Oliver Kahn wird 40

»...dann reagiert die Seele«

40 Jahre Titan: Oliver Kahn feiert Geburtstag. Anlass, noch einmal das Interview zu bringen, das er uns 2007 gab. Eine Bilanz seiner Karriere zwischen Triumphen und Niederlagen, zwischen Teamgeist und Einsamkeit. Oliver Kahn wird 40
Heft #66 05 / 2007
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66

Oliver Kahn, kaum ein deutscher Profi polarisiert so wie Sie. Wer sind für Sie die unangenehmsten Fans in der Bundesliga?

Kann ich nicht sagen, denn ich habe den Eindruck, dass man mir inzwischen überall mit Respekt begegnet.

Obwohl immer noch ab und an Bananen in Ihren Sechzehner fliegen?


Für mich sind auch diese Aktionen unterschwellige Respektsbekundungen.

Die Fans von Bayern München gelten als ausnehmend friedlich. Inwieweit bekommen Sie mit, wie in den Stadien unterklassiger Teams die Gewalt stetig zunimmt?

In der Tat: München ist in dieser Hinsicht eine Oase und wir bekommen hier nur wenig mit. Gewalt entsteht nicht im Fußball, sondern sie entsteht in der Gesellschaft. Der Fußball ist dann das Ventil. Deshalb ist es sehr problematisch, wenn Hass auf dem Spielfeld seine Fortsetzung findet. Es ist fatal, wenn beim Champions-League-Spiel zwischen dem FC Valencia und Inter Mailand, ein Spieler einem anderen das Nasenbein bricht. Schließlich üben wir als Spieler eine Vorbildfunktion aus.

Das sagen ausgerechnet Sie, der auf dem Feld mitunter auch sehr aggressiv auftritt?

Sicherlich gehört eine gewisse positive Aggressivität zu meinem Spiel, aber ich habe noch nie einen Spieler vorsätzlich verletzt. Über meine Kinder bekomme ich ein gutes Gefühl dafür, welche Vorbildfunktion ich als öffentliche Person habe. Die machen alles nach, was sie im Fernsehen sehen. Trotzdem bin ich nur ein Mensch und auch mir unterlaufen Fehler.

Haben Sie sich in der Schule geprügelt?


Im Gegenteil, ich war eher der, der weggelaufen ist, wenn es brenzlig wurde.

Wie setzen Sie Ihre Körpersprache auf dem Platz konkret ein. Was sind besonders mächtige Gesten?

Das erfolgt intuitiv. Aber natürlich versuche ich, absolute Präsenz auf dem Platz auszustrahlen. Ein Torwart muss eine Aura entwickeln, die jedem auf dem Platz anzeigt, dass er zu 100 Prozent bei der Sache ist – auch wenn er 90 Minuten nur hinten drin steht.

Hilft Ihnen auf dem Platz auch Ihr Image als Übermensch, als Titan, das auch durch viele Werbespots transportiert wurde?


Natürlich spüre ich den Respekt, mit dem mir Gegner gegenübertreten. Das habe ich mir über die Jahre erarbeitet. Es ist wahrscheinlich schon so, dass ein Stürmer, der auf Oliver Kahn zuläuft, eher ins Grübeln kommt, als wenn er vor einem unbekannten Keeper steht.

Was empfinden Sie, wenn Sie sich als Riese am Ausgang zum Münchner Flughafen über die Autobahn hechten sehen?

Es war schön für mich, auf diese Art und Weise zu so etwas wie dem Wahrzeichen der WM zu werden.

Mögen Sie denn Ihr Image?


Ich schaue mir kaum noch eine TV-Sendung an, in der ich auftrete. Im Übrigen ist mir Authentizität immer wichtiger als Image.

Würden Sie generell sagen, dass Ihnen die Fernsehmedien liegen?

Ich habe medial meines Erachtens noch nie große Probleme gehabt. Aber natürlich arbeitet man auch an der einen oder anderen Sache.

Was geht Ihnen mit fast 38 Jahren durch den Kopf, wenn Sie nach dem Spiel immer noch die Standardfragen der Feld-Reportern beantworten müssen?

Achten Sie mal drauf, wenn Sie mich das nächste Mal sehen: Ich fasse mir ans rechte Ohr, schaue am Reporter vorbei und rede irgendein Zeug, das ich inzwischen selbst nicht mehr hören kann. Daran erkennen Sie, dass ich diese Frage schon 100-mal in meiner Karriere beantwortet habe.

Ist Ihnen bewusst, was Sie in diesen Situationen sagen oder spulen Sie da nur Plattitüden ab?


Manchmal gebe ich Interviews, während ich noch ganz woanders bin. Unmittelbar nach Spielen bin ich oft noch zu sehr mit der Begegnung beschäftigt, um vernünftige Aussagen zu treffen. Deswegen halte ich diese Gespräche auch schlicht für unsinnig. Aber es gehört eben dazu.


Sie beenden Ihre aktive Laufbahn im Sommer 2008. Wie unterscheiden sich die Typen Ihrer Generation von den Spielern, die jetzt nachkommen?


Mir fällt nur auf, dass viele junge Spieler – 20, 21 Jahre alt – bereit sind, viel zu arbeiten, aber bei allem auch der Spaß eine große Rolle spielen muss.

Der Spaß am Fußball oder der Spaß am Leben?

Spaß in jeder Hinsicht. Ich bin anders erzogen worden, auch was die Theorie anbetrifft. Meine Trainer haben mir beigebracht, dass Disziplin und harte Arbeit immer die Grundlage für Erfolg ist.

Ist es denn schlecht, wenn ein Mensch versucht, Spaß an seinem Beruf zu haben?


Im Gegenteil. Ich sage nicht, dass mein Weg der ausschließlich richtige war. Aber ich sollte mich nicht zu schnell zufrieden geben. Mich befriedigt es nicht, wenn alle ihren Spaß gehabt haben und am Ende ein dritter Platz dabei herauskommt. Für mich zählte immer nur eins: der erste Platz.

Mit anderen Worten, ohne Erfolg haben Sie keinen Spaß am Fußball.


Es ist eine einfache Gleichung: Aus disziplinierter Arbeit entsteht Erfolg und Erfolg macht Spaß. Misserfolg macht mir keinen Spaß. Die junge Spieler-Generation muss erst einmal zeigen, ob ihr Weg über Lockerheit und Spaß auch zum Erfolg führt.

Aber mit Manuel Neuer bei Schalke 04 oder René Adler bei Bayer Leverkusen zeigen gerade zwei junge Torhüter, wie Ehrgeiz und Anspruchsdenken schon früh zu Erfolg führt.

Adler und Neuer sind junge talentierte Spieler, die einige Male gut gespielt haben. Ob sie das Zeug dazu haben, ganz Große zu werden, wird sich zeigen.

Aber die Fußballszene ist doch so überschaubar, dass Sie als Spitzentorhüter wissen, was Männer wie Adler und Neuer drauf haben?

Es sind schon viele Spieler ähnlich euphorisch gestartet, in die erste Krise gekommen, und plötzlich wieder in der Versenkung verschwunden. Trotzdem können die beiden ja nichts für den Hype, der um ihre Person gemacht wird.

War Ihnen auch schon mit 20 bewusst, wie steinig und entbehrungsreich der Weg zum Welttorhüter wird?


Damals war auch ich extrem ungeduldig und wollte so schnell wie möglich die Nummer Eins werden.

Was Ihnen bei Ihrem Stammverein Karlsruher SC auch etwas leichter fiel als Michael Rensing als Nummer Zwei hinter Oliver Kahn beim FC Bayern.

Ich habe großes Glück gehabt, dass ich bei einem Verein anfangen konnte, der nicht so extrem im Fokus der Öffentlichkeit stand. Dort konnte ich mich in Ruhe entwickeln und die Substanz aufbauen, die mir später bei Bayern zugute kam.

Ein Gerücht besagt, dass Alexander Famulla, damals die Nummer Eins beim KSC, mit Ihnen nicht das Doppelzimmer teilen wollte, weil er Angst hatte, Sie würden ihm aus Ehrgeiz nachts das Kissen ins Gesicht drücken.

(lächelt) Damit hat irgendein Journalist einmal versucht, meinen damaligen Ehrgeiz zu beschreiben. Damals verfügte ich natürlich noch nicht über meine heutige Erfahrung, also habe ich einen unbändigen Trainingswillen an den Tag gelegt. Auf einige wirkte das offensichtlich etwas fanatisch.

Haben Sie mit Famulla je das Zimmer geteilt?


Ja. Und, ehrlich, es lief absolut okay zwischen uns beiden.

Sind Sie für Freunde mit Ihrem Ehrgeiz nicht manchmal eine brutale Spaßbremse?

Sie unterliegen einem Denkfehler. Im Fußball bin ich der Wettkämpfer, im Privaten bin ich der Mensch. Auf dem Platz will ich immer gewinnen, das ist meine Aufgabe als Profi. Im Privaten aber kann ich ein ganz anderer Mensch mit allen Stärken und Schwächen sein. Die Medien versuchen diese beiden Ichs gerne zu vermischen. Einige glauben tatsächlich, wenn ich auf dem Platz hart zur Sache gehe, dass ich dann auch zuhause so bin.

Trotzdem, in Fußballkreisen heißt es, Torhüter und Linksaußen haben eine Macke. Sie haben eine, oder?

(lacht) Kommt drauf an, was man als Macke bezeichnet. Ich würde natürlich behaupten, dass ich keine habe. Aber wer Torwart wird, muss zweifellos ein bisschen anders sein.

Mit knapp 25 kamen Sie zum FC Bayern München. Fiel Ihnen die Abnabelung von Karlsruhe schwer?


Wir spielten mit dem KSC damals auch international, was die Situation etwas erleichterte. Aber so erfahren, um bei Bayern sofort zu Hause zu sein, war ich noch nicht. Da musste ich einiges lernen.

Was machte Ihnen denn zu schaffen? Die Verlockungen Schwabings?


Nein, dafür war ich zu sehr fokussiert auf meine Ziele. In den ersten Jahren habe nichts anderes gemacht als trainiert, trainiert und trainiert.

Trainiert haben Sie auch beim KSC wie ein Besessener. Was also machte die Umstellung so schwer?


Das mediale Interesse ist viel größer, und der Anspruch bei diesem Verein ist gewaltig. Mit dem KSC sind wir manchmal noch einigermaßen gut gelaunt von Auswärtsspielen zurückgekehrt, wenn wir nur knapp verloren hatten. Bei Bayern musste ich lernen, dass hier nur der erste Platz zählt. Keiner ist hier zufrieden, wenn wir mit Müh und Not in die Champions-League-Qualifikation rutschen. Mit diesen Ansprüchen muss ein Spieler erst mal zurechtkommen. Am Anfang ist das schwierig.

Wie hat sich der Druck bei Ihnen geäußert?

Beim KSC war das Spiel vorbei und der Druck fiel von mir ab, beim FC Bayern pfiff der Schiedsrichter ab und der Druck ging weiter. Das nächste Spiel wartete schon. Permanent gewinnen zu müssen, ist eine harte Angelegenheit. Was das für einen Menschen bedeutet, muss ich wohl nicht näher beschreiben.

In Ihrem Buch »Nummer Eins« beschreiben Sie, dass Sie sich permanent wie eine »gespannte Geigensaite« fühlen. Aus der Perspektive des Durchschnittsbürgers klingt das, als sei Ihr Leben ein Horror-Trip.

Wer sich entscheidet, Profitorhüter zu werden, muss sich eine ungeheure psychische Robustheit aneignen. Der Torwart-Job ist kein Beruf, der viel Laune macht. Es ist oft ein undankbarer und in den seltensten Fällen gerechter Job.

Wann haben Sie Ihren Beruf als besonders undankbar empfunden?

Wie würden Sie es finden, wenn Sie eine fast makellose Weltmeisterschaft, wie ich im Jahre 2002, spielen und dann im Finale einen kleinen Fehler machen, der so kompromisslos bestraft wird?

Ronaldo verwandelte zum 1:0, nachdem Sie einen Schuss von Rivaldo in der 67. Minute nicht festhalten konnten.


Allein das zeigt doch, welch wunderbare Überraschungen der Torwartjob immer wieder für einen Menschen bereit hält. Aber diese ständige Herausforderung, dieser Kitzel, ist eben auch das Faszinierende.

Haben Sie demnach in Ihrer Profizeit jemals Lebensfreude verspürt?

In den letzten Jahren kann ich große Spiele auch genießen. Am Anfang war das schwieriger. Erst nachdem ich eine Deutsche Meisterschaft nach der anderen geholt hatte und schließlich auch die Champions League gewann – um dann festzustellen, dass auch all diese Erfolge mich in letzter Konsequenz nicht viel glücklicher machten – reifte in mir die Erkenntnis, dass ich die Dinge mehr schätzen und auch mal mehr genießen sollte.


Was war der schwärzeste Moment in Ihrer Karriere?

Das Champions-League-Finale 1999, als wir den Sieg gegen ManU erst in der Nachspielzeit verspielt haben. Das war für mich die Endstation eines Systems, das nur auf Erfolg und Disziplin beruhte.

Sie meinen Ihre bedingungslose Sucht nach Erfolg.

Wer zu besessen an seinen Zielen arbeitet, landet irgendwann in einem Tunnel in dem er rechts und links nichts mehr wahrnimmt. Irgendwann reagiert die Seele darauf, denn der Mensch ist nicht auf die Welt gekommen, um nur für Disziplin und Erfolg zu leben.

Wie ist es, wenn der Titan Oliver Kahn zusammenbricht? Haben Sie nach dem Finale am 26. Mai 1999 in Barcelona geheult wie ein Schlosshund?


Ich wünschte, ich hätte heulen können. Es war viel schlimmer. Durch Weinen wäre es ja möglich gewesen, die Enttäuschung über die Niederlage gegen Manchester zu verarbeiten. Stattdessen war ich wie gelähmt. Es war ein körperlicher und geistiger Einbruch. Die Zeit danach war schwierig.

Wie lange waren Sie in diesem Lähmungszustand?

Ein Jahr, fast anderthalb.

Sven Hannawald hat seine Karriere wegen eines Burn-Out-Syndroms an den Nagel gehängt. Sie haben aber immer weiter gespielt.

Jeder macht es auf seine Weise. Ich habe mich Tag für Tag mit meiner Situation auseinandergesetzt. Bis ich die Fähigkeit entwickelt hatte, damit zurechtzukommen.

Haben Sie psychologische Hilfe in Anspruch genommen?


Mir haben viele Menschen aus meinem Umfeld, die auch über entsprechenden Intellekt verfügen, Wege aus dieser Situation aufgezeigt.

Wer, zum Beispiel?


Schriftsteller Paulo Coelho zum Beispiel, der meine Karriere schon lange verfolgt, hat mir gesagt, ich müsse lernen, die Dinge mehr auf mich zukommen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass sich alles entwickeln wird – so lange ich das Ziel dabei nicht aus den Augen verliere. Vorher bin ich stets planerisch vorgegangen, in dem Glauben, nur der direkte Weg führe ans Ziel.

Wie hat sich Ihre Einstellung seit 1999 geändert?

Einerseits will ich immer noch Jahr für Jahr Deutscher Meister werden, andererseits lebe ich jeden Tag bewusster und versuche so oft es geht, mit meinen Kindern zusammen zu sein. Auch bin ich heute viel dankbarer für alles was ich erlebt habe und noch erleben darf. Kurz: Mein Leben fühlt sich heute viel leichter an.

Können Sie heute über eine bittere Niederlage weinen?


Es gibt nichts mehr im Sport, was mich noch einmal derart runterbringen könnte. Durch Barcelona habe ich gelernt, Niederlagen einzuordnen. Vorher fehlte mir die Relation. Andere Menschen, die viel schlimmere Dinge in ihrem Leben durchgemacht haben, würden über so eine Niederlage schnell hinwegkommen. Aber ich kannte bis dato keine Situation, die ähnlich hart war. Mein Leben als Kind und junger Torwart muss sehr angenehm verlaufen sein. Erst durch die Niederlage, diese »Mutter aller Niederlagen«, konnte ich jede Enttäuschung, die danach in mein Leben trat, fast mit einem Lächeln ertragen. Selbst das 1:0 im WM-Finale 2002 war nichts im Vergleich mit Barcelona 1999.

Aber lernt ein Fußballer nicht zwangsläufig von Anfang an den Umgang mit Sieg und Niederlage? Jedes Kind weiß schließlich, dass nach dem Spiel vor dem Spiel ist.


Natürlich, aber ich kannte Niederlagen von dieser Qualität nicht. Und ich bezweifle, dass sie im Fußball sehr häufig sind. Mario Basler hat in der Nacht von Barcelona noch mit einem Weißbier auf dem Tisch getanzt. So einen Verarbeitungsmechanismus hatte ich damals noch nicht.

Wie kamen Sie unter dieser Voraussetzung mit Ihrer Degradierung vor der WM 2006 zurecht?

Ohne Frage war es ein schweres Los, als Nummer Zwei zur WM zu fahren. Aber auch diese Entscheidung konnte mich nicht mehr so sehr treffen, dass ich darunter noch nachhaltig leide. Das hat mir meine Mutter schon beigebracht: Es gibt nichts im Leben, dem man aus dem Weg gehen sollte. Nur die Konfrontation mit den Dingen bringt einen weiter.

Haben Sie den Film »Deutschland – Ein Sommermärchen« gesehen?

Nur in Ausschnitten. Mir diesen Weg noch einmal aus der Perspektive des Zuschauers anzusehen, brauche ich momentan nicht.

Würden Sie im Nachhinein noch einmal als Nummer Zwei mit zur WM fahren?

Auf jeden Fall. Jemand, der so viele Länderspiele für Deutschland gemacht hat, verschwindet nicht einfach durch die Hintertür. Es gibt bei einem Turnier immer eine sportliche Chance. Nicht, dass ich meinem Konkurrenten etwas Schlechtes gewünscht hätte. Aber, wenn er sich im ersten Training verletzt hätte, wäre ich automatisch Nummer Eins gewesen. Außerdem lasse ich mich ungern von anderen Menschen – zumal es sich seit 2004 angedeutet hat – einfach so aus dem Weg räumen.

Sie haben schon früher mit Ihrer Degradierung gerechnet?


Es hat sich angedeutet.

Wäre ein Urlaub mit Freundin und Kindern nicht wesentlich entspannter gewesen als der Trubel bei der WM?


Aber was wäre dann passiert: Irgendeine Zeitung hätte Bilder von mir veröffentlicht, auf denen ich in der Sonne liege und darüber hätte gestanden: »Kahn sonnt sich, während wir uns den Hintern aufreißen.« So wollte ich mich nicht verabschieden. Ich spürte auch die Verantwortung, meine reichhaltigen Erfahrungen weiterzugeben.

In der Kabine der deutschen Mannschaft lief vor den WM-Spielen der Song von Xavier Naidoo »Dieser Weg wird kein leichter sein«. Für Sie muss das Lied eine ganz andere Bedeutung gehabt haben als für den Rest des Kaders.


Aus meiner Perspektive klang es fast wie Hohn, dass ausgerechnet dieser Song zum Lieblingslied des Teams wurde. Deswegen kann ich das Lied inzwischen auch nicht mehr hören.

Sind Sie im Zuge der WM 2006 gelassener geworden?

Die Vorgänge haben mir noch einmal eindrucksvoll vor Augen geführt, dass man auch auf einer anderen Ebene erfolgreich sein kann und es nicht immer darum geht, nur auf dem Platz Siege einzufahren.

Was meinen Sie damit?

Es war für mich eine wichtige Erfahrung, damit zurechtzukommen, nicht zu spielen. Denn das Gefühl, Nummer Eins zu sein, kannte ich. Mich aber damit abzufinden, es nicht zu sein, kannte ich noch nicht.


Oliver Kahn, nach 13 Jahren beim FC Bayern – welche Ära war die schönste Zeit?

Bei Bayern München über so was zu sprechen, ist sehr schwierig. Denn ein Bayern-Team ist immer eine Interessengemeinschaft von Leuten, die gemeinsam erfolgreich sein sollen. Hier kommen immer die besten Spieler der Liga zusammen. Aus so starken Persönlichkeiten eine verschworene Gemeinschaft zu formen, die sich auch abseits des Feldes versteht, ist schwer.

Können Sie als Mannschaftskapitän daran nichts ändern?


Ab und an veranstalten wir mal einen Mannschaftsabend. Früher sind wir aber nach Spielen öfter mal losgezogen, haben einen drauf gemacht und sind dann am Sonntagmorgen direkt zum Training gekommen. Da hatten wir den Kopf frei. Heute ist das Leistungsniveau so hoch, dass es sich keiner mehr erlauben kann, zwei Tage daran zu arbeiten, seinen Körper wieder in den Griff zu kriegen.

Wer gehörte denn früher zu Ihrer Kneipenclique?

Sag’ ich Ihnen nicht.

Wer im Leistungsverband FC Bayern hat einen ähnlichen Ehrgeiz an den Tag gelegt wie Sie?


Jeder Profi hat ein eigenes Rezept, zum Erfolg zu finden – und das ist auch gut so. Aber einer, der ähnlich positiv besessen war, wie ich? (überlegt) Ich kann mich spontan an keinen erinnern.

Einer, der ähnlich lange und erfolgreich beim FC Bayern gespielt hat, war Lothar Matthäus. Hatte er etwas von Ihrer Besessenheit?


(lächelt) Lothar war eine der vielen Persönlichkeiten, die ich in 13 Jahren bei diesem Verein erlebt habe und er war einer der begnadetsten Spieler, die in meiner Zeit hier waren.

Es ist bekannt, dass Sie den Golfer Tiger Woods bewundern. Was hat er, was Ihnen noch fehlt?

Es gibt momentan wohl keinen Sportler, der mental stärker ist als er.

Was ist das Geheimnis seines Erfolges?


Er hat die Fähigkeit, in entscheidenden Momenten immer das Richtige zu tun. Trotz des Niveaus auf dem er spielt, hat Woods noch nie einen Vorsprung während eines Spiels eingebüßt. Wenn ich ihn am Freitag vor unseren Spielen im Fernsehen sehe, inspiriert mich das oft zu eigenen Höchstleistungen.

Sie schauen Golf zur Einstimmung auf Ihre Spiele?

Bei Golf kann ich perfekt entspannen, danach schlafe ich bestens und komme herrlich entspannt zum Spiel.

Gibt es Partien, vor denen es Ihnen noch schwer fällt, zeitig einzuschlafen?

Es ist nichts Negatives, wenn ich nicht schlafen kann. Denn es zeigt mir, wie groß meine Konzentration dann bereits ist. Viel Schlaf ist keine Garantie für außergewöhnliche Leistungen. Vor dem Spiel gegen Werder Bremen Anfang März habe ich 10 Stunden geschlafen – und ein unglückliches Tor bekommen. Und vor dem Rückspiel gegen Real Madrid habe ich nur sechs Stunden geschlafen und trotzdem gut gehalten.


Wer ist der beste Trainer, unter dem Sie gearbeitet haben?

Der kompletteste war und ist sicherlich Ottmar Hitzfeld.

Warum ist er für den FC Bayern nach zwei Jahren Pause wieder erste Wahl?

Weil er als Trainer die gesamte psychologische, kommunikative, pädagogische und methodische Klaviatur beherrscht. Er vermittelt uns Spielern totale Überzeugung, Integrität und ist eine absolute Autorität.

Auf welcher Ebene kommunizieren Sie als Führungsspieler mit ihm?

Er vermittelt mir, dass er stets ein offenes Ohr hat und ich mich ihm anvertrauen kann. Trotzdem verfügt er über diese natürliche Autorität und Distanz, die man als Trainer braucht.

Stefan Effenberg wünschte sich kurz vor seinem Karriereende nichts als Ruhe und Entspannung vom stressigen Profileben. Sehnen auch Sie sich nach zwei Jahrzehnten im Zustand einer angespannten Geigensaite danach, sich endlich zu entspannen?


Im Anschluss an die Jahre im Dauerstress zwischen Bundesliga, Champions League Nationalmannschaft sehne ich mich natürlich nach etwas Ruhe. Aber ich freue mich auch auf neue Herausforderungen.

Fürchten Sie sich davor, dass Ihnen das Adrenalin des Profidaseins abgeht?


Fürchten ist übertrieben, aber ich mache mir schon Gedanken. Ein Mensch, der wie ich zwischen den Extremen gelebt und im Adrenalin quasi gebadet hat, muss sich natürlich geistig darauf vorbereiten, dass dieser Schalter demnächst umgelegt wird. Aber ich beabsichtige ja nicht, ein Rentnerdasein zu fristen.

Viele Spieler drängen nach der Karriere in den Trainerjob. Wäre das eine Option für Sie?
Davon lasse ich meine Finger.

Warum, Dino Zoff hat den Trainerjob ebenfalls mit Erfolg bewältigt?

Zoff hat aber die Nationalmannschaft trainiert, was wieder was ganz anderes ist.

Aber Fußballkommentator werden Sie nicht, oder?


Man soll niemals nie sagen. Momentan kann ich nicht absehen, was genau kommen wird. Dafür bin ich noch viel zu sehr Spieler.

Ist es noch aktuell, dass Sie Uli Hoeneß auf dem Managerposten beim FC Bayern nachfolgen?

Das ist sicher interessant, aber, wie gesagt, noch bin ich Torhüter.

Sie wären doch prädestiniert. Schließlich haben Sie einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften.

Leider nein. Auch eine Folge des Transfers vom KSC zum FC Bayern: Als ich nach München kam, hatte ich keine Zeit mehr, Seminare zu besuchen und nebenbei noch zu lernen. Trotzdem hat mir das Studium eine gute Basis in wirtschaftlichen Dingen vermittelt.

Toni Schumacher hat sich in seiner aktiven Laufbahn fast jeden Knochen seines Körpers einmal gebrochen. Wie übel hat Ihnen das Schicksal mitgespielt?

Toi, toi, toi. Bis auf einen Kreuzbandriss und einige Kleinigkeiten ist mir eigentlich nichts Schlimmeres passiert.

Spüren Sie trotzdem, wie Ihr Körper mit dem Älterwerden anfälliger für Verletzungen wird?


Mein Körper ist nicht anfälliger, ich benötige lediglich eine längere Regenerationszeit. Ich kann immer noch so trainieren wie früher. Mache ich aber nicht, denn das wäre nicht klug.

Wieso?

Es bringt nichts mehr, dasselbe Quantum hinzulegen wie ein 20-Jähriger. In meinem Alter trainiert man kürzer und schneller. Früher habe ich bis zum Umfallen trainiert, manchmal bis zu zwei Stunden pro Einheit. Heute trainiere ich maximal 70 Minuten, damit ich nach dem Training immer das Gefühl habe, ich hätte noch mehr machen können. Ein Torwart muss frisch bleiben – im Kopf und auch physisch.

Oliver Kahn, welchen Moment würden Sie als den Zenit Ihrer Karriere bezeichnen? Gegenfrage: Wann erreicht ein Spieler, der konstant Höchstleitungen zu bringen versucht, seinen Zenit? Ich traue mir immer noch zu, ins Champions-League-Finale vorzustoßen und dort Top-Leistungen abzuliefern. Über meinen Zenit denke ich nicht nach.

In einem Interview mit der »FAZ« erwähnten Sie, Ihre größten Momente als Torhüter verbänden Sie nicht mit Erfolgen, sondern mit bestimmten Reflexen, etwa einer Parade im Champions-League-Spiel gegen Celtic Glasgow 2003. Wie kommt es, dass Sie sich ausgerechnet solche Augenblicke einprägen?


Weil sie so spektakulär sind, dass ich sie nicht vergessen kann. Vor kurzem hatte ich im Spiel gegen den VfL Wolfsburg einen ähnlichen Reflex. Da köpft einer aus fünf Metern Entfernung nach einer Ecke mit ungeheurer Wucht aufs Tor und ich kriege irgendwie die Hände zwischen Ball und Tor. In solchen Momenten zahlt sich die ganze harte Arbeit aus.

Wenn Sie so etwas sagen, wirken Sie immer noch wie ein Junge, der mit großen Augen und dem Ball unterm Arm auf dem Bolzplatz steht.

Das ist die Leidenschaft für meinen Beruf. Wenn der Ball aufs Tor zuschießt, die Zuschauer schon aufgesprungen sind, zum Jubeln ansetzen und im letzten Augenblick passiert etwas völlig Unvorhergesehenes. Das ist die Faszination, die ein Torwart erzeugen kann. Solange es diese Momente gibt, habe ich meinen Zenit nicht überschritten.

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