30.03.2008

Oliver Schmidtlein im Interview

»Klinsmann ist der Mutigste«

Der Fußball erfindet sich immer wieder neu. Wohin bewegt er sich in den kommenden 20 Jahren? Mit Physio-Papst Oliver Schmidtlein sprachen wir über den Athleten der Zukunft, das Verschwinden der schrägen Vögel – und Klinsis Pioniertaten.

Interview: Bastian Henrichs und Fabian Jonas Bild: Imago
Herr Schmidtlein, wir möchten mit Ihnen über die Zukunft des Fußballs reden und im besonderen über Ihren Bereich – Training, Fitness usw. Es heißt immer, das Spiel sei in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer schneller geworden. Lässt sich das belegen?

Da kann ich jetzt leider nicht mit konkreten Daten aufwarten. Ich kenne jedoch die modernen Scoutingsysteme. Mit diesen Systemen kann man abbilden, wie sich die Spieler bewegen, wie die Laufwege und Laufgeschwindigkeiten sind, und somit darstellen, wie das Spiel heute ist. Dazu kann man noch Fernsehbilder von früher nehmen und analysieren, was ich persönlich noch nicht gemacht habe. Ich habe mir jedoch sagen lassen, dass es da natürlich Unterschiede gibt. Wir schauen jedoch eher: wie sieht das in Deutschland aus und wie sieht das in anderen Länder aus, gerade was Laufwege und -umfänge betrifft. Und da hat sich in den letzten 15, 20 Jahren definitiv etwas verändert.



Wenn Sie in andere Länder schauen und vergleichen: Wie schneidet die Bundesliga denn ab?

Ich kann nicht für die gesamte Bundesliga sprechen, da ich in den letzen acht Monaten nur mit den deutschen Nationalspielern zu tun hatte. Und wir haben auch keine umfassenden Daten von anderen Ländern. Aber nehmen wir als Beispiel die anaerobe Schwelle, ab der ein Spieler bei einer bestimmten Geschwindigkeit in den roten Bereich kommt, um es vereinfacht auszudrücken. Da gibt es eine inoffizielle internationale Schwelle von 15 km/h, die das Gros der Spieler laufen kann, ohne sich nach kürzester Zeit zu überlasten. Dieser Wert ist in Deutschland oder bei etlichen Spielern mit denen wir Kontakt haben immer noch niedriger.

Früher ging es in erster Linie darum, dass viel Kondition gebolzt wurde. Heute gibt es noch viele andere Faktoren, die wichtig sind. Sie haben beklagt, dass sich die moderne Trainingslehre in Deutschland nur sehr langsam durchsetze. Können Sie einen Stand abgeben, wie weit Deutschland da ist?


Aus meiner Sicht hat sich da schon sehr viel getan. Bei den Vereinen, mit denen ich Kontakt habe, z.B. in Leverkusen, Berlin, Stuttgart, Hannover oder Karlsruhe, sitzen überall gute Leute. Was nicht heißen soll, dass bei den anderen schlecht gearbeitet wird, ich habe nur nicht mit allen Vereinen Kontakt. Die Verantwortlichen in den Vereinen haben sich geöffnet und entschieden, ihr Budget auch dafür zu verwenden, dass gute Leute Platz finden.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass sich da nun doch noch etwas verändert? Die Bundesliga galt ja lange als sehr unflexibel.


Die Zeit vor der WM hat auf jeden Fall ihren Teil beigetragen, auch wenn sich damals die Leute über die Vorgänge bei der Nationalmannschaft lustig gemacht haben. Wir – und damit meine ich Mark Verstegen, Jürgen Klinsmann und mich – haben ja nie behauptet, wir hätten irgendetwas Neues erfunden. Insofern fand ich das gar nicht schlecht, als dann Leute kamen und gesagt haben: »Hey das können wir doch auch, das ist unser Bereich«. Denn die deutsche Sportwissenschaft ist ja auch gut. Wir haben provoziert und gereizt, ohne es zu wollen. Und durch diese ganze Diskussion hatten die Kollegen in den Vereinen - ich weiß das von einigen Kollegen in Profiklubs - die Chance, auch einmal laut zu werden, Vorschläge zu machen und überhaupt Gehör zu finden beim Trainer. Es hat sich bei den schon vorhandenen Strukturen etwas getan. Trotz der abfälligen medialen Darstellung, bei der Sie vielleicht auch mitgemacht haben, das weiß ich jetzt nicht.

Wir doch nicht!

Wobei ich sagen muss, dass die Sachen lustig waren, ich fand das gar nicht schlimm. Für uns war das auch piepegal, weil für Leute wie Verstegen oder Klinsmann am Ende immer nur das Ergebnis zählt. Wenn sich etwas getan hat, wenn wir etwas verändert haben, dann haben wir genau das erreicht, was wir erreichen wollten. Zu welchem Preis, ist dann im Endeffekt völlig wurscht. Also nicht völlig, aber man kann vergessen, etwas zu verändern, ohne jemandem weh zu tun. Everybody’s Darling sein und gleichzeitig etwas verändern wollen, das geht nicht.

Sie haben vor allem erreicht, dass bereits vorhandene Fitnessexperten mehr Einfluss in den Vereinen bekommen haben?

Es gibt zumindest einen ganz deutlichen Schub. Leute, die schon da waren, haben einen merklich größeren Einfluss darauf bekommen, was in der Mannschaft passiert, teilweise haben die Vereine aber auch wirklich die Abteilungen aufgestockt. Wenn ich sehe, wie Schalke heute aufgestellt ist... Ich meine, die waren schon vorher gut, aber was die Philosophie, die Arbeit und den Hintergrund jetzt angeht, sind sie wirklich vorbildlich. Auch Hamburg hat ein tolles System implantiert und ist noch dabei, es auszubauen. Und beim FC Bayern wird man dafür sorgen, dass er zu einer Benchmark innerhalb Europas wird.

Dort wird Jürgen Klinsmann ab der nächsten Saison als Trainer arbeiten. Wie viel hat der deutsche Fußball ihm zu verdanken? Was glauben Sie wird man in 20 oder 50 Jahren über ihn sagen, hinsichtlich der Trainingsmethodik?

Nachdem viele dieser Dinge als einzelnes schon existent waren, wird man ihm dafür nicht sehr viele Credits geben. Ich persönlich sehe das anders. Ich glaube, dass er am mutigsten war von allen, weil er sich nicht scheut, für eine bestimmte Zeit der Prügelknabe zu sein. Wobei ich nicht glaube, dass er so masochistische Züge hat und das unbedingt braucht. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung wird man ihm seine Verdienste nicht gut schreiben.

Immerhin setzt sich der Trend, den er gesetzt hat, immer weiter fort. Glauben Sie, dass es notwendig war, dass dafür jemand von außen kommt?

Ja, da musste jemand von außen kommen, das denke ich schon.

Inzwischen ist die Bundesliga also auf einem guten Weg? Wo gibt es denn noch Defizite?

Was ich immer noch als Problem sehe ist, dass es doch nur Einzelne sind. Ich war Mitte Dezember bei einer Veranstaltung der Firma, die ein Sportdiagnostik-System entwickelt hat. Die hatten eingeladen und wollten sich selber mal vorstellen, weil mittlerweile viel darüber geschrieben wurde, auch viel Unsinn. Vier Fachleute waren dort, um Vorträge zu halten. Als Teilnehmer war dort ein ein Fachmann von Real Madrid, jemand von Liverpool, Leute aus Italien, aus Griechenland, aus Frankreich und England. Von deutscher Seite waren mit mir ein Vereinsarzt von Unterhaching und eine Sportwissenschaftlerin von der TU München da. Die beiden habe ich selber eingeladen. Ansonsten war von deutschen Vereinen kein einziger Vertreter da, obwohl viele angeschrieben wurden. Dass am selben Tag ein internationaler Spieltag war, kann man als Ausrede nicht gelten lassen, in Spanien, Italien oder England haben sie ja nicht einmal eine Winterpause.

Und konnten trotzdem jemanden dorthin schicken.

Richtig. Und genau das ist der Punkt. Die Abteilungen haben wir jetzt, aber sie sind noch zu klein. Auch wenn Sie einen großen deutschen Verein nehmen, der jetzt schon Top aufgestellt ist: Wenn da einer alleine auf dem Platz steht und mit der Mannschaft Schnelligkeit oder andere spezielle Eigenschaften trainiert, dass geht nicht im Pulk von 25 Leuten gleichzeitig. Und da liegt das Problem; die Leute sind gut, sie machen etwas, sie versuchen, Systeme zu entwerfen, aber sie haben immer große Gruppen vor sich und dadurch eine schlechtere Qualität in den Übungen. Obwohl ihre Ideen völlig konform sind mit dem, was wir machen würden und was dem internationalen Niveau entspricht.

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