Neven Subotic im Interview

»Es war wirklich schlimm«

Das Leben des Neven Subotic ist eine Reise: Als Kind flieht er mit seinen Eltern aus Bosnien, er kommt an in einer deutschen Kleinstadt. Bald verlässt er auch diese – westwärts. Ein Gespräch über das Unterwegs, Mainz 05 und Zufälle. Neven Subotic im InterviewImago

Herr Subotic, glauben Sie, dass das Leben eines jeden Menschen vom Schicksal abhängig ist?

Ich glaube, jeder Mensch trifft Entscheidungen, die Einfluss auf das Schicksal haben. Jeder ist für sein eigenes Schicksal verantwortlich.

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Viele der wichtigsten Entscheidungen in ihrem Leben wurden Ihnen von schicksalhaften Zufällen abgenommen.


Ja, aber es war nicht so, dass ich nichts dafür getan hätte. Ich glaube, wenn man etwas Gutes tut, dann bekommt man das auch zurück, wenn man viel gibt, dann kriegt man viel und wenn man hart arbeitet, dann wird man dafür belohnt.

Fällt es Ihnen dadurch schwerer wichtige Entscheidungen zu treffen?

Das kommt sehr auf die Entscheidung an. Wenn es etwas sehr wichtiges ist, fällt die Entscheidung immer schwer.

Die erste wichtige Entscheidung in ihrem Leben haben ihre Eltern getroffen, als Sie noch ganz klein waren.

Das stimmt. Als ich eineinhalb Jahre alt war, haben meine Eltern beschlossen vor dem Bürgerkrieg aus Bosnien zu fliehen. Daran habe ich aber keine Erinnerungen.

Sie sind also in Deutschland aufgewachsen. Als Kind fällt es ja oft leichter, sich zu Recht zu finden. Wie war das für Sie?


Ja, es war total einfach. Ich bin in einem kleinen Dorf im Schwarzwald aufgewachsen, in dem jeder jeden kannte. Zudem gab es dort noch weitere Flüchtlingsfamilien und der Zusammenhalt war sehr groß. Die meisten meiner damaligen Freunde kamen aus demselben Land wie ich.

Wie sind Sie zum Fußballspielen gekommen?

Das erste Jahr in Deutschland haben wir in einer Dachgeschoßwohnung über dem Vereinsheim des TSV Schwarzenberg gewohnt. Daneben war halt ein Platz, auf dem jeden Tag Fußball gespielt wurde. Mein Papa hat auch für den Verein gespielt. Irgendwie klar, dass ich auch angefangen habe.

Für einen Jungen, der nichts lieber tut als Fußball spielen, muss das toll gewesen sein.

Ja, das war schon praktisch. Wenn ich kicken wollte, war immer jemand da, der mit mir gespielt hat. Auch in der Schule habe ich in der Pause ständig Fußball gespielt.

Haben Sie damals mitbekommen, wie schwer es für ihre Eltern war in Deutschland zurecht zu kommen?

Nein. Dazu war ich noch zu klein. Mit elf sind wir ja schon weiter gezogen nach Amerika. Mittlerweise weiß ich aber, dass es ihnen schwer gefallen ist, vor allem Arbeit zu finden und genug Geld zu verdienen war nicht einfach.

Wie schlimm war es für Sie die neue Heimat wieder zu verlassen?

Als Kind ist das immer schlimm. Der erste Gedanke war, dass ich meine ganzen Freunde zurücklassen muss. Das war wirklich schlimm für mich. Aber als ich in Amerika angekommen bin, habe ich recht schnell andere Freunde gefunden und mich eingelebt.

Haben Sie damals verstanden, dass ihre Familie keine Aufenthaltsgenehmigung bekam und deshalb Deutschland verlassen musste?

Meine Eltern haben mir das damals erklärt, aber ich habe es ihnen zuerst nicht geglaubt. Ich dachte, dass wir, wenn Sie wirklich gewollt hätten, auch in Deutschland hätten bleiben können – und ich bei meinen Freunden. Mittlerweile habe ich natürlich verstanden, dass das unmöglich war.

Haben ihre Eltern Sie damals gefragt, ob sie in die USA oder zurück nach Bosnien wollen?

Nein. Auch diese Entscheidung haben meine Eltern für mich getroffen. Ist doch klar, ich war erst elf Jahre alt.

Mit elf ist es dann sicher etwas schwieriger wieder in ein neues Land mit einer anderen Sprache zu kommen?

Es ging eigentlich recht schnell. Da wo wir hingezogen sind, waren wieder mal Familien, die auch aus dem ehemaligen Jugoslawien kamen. Da hat man sich untereinander sehr geholfen. Sobald eine neue Familie dorthin kam, wurden die zum Kaffee eingeladen und während die Eltern Kaffee getrunken haben, habe ich mich mit den anderen Kindern angefreundet und gespielt. Die Sprache habe ich auch schnell gelernt. Ich hatte schließlich Unterricht auf Englisch und musste ja irgendwas verstehen. Außerdem ist es das schlimmste für ein Kind, wenn es das Fernsehprogramm nicht versteht. Ich war also ziemlich motiviert und es hat nur ungefähr drei Monate gedauert, dann ging es.

Haben Sie sofort wieder Fußball gespielt?

Nein. Zuerst musste ich mich einleben, wir mussten eine Wohnung finden, meine Eltern brauchten Arbeit. In der Schule hat wirklich niemand Fußball gespielt, aber mein Vater hat mir dann einen Ball gekauft und ich habe auf einem Tennisplatz in der Nähe gekickt.

Dann sind Sie bald schon wieder umgezogen.

Richtig. 1999 sind wir zunächst nach Salt Lake City, Utah gegangen, weil dort eine Cousine meines Vaters lebte. Nach eineinhalb Jahren sind wir dann nach Bradenton in Florida umgezogen. Meine Schwester hat sehr gut Tennis gespielt und wollte dort auf eine bekannte Akademie gehen.

Und Tennis war nichts für Sie?

(lacht) Nein, meine Schwester war zu gut. Ich habe dann angefangen in irgendwelchen kleinen Vereinen Fußball zu spielen, aber das war alles sehr unernst. Das hat mir nicht richtig Spaß gemacht und ich habe zwei Jahre keinen organisierten Fußball gespielt.

Aber Sie sind doch recht schnell US-Nationalspieler in der Jugendauswahl geworden?

Ich wurde entdeckt von dem Co-Trainer der U17-Nationalmannschaft. Seitdem habe ich dort gespielt und dort habe ich mich auch erst richtig entwickelt. Da war es dann vorbei mit nur kicken im Park und jeder tut was er will. Das war der Startschuss.

Wo hat der Trainer Sie entdeckt?

Ich habe im Park gespielt. Er trainierte gerade eine andere Mannschaft und ich habe ihn gefragt, ob ich mitspielen könne. Er wollte wissen, wie alt ich sei. Als er hörte, dass ich erst 15 bin, meinte er, dass seine Mannschaft älter sei. Aber ich bin hartnäckig geblieben, weil ich schon mit einigen der Spieler gespielt hatte. Er hat mich dann mitmachen lassen und hat mich gleich danach zu einem Probetraining der U17-Auswahl eingeladen. Und dann hatte ich es geschafft. Das ging unglaublich schnell. Das war wirklich ein Zufall, ich war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.

Hat der Fußball Ihnen bei der Integration in den USA geholfen?

Ja, das war auf jeden Fall so. Ich war halt der Neue und die haben sich sehr um mich gekümmert. Durch den Fußball habe ich bisher die meisten Freunde in meinem Leben gemacht.

Dann haben Sie irgendwann die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. Um in der Nationalmannschaft zu spielen oder aus Überzeugung?

Weder noch. Es war von Anfang an unser Ziel eine amerikanische Staatsbürgerschaft zu bekommen, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen und um mit dem amerikanischen Pass reisen zu können.

Hatten Sie sich auf ein Leben in den USA eingestellt?

Darüber habe ich mir nicht wirklich Gedanken gemacht. Ich hatte immer schon den Plan, nach Deutschland zurückzukehren.

Haben Sie den deutschen Fußball aus den USA verfolgen können?

Nicht wirklich. Ab und zu habe ich mal ein Spiel gesehen, aber das waren meist Champions-League-Spiele. Trotzdem habe ich mich immer über den deutschen Fußball informiert, wollte immer wissen, wer Meister geworden ist, wer abgestiegen ist und so.

Haben Sie weiter Kontakte nach Deutschland gepflegt?

Ja. Mit all meinen Freunden hatte ich, während ich in Amerika war, guten Kontakt. Als ich dann nach fünf Jahren in den USA meine amerikanische Staatsbürgerschaft bekommen habe, durfte ich erstmals wieder nach Deutschland reisen. Als ich meine Freunde wieder gesehen habe, war das unbeschreiblich.

Wie kamen Sie schließlich nach Mainz?

Ich war mit der Nationalmannschaft in einem Trainingscamp in Holland, wir haben da Freundschaftsspiele gegen Ajax und Eindhoven gemacht. Mein jetziger Berater Steve Kelly war da, hat mich gesehen und mich gleich angesprochen. Er wollte wissen, ob ich mir vorstellen könnte in Europa zu spielen. Ich habe ihm gesagt, dass ich hier aufgewachsen bin, dass ich mich hier wohl fühle und mir das definitiv vorstellen könnte. Dann war ich in den USA auf dem College und im Sommer haben wir geplant, dass ich nach Deutschland komme, um es auszuprobieren mit dem Profifußball. Er hat mich dann gefragt, wohin ich wollte und ich sagte, dass ich möglichst in die Nähe meiner Freunde will, damit ich die zwischendurch besuchen könnte. Schließlich ist meine Familie in den USA geblieben. Kelly ist auch Berater von Conor Casey, der damals schon in Mainz spielte. Er hatte also gute Kontakte und hat die genutzt.

Gab es auch andere Angebote?

Loses Interessenten gab es, aber ich wollte in die Nähe meiner Freunde. Ich bin jetzt schon weit entfernt von meiner Familie und ich wollte nicht ganz allein sein.

Die Entscheidung nach Mainz zu gehen, scheint die erste gewesen zu sein, die Sie wirklich beeinflussen konnten. Sind sie zufrieden mit sich?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe immer schon davon geträumt, Fußballer zu werden. Meine Eltern waren nicht sicher, ob es eine gute Idee ist, so früh zu gehen. Ich hätte ja noch ein bisschen Zeit gehabt, ich war ja erst 17 als ich wieder nach Deutschland gekommen bin. Meine Eltern wollten, dass ich mein College fertig mache und dann einen Versuch starte. Aber ich war selbstbewusst genug zu glauben, dass ich es schaffen kann. Und bisher war die Entscheidung sehr gut.

Auch auf dem Platz müssen oft in sekundenschnelle Entscheidungen getroffen werden. Sie scheinen nicht aus der Übung gekommen zu sein.

(lacht) Mittlerweile bin ich es gewohnt, Entscheidungen zu treffen. Mit ein bisschen mehr Erfahrung ist es leichter, einzuschätzen was in welchem Moment zu tun ist.

Wo sehen Sie ihre Stärken auf dem Platz?

Ich denke, ich bin sehr zweikampf- und kopfballstark, was ja beides sehr wichtig ist für einen Verteidiger. Und oft gelingen mir gute lange Bälle nach vorne.

Und Schwächen?

Ich glaube, ich bin nicht sehr schlecht in einer bestimmten Sache. Aber man kann sich natürlich in allem verbessern. Mit fehlt häufig die Ruhe, wenn wir unter Druck geraten. Daran muss ich arbeiten. Und an der Schnelligkeit. Schneller kann man immer werden.

Sie sind auf Anhieb Stammspieler geworden, obwohl Sie noch sehr jung sind. Gab es schon Hierarchie-Probleme in der Mannschaft?

Nein. Keiner hat da ein Problem mit, solange jeder seine Leistung bringt. Aber ich bin natürlich einer der jüngsten in der Mannschaft und darf Bälle aufpumpen, Wasser und Hütchen holen. Alles was man sich so vorstellen kann, ich muss es machen. Aber damit habe ich überhaupt kein Problem.

Im Moment tauchen Sie nicht mehr im Spielerpool auf den Internetseiten des amerikanischen Verbandes auf. Wie ist der Stand der Dinge?

Ich habe mich erstmal von allen Nationalmannschaftsaktivitäten losgesagt, als ich gemerkt habe, dass ich hier spielen kann. Ich will mich auf Mainz 05 konzentrieren. Das ist schließlich mein erstes richtiges Profijahr. Also habe ich denen gesagt, dass ich eine Pause und mich im Sommer erholen will, anstatt noch mehr zu spielen.

Wie würden Sie ihre Chancen auf die deutsche U23-Auswahl einschätzen, wenn Sie einen deutschen Pass hätten?

Keine Ahnung. Ich kenn da nicht viele Spieler.

Denken Sie darüber nach, auch auf dem Pass deutscher zu werden?

Nein. Nicht wirklich. Erstmal will ich für Mainz 05 gute Spiele absolvieren und dann kann ich über diese Entscheidung nachdenken.

Wie wichtig war Jürgen Klopp für Sie, als Sie neu ins Team gekommen bist?

Enorm wichtig. Ich habe mich sofort nachdem ich hergekommen bin total wohl gefühlt. Die ganze Atmosphäre im Verein, die Mannschaft und Jürgen Klopp haben es mir sehr leicht gemacht. Klopp ist einfach ein freundlicher Mensch, der mich nach dem ersten Tag gleich angesprochen hat und mir ein gutes Gefühl gegeben hat. Außerdem ist er ein super Motivator und holt alles aus seinen Spielern raus.

Machen Sie sich Gedanken um ihre Zukunft oder Vertrauen Sie ihrem Schicksal und den Zufällen, die ihr bisheriges Leben geprägt haben?

Meine Zukunft ist Sonntag das Spiel gegen Offenbach. Aber prinzipiell bin ich mein eigener Herr. Die meisten Entscheidungen, treffe ich jetzt selbst.

Stellen Sie sich manchmal vor, wie ihr Leben heute aussehen würde, wenn das Schicksal etwas anderes mit ihnen vorgehabt hätte?

Ja, ich stell mir das vor, aber ich mach mir darüber nicht zu viele Gedanken. Es ist so wie es ist – und es ist gut so.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Ich hoffe, dass ich als Verteidiger in einem Spitzenklub spiele.

Wo fahren Sie hin, wenn Sie Urlaub haben? In die USA oder nach Bosnien?

Sowohl als auch. In den USA sind natürlich meine Eltern und meine Schwester. In Bosnien ist der Rest meiner Familie.

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