Oliver Bierhoff über Hertha und Russland

»Gefährliche Vorwürfe«

Der Nationalmannschaft stehen schwere Aufgaben bevor. Doch einige Leistungsträger haben andere Probleme. Wir sprachen mit Manager Oliver Bierhoff über Arne Friedrich, Hertha BSC und das Qualifikationsspiel gegen Russland. Oliver Bierhoff über Hertha und Russland

Herr Bierhoff, morgen in einer Woche steht das Qualifikationsspiel in Russland an. Inwiefern hängt von diesem Spiel das Wohl des deutschen Fußballs ab?

Natürlich steht viel auf dem Spiel. Besonders für das Image des deutschen Fußballs in der Welt und auch aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist die WM-Teilnahme von größter Bedeutung. 

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Trotzdem wäre es nicht schlimm, wenn die deutsche Elf als Gruppenzweiter in die Play-offs müsste. Das war 2001 schon so. Später galten diese beiden Ausscheidungsspiele als Geburtsstunde einer Mannschaft, die 2002 im WM-Finale stand.

Wenn man risikoreich denkt, kann man das so sehen. Aber ich denke, dass wir diesen Kick jetzt nicht mehr benötigen. Unser Team ist so reif und stabil, dass es solche Ereignisse nicht nötig hat. Nein, wir wollen dem Stress der beiden Play-off-Spiele gern aus dem Weg gehen.

Wünsche sind das eine...

Was heißt Wünsche? Das ist unser klares Ziel. Wir wollen in unserer WM-Qualifikations-Gruppe zeigen, dass wir die Nummer eins sind. Dann haben wir auch einen Monat früher Planungssicherheit.

Inwiefern ist die wichtig?

Allein schon, dass wir die Spieltermine im November, die für die Play-offs vorgesehen sind, für zwei Länderspiele in Deutschland nutzen könnten, ist positiv. Andernfalls hätten wir nur noch ein Länderspiel im kommenden März, bevor wir dann den WM-Kader nominieren.

Die Nationalelf kann gute Gegner gebrauchen. In den vergangenen Spielen des Jahres 2009 wirkte sie, als sei sie von einer eigenartigen Schwermut befallen. 

Uns war klar, dass es auch mal Phasen der Stagnation geben würde. Die Mannschaft ist nach den Höhepunkten wie der WM 2006 und der EM 2008 mal kurz durchgesackt. Das hatte zum Teil auch mit den Gegnern in den Freundschaftsspielen zu tun. Das werden wir ändern. Wir werden schon ab 2010 vermehrt Duelle mit Hochkarätern wie Spanien, Frankreich, Italien und England spielen. 

Jetzt ist Moskaus Kunstrasen der Gegner.

Ich halte die Diskussion für völlig überhöht. Wir bereiten uns in Mainz optimal auf die Bedingungen im Moskauer Luschniki-Stadion vor. Wir müssen die Stärke haben, dass wir sagen: mit der richtigen Einstellung wird auch der Moskauer Kunstrasen kein Problem für uns.

Der Moskauer Kunstrasen soll sich aber von dem in Mainz unterscheiden?

Das ist doch aberwitzig. Der Unterschied beruht nur auf den unterschiedlichen Industrienormen in beiden Ländern. Beide Rasen wurden von dem gleichen Hersteller verlegt, haben die identische Faser und Oberflächenbeschaffenheit. Das Rollverhalten des Balles etwa ist auf beiden Plätzen exakt gleich. Und vergessen Sie nicht: Einige der russischen Nationalspieler spielen mittlerweile in Europa, werden sich also auch umzustellen haben.

Was macht Sie denn so optimistisch, dass die Elf ihre Klasse wieder findet?

Jedes Länderspiel sollte für jeden einzelnen Spieler ein Fest sein und dies sollte er durch seinen Einsatz deutlich machen. Diese Begeisterung wird sich auch aufs Spiel übertragen. Ich mache mir keine Sorgen, denn ich spüre bei den Spielern, dass sie hungrig auf weitere Erfolge sind. Sie waren jetzt nacheinander bei zwei Turnieren sehr nah dran am Titel.

Arne Friedrich zum Beispiel. Der Berliner muss ja wohl um seinen Platz in der Nationalmannschaft bangen.

Bangen ist nicht das richtige Wort. Bei uns gibt es einen harten Konkurrenzkampf. Aber klar ist auch, dass Arne ein fester Bestandteil unseres 30-köpfigen Kaders ist. Die Diskussionen, die es derzeit in Berlin um ihn gibt, verfolge ich mit relativer Gelassenheit, weil Arne ein gestandener Spieler ist. Andererseits ist für mich völlig unverständlich, was ihm so alles vorgeworfen wird.

Ihm wird mehr oder minder vorgeworfen, der Königsmörder gewesen zu sein, der gegen den Trainer intrigiert hat.

Ich halte die Vorwürfe für ungerechtfertigt und sehr gefährlich. Ich lege meine Hände für ihn ins Feuer. Ich weiß aus zahlreichen Gesprächen, wie sehr er an seinem Verein hängt. Seine Vertragsverlängerung war ein klares Bekenntnis zu Hertha, kurz zuvor hatten wir uns noch unterhalten, denn es gab ja auch ein Angebot aus Italien. Wir haben darüber gesprochen. Er sagte mir, dass er sich als Kapitän von Hertha sieht und dort bleiben möchte.

Nun steht der Kapitän im Brennpunkt der Kritik. Er ist weit von seiner üblichen Form entfernt.

Wer ist das im Augenblick denn nicht? Bei Hertha läuft es nicht, und natürlich muss er als Kapitän mit der Kritik leben. Er steht an der Front, da bietet er Angriffsfläche. Ich kenne das ja auch aus meiner Zeit als Kapitän der Nationalmannschaft. Erst letzte Woche haben wir miteinander gesprochen. Er war etwas niedergeschlagen und auch wütend über teilweise ungerechtfertigte Kritik.

Er soll nicht im Sinne der Mannschaft gewirkt haben.

Das halte ich für eine Unterstellung. Arne ist sehr um die Geschlossenheit der Mannschaft bemüht. Sicherlich ist in Berlin in den vergangenen Wochen einiges verkehrt gelaufen, aber das alleine an einem Spieler wie Arne festzumachen, das ist mir zu dürftig. Ich wünsche mir, dass der Verein ihm die nötige Rückendeckung gibt.

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