachen Charakter.


Olli Schulz: Kann ich nachvollziehen, aber ich persönlich lasse den HSV dann doch nicht so nah an mich ran. Obwohl: Ich hatte mal HSV-Bettwäsche, auf dem Kopfkissen war das Gesicht von Uli Stein.

Bist du mal schreiend aufgewacht?

Olli Schulz: Kann sein. Aber dann habe ich schnell Felix Magath auf der Bettdecke angeguckt. Der sah so lieb aus.


Seht im Video-Podcast, wie Olli Schulz und Trevor Wilson die besten Fußball-Singles der Musikgeschichte hören. Von Tennessees »Fußball-Lied« über Will Höhnes »Der Theodor im Fußballtor« bis Kevin Keegans »It ain't easy«.

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