Oliver Schmidtlein im Interview

„Wir brauchen Angstszenarien“

Wie kriegt man eine Mannschaft fit für die neue Saison? Und wie schafft man es, dass sie auch fit bleibt? Oliver Schmidtlein, ex Konditionstrainer des FC Bayern und Gummiband-Beauftragter des DFB, setzt auf Angst und Strafe. Imago

Herr Schmidtlein, was geht in Ihnen vor, wenn Sie nach dem letzten Spieltag der Saison sehen, wie die Profis einen über den Durst trinken?

Fußballer sind auch nur Menschen. Ich bringe dafür ein passives Verständnis auf. Das heißt, wenn ich es mitbekomme, ignoriere ich es und achte sehr darauf, an solchen Umtrünken nicht teilzunehmen. Würde ich das tun, entstünde der Eindruck, dass ich es billige.

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Mittlerweile befinden sich wieder alle Spieler in der Vorbereitung zur neuen Saison. Sind die Spieler Profis genug, dass sie sich im Urlaub nicht haben gehen lassen?

Man muss die Fußballer vor der Pause informieren. Gerade den Jüngeren sag ich, auf was sie zu achten haben.

Woher wissen Sie, was Sie dem Einzelnen zu sagen haben?

Es gibt kurz vor dem Saisonabschluss bestimmte Leistungstests, durch die man die Schwächen eines jeden Profis erkennt. Anhand der Informationen kann man dem Spieler dann einen fundierten Urlaubsplan auf den Weg geben.

Das heißt, der Profi hat gar keinen richtigen Urlaub?

Doch. Ein fundierter Plan heißt nicht, dass sich der Profi vier Wochen quälen muss, es wird sogar extra auf Ruhezeiten hingewiesen. Gerade in den ersten 14 Tagen sollte relative Regeneration angesagt sein, aber danach auch schon mit der Formerhaltung für die neue Saison begonnen werden.

Und doch erscheinen dann immer wieder Spieler zum ersten Training mit sichtbarem Übergewicht. Was können Sie dagegen unternehmen?

Ein möglicher Ansatz ist das indirekte Angstmachen.

Wie meinen Sie das?

Man sagt dem Spieler: „Pass auf, du bist jetzt in der nächsten Zeit selbst für dich verantwortlich. Hier hast du einen Plan. Dir muss aber auch klar sein, dass wir nach dem Urlaub Tests machen.“ Er bekommt das Know-how mit, und den Rest muss er dann selbst erledigen.

Wie wird der Leistungstand der Kicker überprüft?

Standard in Deutschland, und nur hier, ist der Laktat-Stufen-Test, der uns zeigt, wie der Profi beieinander ist. Im Ausland belächelt man uns für diese Methode, aber die Leistungszentren und Universitäten haben damit gute Erfahrungen gemacht.

Thomas Schaaf antwortete einst auf die Frage, wie er denn mit dem völlig außer Form geratenen Ailton umgehen würde, dass er diesen nun eben bestrafen müsse, um die Pfunde wieder zum Purzeln zu bringen. Ein richtiger Ansatz?

Wahrscheinlich hatte Thomas Schaaf einen genauen Plan. Generell ist es jedoch wichtig, nicht irgendwo blind reinzuschlagen. Zu erst einmal benötigt man Datenmaterial über den Spieler. Es ist zum Beispiel wichtig zu wissen, mit welcher Geschwindigkeit und wie lange ich den Profi scheuchen kann, dass es ihm am Ende auch hilft. Ansonsten kann eine Bestrafung durchaus auch nach hinten losgehen, und der Spieler ist am Ende vollkommen kaputt. Ich würde es eher begrüßen, dass hier in Deutschland eine andere Form der Bestrafung Einzug halten würde.

Was schwebt Ihnen da vor?


Finanzielle Bestrafung. Ich find es vollkommen in Ordnung, dass Leistungssportler gutes Geld verdienen und Anerkennung für ihre Leistungen ernten, aber wenn dann eben ein solcher Profi vollkommen desolat aus der Pause zurückkehrt, dann muss es auch möglich sein, ihm knallharte Geldstrafen zu verpassen. Nehmen Sie die nordamerikanische Eishockey-Liga. Völlig unabhängig vom Namen des Spielers, stehen dort genaue Summen im Vertrag, die der Spieler im Falle der körperlichen Unzulänglichkeit zu zahlen hat. Die Spieler dort wissen auch, dass sie quasi ihre eigene Ich-AG sind und Verantwortung haben.

Wo wäre da bei einem Profifußballer der Ansatz?

Nehmen wir die Körperkomposition. Der Körperfettanteil sollte sich im einstelligen Bereich bewegen. Ist dieser zweistellig, sollte der Profi eine bestimmte Summe Strafe zahlen - je nach Einkommen bis zu 50.000 Euro.

Ist das nicht ein bisschen heftig?

Nein. Es muss ihm ja auch wehtun, denn ansonsten ist er nicht einsichtig. Doch uns fehlt in Deutschland noch ein klarer Maßnahmenkatalog. Ich denke, dass ein Fußballer über Aufklärung und die Schaffung von Angstszenarien am besten zu packen ist – Angst davor, dass ihm die Bank oder die Tribüne drohen könnte oder eben ganz einfach und am effektivsten: vor Geldstrafen. Ich denke, so funktionieren Menschen am ehesten.

Weshalb?

Die Bundesligisten trauen es sich ganz einfach nicht, weil sie Angst haben, dann diesen oder jenen Spieler nicht zu bekommen. Würden die Vereine auf dieser Ebene mehr zusammenarbeiten und sich auf einen generellen Fitnesspassus in den Verträgen einigen, hätten wir mit Sicherheit einen Leistungssprung im deutschen Fußball zu verzeichnen.

Hören Sie ein Aufstöhnen bei den Spielern, wenn Sie erscheinen? Schließlich wird es dann meist unangenehm für sie.

Nein, überhaupt nicht. Dieses Schleifer-Image wird gerne von den Medien generiert, stimmt aber so überhaupt nicht. Natürlich mache ich manchmal bestimmte Dinge mit den Profis, die sie nicht so mögen, aber die Spieler sind Profis und wissen, dass sie sich dadurch verbessern. Wir helfen ihnen, mehr aus sich heraus zu holen – und das wissen sie zu schätzen.

Auch die Nationalspieler?

Gerade die. Am Anfang wurde unsere Arbeit dort noch sehr kritisch betrachtet, ich erinnere hier gern an die große Mediendebatte über Gummibänder. Manch ein Spieler fragte sich auch, was das denn mit Fußball zu tun habe. Doch rasch merkten sie, dass wir das nicht für uns, sondern für sie machen.

Haben die Erfolge des vergangenen WM-Sommers ihre Arbeit erleichtert?


Der ganz große Erfolg blieb uns leider verwehrt. Ich bin mir aber sicher, dass unsere Arbeit so gut war, dass wir am Abend des 9. Juli 2006 die fitteste Mannschaft der Welt waren. Die beiden Finalisten waren platt, aber im Fußball ist nun einmal nicht nur die Fitness entscheidend. Es ist schon ärgerlich, das die Honoration in meinem Geschäft über Titel läuft. Insofern hätte allein der Titelgewinn eine Arbeitserleichterung verschafft. Sagen wir so: Die Neugier und die Offenheit andere Trainingsmethoden gegenüber wurde durch die WM geweckt.

Woran merken Sie das?

Es kommen verschiedene Anfragen von Vereinen, und auch bei der Trainerausbildung in Köln diskutiert man unsere Arbeit. Sicherlich gibt es zum Beispiel auch dort unterschiedliche Meinungen über dieses Thema, aber genau dieser Diskussion bedarf es, wenn sich auf diesem Gebiet etwas entwickeln soll. Die Vereine, auch die kleineren, machen sich heute mehr Gedanken, wie sie sich verbessern können. Und dies nicht nur im Bereich Fitness. Das freut mich, denn da schien mir 15 bis 20 Jahre lang Stillstand zu sein.

Mannschaften wie Hertha haben oft den Liga-Pokal gewonnen und schienen zu diesem Zeitpunkt topfit. Monate später ging ihnen der Saft aus. Warum ist das so?


Die genauen Umstände von Hertha BSC kenne ich nicht. Was die Bedeutung der Saisonvorbereitung angeht gibt es ein paar Mythen. Biologie funktioniert leider nicht so, dass man am Anfang einer Halbserie Energie tankt und mit dieser mal locker bis in die Winterpause kommt. Fakt ist: Man legt in der Vorbereitung Grundlagen und bringt die Spieler auf ein bestimmtes Leistungsniveau, muss aber während der Saison bestimmte Dinge beibehalten, um das Niveau halten zu können. Die sportmotorischen Fähigkeiten wie Kraft, Beweglichkeit, Explosivität und Koordination müssen immer wieder gezielt in das Training eingebaut werden. So kommt man gut über die Saison. Der Körper des Spielers passt sich den Reizen an. Ist die Intensität zu gering, wird der Spieler auch rascher abbauen. Das Gleiche gilt bei Überbelastung.

Insofern ist das Wehklagen der Überbelastung von Trainern und Managern, wenn mal wieder ein Titel verspielt wurde, eine platte Ausrede?

In gewisser Weise schon. Nehmen sie den deutschen oder den amerikanischen Profi-Basketball. Die Jungs absolvieren eine unglaubliche Fülle von Partien und wirken auch bei den Play-Offs nicht müde. Durch den geschickten Bau eines Trainingsplans ist es möglich, das Team konstant auf einem hohen Fitness-Niveau zu halten.

Warum ist das im Fussball in Deutschland anders?

Zugegeben ist die Belastung im Fussball in einem Spiel teilweise enorm hoch und deswegen die Steuerung über eine Saison echt schwierig. Deswegen beschäftigen beispielsweise in Italien die meisten Vereine der ersten bis dritten Liga mindestens einen Sportwissenschaftler, der genau für diese Belange zuständig ist. Dem deutschen Fußball würde es gut tun, mehr Experten zu binden. Ein Fußballtrainer kann und muss von diesen Dingen gar keine umfassende Ahnung haben, aber er sollte jemanden an seiner Seite haben, der seinem Kader fitnessmäßig weiterhilft. Ich als Fitnesscoach erkläre dem Spieler ja nicht seine Laufwege, aber ich sorge dafür, dass er im richtigen Moment in der Lage ist, sie auch zu gehen.

Also holt sich jeder Verein einen Experten – und schon läuft es?

Ganz so einfach ist es nicht. Allein die Präsenz eines oder mehrerer Zusatztrainer genügt nicht. Solche Leute müssen dann auch in die Trainingsgestaltung mit eingebunden werden. Häufig ist es noch so, das der Konditionstrainer zweimal die Woche irgendetwas für eine halbe Stunde mit dem Kader macht, und das war´s dann. Hilfreicher ist es, wenn er auch an der Gestaltung von Trainings inhalten teilhat, an denen er nicht direkt mitwirkt. Denn nur wenn er, weiss was sonst auf dem Plan steht, kann er sich optimal einbringen. Die Verzahnung der verschiedenen Abteilungen macht den Erfolg aus.

Lassen sich Spieler wie Oliver Kahn und Mehmet Scholl überhaupt noch etwas sagen?


Tendenziell ja. Respektive, es dauert länger, bis sie Hinweise annehmen. Ich glaube, dass hat einen psychologischen Hintergrund. Erfolgreiche Spieler wie Oliver Kahn halten gerne an den Methoden fest, die sie auch durchzogen, als sie ihre größten Triumphe feierten. Daraus schöpfen so erfahrene Spieler unter anderem Ihre Sicherheit.

Das ist doch gut.


Teilweise. Manche dieser Methoden, an die sich der Profi durch seinen Aberglauben gebunden hat, können verantwortlich für bestimmte Verletzungsneigungen sein. Es bedarf schon eines gewissen Fingerspitzengefühls, um hier bei dem Profi Erfolg durch Veränderung zu erzielen. Einem Spieler wie Oliver Kahn die Gewohnheiten zu nehmen hieße ja auch, ihm die Sicherheit zu nehmen. Da muss man gut abwägen.

Die Psychologie ist offensichtlich eine sehr wichtige Komponente.


Ja, sie macht einen beträchtlichen Teil dieser Arbeit aus. Profisportler sind besondere Menschen. Oliver Kahn und Mehmet Scholl sind nicht solche aussergewöhnlichen Menschen, weil sie Fußballer geworden sind, sondern sie sind Fußballer geworden, weil sie so sind, wie sie sind. Wenn man versucht, Menschen ein bisschen zu verstehen – und das muss ich, wenn ich mit ihnen arbeite – stößt man oft auf nicht rational nachvollziehbare Situationen. Manch Rennpferd braucht für das Wohlergehen eine Ziege im Stall, und man weiß nicht warum. So ist das bei Fußballern auch. Profis kommen mit Defiziten in den Sport, und vielleicht sind es manchmal gar diese Defizite, die sie so stark machen.

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