Oliver Schmidtlein im Interview

»Klinsmann ist der Mutigste«

Der Fußball erfindet sich immer wieder neu. Wohin bewegt er sich in den kommenden 20 Jahren? Mit Physio-Papst Oliver Schmidtlein sprachen wir über den Athleten der Zukunft, das Verschwinden der schrägen Vögel – und Klinsis Pioniertaten. Oliver Schmidtlein im InterviewImago

Herr Schmidtlein, wir möchten mit Ihnen über die Zukunft des Fußballs reden und im besonderen über Ihren Bereich – Training, Fitness usw. Es heißt immer, das Spiel sei in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer schneller geworden. Lässt sich das belegen?

Da kann ich jetzt leider nicht mit konkreten Daten aufwarten. Ich kenne jedoch die modernen Scoutingsysteme. Mit diesen Systemen kann man abbilden, wie sich die Spieler bewegen, wie die Laufwege und Laufgeschwindigkeiten sind, und somit darstellen, wie das Spiel heute ist. Dazu kann man noch Fernsehbilder von früher nehmen und analysieren, was ich persönlich noch nicht gemacht habe. Ich habe mir jedoch sagen lassen, dass es da natürlich Unterschiede gibt. Wir schauen jedoch eher: wie sieht das in Deutschland aus und wie sieht das in anderen Länder aus, gerade was Laufwege und -umfänge betrifft. Und da hat sich in den letzten 15, 20 Jahren definitiv etwas verändert.

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Wenn Sie in andere Länder schauen und vergleichen: Wie schneidet die Bundesliga denn ab?

Ich kann nicht für die gesamte Bundesliga sprechen, da ich in den letzen acht Monaten nur mit den deutschen Nationalspielern zu tun hatte. Und wir haben auch keine umfassenden Daten von anderen Ländern. Aber nehmen wir als Beispiel die anaerobe Schwelle, ab der ein Spieler bei einer bestimmten Geschwindigkeit in den roten Bereich kommt, um es vereinfacht auszudrücken. Da gibt es eine inoffizielle internationale Schwelle von 15 km/h, die das Gros der Spieler laufen kann, ohne sich nach kürzester Zeit zu überlasten. Dieser Wert ist in Deutschland oder bei etlichen Spielern mit denen wir Kontakt haben immer noch niedriger.

Früher ging es in erster Linie darum, dass viel Kondition gebolzt wurde. Heute gibt es noch viele andere Faktoren, die wichtig sind. Sie haben beklagt, dass sich die moderne Trainingslehre in Deutschland nur sehr langsam durchsetze. Können Sie einen Stand abgeben, wie weit Deutschland da ist?


Aus meiner Sicht hat sich da schon sehr viel getan. Bei den Vereinen, mit denen ich Kontakt habe, z.B. in Leverkusen, Berlin, Stuttgart, Hannover oder Karlsruhe, sitzen überall gute Leute. Was nicht heißen soll, dass bei den anderen schlecht gearbeitet wird, ich habe nur nicht mit allen Vereinen Kontakt. Die Verantwortlichen in den Vereinen haben sich geöffnet und entschieden, ihr Budget auch dafür zu verwenden, dass gute Leute Platz finden.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass sich da nun doch noch etwas verändert? Die Bundesliga galt ja lange als sehr unflexibel.


Die Zeit vor der WM hat auf jeden Fall ihren Teil beigetragen, auch wenn sich damals die Leute über die Vorgänge bei der Nationalmannschaft lustig gemacht haben. Wir – und damit meine ich Mark Verstegen, Jürgen Klinsmann und mich – haben ja nie behauptet, wir hätten irgendetwas Neues erfunden. Insofern fand ich das gar nicht schlecht, als dann Leute kamen und gesagt haben: »Hey das können wir doch auch, das ist unser Bereich«. Denn die deutsche Sportwissenschaft ist ja auch gut. Wir haben provoziert und gereizt, ohne es zu wollen. Und durch diese ganze Diskussion hatten die Kollegen in den Vereinen - ich weiß das von einigen Kollegen in Profiklubs - die Chance, auch einmal laut zu werden, Vorschläge zu machen und überhaupt Gehör zu finden beim Trainer. Es hat sich bei den schon vorhandenen Strukturen etwas getan. Trotz der abfälligen medialen Darstellung, bei der Sie vielleicht auch mitgemacht haben, das weiß ich jetzt nicht.

Wir doch nicht!

Wobei ich sagen muss, dass die Sachen lustig waren, ich fand das gar nicht schlimm. Für uns war das auch piepegal, weil für Leute wie Verstegen oder Klinsmann am Ende immer nur das Ergebnis zählt. Wenn sich etwas getan hat, wenn wir etwas verändert haben, dann haben wir genau das erreicht, was wir erreichen wollten. Zu welchem Preis, ist dann im Endeffekt völlig wurscht. Also nicht völlig, aber man kann vergessen, etwas zu verändern, ohne jemandem weh zu tun. Everybody’s Darling sein und gleichzeitig etwas verändern wollen, das geht nicht.

Sie haben vor allem erreicht, dass bereits vorhandene Fitnessexperten mehr Einfluss in den Vereinen bekommen haben?

Es gibt zumindest einen ganz deutlichen Schub. Leute, die schon da waren, haben einen merklich größeren Einfluss darauf bekommen, was in der Mannschaft passiert, teilweise haben die Vereine aber auch wirklich die Abteilungen aufgestockt. Wenn ich sehe, wie Schalke heute aufgestellt ist... Ich meine, die waren schon vorher gut, aber was die Philosophie, die Arbeit und den Hintergrund jetzt angeht, sind sie wirklich vorbildlich. Auch Hamburg hat ein tolles System implantiert und ist noch dabei, es auszubauen. Und beim FC Bayern wird man dafür sorgen, dass er zu einer Benchmark innerhalb Europas wird.

Dort wird Jürgen Klinsmann ab der nächsten Saison als Trainer arbeiten. Wie viel hat der deutsche Fußball ihm zu verdanken? Was glauben Sie wird man in 20 oder 50 Jahren über ihn sagen, hinsichtlich der Trainingsmethodik?

Nachdem viele dieser Dinge als einzelnes schon existent waren, wird man ihm dafür nicht sehr viele Credits geben. Ich persönlich sehe das anders. Ich glaube, dass er am mutigsten war von allen, weil er sich nicht scheut, für eine bestimmte Zeit der Prügelknabe zu sein. Wobei ich nicht glaube, dass er so masochistische Züge hat und das unbedingt braucht. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung wird man ihm seine Verdienste nicht gut schreiben.

Immerhin setzt sich der Trend, den er gesetzt hat, immer weiter fort. Glauben Sie, dass es notwendig war, dass dafür jemand von außen kommt?

Ja, da musste jemand von außen kommen, das denke ich schon.

Inzwischen ist die Bundesliga also auf einem guten Weg? Wo gibt es denn noch Defizite?

Was ich immer noch als Problem sehe ist, dass es doch nur Einzelne sind. Ich war Mitte Dezember bei einer Veranstaltung der Firma, die ein Sportdiagnostik-System entwickelt hat. Die hatten eingeladen und wollten sich selber mal vorstellen, weil mittlerweile viel darüber geschrieben wurde, auch viel Unsinn. Vier Fachleute waren dort, um Vorträge zu halten. Als Teilnehmer war dort ein ein Fachmann von Real Madrid, jemand von Liverpool, Leute aus Italien, aus Griechenland, aus Frankreich und England. Von deutscher Seite waren mit mir ein Vereinsarzt von Unterhaching und eine Sportwissenschaftlerin von der TU München da. Die beiden habe ich selber eingeladen. Ansonsten war von deutschen Vereinen kein einziger Vertreter da, obwohl viele angeschrieben wurden. Dass am selben Tag ein internationaler Spieltag war, kann man als Ausrede nicht gelten lassen, in Spanien, Italien oder England haben sie ja nicht einmal eine Winterpause.

Und konnten trotzdem jemanden dorthin schicken.

Richtig. Und genau das ist der Punkt. Die Abteilungen haben wir jetzt, aber sie sind noch zu klein. Auch wenn Sie einen großen deutschen Verein nehmen, der jetzt schon Top aufgestellt ist: Wenn da einer alleine auf dem Platz steht und mit der Mannschaft Schnelligkeit oder andere spezielle Eigenschaften trainiert, dass geht nicht im Pulk von 25 Leuten gleichzeitig. Und da liegt das Problem; die Leute sind gut, sie machen etwas, sie versuchen, Systeme zu entwerfen, aber sie haben immer große Gruppen vor sich und dadurch eine schlechtere Qualität in den Übungen. Obwohl ihre Ideen völlig konform sind mit dem, was wir machen würden und was dem internationalen Niveau entspricht.

Das Wissen ist also da, aber das Personal reicht noch nicht aus?

Ja, aber es besteht auch die Gefahr, auf einem Stand stehen zu bleiben und das geht heutzutage nicht. Das Spiel verändert sich, die Anforderungen an die Spieler verändern sich, und die Technologie verändert sich. Das müssen wir immer wieder neu sehen und prüfen. Die Forschung für den Fußball beginnt ja erst, die Universitäten interessieren sich erst jetzt z.B. für die Ausdauer beim Fußball, und das ist ein sehr komplexes Thema. Ich habe neulich einen Vortrag von einem Professor gehört, der hörte sich an wie aus dem deutschen Museum für Sportwissenschaft. Da fehlt noch die Anbindung zum Alltag des Fussballs und noch mehr aktuelle Forschung. Teilweise haben sich Lehrinhalte in den letzten 25 Jahren nicht sehr verändert.

Wohin wird der Trend denn gehen? Zu immer individuelleren Trainingsplänen für die Spieler?

Ja. Als Topbeispiel hierfür dienen immer noch der AC Mailand oder der FC Chelsea, wobei ich jetzt nicht weiß, wie das ohne Mourinho ist, aber als ich das damals beobachtet habe, standen immer vier, fünf Leute auf dem Platz. Bei Mailand Jahr betrug das Durchschnittsalter letztes Jahr, glaube ich, 33 Jahre, und wenn Sie einen 38 oder 39 Jahre alten Mittelfeldspieler haben, müssen Sie ihn mit Glacéhandschuhen anfassen. Da darf man keinen Fehler machen, so ein Körper verzeiht keine ungünstig dosierten Einheiten mehr. Dort werden die Spieler durch sehr individuelles und spezielles Training gefördert und entwickelt. Im sagenumwobenen »MilanLab« wird schon seit gut acht Jahren so gearbeitet, und Milan hat, auch wenn sie jetzt aus der Champions League ausgeschieden sind, den Wettbewerb in den letzten zehn Jahren mit dominiert.

Aber irgendwo gibt es doch auch Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit. Oder sind wir davon noch so weit entfernt, dass man darüber noch nicht nachdenken muss?

Natürlich gibt es die, aber es geht gar nicht so sehr darum, die Grenzen der Leistungsfähigkeit ans Äußerste zu treiben, sondern um die Gesunderhaltung. Es geht darum, Spieler zu bestimmten Zeitpunkten davor zu bewahren, Übungen zu machen, die ihnen wirklich schaden können.

Um Verletzungen zu vermeiden?

Genau, um das Verletzungspotential zu senken, und das hat für mich auch mit Werterhaltung zu tun, im wirtschaftlichen Sinn. Das muss ja auch im Interesse der Vereine sein.

Und bei der Individualisierung der Trainingspläne: Gibt es da nicht auch eine Grenze, immerhin ist Fußball ein Mannschaftssport?

Die gibt es auf jeden Fall, und wir werden sie auch relativ schnell erreichen. Es ist schwierig, das einzugrenzen, aber individuelles Training wird wohl nie mehr als 30, maximal 40 Prozent ausmachen können, weil auch die anderen Teile wichtig sind für ein Mannschaftstraining. Ansonsten müsste man mit 15 Trainern arbeiten und am Wochenende hoffen, dass sich die Spieler noch kennen (lacht).

Wir dachten, mit 15 Trainern zu arbeiten, wäre für Sie eigentlich eine Traumvorstellung.

Na ja, das sind dann doch zu viele. Individualisierung ist ein großes, ein viel benutztes Wort, aber was bedeutet es denn in der Praxis? Für mich heißt das, dass ich Spieler in Gruppen zusammenfasse, ältere Spieler z.B. oder Spieler, die ähnliche Probleme haben. Das funktioniert in anderen Sportarten auch. American Football ist hier ein gutes Beispiel, von dem man etwas lernen kann. Bei College-Mannschaften gibt es da Kader etwa 80 Spielern. Das muss man einfach organisieren können. Aber im Fußball denke ich, dass vier bis fünf Coaches auf dem Platz ausreichend sind.

Mark Verstegen und sein Team kamen aus Kalifornien. Ist es so, dass die USA viel weiter sind als die europäischen Länder?

Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, dass die Italiener, nicht für den Sport allgemein, aber für den Fußball, mindestens genau soweit sind, wenn nicht sogar ein bisschen spezialisierter. Wir haben uns nur aus den USA bedient, weil das Team greifbar war und es vielleicht für unsere Kultur ein bisschen nahe liegender war. Das war aber auch Zufall. Wenn wir in Italien gesucht hätten, wären wir bestimmt auch fündig geworden. Dort gibt es nach meinem Kenntnisstand bis in die dritte Liga in jedem Verein mindestens einen Sportwissenschaftler.

Im Gegensatz zu Deutschland.


Ja. Ich bin selber ja kein Wissenschaftler, sondern derjenige, der Erkenntnisse umsetzt. Ich brauche Sportwissenschaftler, die wissen, welche die sinnvollsten Methoden sind, um diese dann umzusetzen, Leute wie Professor Meyer (Mannschaftsarzt der deutschen Nationalmannschaft, Anm. d. Red.) oder Dr. Riccardo Proietti (Sportwissenschaftler beim FC Bayern München), um einmal zwei zu nennen, die aus völlig unterschiedlichen Welten kommen. Proietti kommt ja aus einem italienischen Umfeld, und ich glaube, dass die Italiener in den letzten Jahren führend im internationalen Fußball sind, ist kein Zufall. Ich hoffe nur, dass nicht in zwei Monaten ein riesiger Dopingskandal kommt, der alle meine Ausführungen widerlegt. Wenn wir in Fachkreisen über den AC Mailand diskutieren, dann kommt natürlich mitunter die Frage auf, ob dort alles mit rechten Dingen zugeht. Aber solange nichts man anderes hört, würde ich immer davon ausgehen, dass die einfach klug trainieren und wissen wie’s geht.

Apropos Doping. Wird das nicht bei einer ständigen Erhöhung der Leistungsanforderungen immer interessanter?


Absolut. Allerdings würde ich für Deutschland fast ausschließen, dass gedopt wird, wobei der DFB gut daran tut, weiterhin die Zahl der Kontrollen zu erhöhen und genau hinzusehen. Wir haben hier schon die strengsten Kontrollen und ein Stück weit ist das vielleicht sogar Wettbewerbsverzerrung, aber es sollte nicht so schlimm sein, wenn wir als positive Vorreiter dastehen in Europa.

In welche Richtung werden sich die technologischen Komponenten entwickeln?

Ich glaube, dass sich da noch sehr viel tun wird, schon allein aufgrund der Entwicklung der Hardware. Die Speicher von Computern werden immer größer und immer billiger und im Bereich der Medizin, der Trainingswissenschaft und der Alternativmedizin gibt es eine rasante Entwicklung, was die Technologie betrifft. Inzwischen kann man Daten, die man auf welche Weise auch immer gewinnt, sehr schnell mit anderen Daten abgleichen und berechnen. Korrelationen herzustellen ist gerade sehr modern. In zwanzig Jahren wird man Systeme haben, die ohne größeren Aufwand, ohne dass man beispielsweise Blut abnehmen muss, sehr viele Aussagen zulassen.

Und wie wirkt sich das auf die Spieler aus? Wird sich für die etwas verändern, oder werden Sie einfach nur tun müssen, was man ihnen sagt?

Das schöne am Fußball ist, dass der emotionale Faktor immer bleiben wird. Die Unberechenbarkeit des Fußballs ist ja schön. Ändern wird sich allerdings das Verhältnis von harten und weichen Faktoren, wie wir das nennen. Die harten Faktoren werden zunehmen, wir werden mehr wissen über den Fußballspieler und vor allem über seine körperlichen Voraussetzungen. Der Fußball ist athletischer und körperlicher geworden und wird es noch mehr werden, denn da gibt es noch viel Spielraum, und das meine ich gar nicht kritisch.

Werden Spieler mehr trainieren müssen oder konzentrierter?

Ich glaube, es wird andere Spieler geben. Spieler, die vor zwanzig Jahren Dysbalancen hatten, kleine Asymmetrien im Körper, konnten dennoch ganz wichtige Rollen spielen und sehr weit kommen. Solche Spieler werden kaum mehr auftauchen, was vielleicht schade ist, weil sie zum Teil auch witzige Persönlichkeiten waren. Aber das Tempo und die Intensität können sie einfach nicht mehr mitgehen.

Besteht im Fußball die Gefahr, dass die Spieler zu Maschinen werden?

Nein. Weil die weichen Faktoren immer bleiben werden. Was ist jemand für ein Typ, was hat er für eine Ausstrahlung, was bringt er mit an Durchsetzungsvermögen, an Witz, an Ideen? Das sind Faktoren, die man zwar beeinflussen, nicht aber messen kann. Allerdings ist das auch ein Feld, wo es noch viele Veränderungen geben wird.

Im psychischen Bereich?

Ja, auch. Vorstellbar ist zum Beispiel, dass in Zukunft bei Scoutingprofilen auch Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle spielen. Ich habe mich vor einem Dreivierteljahr mit Volker Stix unterhalten, einem der Assistenztrainer des Basketballnationaltrainers Dirk Bauermann. Und er hat mir erzählt, dass sie im Basketball in meiner Heimatstadt Bamberg kein Scouting anhand von Videobändern mehr vornehmen, obwohl es relativ einfach wäre. Sie wollen aber sehen, wie ein Spieler reagiert, wenn er z.B. ausgewechselt wird, wie seine Körpersprache ist, wie er sich vor und nach dem Spiel benimmt, wie er sich aufwärmt usw. Diese Ansätze finde ich beispielhaft. Was kann die Persönlichkeitsentwicklung eines Spielers für Auswirkungen auf seine Leistungsfähigkeit haben? Da gibt es bestimmt noch Potential im Fussball.

Was halten Sie eigentlich von Laktattests? Die gelten in vielen Ländern als völlig überholt, in der Bundesliga vertraut man aber darauf.


Da gibt es Spezialisten, die sich wesentlich besser auskennen als ich. Ich weiß, dass es noch andere Methoden gibt, die ähnliche Aussagen zulassen. Dass sie in der Bundesliga so beliebt sind hat zweierlei Gründe: zum einen kennen sich die Deutschen am besten aus, zum anderen kennen sie sich am wenigsten aus mit allen anderen Möglichkeiten. Ich gehöre weder der einen noch der anderen Religion an, für mich ist das eine Frage der Praktikabilität. Die Deutschen sind sehr genau, und Laktattests lassen sehr genaue Aussagen zu. Sie sind aber auch sehr aufwändig. Andere Systeme liefern viel schnellere und unkompliziertere Ergebnisse, sind aber ungenauer.

Wünschenswert wäre also eine Kombination aus beidem?

Ganz genau. Es kommt auch auf den Zeitpunkt und den Zweck des Tests an. Jede Methode hat ihre Vor- und Nachteile, und es gibt noch eine ganze Reihe mehr davon. Nur werden diese Tests von deutschen Wissenschaftlern nicht anerkannt, wenn sie nicht auf die zweite Stelle hinter dem Komma genau sind. Es würde sich beim Laktattest auf jeden Fall lohnen, die Dinge internationaler zu betrachten, zu schauen, was die anderen machen. Die Schweden z.B. benutzen Laktattests nicht, ebenso wie viele andere, vor allem kleinere Länder. Die bringen aber aus einer kleineren Menge an Spielern auch gute Fußballer hervor, auch, weil sie sich mehr Gedanken über die verschiedenen Methoden machen als wir.

Was wäre für Sie denn eine Traumvorstellung vom Fußball in 20 Jahren?

Dass vor Vertragsunterzeichnung das Verletzungspotential des Spielers bestimmt, ein Profil erstellt wird, weil Fußball eben auch ein Geschäft ist. Das würde dazu führen, dass sich junge Talente, die den Sprung in den Profibereich schaffen wollen, mehr um ihren Körper kümmern, sich darauf einlassen und auch Hilfe holen. Sie würden sich ganz einfach mehr bemühen, gesund zu bleiben, weil sie wüssten, dass dies die Voraussetzung ist, um Profi werden zu können.

Würde so etwas nicht dazu führen, dass man in Zukunft jemanden wie Ronaldinho nicht mehr verpflichtet, weil man davon ausgehen muss, dass er sich irgendwann verletzt?


Wenn man das Potential eines Ronaldinho sieht und feststellt, dass er ein gewisses Verletzungspotential hat, dann kann man die entsprechenden Maßnahmen treffen, um das Risiko zu verringern. Das muss nicht auf die Kaufentscheidung Einfluss haben, aber auf die Maßnahmen, die man parallel zur Kaufentscheidung treffen muss, um das Verletzungspotential zu verringern. Zudem sollte Prävention selbstverständlich werden, was noch nicht der Fall ist.

Wie könnte das aussehen?

Das muss dann der Manager entscheiden. Sagen wir, Piotr Trochowski ist in zwanzig Jahren Manager des HSV, er sieht einen Spieler und denkt sich: »Wahnsinn, das ist ein Jahrhunderttalent, und ich kann ihn bezahlen.« Aber seine Performance-Coaches sagen ihm: »So wie der rumläuft, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es ihn zerreißt.« Dann kann Trochowski gleich die entsprechenden Maßnahmen einleiten und jemanden engagieren, der sich um diesen Spieler kümmert, und zwar Full-Time. Das wird sicherlich auch kommen: der Personal-Coach des Athleten.

Wie sähe umgekehrt eine Horrorvorstellung aus?

Ein Horror wäre es sicherlich, wenn die Kommerzialisierung soweit geht, dass es zu Verhältnissen wie in den USA kommt, wo Baseball-Spieler 160 Spiele in 200 Tagen haben. Das würde man nicht gerne sehen, wobei es gar soweit im Fußball nicht kommen kann, weil ein Spiel eine zu hohe Intensität birgt. Schlimm wäre auch, wenn es nur noch um Zahlen ginge, sei es nun finanziell oder auch im trainingswissenschaftlichen Bereich, das wäre schlecht. Persönlichkeit, Charakter und Ethik sollten immer eine wichtige Rolle spielen.


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Am Donnerstag: DFL-Marketing-Chef Tom Bender über den Fernsehmarkt der Zukunft, die Expansion der Bundesliga und das »Produkt« Fußball.

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