Ömer Toprak nach seinem Kartunfall

»Es gab nie einen Plan B«

Im Juni zog sich der Freiburger Newcomer Ömer Toprak starke Verbrennungen bei einem Kartunfall zu. Seine Karriere schien gefährdet, am letzten Samstag stand er wieder für den SC auf dem Platz. Wir sprachen mit ihm. Ömer Toprak nach seinem Kartunfall

Herr Toprak, wie geht es Ihnen nach dem ersten Bundesligaspiel nach langer Zeit?

Ich fühle mich sehr gut, vor allem, weil ich keine Schmerzen hatte. Es war mein erstes Bundesligaspiel überhaupt, und ich bin sehr dankbar, dass es bereits zum Rückrundenauftakt geklappt hat. Noch schöner wäre es allerdings gewesen, wenn wir in Hamburg gepunktet hätten.

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Wo gibt es eventuell noch Beschwerden?


Von Beschwerden mag ich nicht sprechen, es gibt sicher noch ein paar Dinge aufzuholen, schließlich habe ich ja einige Monate im Mannschaftstraining gefehlt. Aber ich fühle mich sehr gut.

Bei wie viel Prozent Ihrer Leistungsfähigkeit sehen Sie sich?

Das kann ich nur schwer einschätzen, diese Bewertung muss das Trainerteam vornehmen. Vergangene Woche bin ich noch durch eine leichte Grippe zurückgeworfen worden, deshalb war ich am Wochenende sicher nicht ganz bei 100 Prozent.

Besteht noch eine gewisse Angst bei Zweikämpfen?

Diese Angst gibt es nicht. Ich konnte pünktlich zur ersten Einheit ins Trainingslager mit der Mannschaft einsteigen und habe versucht, alles zu machen wie zuvor. Von daher wird Dir auch von den Kollegen wenig geschenkt. Ich finde das gut, weil sich dadurch erst gar keine Angst einschleicht.

Worum geht es bei den derzeitigen Arztbesuchen?


Es sind gar nicht mehr so viele. Wir schauen vor allem, ob die Narben gut verheilen und alle Gelenke und Muskeln intakt sind.

Intensivstation, Rollstuhl, Hauttransplantation – wie haben Sie die Leidenszeit durchgestanden?

Es war wichtig, dass alle in meinem Umfeld mir Kraft geben – Familie, Freunde, der ganze Verein und meine Berater. Das hat wunderbar geklappt, vom ersten Tag an. Und es war wichtig, dass ich mir immer kleine Zwischenziele stecke, lange vor dem Spiel gegen den HSV am vergangenen Wochenende war es zum Beispiel mein Wille, dass ich zum Hinrundenauftakt im Stadion sein kann, wenn auch nur an Krücken. So habe ich mich Schritt für Schritt zurück gekämpft.

Gab es Gedanken an das Karriereende? Gab es einen Plan B?


Diesen Plan B gab es nie. Ich habe alles versucht, damit ich wieder spielen kann und mich überhaupt nicht mit dem Gedanken an eine Alternative beschäftige. Das hätte ich noch früh genug tun können, wenn es nicht geklappt hätte.

Hatten Sie bestimmte Vorbilder bei der Bewältigung dieser schwierigen Situation?

Eigentlich nicht, denn es gab meines Wissens nach keinen Vergleich mit einer ähnlich schweren Verletzung bei einem Fußballer.

Sie haben davon gesprochen, dass Sie in dieser Zeit gemerkt haben, dass es schlimmere Schicksale geben kann. Welche Erlebnisse im Krankenhaus oder in der Reha waren es, die Ihnen diese Sichtweise vermittelt haben?


Naja, es waren Fälle in der Klinik, die viel schlimmere hatten, zugleich waren auch Menschen dabei, die sicher nicht mehr so wie ich in ihren alten Beruf zurück gehen konnten.

Wer oder was hat Ihnen in dieser Zeit geholfen?


Alle, die sich in meinem engeren Umfeld und in dem des Vereins bewegen, auch die Fans, die mich gefeiert haben, vor allem aber die »Alles Gute«-Website des Schülers Tim Schütz, auf der schon über 50.000 Menschen vorbei geschaut haben, um mir Genesungswünsche zu hinterlassen. Das finde ich unglaublich, und es hat mir sehr geholfen

Was bereitete in der Reha die schwierigsten Probleme? Die Schulung des Gleichgewichts, die Belastung der Beine, der Kraftaufbau oder etwas anderes?


Sicher eine Mischung aus allen genannten Dingen. Und dann gab es einfach auch konditionelle Rückstände aufzuholen und die Arbeit mit dem Ball wieder aufzunehmen.

Wie war der Kontakt zu den Mitspielern?


Der war von Anfang an klasse, nicht nur wegen der Besuche in der Klinik. Auch wenn ich anfangs nur Lauftraining machen konnte, hatte ich sehr schnell das Gefühl, wieder bei der Mannschaft zu sein.

Es wurde davon gesprochen, dass Sie nun ein Jahr lang starkes Sonnenlicht meiden müssten. Stimmt das, und inwieweit ist so etwas überhaupt zu realisieren?

Das stimmt und stellt kein großes Problem dar, weil man sich darauf einstellen kann.

Wie hat Sie diese schwierige Zeit als Mensch verändert?

Ich denke nicht, dass ich dadurch ein anderer Mensch geworden bin. Aber ich weiß dadurch, wie wichtig es ist, gesund zu bleiben. Und ich habe erfahren, dass ich selbst im Unglück noch großes Glück gehabt habe, sonst wäre ich heute nicht soweit.

Jürgen Kohler hat Sie geadelt, ebenso der »Kicker«. Welche Ziele verfolgen Sie nach ihrer kompletten Genesung mit dem SC Freiburg und in der Nationalmannschaft?


Ich möchte einfach wieder auf dem Rasen stehen und mir einen Platz in der SC-Stammelf erarbeiten. Alles weitere ergibt sich dann.

Ist Kohler Ihr Idol?

Dazu kenne ich ihn zu wenig. Ich habe mich über sein Lob gefreut, weil es von einem großen Spieler kommt, aber zum Idol habe ich ihn deswegen nicht ernannt.

Bei Mesut Özil dauerte es lange, bis dieser sich entschlossen hatte, für Deutschland zu spielen. Wie lief es bei Ihnen ab?

Es war sicher keine leichte Entscheidung, ich bin hier geboren und habe türkische Wurzeln. Aber ich denke, dass es für Spieler mit meinem Hintergrund das Beste ist, in dem Land zu spielen, in dem sie geboren sind und das ist Deutschland.

Welche Erinnerungen haben Sie an den Gewinn der U19-Europameisterschaft?

Es war großartig, zumal es der dritte Titel in diesem Jahr war. Mit der zweiten Mannschaft des SC bin ich aufgestiegen, mit unserer U19 im gleichen Jahr Meister geworden und dann noch der EM-Titel, das war schon Wahnsinn.

Sie sind beidfüssig. Ist dies und ihr Spiel Resultat der guten Schulung im Freiburger Fußballinternat?


Ich denke schon, dass die Ausbildung in unserer Fußballschule einer der besten des Landes ist. Mir hat das jedenfalls sehr geholfen, weil auch abseits des Platzes alles perfekt war.

Sie standen in den Vorbereitungen zu Ihrem Abitur. Wie weit sind Sie in dieser Hinsicht?


Ich habe die mündliche Prüfung in Spanisch nachholen dürfen und habe sie dann im Herbst auch bestanden, also das Abitur in der Tasche.

Wie groß ist die Vorfreude auf das erste Heimspiel mit dem SC Freiburg in diesem Jahr?


Riesig, ich weiß noch nicht, ob ich spielen darf, aber damit würde ein weiterer Traum in Erfüllung gehen.

Werden Sie sich selbst schon wieder nach normalen Maßstäben beurteilen? Oder als Rekonvaleszent?


Das weiß ich nicht, das sollen andere beurteilen. Aber es hat mich sehr gefreut, dass unser Trainer Robin Dutt am vergangenen Samstag gesagt hat, es käme ihm vor, als sei ich nie weggewesen.

Sind Sie dankbarer Ihrem Talent gegenüber als zuvor?


Ich bin auch davor nicht undankbar mit meinem Talent umgegangen. Aber ich weiß jetzt, wie wunderbar es ist, Fußballprofi zu sein.

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