30.11.2007

Oliver Schmidtlein im Interview

„Nowitzki hält es doch auch aus“

Englische Wochen sind die Zeit des Jammerns. Viele Trainer und Spieler ächzen unter der vermeintlichen Überbelastung. Alles eine Sache des Willens, meint Oliver Schmidtlein, Physiotherapeut der Nationalmannschaft.

Interview: 11Freunde Bild: Imago
Wie kann ein Spieler merken, dass seine schlechten Leistungen darin begründet sind, dass er womöglich zu viel trainiert?

Die zu erbringende sportliche Leistung wird vom Trainierenden als schwerer und ermüdender empfunden - die Leistungsfähigkeit sinkt kontinuierlich. Je nach Ausprägung des Übertrainings wird der Körper immer geschwächter. Die Verletzungsgefahr steigt, das Immunsystem leidet und die mentale Verfassung des Sportlers verschlechtert sich: Motivationsschwächen, Konzentrationsstörungen und sogar Depressionen können auftreten. Wenn jemand monatelang oder sogar über Jahre hinweg im Übertraining ist, hat derjenige keine gute Karriere vor sich. Im Fußball sieht man das in manchen Mannschaften sogar flächendeckend. In dem einen Jahr bringen sie unglaubliche Leistungen, und im nächsten Jahr spielen sie gegen den Abstieg. Da kann so etwas schon einmal dahinter stecken.

Können Sie aktuelle oder historische Beispiele nennen von „übertrainierten Profis“ oder „flächendeckend übertrainierten Mannschaften“?


Es gibt Mannschaften, in denen vermutlich etliche Spieler einen Leistungseinbuch erleiden, nachdem sie in der Vorsaison durch gute Mannschaftsleistungen aufgefallen sind. Ich kann Ihnen keine auf Fakten basierenden Beispiele von Spielern nennen, da ich die Schweigepflicht verletzen würde. Es gibt jedoch ausreichend Beispiele von Spielern, die durch Superleistungen auffallen und dann für lange Zeit unter dem Durchschnitt verschwinden – auch ohne längere Verletzungspausen.

In diesem Zusammenhang erscheint es geradezu grotesk, dass sich viele deutsche Klubs keinen größeren Betreuerstab, wie ihn beispielsweise der DFB hat, leisten können.


Darüber lache ich mich kaputt (lacht nicht). Es ist Wahnsinn, wenn man überlegt, was ein durchschnittlicher Spieler heute für ein Gehalt haben soll und was das Personal kostet, das sich um ihn kümmert. Für einen Spieler, der im Kader vielleicht an Nummer 23 oder 24 steht, könnte sich jeder durchschnittliche Profiverein in Deutschland zwei bis drei Betreuer mehr leisten. Im Ausland beschäftigen die professionellsten Klubs einen Stab von teilweise weit über zehn Leuten. Ich glaube, der FC Chelsea hat im Moment 22 Fachleute. Die deutschen Vereine schrecken unglaublich davor zurück.

Seit vor der WM jeder Bundesliga-Trainer über die Fitnessgruppe Nationalmannschaft lachte und mit dem dritten Platz eines Besseren belehrt wurde, gehören Gummibänder doch aber auch zum Trainingsalltag einer Bundesliga-Mannschaft?


Wir sind viel unterwegs, schauen, was passiert da eigentlich, was ist da los. Ich habe mich mit den Kollegen von Hannover 96 getroffen, ein junges Team mit tollen Leuten, die hervorragende Arbeit machen, ähnlich ist es in Mainz oder bei 1860 München. Doch wie schon gesagt, das große Problem ist, dass viele Vereine personell unterbesetzt sind. Dadurch, dass neue Leute nachgekommen sind, ist zwar viel in Bewegung geraten, aber es ist noch lange nicht da, wo es sein müsste.

Ottmar Hitzfeld schimpfte neulich über den 2-Tages-Rhythmus der Spielansetzungen: „Das ist fast Wettbewerbsverzerrung, wir haben keine Zeit, richtig zu regenerieren.“ Teilen Sie diesen Gedanken der Wettbewerbsverzerrung?


Ja, zum Teil, wenn die gegnerische Mannschaft zum Beispiel zwei Tage mehr Zeit hat, sich zu erholen.

Es ist ja auch ein Stammtisch-Thema: Darf man angesichts ihrer Millionen-Gehälter von den Bundesliga-Stars nicht erwarten, dass sie zwei, drei mal die Woche spielen?


Jein. Man kann es nicht so einfach auf das Geld herunter brechen. Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen dem Geld und der Leistungsbereitschaft. Es ist ja nicht so, dass der, der am meisten Geld verdient, am schnellsten läuft. Wegen der Millionengehälter muss man jedoch erwarten dürfen, dass sie hochmotiviert sind. Aber wir wissen alle von uns selber, dass es nicht immer alleine das Geld ist, was uns motiviert - mal ist es auch nur ein Lob oder einfach immer wieder Zuspruch, den man braucht. Das ganze Gejammer hat ja immer auch einen Schneeballeffekt. Wenn alle sagen, es sei alles zu viel, dann fühlt es sich für die Spieler vielleicht auch so an. Und wenn alle sagen würden, na, na, das geht schon, das kann man schaffen als Fußballer, dann geht das auch. Es hat viel mit der Einstellung zu tun.

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