Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer über Herzkrankheiten im Fußball

»In Italien wird weniger umfangreich untersucht«

Am Samstag schockierte der Tod des 25-jährigen Italieners Piemario Morosini die Fußballwelt. Wir sprachen mit Tim Meyer, Mannschaftsarzt der Deutschen Nationalmannschaft, über die gesundheitlichen Risiken im Profifußball.

Tim Meyer, am Wochenende verstarb der italienische Profi Piermario Morosini vermutlich an einem Herzinfarkt. Denkt man als Mannschaftsarzt eines Fußballteams besonders über solche Ereignisse nach?
Tim Meyer: Sicherlich beschäftigt man sich als Arzt damit, auch wenn man den Menschen persönlich nicht kannte. Und macht sich Gedanken, was die Ursachen für den Tod sein könnten.

Gibt es denn Informationen, die Ihnen auch als Außenstehenden helfen, mögliche Ursachen zu benennen?
Tim Meyer: Zum Beispiel die ethnische Herkunft des Spielers. Bestimmte Ethnien weisen einzelne Herzerkrankungen öfter auf als andere. Aber auch die Familiengeschichte kann Hinweise geben. Bei Morosini sind offenbar die Eltern früh verstorben, die Geschwister leiden nach Presseberichten unter einer Behinderung. Das kann auf genetische Ursachen hindeuten.

Also sind Herzerkrankungen genetisch bedingt?
Tim Meyer: Viele von den Herzkrankheiten, die für plötzliche Herztode beim Sport in Betracht kommen, haben eine starke genetische Komponente. Deshalb ist es auch so wichtig, nach der Familiengeschichte zu fragen.

Profifußballer sehen sich heute einer enormen Belastung ausgeliefert. Kann das ebenfalls ein Grund für Herzprobleme sein?
Tim Meyer: Während eines Fußballspiels wird der Körper phasenweise maximal belastet. Dabei wird beispielsweise sehr viel Adrenalin ausgeschüttet. Diese Ausschüttung kann bei einem vorgeschädigten Herz zu Rhythmusstörungen führen. Aber allein die Belastung des Fußballs schädigt ein gesundes Herz nicht.

Wird bei den sportärztlichen Untersuchungen beim DFB und in der Bundesliga speziell auf das Herz geachtet?
Tim Meyer: Ja, seit über zehn Jahren ist in der ersten und zweiten Bundesliga eine umfassende Untersuchung Pflicht, die eine detaillierte Herzuntersuchung – unter anderem per Ultraschall – einschließt.

Ist dies im Ausland anders?
Tim Meyer: Die Untersuchungssysteme sind unterschiedlich. In den USA wird beispielsweise lediglich eine körperliche Untersuchung gemacht und die Krankengeschichte erhoben, weil man unnötige Zusatzuntersuchungen vermeiden möchte. Leistungssportler in Deutschland, die im DOSB-System untersucht werden, erhalten zusätzlich ein Ruhe- und ein Belastungs-EKG, Laborwerte und die erwähnte Ultraschalluntersuchung des Herzens. Das gilt auch für Fußballspieler. Daraus resultieren natürlich gelegentlich Folgeuntersuchungen, also auch mehr Kosten.

In Deutschland wird weniger auf die Kosten geachtet?
Tim Meyer: Wir wollen nicht ausrechnen, wie viel Geld wir für ein Leben ausgeben. Das, was uns realistisch machbar erscheint, tun wir auch. Alles andere wäre bei den Finanzierungsmöglichkeiten im professionellen Fußball auch schwer zu rechtfertigen. Im Freizeit- und Breitensport ist eine Umsetzung flächendeckender. Vorsorgeuntersuchungen natürlich schwieriger. Aus sportmedizinischer Sicht wären die aber natürlich zu befürworten.

Und im europäischen Ausland?
Tim Meyer: In Italien ist es gesetzlich geregelt, anders als bei uns. Dort muss jeder Wettkampfsportler eine Sporttauglichkeitsuntersuchung machen. Aber die ist nicht so umfangreich wie diejenige für Profi-Fußballspieler und andere Leistungssportler in Deutschland.

Bei Morosini kam der Krankenwagen nicht durch, weil ein falsch geparktes Polizeiauto den Weg versperrte, wodurch lebenswichtige Minuten vergingen. Haben Sie als Mannschaftsarzt Einfluss auf die örtlichen Gegebenheiten?
Tim Meyer: So etwas könnte ich natürlich auch nicht verhindern, aber wir Mannschaftsärzte versuchen alles, um Verzögerungen zu verhindern.

Wie sieht das genau aus?
Tim Meyer: Ich gehe vor dem Spiel immer mit dem diensthabenden Notarzt die Fluchtwege durch, um im Notfall schnell reagieren zu können. Jedes Stadion ist ja anders gebaut. Diese Überprüfung hat aber nichts mit einem bestehenden Herzproblem eines Spielers zu tun. Es gibt ja auch andere schwerwiegende Verletzungen, die zügig behandelt werden müssen. Und natürlich überprüfe ich, ob alles an Material da ist, was ich benötige. Das ist inzwischen Routine.

Man sieht in den Stadien immer öfter Defibrillatoren am Spielfeldrand. Ist das vorgeschrieben?
Tim Meyer: Es gibt keine deutschlandweite Vorschrift. Bei Länderspielen steht aber in der Regel ein Notfallteam bereit, das dieses Gerät besitzt. Außerdem führe ich einen Defibrillator mit. Wenn man allerdings einen Spieler hat, von dem man weiß, dass er herzkrank ist, dann sollte ein Defibrillator schon griffbereit sein. Ansonsten haben die Defibrillatoren ihre Bedeutung mehr für die Zuschauer im Stadion als für die Fußballer. Die müssen im Notfall schließlich auch so schnell wie möglich behandelt werden. Die Gefahr, dass ein Spieler tot umfällt, ist zum Glück nach wie vor sehr gering.

Die Zahl der Todesfälle ist also in den vergangenen Jahren nicht gestiegen?
Tim Meyer: Nein, dafür gibt es bislang keine einzige seriöse Statistik. Deswegen haben wir von der Universität des Saarlands (Meyer ist dort Ärztlicher Direktor des Instituts für Sport- und Präventivmedizin, Anm. d. Red.) auch ein Register für plötzliche Todesfälle im Sport eingerichtet: die SCD-Deutschland. Die mediale Präsenz des Sports verzerrt möglicherweise ein wenig die Realität. Man bekommt einfach viel mehr Todesfälle als früher mit – wie jetzt bei Piermario Morosini in der zweiten italienischen Liga.

Worum geht es beim SCD?
Tim Meyer: In dieser Datenbank werden alle Todesfälle ab dem Frühjahr 2012 gesammelt, die im Zusammenhang mit einer sportlichen Betätigung stehen. Sie ist auf der Homepage der Universität des Saarlandes (hier der Link) zu finden. Vom Arzt bis zum Fan kann jeder Todesfälle melden, unabhängig von der Sportart und davon, in welcher Spielklasse das Unglück passiert ist. Auch Trainingsereignisse können eingegeben werden.

Was versprechen Sie sich vom SCD?
Tim Meyer. Wir wollen aussagekräftige Zahlen bekommen, um zu beurteilen, wie groß das Problem wirklich ist. Es kann ja nicht sein, dass wir das über die Medien klären. Dies muss auf fachlicher Ebene passieren. Außerdem wollen wir die genauen Ursachen für den plötzlichen Herztod herausfinden, wie sie in Deutschland bestehen.

Wann sind die ersten Ergebnisse zu erwarten?
Tim Meyer: Erst in ein paar Jahren. Glücklicherweise.

Warum glücklicherweise?
Tim Meyer: Der plötzliche Tod im Zusammenhang mit Sport tritt aller Wahrscheinlichkeit nach nicht so häufig auf. Und es wäre gut, wenn sich das nicht ändert.

Todesfälle im Fußball

Renato Curri (AC Perugia), 30. Oktober 1977
Bricht zum Beginn der zweiten Halbzeit im Serie-A-Spiel gegen Juventus Turin zusammen und stirbt mit 24 Jahren. Das Stadion in Peruga wurde anschließend nach ihm benannt.

Omar Sahnoun (Girondins Bordeaux,) 21. Mai 1980
Stirbt beim Training. Drei Jahre zuvor wurde Sahnoun auf Grund von Herzproblemen aus der französischen Nationalmannschaft genommen.

Michael Klein (Bayer Uerdingen), 2. Februar 1993
Während eines Dauerlaufs mit der Mannschaft stirbt der rumänische Nationalspieler an Herzversagen.

Axel Jüptner (Carl Zeiss Jena),  24. April 1998
Nach dem Training erleidet Jüptner einen Herzinfarkt und bricht bewusstlos zusammen. Untersuchungen ergeben, dass der Infarkt durch eine unerkannte Herzmuskelentzündung hervorgerufen wurde.

Marc-Vivien- Foé, (Manchester City), 26. Juni 2003
Der Kameruner ist das prominenteste Todesopfer im Fußball. Beim Confederations-Cup im Spiel gegen Kolumbien versagt Foés Herz.

Miklos Feher (Benfica Lissabon), 25. Januar 2004
Der Stürmer wird im Ligaspiel gegen Vitoria Guimaraes in der 60. Minute eingewechselt. Kurz vor Schluss erleidet Feher einen Herzstillstand.

Serginho (São Caetano), 27. Oktober 2004
In der Begegnung gegen Sao Paolo erleidet Serginho einen Herz- und Atemstillstand. Jegliche Reanimationsversuche bleiben erfolglos. Intern waren die Herzprobleme des Verteidigers bekannt.

Antonio Puerta (FC Sevilla), 28. August 2007
Das erste Saisonspiel gegen Getafe läuft 30 Minuten, als Puerta einen Kollpas erleidetet und ausgewechselt wird. In der Kabine bricht er mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand erneut zusammen. Drei Tage später stirbt Puerta.

Phil O’Donnell (FC Motherwell), 29. Dezember 2007
Im Spiel gegen Dundee kollabiert O’Donnell auf dem Spielfeld. Auf dem Weg ins Krankenhaus stirbt der ehemalige schottische Nationalspieler. Die Haupttribüne des Stadions von Motherwell trägt heute seinen Namen.

Naoki Matsuda (Matsumoto Yamaga) 4. August 2011
Währendes eines Training kippt Matsuda in Folge eines Herzinfarkts um. Zwei Tage später stirbt der Japaner.

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