15.06.2009

Oliver Kahn wird 40

»...dann reagiert die Seele«

40 Jahre Titan: Oliver Kahn feiert Geburtstag. Anlass, noch einmal das Interview zu bringen, das er uns 2007 gab. Eine Bilanz seiner Karriere zwischen Triumphen und Niederlagen, zwischen Teamgeist und Einsamkeit.

Interview: Tim Jürgens Bild: imago

Sie beenden Ihre aktive Laufbahn im Sommer 2008. Wie unterscheiden sich die Typen Ihrer Generation von den Spielern, die jetzt nachkommen?

Mir fällt nur auf, dass viele junge Spieler – 20, 21 Jahre alt – bereit sind, viel zu arbeiten, aber bei allem auch der Spaß eine große Rolle spielen muss.

Der Spaß am Fußball oder der Spaß am Leben?

Spaß in jeder Hinsicht. Ich bin anders erzogen worden, auch was die Theorie anbetrifft. Meine Trainer haben mir beigebracht, dass Disziplin und harte Arbeit immer die Grundlage für Erfolg ist.

Ist es denn schlecht, wenn ein Mensch versucht, Spaß an seinem Beruf zu haben?


Im Gegenteil. Ich sage nicht, dass mein Weg der ausschließlich richtige war. Aber ich sollte mich nicht zu schnell zufrieden geben. Mich befriedigt es nicht, wenn alle ihren Spaß gehabt haben und am Ende ein dritter Platz dabei herauskommt. Für mich zählte immer nur eins: der erste Platz.

Mit anderen Worten, ohne Erfolg haben Sie keinen Spaß am Fußball.


Es ist eine einfache Gleichung: Aus disziplinierter Arbeit entsteht Erfolg und Erfolg macht Spaß. Misserfolg macht mir keinen Spaß. Die junge Spieler-Generation muss erst einmal zeigen, ob ihr Weg über Lockerheit und Spaß auch zum Erfolg führt.

Aber mit Manuel Neuer bei Schalke 04 oder René Adler bei Bayer Leverkusen zeigen gerade zwei junge Torhüter, wie Ehrgeiz und Anspruchsdenken schon früh zu Erfolg führt.

Adler und Neuer sind junge talentierte Spieler, die einige Male gut gespielt haben. Ob sie das Zeug dazu haben, ganz Große zu werden, wird sich zeigen.

Aber die Fußballszene ist doch so überschaubar, dass Sie als Spitzentorhüter wissen, was Männer wie Adler und Neuer drauf haben?

Es sind schon viele Spieler ähnlich euphorisch gestartet, in die erste Krise gekommen, und plötzlich wieder in der Versenkung verschwunden. Trotzdem können die beiden ja nichts für den Hype, der um ihre Person gemacht wird.

War Ihnen auch schon mit 20 bewusst, wie steinig und entbehrungsreich der Weg zum Welttorhüter wird?


Damals war auch ich extrem ungeduldig und wollte so schnell wie möglich die Nummer Eins werden.

Was Ihnen bei Ihrem Stammverein Karlsruher SC auch etwas leichter fiel als Michael Rensing als Nummer Zwei hinter Oliver Kahn beim FC Bayern.

Ich habe großes Glück gehabt, dass ich bei einem Verein anfangen konnte, der nicht so extrem im Fokus der Öffentlichkeit stand. Dort konnte ich mich in Ruhe entwickeln und die Substanz aufbauen, die mir später bei Bayern zugute kam.

Ein Gerücht besagt, dass Alexander Famulla, damals die Nummer Eins beim KSC, mit Ihnen nicht das Doppelzimmer teilen wollte, weil er Angst hatte, Sie würden ihm aus Ehrgeiz nachts das Kissen ins Gesicht drücken.

(lächelt) Damit hat irgendein Journalist einmal versucht, meinen damaligen Ehrgeiz zu beschreiben. Damals verfügte ich natürlich noch nicht über meine heutige Erfahrung, also habe ich einen unbändigen Trainingswillen an den Tag gelegt. Auf einige wirkte das offensichtlich etwas fanatisch.

Haben Sie mit Famulla je das Zimmer geteilt?


Ja. Und, ehrlich, es lief absolut okay zwischen uns beiden.

Sind Sie für Freunde mit Ihrem Ehrgeiz nicht manchmal eine brutale Spaßbremse?

Sie unterliegen einem Denkfehler. Im Fußball bin ich der Wettkämpfer, im Privaten bin ich der Mensch. Auf dem Platz will ich immer gewinnen, das ist meine Aufgabe als Profi. Im Privaten aber kann ich ein ganz anderer Mensch mit allen Stärken und Schwächen sein. Die Medien versuchen diese beiden Ichs gerne zu vermischen. Einige glauben tatsächlich, wenn ich auf dem Platz hart zur Sache gehe, dass ich dann auch zuhause so bin.

Trotzdem, in Fußballkreisen heißt es, Torhüter und Linksaußen haben eine Macke. Sie haben eine, oder?

(lacht) Kommt drauf an, was man als Macke bezeichnet. Ich würde natürlich behaupten, dass ich keine habe. Aber wer Torwart wird, muss zweifellos ein bisschen anders sein.

Mit knapp 25 kamen Sie zum FC Bayern München. Fiel Ihnen die Abnabelung von Karlsruhe schwer?


Wir spielten mit dem KSC damals auch international, was die Situation etwas erleichterte. Aber so erfahren, um bei Bayern sofort zu Hause zu sein, war ich noch nicht. Da musste ich einiges lernen.

Was machte Ihnen denn zu schaffen? Die Verlockungen Schwabings?


Nein, dafür war ich zu sehr fokussiert auf meine Ziele. In den ersten Jahren habe nichts anderes gemacht als trainiert, trainiert und trainiert.

Trainiert haben Sie auch beim KSC wie ein Besessener. Was also machte die Umstellung so schwer?


Das mediale Interesse ist viel größer, und der Anspruch bei diesem Verein ist gewaltig. Mit dem KSC sind wir manchmal noch einigermaßen gut gelaunt von Auswärtsspielen zurückgekehrt, wenn wir nur knapp verloren hatten. Bei Bayern musste ich lernen, dass hier nur der erste Platz zählt. Keiner ist hier zufrieden, wenn wir mit Müh und Not in die Champions-League-Qualifikation rutschen. Mit diesen Ansprüchen muss ein Spieler erst mal zurechtkommen. Am Anfang ist das schwierig.

Wie hat sich der Druck bei Ihnen geäußert?

Beim KSC war das Spiel vorbei und der Druck fiel von mir ab, beim FC Bayern pfiff der Schiedsrichter ab und der Druck ging weiter. Das nächste Spiel wartete schon. Permanent gewinnen zu müssen, ist eine harte Angelegenheit. Was das für einen Menschen bedeutet, muss ich wohl nicht näher beschreiben.

In Ihrem Buch »Nummer Eins« beschreiben Sie, dass Sie sich permanent wie eine »gespannte Geigensaite« fühlen. Aus der Perspektive des Durchschnittsbürgers klingt das, als sei Ihr Leben ein Horror-Trip.

Wer sich entscheidet, Profitorhüter zu werden, muss sich eine ungeheure psychische Robustheit aneignen. Der Torwart-Job ist kein Beruf, der viel Laune macht. Es ist oft ein undankbarer und in den seltensten Fällen gerechter Job.

Wann haben Sie Ihren Beruf als besonders undankbar empfunden?

Wie würden Sie es finden, wenn Sie eine fast makellose Weltmeisterschaft, wie ich im Jahre 2002, spielen und dann im Finale einen kleinen Fehler machen, der so kompromisslos bestraft wird?

Ronaldo verwandelte zum 1:0, nachdem Sie einen Schuss von Rivaldo in der 67. Minute nicht festhalten konnten.


Allein das zeigt doch, welch wunderbare Überraschungen der Torwartjob immer wieder für einen Menschen bereit hält. Aber diese ständige Herausforderung, dieser Kitzel, ist eben auch das Faszinierende.

Haben Sie demnach in Ihrer Profizeit jemals Lebensfreude verspürt?

In den letzten Jahren kann ich große Spiele auch genießen. Am Anfang war das schwieriger. Erst nachdem ich eine Deutsche Meisterschaft nach der anderen geholt hatte und schließlich auch die Champions League gewann – um dann festzustellen, dass auch all diese Erfolge mich in letzter Konsequenz nicht viel glücklicher machten – reifte in mir die Erkenntnis, dass ich die Dinge mehr schätzen und auch mal mehr genießen sollte.

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