Oliver Schmidtlein im Interview

„Nowitzki hält es doch auch aus“

Englische Wochen sind die Zeit des Jammerns. Viele Trainer und Spieler ächzen unter der vermeintlichen Überbelastung. Alles eine Sache des Willens, meint Oliver Schmidtlein, Physiotherapeut der Nationalmannschaft. Imago
Heft #73 12 / 2007
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Herr Schmidtlein, in unserem aktuellen Heft erzählt Søren Lerby, dass er 1985 innerhalb von sechs Stunden in zwei verschiedenen Ländern für zwei verschiedene Mannschaften auf dem Platz stand. Kann man sich das heutzutage eigentlich noch vorstellen?

Zwei Spiele? Innerhalb von sechs Stunden?

Ja. Zuerst war er nachmittags für Dänemark im letzten WM-Qualifikationsspiel in Irland im Einsatz, und von da ist er mit dem Flugzeug weiter nach Bochum, wo die Bayern abends im DFB-Pokal gegen den VFL ran mussten.


Und er hat jeweils 90 Minuten gespielt?

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Fast. In Irland wurde er nach 60 Minuten ausgewechselt, und in Bochum wurde er zur Halbzeit eingewechselt – und musste schließlich noch in die Verlängerung. Kann man sich das heutzutage noch vorstellen?

Wenn es sein muss, warum nicht? Aus physiologischer Sicht kann man sich in dieser kurzen Zeit nicht erholen. Eine solche Entscheidung hängt also nur von der Wichtigkeit und Position des Spielers ab. Søren Lerby war für seine Mannschaft sehr wichtig - als Führungsspieler, als Impulsgeber auf dem Platz.

Physiologisch gesehen waren diese zwei Spiele für Lerby also eine Art Überbelastung?

Es gibt keine Maßnahme, bei der man sich in so kurzem Abstand zwischen den Wettkämpfen erholen könnte - zumindest keine legale. Auch von einem Leichtathleten, der ein 400m-Finale läuft, kann man nicht erwarten, dass er nach diesem Lauf gleich noch einmal Höchstleistung bringt. Die verschiedenen Systeme - energiebereitstellende Systeme, Nervensysteme -, die man beim Sport benutzt, haben verschiedene Regenerationszeiten und liegen deutlich über sechs Stunden.

Lerby sagte, er habe damals gute Beine gehabt und diese beiden Spiele innerhalb der kurzen Zeit als Herausforderung gesehen. Die heutigen Profis beschweren sich dagegen über zu enge Zeitpläne. Haben sich die Belastungen für Fußballprofis erhöht?

Ich denke schon. Unsere Scouts bei der Nationalmannschaft haben frühere Videobilder mit denen von heute verglichen. Früher dauerte es schon mal acht bis zehn Sekunden, bis der ballführende Spieler von einem Gegenspieler attackiert wurde - heute dauert es unter 2 Sekunden. Die Gesamtlaufstrecke in einem Spiel war ähnlich lang wie heute, doch es passierte ja alles langsamer. Die Intensität eines Spiels zeichnet sich durch die Geschwindigkeit aus, mit der die Aktionen ausgeführt werden. Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich zwölf Kilometer in einer Stunde und fünfzehn Minuten laufe oder in einer Dreiviertelstunde. Man läuft zwar jeweils zwölf Kilometer, aber in einer Dreiviertelstunde ist es wesentlich anstrengender.

Es ist ein Umdenken eingetreten. Statt die Spieler zu überfordern, werden sie regelrecht geschützt. Nach den Donnerstag-Begegnungen im Europokal verkabelt zum Beispiel der FC Bayern seine Spieler mit dem Sportdiagnostik-Programm Omega-Wave. Dieses Gerät überprüft, wer 42 Stunden später den Belastungen eines Bundesliga-Samstag gewachsen ist. Schenkt man solch einer Maschine etwa mehr Vertrauen als der inneren Stimme eines Spielers?

Das Gerät ist eigentlich nichts anderes als ein speziell ausgewertetes EKG, es misst zusätzlich noch den Atemrhythmus und den Gehirnstrom des Spielers. Die Werte lassen eine Bestimmung der Tagesform zu. Es werden sozusagen physikalische Daten des Körpers aufgenommen und mathematisch berechnet. Es ist allerdings kein Ersatz von Leistungsdiagnostik. Man kann mit diesem Hilfsmittel aber definitiv vermeiden, dass Fußballer ins Übertraining kommen, was im Fußball leider immer noch der Fall ist.

Was genau versteht man unter dem Begriff „Übertraining“?


Unter Übertraining versteht man einen Symptomenkomplex durch kontinuierlich zu hohe Trainingsintensitäten, zu hohes Trainingsvolumen und/oder unzureichende Regenerationszeiten zwischen den Trainingseinheiten. Das Leistungsniveau des betroffenen Spielers sinkt.

Wie kann ein Spieler merken, dass seine schlechten Leistungen darin begründet sind, dass er womöglich zu viel trainiert?

Die zu erbringende sportliche Leistung wird vom Trainierenden als schwerer und ermüdender empfunden - die Leistungsfähigkeit sinkt kontinuierlich. Je nach Ausprägung des Übertrainings wird der Körper immer geschwächter. Die Verletzungsgefahr steigt, das Immunsystem leidet und die mentale Verfassung des Sportlers verschlechtert sich: Motivationsschwächen, Konzentrationsstörungen und sogar Depressionen können auftreten. Wenn jemand monatelang oder sogar über Jahre hinweg im Übertraining ist, hat derjenige keine gute Karriere vor sich. Im Fußball sieht man das in manchen Mannschaften sogar flächendeckend. In dem einen Jahr bringen sie unglaubliche Leistungen, und im nächsten Jahr spielen sie gegen den Abstieg. Da kann so etwas schon einmal dahinter stecken.

Können Sie aktuelle oder historische Beispiele nennen von „übertrainierten Profis“ oder „flächendeckend übertrainierten Mannschaften“?


Es gibt Mannschaften, in denen vermutlich etliche Spieler einen Leistungseinbuch erleiden, nachdem sie in der Vorsaison durch gute Mannschaftsleistungen aufgefallen sind. Ich kann Ihnen keine auf Fakten basierenden Beispiele von Spielern nennen, da ich die Schweigepflicht verletzen würde. Es gibt jedoch ausreichend Beispiele von Spielern, die durch Superleistungen auffallen und dann für lange Zeit unter dem Durchschnitt verschwinden – auch ohne längere Verletzungspausen.

In diesem Zusammenhang erscheint es geradezu grotesk, dass sich viele deutsche Klubs keinen größeren Betreuerstab, wie ihn beispielsweise der DFB hat, leisten können.


Darüber lache ich mich kaputt (lacht nicht). Es ist Wahnsinn, wenn man überlegt, was ein durchschnittlicher Spieler heute für ein Gehalt haben soll und was das Personal kostet, das sich um ihn kümmert. Für einen Spieler, der im Kader vielleicht an Nummer 23 oder 24 steht, könnte sich jeder durchschnittliche Profiverein in Deutschland zwei bis drei Betreuer mehr leisten. Im Ausland beschäftigen die professionellsten Klubs einen Stab von teilweise weit über zehn Leuten. Ich glaube, der FC Chelsea hat im Moment 22 Fachleute. Die deutschen Vereine schrecken unglaublich davor zurück.

Seit vor der WM jeder Bundesliga-Trainer über die Fitnessgruppe Nationalmannschaft lachte und mit dem dritten Platz eines Besseren belehrt wurde, gehören Gummibänder doch aber auch zum Trainingsalltag einer Bundesliga-Mannschaft?


Wir sind viel unterwegs, schauen, was passiert da eigentlich, was ist da los. Ich habe mich mit den Kollegen von Hannover 96 getroffen, ein junges Team mit tollen Leuten, die hervorragende Arbeit machen, ähnlich ist es in Mainz oder bei 1860 München. Doch wie schon gesagt, das große Problem ist, dass viele Vereine personell unterbesetzt sind. Dadurch, dass neue Leute nachgekommen sind, ist zwar viel in Bewegung geraten, aber es ist noch lange nicht da, wo es sein müsste.

Ottmar Hitzfeld schimpfte neulich über den 2-Tages-Rhythmus der Spielansetzungen: „Das ist fast Wettbewerbsverzerrung, wir haben keine Zeit, richtig zu regenerieren.“ Teilen Sie diesen Gedanken der Wettbewerbsverzerrung?


Ja, zum Teil, wenn die gegnerische Mannschaft zum Beispiel zwei Tage mehr Zeit hat, sich zu erholen.

Es ist ja auch ein Stammtisch-Thema: Darf man angesichts ihrer Millionen-Gehälter von den Bundesliga-Stars nicht erwarten, dass sie zwei, drei mal die Woche spielen?


Jein. Man kann es nicht so einfach auf das Geld herunter brechen. Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen dem Geld und der Leistungsbereitschaft. Es ist ja nicht so, dass der, der am meisten Geld verdient, am schnellsten läuft. Wegen der Millionengehälter muss man jedoch erwarten dürfen, dass sie hochmotiviert sind. Aber wir wissen alle von uns selber, dass es nicht immer alleine das Geld ist, was uns motiviert - mal ist es auch nur ein Lob oder einfach immer wieder Zuspruch, den man braucht. Das ganze Gejammer hat ja immer auch einen Schneeballeffekt. Wenn alle sagen, es sei alles zu viel, dann fühlt es sich für die Spieler vielleicht auch so an. Und wenn alle sagen würden, na, na, das geht schon, das kann man schaffen als Fußballer, dann geht das auch. Es hat viel mit der Einstellung zu tun.

Was wäre, Ihrer Meinung nach, ein angemessener Spiel-Rhythmus für einen Profi-Fußballer?

Ich denke, zwei Englische Wochen im Monat können die Profis verkraften, idealer Weise mit einer Woche Pause dazwischen. Vier Spiele in zwei Wochen sind schon hart, aber sechs Spiele in einem Monat wären okay.

Wie kann man sich die Belastungen aus 90 Minuten Profifußball als Normalsterblicher vorstellen?

Vielleicht kann man es mit einer strammen Wanderung vergleichen, bei der man immer wieder bergauf sprinten muss – immer wieder. Ein Fußballspiel über 90 Minuten ist hochintensiv. Die Pulsfrequenzen eines Spielers bewegen sich über ein Spiel hinweg immer zwischen 140 und 185. Wenn man eine Treppe schnell hochgeht, ist der Puls auch gleich bei 150 - und das hat ein Fußballer das ganze Spiel hindurch.

Wie unterschiedlich groß sind die Belastungen auf den verschiedenen Positionen?

Ein Mittelfeldspieler läuft vom Umfang her zwölf bis dreizehn Kilometer in einem Spiel, ein Innenverteidiger fünf bis sieben Kilometer. In der Intensität läuft ein Mittelfeldspieler ungefähr eins bis elf Prozent dieser Strecke im Sprint. Diese Sprints haben wiederum unterschiedliche Längen und sind in verschieden großen Zeitabständen auf die zwölf Kilometer verteilt. Ein Innenverteidiger läuft zwar weniger, dafür 80 Prozent in schnellen Bewegungen. In einem 4-4-2 Spielsystem müssen die Außenverteidiger und die äußeren Mittelfeldspieler wiederum weitere Strecken in hoher Geschwindigkeit zurücklegen als ein Innenverteidiger oder zentraler Mittelfeldspieler.

Wie lang dauert die gewöhnliche Regenerationsphase nach einem Spiel?

Bis zur vollen Regeneration dauert es zweieinhalb Tage, wobei sich diese Zeit je nach Körperstruktur und Körpergröße immer noch unterscheidet. In diesen zwei Tagen muss dann aber auch einiges passieren, sonst würde die Regeneration natürlich länger dauern.

Wie kann man die Regenerationszeit möglichst kurz halten?

Die Regeneration beginnt unmittelbar nach dem Schlusspfiff. Viele Proficlubs nehmen deswegen noch in der Kabine warmes Essen zu sich. Nach dem Spiel oder Training ist das Ernährungsfenster eines Spielers weit geöffnet und schließt sich innerhalb der nächsten 120 Minuten immer mehr. Wenn die ersten Nährstoffe, mit denen der Speicher wieder aufgefüllt werden soll, erst eineinhalb bis zwei Stunden nach dem Spiel zu sich genommen werden würden, wäre das Fenster schon fast wieder geschlossen, und es bräuchte fast sechs bis sieben Stunden länger, bis es im Körper wäre. Darüber hinaus gibt es physikalische Maßnahmen, wie zum Beispiel Massagen, die auch direkt nach dem Wettkampf angewendet werden oder am Tag danach.

Das klingt, als müssten sich Fußballprofis nach einem Spiel erst einmal laaange ausruhen.

Nein, für den nächsten Tag gibt es Trainingsmethoden, die den Regenerationsprozess positiv beeinflussen, indem man den Stoffwechsel mild belastet - quasi das System spült, bildhaft vorgestellt. Verschiedene Reize haben im Sport immer unterschiedliche Auswirkungen auf die Systeme im Körper. Wenn ich also eine Muskulatur trainiere, die im Spiel nicht überbeansprucht wurde, kann ich zum Beispiel mein hormonelles System wieder auf normales Athletenniveau bringen - und zusätzlich gestresste Hormone abbauen, ohne die belastete Struktur vom Vortag erneut zu belasten. Beim Fußballer eignet sich dafür ein kurzes Krafttraining für den Oberkörper sehr gut.

Kann man bei der andauernden Diskussion um die Überbelastung der Fußballer überhaupt davon ausgehen, dass die Spieler aus physiologischer Sicht 100 Prozent bringen können?

Man kann nicht davon ausgehen, dass jeder Spieler zu jedem Spiel bei 100 Prozent ist. Wir wissen alle, dass ein Fußballer auch mit 60 Prozent eine gute Leistung abrufen kann - wenn er mental frisch ist, wenn er hochmotiviert ist, wenn er konzentriert ist, wenn er willensstark ist. Das sind die Dinge, auf die es ankommt. Die Trainer jammern immer nur, dass die Spieler müde Beine haben, aber was ist denn mit ihrem Kopf? Wenn ich am Donnerstag ein UEFA-Pokal-Spiel gemacht habe und am Samstag unbedingt gewinnen will, dann mache ich das halt mal, das ist ja nicht jede Woche so.

Es ist also alles nur eine Frage der Einstellung?

Es ist einfach die Frage: Wie kann ich mich motivieren, wie kann ich meine Grenzen ausloten und wer hilft mir dabei? Man kann Fußball nur bedingt mit anderen Sportarten vergleichen, aber was die Psychologie angeht, kann man es sehr wohl. Wenn ein Dirk Nowitzki in den Play Offs steht und jeden dritten Tag auf hohem Niveau spielen muss, tun dem am Ende einer langen Saison auch die Gräten weh - aber er reißt sich zusammen und zieht es durch.

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