17.07.2007

Oliver Schmidtlein im Interview

„Wir brauchen Angstszenarien“

Wie kriegt man eine Mannschaft fit für die neue Saison? Und wie schafft man es, dass sie auch fit bleibt? Oliver Schmidtlein, ex Konditionstrainer des FC Bayern und Gummiband-Beauftragter des DFB, setzt auf Angst und Strafe.

Interview: Tobias Börner Bild: Imago
Wo wäre da bei einem Profifußballer der Ansatz?

Nehmen wir die Körperkomposition. Der Körperfettanteil sollte sich im einstelligen Bereich bewegen. Ist dieser zweistellig, sollte der Profi eine bestimmte Summe Strafe zahlen - je nach Einkommen bis zu 50.000 Euro.

Ist das nicht ein bisschen heftig?

Nein. Es muss ihm ja auch wehtun, denn ansonsten ist er nicht einsichtig. Doch uns fehlt in Deutschland noch ein klarer Maßnahmenkatalog. Ich denke, dass ein Fußballer über Aufklärung und die Schaffung von Angstszenarien am besten zu packen ist – Angst davor, dass ihm die Bank oder die Tribüne drohen könnte oder eben ganz einfach und am effektivsten: vor Geldstrafen. Ich denke, so funktionieren Menschen am ehesten.

Weshalb?

Die Bundesligisten trauen es sich ganz einfach nicht, weil sie Angst haben, dann diesen oder jenen Spieler nicht zu bekommen. Würden die Vereine auf dieser Ebene mehr zusammenarbeiten und sich auf einen generellen Fitnesspassus in den Verträgen einigen, hätten wir mit Sicherheit einen Leistungssprung im deutschen Fußball zu verzeichnen.

Hören Sie ein Aufstöhnen bei den Spielern, wenn Sie erscheinen? Schließlich wird es dann meist unangenehm für sie.

Nein, überhaupt nicht. Dieses Schleifer-Image wird gerne von den Medien generiert, stimmt aber so überhaupt nicht. Natürlich mache ich manchmal bestimmte Dinge mit den Profis, die sie nicht so mögen, aber die Spieler sind Profis und wissen, dass sie sich dadurch verbessern. Wir helfen ihnen, mehr aus sich heraus zu holen – und das wissen sie zu schätzen.

Auch die Nationalspieler?

Gerade die. Am Anfang wurde unsere Arbeit dort noch sehr kritisch betrachtet, ich erinnere hier gern an die große Mediendebatte über Gummibänder. Manch ein Spieler fragte sich auch, was das denn mit Fußball zu tun habe. Doch rasch merkten sie, dass wir das nicht für uns, sondern für sie machen.

Haben die Erfolge des vergangenen WM-Sommers ihre Arbeit erleichtert?


Der ganz große Erfolg blieb uns leider verwehrt. Ich bin mir aber sicher, dass unsere Arbeit so gut war, dass wir am Abend des 9. Juli 2006 die fitteste Mannschaft der Welt waren. Die beiden Finalisten waren platt, aber im Fußball ist nun einmal nicht nur die Fitness entscheidend. Es ist schon ärgerlich, das die Honoration in meinem Geschäft über Titel läuft. Insofern hätte allein der Titelgewinn eine Arbeitserleichterung verschafft. Sagen wir so: Die Neugier und die Offenheit andere Trainingsmethoden gegenüber wurde durch die WM geweckt.

Woran merken Sie das?

Es kommen verschiedene Anfragen von Vereinen, und auch bei der Trainerausbildung in Köln diskutiert man unsere Arbeit. Sicherlich gibt es zum Beispiel auch dort unterschiedliche Meinungen über dieses Thema, aber genau dieser Diskussion bedarf es, wenn sich auf diesem Gebiet etwas entwickeln soll. Die Vereine, auch die kleineren, machen sich heute mehr Gedanken, wie sie sich verbessern können. Und dies nicht nur im Bereich Fitness. Das freut mich, denn da schien mir 15 bis 20 Jahre lang Stillstand zu sein.

Mannschaften wie Hertha haben oft den Liga-Pokal gewonnen und schienen zu diesem Zeitpunkt topfit. Monate später ging ihnen der Saft aus. Warum ist das so?


Die genauen Umstände von Hertha BSC kenne ich nicht. Was die Bedeutung der Saisonvorbereitung angeht gibt es ein paar Mythen. Biologie funktioniert leider nicht so, dass man am Anfang einer Halbserie Energie tankt und mit dieser mal locker bis in die Winterpause kommt. Fakt ist: Man legt in der Vorbereitung Grundlagen und bringt die Spieler auf ein bestimmtes Leistungsniveau, muss aber während der Saison bestimmte Dinge beibehalten, um das Niveau halten zu können. Die sportmotorischen Fähigkeiten wie Kraft, Beweglichkeit, Explosivität und Koordination müssen immer wieder gezielt in das Training eingebaut werden. So kommt man gut über die Saison. Der Körper des Spielers passt sich den Reizen an. Ist die Intensität zu gering, wird der Spieler auch rascher abbauen. Das Gleiche gilt bei Überbelastung.

Insofern ist das Wehklagen der Überbelastung von Trainern und Managern, wenn mal wieder ein Titel verspielt wurde, eine platte Ausrede?

In gewisser Weise schon. Nehmen sie den deutschen oder den amerikanischen Profi-Basketball. Die Jungs absolvieren eine unglaubliche Fülle von Partien und wirken auch bei den Play-Offs nicht müde. Durch den geschickten Bau eines Trainingsplans ist es möglich, das Team konstant auf einem hohen Fitness-Niveau zu halten.

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