15.06.2009

Oliver Kahn wird 40

»...dann reagiert die Seele«

40 Jahre Titan: Oliver Kahn feiert Geburtstag. Anlass, noch einmal das Interview zu bringen, das er uns 2007 gab. Eine Bilanz seiner Karriere zwischen Triumphen und Niederlagen, zwischen Teamgeist und Einsamkeit.

Interview: Tim Jürgens Bild: imago

Oliver Kahn, kaum ein deutscher Profi polarisiert so wie Sie. Wer sind für Sie die unangenehmsten Fans in der Bundesliga?

Kann ich nicht sagen, denn ich habe den Eindruck, dass man mir inzwischen überall mit Respekt begegnet.

Obwohl immer noch ab und an Bananen in Ihren Sechzehner fliegen?


Für mich sind auch diese Aktionen unterschwellige Respektsbekundungen.

Die Fans von Bayern München gelten als ausnehmend friedlich. Inwieweit bekommen Sie mit, wie in den Stadien unterklassiger Teams die Gewalt stetig zunimmt?

In der Tat: München ist in dieser Hinsicht eine Oase und wir bekommen hier nur wenig mit. Gewalt entsteht nicht im Fußball, sondern sie entsteht in der Gesellschaft. Der Fußball ist dann das Ventil. Deshalb ist es sehr problematisch, wenn Hass auf dem Spielfeld seine Fortsetzung findet. Es ist fatal, wenn beim Champions-League-Spiel zwischen dem FC Valencia und Inter Mailand, ein Spieler einem anderen das Nasenbein bricht. Schließlich üben wir als Spieler eine Vorbildfunktion aus.

Das sagen ausgerechnet Sie, der auf dem Feld mitunter auch sehr aggressiv auftritt?

Sicherlich gehört eine gewisse positive Aggressivität zu meinem Spiel, aber ich habe noch nie einen Spieler vorsätzlich verletzt. Über meine Kinder bekomme ich ein gutes Gefühl dafür, welche Vorbildfunktion ich als öffentliche Person habe. Die machen alles nach, was sie im Fernsehen sehen. Trotzdem bin ich nur ein Mensch und auch mir unterlaufen Fehler.

Haben Sie sich in der Schule geprügelt?


Im Gegenteil, ich war eher der, der weggelaufen ist, wenn es brenzlig wurde.

Wie setzen Sie Ihre Körpersprache auf dem Platz konkret ein. Was sind besonders mächtige Gesten?

Das erfolgt intuitiv. Aber natürlich versuche ich, absolute Präsenz auf dem Platz auszustrahlen. Ein Torwart muss eine Aura entwickeln, die jedem auf dem Platz anzeigt, dass er zu 100 Prozent bei der Sache ist – auch wenn er 90 Minuten nur hinten drin steht.

Hilft Ihnen auf dem Platz auch Ihr Image als Übermensch, als Titan, das auch durch viele Werbespots transportiert wurde?


Natürlich spüre ich den Respekt, mit dem mir Gegner gegenübertreten. Das habe ich mir über die Jahre erarbeitet. Es ist wahrscheinlich schon so, dass ein Stürmer, der auf Oliver Kahn zuläuft, eher ins Grübeln kommt, als wenn er vor einem unbekannten Keeper steht.

Was empfinden Sie, wenn Sie sich als Riese am Ausgang zum Münchner Flughafen über die Autobahn hechten sehen?

Es war schön für mich, auf diese Art und Weise zu so etwas wie dem Wahrzeichen der WM zu werden.

Mögen Sie denn Ihr Image?


Ich schaue mir kaum noch eine TV-Sendung an, in der ich auftrete. Im Übrigen ist mir Authentizität immer wichtiger als Image.

Würden Sie generell sagen, dass Ihnen die Fernsehmedien liegen?

Ich habe medial meines Erachtens noch nie große Probleme gehabt. Aber natürlich arbeitet man auch an der einen oder anderen Sache.

Was geht Ihnen mit fast 38 Jahren durch den Kopf, wenn Sie nach dem Spiel immer noch die Standardfragen der Feld-Reportern beantworten müssen?

Achten Sie mal drauf, wenn Sie mich das nächste Mal sehen: Ich fasse mir ans rechte Ohr, schaue am Reporter vorbei und rede irgendein Zeug, das ich inzwischen selbst nicht mehr hören kann. Daran erkennen Sie, dass ich diese Frage schon 100-mal in meiner Karriere beantwortet habe.

Ist Ihnen bewusst, was Sie in diesen Situationen sagen oder spulen Sie da nur Plattitüden ab?


Manchmal gebe ich Interviews, während ich noch ganz woanders bin. Unmittelbar nach Spielen bin ich oft noch zu sehr mit der Begegnung beschäftigt, um vernünftige Aussagen zu treffen. Deswegen halte ich diese Gespräche auch schlicht für unsinnig. Aber es gehört eben dazu.

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