30.11.2007

Oliver Schmidtlein im Interview

„Nowitzki hält es doch auch aus“

Englische Wochen sind die Zeit des Jammerns. Viele Trainer und Spieler ächzen unter der vermeintlichen Überbelastung. Alles eine Sache des Willens, meint Oliver Schmidtlein, Physiotherapeut der Nationalmannschaft.

Interview: 11Freunde Bild: Imago
Herr Schmidtlein, in unserem aktuellen Heft erzählt Søren Lerby, dass er 1985 innerhalb von sechs Stunden in zwei verschiedenen Ländern für zwei verschiedene Mannschaften auf dem Platz stand. Kann man sich das heutzutage eigentlich noch vorstellen?

Zwei Spiele? Innerhalb von sechs Stunden?

Ja. Zuerst war er nachmittags für Dänemark im letzten WM-Qualifikationsspiel in Irland im Einsatz, und von da ist er mit dem Flugzeug weiter nach Bochum, wo die Bayern abends im DFB-Pokal gegen den VFL ran mussten.


Und er hat jeweils 90 Minuten gespielt?



Fast. In Irland wurde er nach 60 Minuten ausgewechselt, und in Bochum wurde er zur Halbzeit eingewechselt – und musste schließlich noch in die Verlängerung. Kann man sich das heutzutage noch vorstellen?

Wenn es sein muss, warum nicht? Aus physiologischer Sicht kann man sich in dieser kurzen Zeit nicht erholen. Eine solche Entscheidung hängt also nur von der Wichtigkeit und Position des Spielers ab. Søren Lerby war für seine Mannschaft sehr wichtig - als Führungsspieler, als Impulsgeber auf dem Platz.

Physiologisch gesehen waren diese zwei Spiele für Lerby also eine Art Überbelastung?

Es gibt keine Maßnahme, bei der man sich in so kurzem Abstand zwischen den Wettkämpfen erholen könnte - zumindest keine legale. Auch von einem Leichtathleten, der ein 400m-Finale läuft, kann man nicht erwarten, dass er nach diesem Lauf gleich noch einmal Höchstleistung bringt. Die verschiedenen Systeme - energiebereitstellende Systeme, Nervensysteme -, die man beim Sport benutzt, haben verschiedene Regenerationszeiten und liegen deutlich über sechs Stunden.

Lerby sagte, er habe damals gute Beine gehabt und diese beiden Spiele innerhalb der kurzen Zeit als Herausforderung gesehen. Die heutigen Profis beschweren sich dagegen über zu enge Zeitpläne. Haben sich die Belastungen für Fußballprofis erhöht?

Ich denke schon. Unsere Scouts bei der Nationalmannschaft haben frühere Videobilder mit denen von heute verglichen. Früher dauerte es schon mal acht bis zehn Sekunden, bis der ballführende Spieler von einem Gegenspieler attackiert wurde - heute dauert es unter 2 Sekunden. Die Gesamtlaufstrecke in einem Spiel war ähnlich lang wie heute, doch es passierte ja alles langsamer. Die Intensität eines Spiels zeichnet sich durch die Geschwindigkeit aus, mit der die Aktionen ausgeführt werden. Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich zwölf Kilometer in einer Stunde und fünfzehn Minuten laufe oder in einer Dreiviertelstunde. Man läuft zwar jeweils zwölf Kilometer, aber in einer Dreiviertelstunde ist es wesentlich anstrengender.

Es ist ein Umdenken eingetreten. Statt die Spieler zu überfordern, werden sie regelrecht geschützt. Nach den Donnerstag-Begegnungen im Europokal verkabelt zum Beispiel der FC Bayern seine Spieler mit dem Sportdiagnostik-Programm Omega-Wave. Dieses Gerät überprüft, wer 42 Stunden später den Belastungen eines Bundesliga-Samstag gewachsen ist. Schenkt man solch einer Maschine etwa mehr Vertrauen als der inneren Stimme eines Spielers?

Das Gerät ist eigentlich nichts anderes als ein speziell ausgewertetes EKG, es misst zusätzlich noch den Atemrhythmus und den Gehirnstrom des Spielers. Die Werte lassen eine Bestimmung der Tagesform zu. Es werden sozusagen physikalische Daten des Körpers aufgenommen und mathematisch berechnet. Es ist allerdings kein Ersatz von Leistungsdiagnostik. Man kann mit diesem Hilfsmittel aber definitiv vermeiden, dass Fußballer ins Übertraining kommen, was im Fußball leider immer noch der Fall ist.

Was genau versteht man unter dem Begriff „Übertraining“?


Unter Übertraining versteht man einen Symptomenkomplex durch kontinuierlich zu hohe Trainingsintensitäten, zu hohes Trainingsvolumen und/oder unzureichende Regenerationszeiten zwischen den Trainingseinheiten. Das Leistungsniveau des betroffenen Spielers sinkt.

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