Nigel Tandy - Deutsche Welle-Reporter im Interview

„69 Millionen sind bei uns Alltag!“

Was die Bundesliga braucht, ist Kohle - und einen zweiten Kevin Keegan. Das zumindest behauptet der Engländer Nigel Tandy. Für die Deutsche Welle berichtet er über die Bundesliga. Wir haben ihn getroffen. Tandy

Mr Tandy, Sie berichten als Engländer über die Bundesliga. Interessieren sich die Europäer überhaupt für den deutschen Fußball?

Interesse besteht zweifellos. Aber das ist eng mit dem FC Bayern verbunden. Wenn die Bayern in der Champions League gut abschneiden, richten sich die Blicke automatisch auch in Richtung Bundesliga. Der Club ist sozusagen das Bundesliga-Aushängeschild im Ausland. Was die anderen Vereine angeht, würde ich das Interesse eher als gering einstufen.

Gibt es denn überhaupt irgendein Land, in dem die Bundesliga mit ähnlich großer Begeisterung verfolgt wird wie hierzulande?


Die Afrikaner interessieren sich brennend für den deutschen Fußball. Vom afrikanischen Kontinent erhalten wir bei weitem das größte Feedback auf unsere Sendung. Unseren Programminhalt haben wir dementsprechend angepasst: Wir senden viele Porträts und Hintergrundberichte der afrikanischen Bundesliga-Spieler. Eigentlich liegt darauf unser Hauptaugenmerk.

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Helfen Transfers wie Ribery und Toni das Image der Liga im Ausland zu verbessern?

Noch habe ich nicht bemerkt, dass durch diese Transfers ein erhöhtes Interesse bestünde. Viel interessanter wird es sein, zu beobachten, wie sich unsere Hörerzahlen entwickeln, wenn die Bayern nicht in der Champions League spielen. Sie sind wie gesagt die Visitenkarte des deutschen Fußballs. Auch im Ausland gibt es übrigens eine zwiespältige Meinung zu den Bayern: Entweder die Leute lieben den Club, oder sie hassen ihn.

Was erwarten Sie, als ausländischer Beobachter, in dieser Saison von den Bayern?

Ich persönlich bin gespannt, wie München mit den vielen Neuverpflichtungen zurechtkommen wird. Uli Hoeneß hat sich finanziell weit aus dem Fenster gelehnt. Wenn er Pech hat, verwandelt sich sein vermeintliches Dream-Team über Nacht in einen Albtraum. Er weint ja jetzt schon über jeden verletzten Spieler auf der Bayern-Bank.

Wie flüssig läuft Ihnen der Name »Bastian Schweinsteiger« über die Lippen?

Ach, ganz gut, denke ich. Da bin ich gegenüber meinen anderen englischen Kollegen ein bisschen im Vorteil.

Gibt es andere Namen in der Bundesliga, mit denen Sie Probleme haben? Jan-Ingwer Callsen-Bracker vielleicht?


Nein, die Deutschen sind ziemlich einfach. Ein paar von den tschechischen Spielern sind schwerer auszusprechen. Auch »Jakub Blaszczykowski« von Borussia Dortmund ist richtig hart.

Sie kommen ursprünglich aus England. Warum genießt die Premier League im Ausland mehr Ansehen als die Bundesliga?

Weil die englischen Vereine mehr Geld zur Verfügung haben. Bayern hat dieses Jahr 69 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben und damit einen Vereinsrekord aufgestellt. In England investieren die Topvereine diese Summe aber jedes Jahr aufs Neue. Das Ausgeben hoher Geldbeträge gehört in der Premier League zum alltäglichen Geschäft. Das ist ein großer Unterschied zur Bundesliga.

Gibt es auch Bereiche, in denen die Bundesliga der Premier League einen Schritt voraus ist?

Ich glaube, die Winterpause ist eine sehr gute Einrichtung. Dadurch haben die Spieler die Möglichkeit zur Regeneration. Ich verzweifle immer an der Tatsache, dass die englische Nationalmannschaft nicht so gut spielt, wie es das Niveau in der Premier League erwarten ließe. Das mag vielleicht auch an der Dichte der Wettbewerbe liegen: Champions League, Uefa-Cup, dazu der harte, aufreibende Ligabetrieb. Das Verletzungsrisiko in England ist sehr hoch.

Obwohl das Niveau der Bundesliga geringer als ist in Spanien oder England, war die deutsche Nationalmannschaft zuletzt sehr erfolgreich. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Die Deutschen haben eben den Ruf eine echte Turniermannschaft zu sein. Bei der letzten Weltmeisterschaft haben sie dank ihrer Motivation und ihrer Fitness sogar die eigenen Erwartungen übertroffen. Das beste Beispiel sind Sebastian Schweinsteiger und Lukas Podolski. Die haben in der Nationalelf viel besser gespielt als bei ihrem Verein. Vielleicht haben die Engländer die bessere Liga, aber international haben die Deutschen die Nase vorn.

Wie Thomas Hitzlsperger wechselten zuletzt viele deutsche Talente zu einem Premier League–Verein. Warum ist dieser Trend umgekehrt nicht zu beobachten?


Weil sich ein Wechsel nach Deutschland für englische Talente nicht lohnen würde. Ich weiß nicht genau weshalb, aber vieles liegt wahrscheinlich an der Sprachebarriere und den kulturellen Unterschieden zwischen England und Deutschland. Auch die Fußball-Rivalität beider Ländern ist bei den Jugendlichen ein Thema. Ich glaube, was Deutschland braucht, ist einen zweiten Kevin Keegan, ein Botschafter des englischen Fußballs. Auf deutscher Seite hat Dietmar Hamann diese Rolle bei Liverpool und Manchester City ausgefüllt. Wenn England jemanden wie ihn in der Bundesliga hätte, würden viel mehr Spieler nach Deutschland wechseln.

Am 22. August spielt Deutschland in London gegen England. Haben Sie schon einen Tipp, wer gewinnt?

England! Die wollen im neuen Wembleystadion gegen Deutschland ein Exempel statuieren, erst recht nach der enttäuschenden Weltmeisterschaft 2006. Gewisse Restzweifel bestehen bei mir trotzdem. Als England-Fan musst du immer darauf vorbereit sein, ein sicher geglaubtes Spiel noch zu verlieren. Bestes Beispiel: England gegen Brasilien im Juni diesen Jahres. Ich war live im Stadion und musste mit ansehen, wie Brasilien in der letzten Minute den Ausgleich erzielte. Ich hatte es die ganze Zeit kommen sehen. Es war klar, dass es geschehen würde, als wäre es vom Schicksal vorbestimmt.

Wie schaffen Sie es, als Deutsche Welle–Journalist bei solchen Spielen einen kühlen Kopf zu bewahren?


Gute Frage. Manchmal merke ich, wie mein Adrenalin-Level während der Live-Reportage nach oben schießt – besonders, wenn England gegen Deutschland spielt. Ich muss mich dann selbst etwas zügeln und den Puls auf Normalniveau bringen. Grundsätzlich verheimliche ich meine Liebe zu England aber nie.

Wie würden Sie einem Engländer das Faszinierende der Bundesliga erklären?

Das ist sehr schwer. Mein Interesse für den deutschen Fußball kam auch erst mit meiner Arbeit für die Deutsche Welle. Wenn man als Ausländer über die Bundesliga berichtet, entdeckt man schnell einen Spieler, der einem besonders gefällt. Man entwickelt ein Interesse für die einzelnen Mannschaften und was dort geschieht. Das Faszinierende sind die Geschichten hinter dem Sport. Oliver Kahn zum Beispiel ist ein großer Spieler in meinen Augen. Sobald das Spiel zu Ende ist, kann Kahn einen sehr präzisen und klaren Kommentar dazu abgeben. Andere Spieler, wie Miroslav Klose, gehen vom Platz und haben keine Ahnung, wie das Spiel gelaufen ist. Kahn weiß nach dem Schlusspfiff immer genau Bescheid: Das war gut, das war schlecht. Er ist eine fast schon verrückte Führungspersönlichkeit, der man gerne folgt.

Wer wird Deutscher Meister?

Ich denke Bayern. Nach den Transfers der letzten Wochen ist das einfach zu erwarten. Zu Beginn wird es einige Spieltage dauern, bis sie richtig in Schwung kommen. Aber am Ende der Saison werden sie einen psychologischen Vorteil haben, weil sie Stuttgart und Bremen schon im Ligapokal geschlagen haben.

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