Norbert Dickel über Höhenangst und das Westfalenstadion

»Lieber ein Stadion als Kapelle als eine Kapelle im Stadion«

Seit 21 Jahren ist Norbert Dickel, der Held des Pokalfinals 1989, Stadionsprecher des BVB. Von den Kabinen bis zum Dach – keiner kennt die Dortmunder Arena besser als er.

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Norbert Dickel, Wolfgang Overath hat mal gesagt: »Das Dortmunder Stadion hat nur einen Nachteil: Es steht nicht in Köln.« Können Sie den Neid der Konkurrenz nachvollziehen?
(Lacht.) Die Kölner haben doch auch ein sehr schönes Stadion. Aber klar: Auf 80 000 Fans beim Heimspiel kann man durchaus neidisch sein. Die Massen an Fans sind das, was den Signal-Iduna-Park zum Tempel macht. Die müsste man mit dem Stadion nach Köln verlegen, damit es das Gleiche wäre.

Zu Ihrer aktiven Zeit war das Stadion von 80 000 Zuschauern noch relativ weit entfernt.
Ach was. Die Kapazität ist zwar erst in den Neunzigern erhöht worden, wir haben davor aber auch schon vor 54 000 Leuten gespielt.

Aber das »schönste Stadion der Welt«, zu dem es 2009 von der »Times« gekürt wurde, war es noch nicht. Die Ecken zwischen den vier Tribünen waren offen, zudem soll der Rasen eine Katastrophe gewesen sein.
Der Rasen war wirklich schlimm Es kam wenig Licht ins Stadion, weshalb das Gras schlecht nachwuchs. Das kam einem technisch starken Spieler wie mir natürlich nicht zugute. (Lacht.)
Sie waren verletzungsbedingt nur vier Jahre für den BVB aktiv.

Gibt es ein Spiel, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Im September 1988 spielten wir gegen Hannover 96. Am Vorabend sagte mir Trainer Horst Köppel noch, dass ich den Verein verlassen soll. Als ich in der 56. Minute eingewechselt wurde, bekam ich gleich die erste Chance. Die habe ich derart drübergehauen, dass ich fast die Stadionuhr kaputtgeschossen hätte. Aber die nächsten drei habe ich direkt versenkt. Innerhalb von sechs Minuten – bis heute ist das der zweitschnellste Hattrick der Bundesligageschichte.

Wie hat sich das Stadion seit Ihrer aktiven Zeit verändert?
Es gab vier Ausbaustufen, in denen das Stadion nach und nach erweitert wurde. Zuerst wurden die Oberränge gebaut. Die VIP-Logen kamen hinzu und die Ecken des Stadions wurden geschlossen. Aber auch wenn sich außen einiges getan hat, im Innern ist immer noch alles so wie früher. Die Kabinen sind genauso bodenständig wie zu meiner Zeit. Unter der Woche sieht es dort aus wie bei vielen unterklassigen Vereinen auch. Da hat jeder Spieler seinen Spind und das war’s. Unnötigen Luxus brauchen wir nicht.

Sie sind inzwischen seit über 20 Jahren Stadionsprecher. Es heißt, sie kennen sogar das Dach.
Ja.1996 wurde die Gegentribüne eingeweiht. Wir wollten etwas Besonderes machen und haben zwischen den Flutlichtmasten im Nordosten und Südwesten ein Drahtseil gespannt. Ich habe mich in einen Korb gesetzt, der an einem Motorrad festgemacht war. Das Motorrad fuhr dann über das Seil, in schwindelerregender Höhe. Von dort oben habe ich die Aufstellung verlesen, trotz meiner Höhenangst. Den Zettel hatte ich mir aufs Bein geklebt, damit der Wind ihn nicht wegpustet.

Können Sie bei ihrer Höhenangst selbst überhaupt auf die Südtribüne? Schließlich ist die etwa 40 Meter hoch und steil wie eine Skisprungschanze.
Als 2011 die neuen Videotafeln eingebaut wurden, bin ich tagelang ganz oben auf den Tribünen herumgelaufen, um zu sehen, wie die Sichtwinkel sind. Es ist wirklich sehr hoch, ich musste mich zusammenreißen, dass ich keinen Schwindelanfall bekomme.

Es heißt, die neuen Videotafeln seien auch Ihre Babys.
2011 brauchten wir neue Videoleinwände. Ich habe Stadien in halb Europa besucht, um mir die unterschiedlichsten Leinwände anzuschauen. Jetzt haben wir die besten Videotafeln, die man kriegen kann. Vier Stück jeweils 40 Quadratmeter groß, in jeder Ecke des Stadions eine. Die haben die gleiche Auflösung wie ein HD-Fernseher.

Eine Besonderheit des Stadions ist die »Gelbe Wand«, die größte Stehtribüne Europas, die Sie jedes zweite Wochenende als »Held von Berlin« besingt.
Vor 25 000 Menschen zu stehen, die deinen Namen singen – da mache ich mir immer noch fast in die Hose. Denn ich führe mir stetig vor Augen, dass das ein ganz besonderes Privileg ist. Aber dass man hier nicht vergessen wird, wenn man etwas geleistet hat, zeigt auch den Charakter des Ruhrgebietlers.

Seit 2008 hat der BVB sein eigenes Museum im Stadion, das »Borusseum«. Sind Sie dort auch verewigt?
Der DFB-Pokalsieg 1989 ist dort natürlich beschrieben. Ich habe damals im Finale zwei Tore geschossen, dementsprechend bin ich natürlich zwangsläufig im »Borusseum« zu sehen. Aber ob auch irgendwelche Exponate von mir ausliegen, müsste ich mal nachprüfen.

Der große Rivale aus Schalke hat eine Kapelle in seiner Arena. Wäre das auch was für den BVB?
Ihr Klub ist doch auch irgendwie Religion. Ich finde es ja auch toll, dass die Schalker eine kleine Kirche im Stadion haben. Das zeigt ja nur, wie fußballverrückt die Menschen hier im Ruhrgebiet sind. Aber am Ende muss ich sagen: Lieber ein Stadion als Kapelle als eine Kapelle im Stadion.

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