21.06.2013

Neonazis im ukrainischen Fußball

»Linke leben hier gefährlich!«

In den ukrainischen Fanszenen dominieren Neonazis die Kurven. Für unsere Reportage über eine linke Ultragruppe (11FREUNDE #140, ab jetzt im Handel) haben wir auch Dr. Rafal Pankowski interviewt, der an der Universität Warschau lehrt und sich mit Rechtsextremismus im osteuropäischen Fußball beschäftigt. Ein Gespräch über Versäumnisse, Gefahren und Aussichten.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Dr. Rafal Pankowski, nahezu alle Ultraszenen im ukrainischen Fußball werden von Neonazis dominiert. Wie werten Sie die Positionierung der Fanszene von Arsenal Kiew? 
Eine Gruppe wie die von Arsenal Kiew, die sich offen links zeigt, ist in der Ukraine tatsächlich eine sehr untypische und außergewöhnliche Erscheinung. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass wir weder in der Ukraine noch in anderen post-sowjetischen Staaten auf Erstliga-Level viele vergleichbare Szenen finden werden. Das liegt auch daran, dass sich jeder, der sich entscheidet, bei einer solchen Gruppe mitzumachen, automatisch in Gefahr begibt. Deshalb bleiben diese Gruppe auch relativ klein.
 
Die Fans von Arsenal Kiew behaupten, dass 15 von 16 Klubs in der ukrainischen Premjer Liga von rechten Fangruppen unterstützt werden. Ist das übertrieben?
Es ist kein Klischee, sondern ein Fakt: Rassismus und Faschismus ist im osteuropäischen Fußball sehr verbreitet. Lediglich der Grad der rechten Ausrichtung unterscheidet die einzelnen Szenen voneinander. Die Gründe sind vielfältig. Darf ich etwas ausholen?
 
Bitte.
Zum einen sind viele Jugendliche im früheren Ostblock auf der Suche nach einer Identität, die sie oft im Fußball finden. Zumindest vermitteln ihnen die Kurven ein Gefühl von Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit. Gleichzeitig gibt es seit 1990 ein Vakuum in punkto Werte – und dieses Vakuum wird häufig von extrem rechten Gruppen besetzt. Und schließlich gibt es noch die simple Erklärung, dass viele Jugendlichen in den ehemaligen Sowjetstaaten wenig Perspektiven haben. Der Frust über die wirtschaftliche Situation entlädt sich dann im Hass auf Andere und in der Suche nach Sündenböcken.
 
Ist Rechtsextremismus in post-sowjetischen Staaten auch eine Rebellion gegen die kommunistische und sozialistische Elterngeneration?
Man kann die ganze Sache durchaus Jugendrebellion nennen, die in diesem Fall in einem – sagen wir es deutlich – außerordentlich dummen Weg zum Ausdruck gebracht wird. Wobei auch das eine gewisse paradoxe Situation ist, schließlich haben gerade diese Länder sehr stark unter der Naziherrschaft gelitten. Nicht weit weg vom Stadion, wo 1942 das »Death Match« der »Todeself« stattfand, brüllen sie heute »Sieg Heil!« (als Todeself wird eine Mannschaft aus ukrainischen Zwangsarbeitern bezeichnet, die am 9. August 1942 im Zenitstadion Kiew eine Auswahl deutscher Wehrmachtssoldaten besiegte, d. Red.).
 
Dabei spielen mittlerweile viele Ausländer in der Ukraine. Alleine in Donezk und Charkiw sind aktuell 22 Südamerikaner aktiv.
Auch das ist paradox und beinahe ironisch. Viele Klubs sind mittlerweile sehr multikulturell und international aufgestellt, es gibt in ihren Teams zahlreiche Spieler aus Brasilien oder Afrika. Wenn man so will, sind die Teams die multikulturellsten Erscheinungen, die es in der Ukraine gibt. Und auf der anderen Seite sind die Fans die rassistischsten Erscheinungen. Hier prallen also zwei Extreme aufeinander. Ich denke, die Lage würde sich entspannen, wenn die soziale Struktur der Länder – abseits des Fußballs – auch internationaler wäre.
 
Was haben die Klubs in der Vergangenheit gegen rechtsextreme Vorfälle in ihren Stadien getan?
Wenig. Wir haben von September 2009 bis März 2011 rassistische Vorfälle in Polen und der Ukraine dokumentiert. Am Ende kamen wir auf 62 Verstöße in der Ukraine, die in der Broschüre Hateful – Eastern European Monitoring Report gelistet sind (von Hakenkreuz-Bannern bis zu lebensgefährliche Messerattacken auf Arsenel-Fans im August 2010, d. Red.).
 
Hat die EM denn geholfen?
Ja. Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass einige Vereine heutzutage besser vorbereitet sind als noch vor ein paar Jahren. Das ist auch das Verdienst von der Kampagne »Respect diversity«, die von »Never Again« und das »FARE Network« (Football Against Racism in Europe, d. Red.) ins Leben gerufen wurde. Mit diesen Organisationen haben wir die Vereine konsequent unterrichtet. Das fing bei den vermeintlich naheliegenden Dingen an. Wir haben ihnen die Bedeutung eines Keltenkreuzes oder eines »White-Power«-Banners erklärt.
 
Wie wirkt sich diese Aufklärungsarbeit auf die Vereine aus?
Nehmen wir als Beispiel Metalist Charkiw. Dort gab es in der Vergangenheit einige wirklich hässliche Szenen. Erinnern wir uns nur an die BBC-Dokumentation »Stadiums of Hate«. Da sah man, wie Metalist-Nazis asiatische Fans über die Tribünen jagten. Seit einigen Monaten ist dieser Verein aber unter einer neuen Führung. Eine der ersten Amtshandlungen war es, die Spieler in Trikots mit einem Anti-Rassismus-Schriftzug auf Spielfeld zu schicken. Das war sehr erfreulich.
 
Wie ist es bei Dynamo Kiew, wo die Ultraszene auch als stramm rechts gilt?
Ich war letztens Teil einer TV-Talkrunde, bei der auch Dynamo-Präsident Igor Surkis eingeladen war. Er hat gesagt: »Ja, wir haben ein Problem mit rechten Fans, und wir müssen alles tun, um es zu lösen.« Eine einfache und gute Aussage. Nachdem er das Problem lange totgeschwiegen hat, war ich jedenfalls positiv überrascht, dass er sich öffentlich so klar geäußert hat.

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