Napalm-Death-Sänger Barney Greenway über Aston Villa

»Wenger ist ein Anti-Faschist mit Sturmmütze«

Barney Greenway ist Sänger der legendären britischen Crustcore-Band Napalm Death und Hardcore-Fan von Aston Villa. Wir sprachen mit ihm über seine Fußballleidenschaft, Hooligans, Hertha-Fans und den »Arschtreter« Arsene Wenger. Napalm-Death-Sänger Barney Greenway über Aston VillaPromo

Barney Greenway, Napalm Death sind gerade durch Russland getourt, als nächstes steht Kanada auf dem Plan. Haben Sie überhaupt noch Zeit, Spiele von Aston Villa zu besuchen?

Barney Greenway: Gelegentlich bin ich ja noch zu Hause. Und der Villa Park ist von meiner Wohnung in Birmingham gerade mal 30 Minuten zu Fuß entfernt, so schlimm ist es also nicht. Außerdem ist unser Tourplan nicht fest durchgeplant wie bei einigen anderen Bands. Im Sommer und im Herbst treten wir meistens am Wochenende auf, so kann ich immer noch zu den Spielen unter der Woche gehen. Und wenn ich im Ausland bin, verfolge ich natürlich die Ergebnisse.

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Gibt es in der Band denn Spannungen zwischen Birmingham-City- und Aston-Villa-Fans?

Barney Greenway: »Bluenoses« (Birmingham-Fans, d. Red.) haben wir bei uns nicht. Doch selbst wenn, gäbe es keine Konflikte. Ich kann nicht wirklich sagen, dass ich Brimingham City außerordentlich mag, aber letztendlich bin ich bei dieser ganzen Sache auch sehr rational. Ich hasse die »Blues« nicht so sehr, dass ich jemandem deswegen aufs Maul hauen würde. Sowieso habe ich kein Interesse an der ganzen Gewalt, die zwischen Fangruppen abgeht. Es gibt viel wichtigere Dinge im Leben, als sich über Fußballrivalität aufzuregen.

Birmingham hat in England nicht gerade den besten Ruf. Sie sind dort geboren und aufgewachsen. Was denken Sie über die Stadt?

Barney Greenway: Ich bin auf eine gewisse Art und Weise stolz darauf, ein »Brummy« zu sein, auch wenn alle über die Stadt herziehen. Aber die Leute stereotypisieren halt gerne: Birmingham schlecht – Manchester toll. Mich hat etwa an Manchester immer gestört, dass sie ihre Musikkultur auf ein Podest stellen und so tun, als hätte es eine unberührbare, spirituelle und himmlische Aura. Das ist Schwachsinn.

Wie ist es mit London?

Barney Greenway: Ich habe eine Zeit lang in London gewohnt, habe die Stadt aber gehasst, weil alle so kalt und unfreundlich waren.  

Waren Sie schon immer Fan von Villa?

Barney Greenway:  Ich komme aus dem Norden Birminghams und alle Familienmitglieder sind Villa-Fans. Einige haben sogar eine Geschichte mit dem Verein. Mein Vater hing mit den Sleeuwenhoeks (John Sleeuwenhoek spielte zwischen 1961 und 1967 für Aston Villa, d. Red.) und anderen Spielern rum. Mein Großvater war mit den Shillcocks befreundet, der Familie, die das Sportgeschäft besaß, aus dem 1895 die FA-Cup-Trophäe gestohlen wurde.

Sie sind bereits in den frühen achtziger Jahren zu Aston Villa gegangen. Wie war damals die Stimmung in der Stadt?

Barney Greenway: Ich erinnere mich vor allem an die Handsworth-Riots. Und auch wenn es keine besonders populäre Meinung ist: Ich konnte diese Unruhen nachvollziehen (1981 kam es bei Unruhen im Birminghamer Bezirk Handsworth zu 121 Festnahmen und 40 verletzte Polizisten, d. Red.).

Sie sagten einmal, Sie sind Pazifist.

Barney Greenway: Aber ich verstehe, warum sich Spannungen entladen, wenn die Mächtigen die Menschen wie wie Scheiße behandeln. Ich würde physische Gewalt nicht unterstützen, aber bei den Handsworth-Riots verstehe ich, warum es dazu kam.

Wie war die Stimmung denn damals im Fußball?

Barney Greenway: Fußball war damals eine rechte Bestie. Die Nationale Front versuchte immer wieder den Sport zu infiltrieren. Ich erinnere mich noch an einen Vorfall in der Schule. Ein so genannter Sympathisant stand mit einer Großbritannien-Flagge auf dem Dach eines Klassenzimmers und ich habe ihm auf den Kopf geschlagen. Die Fußballfans waren für so etwas sehr empfänglich, sie haben diese nationalistische Ideelogie aufgesogen – ob sie das Gedankengut wirklich verstanden haben oder nicht, ist eine andere Sache.

Reflektiert das Publikum im Villa Park heute die ethnische Identität der Stadt?

Barney Greenway: Die letzte rassistischen Scheiße erlebte ich vor etwa fünf Jahren im Villa Park. Und ich werde Villa-Fans nicht entschuldigen – so etwas lässt sich nicht entschuldigen. Immerhin ist es seitdem besser geworden. Gerade in den vergangenen Jahren habe ich viel mehr asiatische und schwarze Fans im Villa Park gesehen. Ich habe auch keine rassistische Äußerungen mehr gehört. Aber es gibt eine Menge anderer Dinge, die einige Leute nicht als direkten Rassismus bezeichnen würden.

Zum Beispiel?

Barney Greenway: Ich höre immer noch, dass langhaarige Spieler »Gypo« (Slang für Zigeuner, d. Red.) genannt werden und ihnen gesagt wird, sie sollen zurück in ihren Wohnwagen gehen. Wenn ich solche Gesänge höre, dreht sich mir der Magen um. Es ist okay, sich mal einen Spaß zu erlauben. Ich finde auch nicht, dass Fluchen auf der Tribüne verboten werden sollte. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen Fluchen und solchen Äußerungen.

Kommt Ihre markante Napalm-Death-Stimme eigentlich während den Spielen zum Einsatz?

Barney Greenway: Eigentlich bin ich eher ein Beobachter. Ich bin ein »chin stroker« (ein Bartzwirbler, d. Red.), Fußball ist meine Ruhezeit. Ich stehe auf und singe ein bisschen, vor allem die einfachen Lieder. Aber wenn Leute aufstehen und die gegnerischen Fans niedermachen, die 150 Meter weit entfernt sitzen, finde ich das selten dämlich. Ich meine, glaubt ihr wirklich, dass die das stört? Mein Bruder und ich lachen dann einfach.



Wie zufrieden sind Sie mit der derzeitigen Ausrichtung des Klubs unter Besitzer Randy Lerner?

Barney Greenway: Wir haben ein gutes Team. Und mit der Verpflichtung von Darren Bent gelang uns ein regelrechter Coup. Dass Ashley Young geht war klar. Angefressen bin ich wegen Stewart Downing (Young wechselte vor der Saison zu Manchester United, Downing zum FC Liverpool, d. Red.).

Warum?

Barney Greenway: Wir haben Downing geholt, als ihn niemand haben wollte, er war der vergessene Spieler der Premier League. Verdammt, hat sich irgendjemand für ihn interessiert, als er noch bei Middlesbrough war? Wir haben ihn gekauft, als er verletzt war, wir haben ihn wieder fit bekommen, sein Gehalt bezahlt. Danach spielte er eine gute Saison für uns, dann kam Liverpool – und er verpisste sich wieder.

Wie kommen die Fans mit Trainer Alec McLeish klar? Er stand letzte Saison noch beim Rivalen Birmingham City unter Vertrag?

Barney Greenway: Die Leute meckern über ihn. Doch ich sage: Kommt drüber hinweg! Falls es nicht gut ausgeht, kommen wir auch damit klar. Aber ich bin einigermaßen zuversichtlich. Auch wenn ich damit leben könnte, nicht jedes Spiel unentschieden zu spielen,. Ich bin sehr optimistisch, auch weil Gabriel Agbonlahor so gut in Form ist.

Greift Villa diese Saison oben an?

Barney Greenway: Wir werden Siebter oder Achter. Und wenn wir Glück haben und es zudem schaffen, Spieler wie N´Zogbia auf ein Top-Level zu bringen, dann könnten wir auch mal Fünfter werden. Zumal ich glaube, dass Tottenham nachlassen wird.

Und Manchester City?

Barney Greenway: Ach, jeder redet nur noch von ManCity, aber ich glaube, dass Manchester United weiterhin unerreichbar ist. United hat den natürlichen Antrieb und den Elan, während mir City immer noch ein bisschen kostruiert erscheint. Mein Tipp für die Abschlusstabelle: Meister ManUnited, Zweiter ManCity, Dritter wird Chelsea, danach Arsenal.

Wie denken Sie über die Kritik an Arsene Wenger?

Barney Greenway: Das war schlichtweg unfair. Er kann manchmal ein ziemlicher Sturkopf sein, aber so hat er Arsenal dorthin gebracht, wo sie heute stehen. Ich habe Sympathien für ihn, er ist ein ziemlich anständiger Typ. Ich habe einige Sachen über ihn gehört, die vermuten lassen, dass Wenger im Geheimen auch ein Anti-Faschist ist.

Weil er sich stets lautstark über Rassismus im Fußball äußerte?

Barney Greenway:  Genau, Ich kann mir gut vorstellen, dass er manchmal mit einer Sturmmütze rausgeht und gewissen Leuten kräftig in den Arsch tritt.



Sie haben Downings fehlende Loyalität angesprochen, Sie haben gesehen, wie sich Carlos Tevez im Champions-League-Spiel gegen den FC Bayern verhalten hat. Was hat Fußball noch mit dem Spiel gemeinsam, das Sie als Kind lieben gelernt haben?

Barney Greenway: Es ist natürlich nicht mehr das gleiche Spiel wie früher. Alleine die Sache mit den Gehältern, die vollkommen außer Kontrolle geraten ist. Man muss sich selbst wundern, wie lang das noch weitergehen kann. Da ist ein Typ wie Tevez, der 250.000 Pfund pro Woche verdient und seiner Mannschaft nicht helfen will. Eine solche Aktion lässt den Spieler und das Spiel einfach verdammt blöd aussehen.

Die Zuschauer kommen trotzdem noch.

Barney Greenway: Nun, die Zuschauerzahlen sind im Villa Park zurückgegangen, weil unser billigstes Ticket um sechs Pfund teurer geworden ist. Das klingt nicht nach viel, aber es ist ein schleichender Prozess. Alles wird immer ein bisschen teurer. Langsam beginnen sich die Leute zu beschweren – indem sie einfach fern bleiben.

Dabei war Villa immer recht günstig.

Barney Greenway: Das stimmt. Doch jetzt stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr. Ich bin kein »Glory Hunter« (Erfolgsfan, d. Red.), ich werde da sein, egal was sie durchmachen, sogar wenn sie absteigen. Aber auf der anderen Seite werde ich mich nicht im Kampf gegen diese Politik aufreiben.

Sie glauben nicht, dass die Fans irgendwann richtig auf die Barrikaden gehen?

Barney Greenway: Doch, das schon. Ich denke auch in England wir die Zeit kommen, in der alle Fans die Klubs in Frage stellen werden.

Haben Fußballfans in England denn noch die Macht, ihre Stimmen zu erheben?

Barney Greenway: Das ist abhängig vom Klub. Zunächst spielt jeder Verein Transparenz vor, es heißt stets: »Unser Klub ist Teil der Gemeinschaft.« Dennoch versuchen die Fans hinter die Vorstandstür zu schauen. Und was ist? Es gelingt ihnen nicht.

Wie ist es bei Villa?

Barney Greenway: Für Villa und mich gilt: Ich will den Klub nicht von Geld finanziert sehen, das aus Korruption stammt. Es gibt darüber hinaus auch andere Dinge, über die ich mir abseits des Platzes Gedanken mache. Beispielsweise werde ich kein offizielles Villa-Merchandise kaufen. Ich habe ein Problem damit, weil viele Trikots noch immer unter grauenvollen Umständen produziert werden.

Deutsche Vereine suchen eher den Kontakt mit den Fans als englische Klubs. Verfolgen Sie das?

Barney Greenway: Nicht wirklich, aber der FC St. Pauli ist ein Verein, bei dem ich viele Freunde habe. Auch wegen der stark anti-faschistischen Haltung. Ich habe auch Kumpels bei Hertha BSC oder Union Berlin. Bei Union war ich auch schon im Stadion. Und Fortuna Düsseldorf hat großartige Fans.

Barney Greenway, Sie sagten kürzlich, dass Sie sich noch nicht erschöpft fühlen. Wie lange geht es mit Napalm Death weiter?

Barney Greenway: Ich erzähl dir mal was, Kumpel. Wenn ich erschöpft ware, dann würde ich das alles nicht mehr machen. Wenn wir merken würden, dass wir keine interessannte Musik für uns und die Leute mehr machen können, wenn wir keine Gigs mehr spielen können, die dir in den Arsch treten und dir trotzdem was zum Nachdenken geben, dann würden wir das auch nicht mehr machen. Ich könnte die Leute, die Geld zahlen, um uns live zu sehen, nie betrügen – diese Menschen verdienen 100 Prozent Napalm Death und genau das bekommen sie von uns. An dem Tag, an dem ich die nicht mehr geben kann, höre ich auf.

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