16.09.2011

Olaf Thon über Schalkes 6:6 gegen den FC Bayern

»Ich war wie eine Schlange«

»Das ist die Entscheidung«, japste ZDF-Reporter Figgemeier. In der 118. Minute des epochalen Pokalspiels Schalke-Bayern hatte Dieter Hoeneß zum 6:5 getroffen. Doch Figgemeier irrte zum dritten Mal. Olaf Thon erinnert sich an den 2. Mai 1984.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Glauben Sie Ihre Karriere wäre ohne dieses 6:6 im DFB-Pokal-Halbfinale am 2. Mai 1984 anders verlaufen?
Nein. Ich glaube, dass ein guter Spieler sich über kurz oder lang immer durchsetzen wird. Schauen Sie sich einen Messi oder einen Diego an. Auch wenn Diego mal einige Spiele nicht glänzt oder in der Vergangenheit bei Porto nicht immer spielte, hat er sich durchgesetzt. Er hat nie aufgegeben, und das zeichnet einen wirklich guten Spieler aus. Genauso verhält es sich mit den Weltmeistern von 1990: Matthäus, Littbarski, Häßler, Möller. Die wurden nicht nervös vor großen Spielen. Die machten sich keine Gedanken, gegen wen sie gerade spielen. Die waren schon in jungen Jahren so gefestigt, dass kommen konnte, was wollte.

Sie begreifen dieses 6:6 gegen den FC Bayern nicht als Schlüsselspiel Ihrer Karriere?
Doch, eigentlich schon. Es gab zwei Spiele, die immens wichtig für mich waren. Zum einen das Ligaspiel gegen Hertha BSC, das wir 3:2 gewannen. Zum anderen das Halbfinale gegen die Bayern. In beiden Spielen, die nur wenige Monate auseinander lagen, schoss ich drei Tore. Da sah auch der letzte Zweifler: Das war kein Glück, kein Zufall. Die Leute konnten sich sicher sein: Der Junge kann was, da steckt wirklich was dahinter, das ist kein ewiges Talent. Ich denke, dass diese beiden Spielen letztlich auch Franz Beckenbauer dazu bewogen haben, mich kurze Zeit später in die Nationalmannschaft zu berufen.

Was ist Ihnen von diesem Spiel heute noch ganz klar vor Augen?
Besonders gerne erinnere ich mich daran, dass ich mit links, mit rechts und mit dem Kopf ein Tor erzielte. Und an das finale Tor zum 6:6 – da kann man ja Bücher drüber schreiben. Als wir in die Verlängerung gingen, stand es 4:4. In der ersten Halbzeit fiel kein Tor, erst in der 112. Minute dann das 4:5 durch Dieter Hoeneß. Wir glichen drei Minuten später zum wiederholten Male aus – Bernard Dietz war der Torschütze. In der 118. Minute stocherte Dieter Hoeneß den Ball nach einem Junghans-Fehler über die Linie. Ich weiß nicht wie oft der Fernsehreporter bis dahin von einer endgültigen Entscheidung gesprochen hatte. Dann schenkte uns der Schiedsrichter ein paar Minuten Nachspielzeit. Wir starteten den letzten Angriff des Spiels, ich bekam den Ball und hämmerte ihn über Jean-Marie Pfaff ins Netz. Dieses letzte Tor wird immer in meiner Erinnerung sein. Wenn heute jemand ankommt und zu mir sagt »6:6«, dann macht es sofort klick, und ich habe wieder dieses Tor und die Sekunden danach im Kopf, als sich alle auf mich stürzten und ich unter ihnen begraben wurde.

Sie müssen am Ende Ihrer Kräfte gewesen sein.
Das Spiel entwickelte irgendwann eine Dynamik, in der man im Grunde gar nicht mehr überlegte, ob man müde ist. Es lief alles wie ein Film, wie in Trance. Und wenn man dann noch gegen die alten Helden, gegen Rummenigge, gegen Pfaff oder Lerby spielt, dann laufen die Beine wie von selbst. In diesem Spiel konnte ich einfach nicht müde werden.

Sie spielten als hängende Spitze. Wissen Sie noch, wer Ihr Gegenspieler war?
Ich glaube, das war Bertram Beierlorzer. Der träumt vermutlich noch heute von dem Spiel. Und vor allem von mir. Mich konnte man an diesem Abend einfach nicht zu fassen bekommen. Ich war wie eine Schlange.

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