16.08.2007

Nigel Tandy - Deutsche Welle-Reporter im Interview

„69 Millionen sind bei uns Alltag!“

Was die Bundesliga braucht, ist Kohle - und einen zweiten Kevin Keegan. Das zumindest behauptet der Engländer Nigel Tandy. Für die Deutsche Welle berichtet er über die Bundesliga. Wir haben ihn getroffen.

Interview: oliver zeyen Bild: Tandy

Sie kommen ursprünglich aus England. Warum genießt die Premier League im Ausland mehr Ansehen als die Bundesliga?

Weil die englischen Vereine mehr Geld zur Verfügung haben. Bayern hat dieses Jahr 69 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben und damit einen Vereinsrekord aufgestellt. In England investieren die Topvereine diese Summe aber jedes Jahr aufs Neue. Das Ausgeben hoher Geldbeträge gehört in der Premier League zum alltäglichen Geschäft. Das ist ein großer Unterschied zur Bundesliga.

Gibt es auch Bereiche, in denen die Bundesliga der Premier League einen Schritt voraus ist?

Ich glaube, die Winterpause ist eine sehr gute Einrichtung. Dadurch haben die Spieler die Möglichkeit zur Regeneration. Ich verzweifle immer an der Tatsache, dass die englische Nationalmannschaft nicht so gut spielt, wie es das Niveau in der Premier League erwarten ließe. Das mag vielleicht auch an der Dichte der Wettbewerbe liegen: Champions League, Uefa-Cup, dazu der harte, aufreibende Ligabetrieb. Das Verletzungsrisiko in England ist sehr hoch.

Obwohl das Niveau der Bundesliga geringer als ist in Spanien oder England, war die deutsche Nationalmannschaft zuletzt sehr erfolgreich. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Die Deutschen haben eben den Ruf eine echte Turniermannschaft zu sein. Bei der letzten Weltmeisterschaft haben sie dank ihrer Motivation und ihrer Fitness sogar die eigenen Erwartungen übertroffen. Das beste Beispiel sind Sebastian Schweinsteiger und Lukas Podolski. Die haben in der Nationalelf viel besser gespielt als bei ihrem Verein. Vielleicht haben die Engländer die bessere Liga, aber international haben die Deutschen die Nase vorn.

Wie Thomas Hitzlsperger wechselten zuletzt viele deutsche Talente zu einem Premier League–Verein. Warum ist dieser Trend umgekehrt nicht zu beobachten?


Weil sich ein Wechsel nach Deutschland für englische Talente nicht lohnen würde. Ich weiß nicht genau weshalb, aber vieles liegt wahrscheinlich an der Sprachebarriere und den kulturellen Unterschieden zwischen England und Deutschland. Auch die Fußball-Rivalität beider Ländern ist bei den Jugendlichen ein Thema. Ich glaube, was Deutschland braucht, ist einen zweiten Kevin Keegan, ein Botschafter des englischen Fußballs. Auf deutscher Seite hat Dietmar Hamann diese Rolle bei Liverpool und Manchester City ausgefüllt. Wenn England jemanden wie ihn in der Bundesliga hätte, würden viel mehr Spieler nach Deutschland wechseln.
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