New Order über die WM 1990, das Nichttor der Ukraine und den perfekten Fußballsong

»In Rooney schlummert ein missverstandener Philosoph«

Vor der WM 1990 nahmen New Order ein Lied mit dem englischen Nationalteam auf. Im Interview spricht die Band über Party im Tonstudio, das nicht gegebene Tor der Ukraine gegen England und die philosophischen Tiefen eines Wayne Rooney.

Kevin Cummins (Promo)

Mister Sumner, kennen Sie den offiziellen EM-Song »Endless Summer« von Oceana?
BERNARD SUMNER: Nein, habe ich noch nie gehört. Klingt irgendwie nach Teenie-Urlaubsromanze. Wissen Sie, welchen Fußballsong ich wirklich gerne mag: »Back home« (WM-Song der englischen Nationalmannschaft von 1970, d. Red.).

(Sumner fängt an zu singen): »Back home, they'll be thinking about us. When we are far away. Back home, they'll be really behind us. In every game we play.«

Früher waren solche extra für die Nationalmannschaft eingespielten Songs ziemlich populär.
STEPHEN MORRIS: Sie waren teilweise aber auch grauenvoll (lacht).

SUMNER: Es geht dabei ja auch nicht um die Musik, sondern um Fußball. So ein Song soll die eigenen Jungs motivieren. Mehr nicht.

Für die WM 1990 in Italien haben New Order »World in Motion« zusammen mit den englischen Spielern aufgenommen.
MORRIS: Ich glaube, das haben wir ziemlich gut hinbekommen. Dabei wollten die Spieler das eigentlich gar nicht machen. Die fanden solche Fußballsongs einfach nur scheiße und wollten damit nichts zu tun haben. Doch dann müssen sie irgendwie erpresst worden sein und haben es doch getan.

SUMNER: Ich kann mich erinnern, als ich damals zur Aufnahme ins Studio nach London kam. In der Nacht zuvor hatte ich einen Auftritt in Manchester und war noch ziemlich neben der Kappe. Ich musste mich laufend übergeben. Aber ich erinnere mich noch daran, wie die Spieler plötzlich mit Champagnerflaschen auftauchten. Paul Gascoigne war natürlich ganz vorn dabei.

Wieso hat er den berühmten Rap in »World in Motion« damals eigentlich nicht gesungen?
SUMNER: Er wollte ja, einige andere auch. Wir haben sogar noch Aufnahmen von den Proben damals. Mit John Barnes haben wir dann aber den Richtigen ausgewählt. Er war wirklich ein cooler Typ.

MORRIS: Barnes hat richtig Spaß daran gefunden und wollte nach seiner Karriere sogar Popstar werden. Das hat dann aber irgendwie nicht geklappt.

SUMNER: »Gazza« hat ja später auch noch gesungen. »Fog of a Tyne«, glaube ich. Nicht mal ich als Engländer hab da irgendwas verstanden.

Das offizielle deutsche WM-Lied 1990 kam von Udo Jürgens, der zusammen mit den Spielern sang: »Wir sind schon auf dem Brenner.«

(Fassungloses Gelächter der Band nach der Übersetzung)

MORRIS: Schottland hat zur WM 1978 diesen Song gemacht (singt Allys Tartan Army von Ally McLeod an): »We're on the march wi' Ally's Army, We're going tae the Argentine, And we'll really shake them up, When we win the World Cup«. Aber dann sind sie gleich in der ersten Runde ausgeschieden und haben stattdessen »Don't cry for me Argentina« gesungen.

(Alle lachen)

Gibt es den ultimativen Fußball-Song?
(Angestrengtes Nachdenken)

SUMNER: Für mich ist es »Back home« (siehe oben, d. Red.)

Was ist mit »Three Lions« von The Lightning Seeds zur EM 1996?
(Allgemeine Zustimmung)

GILLIAN GILBERT: Ja, »Three Lions« ist wirklich gut.

SUMNER: Bei dem Song muss ich immer lachen über die Textzeile (singt): »…30 years of hurt…«, weil sie das angepasst haben. Später hieß es dann »40 years of hurt« und jetzt sind es bald 50.

Wird das Leiden für England vielleicht bei dieser EM eine Ende haben?
MORRIS: Hoffentlich. Bisher haben sie die Erwartungen übertroffen. Trotz neuem Trainer. Sie haben großartige Tore geschossen.

TOM CHAPMAN: Dieser Absatzkick von Danny Welbeck war wirklich fantastisch. Auch gegen die Ukraine waren sie stark.

Aber da war diese Szene mit dem nicht gegebenen Tor der Ukrainer…
SUMNER: Der Ball war nicht hinter der Linie. Das wurde wissenschaftlich nachgewiesen.

MORRIS: Immer wenn so etwas passiert, wird über technische Hilfsmittel debattiert. Aber die werden dann doch nie eingeführt. Irgendjemand muss ein Interesse daran haben, dass alles so bleibt, wie es ist. Sogar in Wimbledon haben sie inzwischen das Hawk-Eye.

Deutschland hatte 1966 in Wembley mit so einer Entscheidung ja auch mal Pech…
CHAPMAN: Dafür haben sie dann 2010 das Tor von Frank Lampard gegen Deutschland nicht gegeben. Das hat den Spielverlauf komplett verändert.

Im Halbfinale könnte es wieder gegen Deutschland gehen…
(Kollektives »Oh no, no«)

PHIL CUNNINGHAM: Deutschland ist richtig gut zurzeit. Eigentlich ist Deutschland immer richtig gut.

CHAPMAN: Ihr habt doch diesen großen Typen da vorne im Sturm, der all die Tore geschossen hat…

…Mario Gomez…
CHAPMAN …ja, genau. Auf den muss man richtig aufpassen.

Dafür hat England Wayne Rooney.
MORRIS (ernst): Ich glaube, Rooney ist sehr tiefgründig, in ihm schlummert ein missverstandener Philosoph.

(Betretenes Schweigen. Plötzlich platzt es aus Sumner heraus)

SUMNER: GO-MEZ? Das klingt aber gar nicht Deutsch.

Er hat einen spanischen Vater.
SUMNER (immer noch entrüstet): Wie kann er da für Deutschland spielen? Dann könnten wir ja auch mit den ganzen Jungs aus Wales oder Schottland antreten. Dann würden wir richtig weit kommen. (Pause). Aber das wäre natürlich auch irgendwie ein großer Nachteil für alle anderen Mannschaften.

MORRIS: Deswegen machen wir das ja auch nicht, weil wir Sportsmänner sind und anderen Ländern auch eine Chance lassen wollen.

Franz Beckenbauer hat 1990 nach dem WM-Titel für Deutschland mal was Ähnliches gesagt. »Wenn jetzt nach der Wiedervereinigung demnächst auch noch all die Fußballer aus dem Osten dazukommen, dann wird Deutschland auf Jahre hinaus unschlagbar sein.«

SUMNER: Und? Wart ihr unschlagbar?

Natürlich nicht.
(Gelächter)

Im EM-Viertelfinale trifft England am Sonntag auf Italien…
CHAPMAN: Die sind gut, das wird ein schweres Spiel.

MORRIS: Mit New Order sind wir in den 80ern einmal durch Italien getourt. Das war richtig cool. (Wehmütig): Leider bin ich danach nie wieder in Italien gewesen.

SUMNER: War das nicht die Tour, wo unser früherer Manager Rob Gretton unsere Gage aus dem Land schmuggeln musste? Oder war das Griechenland?

MORRIS: Ich glaube, es war Griechenland.

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