06.02.2014

»Nie wieder«: Fußballfans gegen das Vergessen der Nazigreuel

»Jede Sache braucht ihre Zeit«

Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ist vor allem auch durch das Engagement der Fans im Fußball angekommen. Wir sprachen mit Eberhard Schulz, dem Sprecher der Initiative »Nie wieder! Erinnerungstag im deutschen Fußball«, über die Notwendigkeit des Gedenkens, die Eigeninitiative der Fans und rechte Tendenzen in den Kurven.

Interview: Ilja Behnisch Bild: Imago

Eberhard Schulz, Sie sind einer der Mitbegründer und Sprecher der Initiative »Nie wieder! Erinnerungstag im deutschen Fußball«, die in diesem Jahr ihren zehnten Jahrestag begeht. Erzählen Sie uns von den Anfängen.
Am 27. Januar 2004, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Jahr 1945, fand in Italien ein kompletter Spieltag unter dem Motto »Tag des Erinnerns, um nicht zu vergessen« statt. Dazu gab es im Vorfeld in der »Süddeutschen Zeitung« ein Interview mit dem Initiator Riccardo Pacifici, welches für mich der Auslöser war, ähnliches auch in Deutschland auf die Beine zu stellen.

Wie sah Ihre Reaktion aus?
Zusammen mit den »Löwenfans gegen Rechts« war uns die Bedeutung des italienischen Vorbilds deutlich geworden. Wir haben uns dann an DFL und DFB gewandt, um den Gedenktag auch in den deutschen Fußball zu transportieren.

Woher rührte Ihre persönliche Motivation?
Ein historisch-politisches Handeln erschien mir immer wichtig. Den Fußball habe ich mit der Muttermilch aufgenommen. Also hat mich sowohl der Fußball, als auch mein Engagement gegen das Vergessen mein Leben lang begleitet. Beim »Wunder von Bern« war ich 14 Jahre alt, in meiner Jugend war ich oft im Frankfurter Waldstadion. So verdichtete sich über die Jahre die Erkenntnis: Weder die Gewerkschaften, noch die Kirchen, noch die Parteien haben eine solche Wirkung auf die Menschen wie der Fußball.

Was hat sich in den zehn Jahren seit der Gründung der Initiative getan?
Jede Sache braucht ihre Zeit. Der deutsche Ärztetag etwa hat es erst vor zwei Jahren geschafft, sich für die Greueltaten der NS-Ärzte zu entschuldigen. Wir müssen verstehen, dass viele Vereine ebenfalls Zeit brauchen, sich mit der eigenen Geschichte zu befassen.

Gibt es denn viel Nachholbedarf?
Mittlerweile setzen sich viele Klubs mit ihrer Vergangenheit auseinander. Das eigentlich Bemerkenswerte dabei aber ist: Die Fanprojekte und -gruppierungen sind vorangegangen. Sie sind es, die Fahrten nach Auschwitz oder Dachau organisieren, nicht aus einem Gefühl der Schuld oder Verpflichtung heraus, sondern aus Interesse an der eigenen Geschichte.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Im Herbst 2011 hat das Frankfurter Fanprojekt in Zusammenarbeit mit dem Verein eine Reise nach Auschwitz organisiert. Aus den Eindrücken heraus, die die Fans auf dieser Gedenkstättenfahrt gesammelt haben, ist die Idee für das Projekt »Im Gedächtnis bleiben« entstanden, welches sich mit dem regionalen Fußball in der NS-Zeit auseinander setzt. Für ihr Engagement sind die Initiatoren anschließend mit dem »Julius-Hirsch-Preis« des DFB ausgezeichnet worden. Das damit verbundene Preisgeld wiederum nutzen die Frankfurter seitdem, um ihren eigenen »Im Gedächtnis bleiben«-Preis auszuloben. Das sind wunderbare Effekte, die man aber weder planen noch einfordern kann.

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