16.10.2011

Napalm-Death-Sänger Barney Greenway über Aston Villa

»Wenger ist ein Anti-Faschist mit Sturmmütze«

Barney Greenway ist Sänger der legendären britischen Crustcore-Band Napalm Death und Hardcore-Fan von Aston Villa. Wir sprachen mit ihm über seine Fußballleidenschaft, Hooligans, Hertha-Fans und den »Arschtreter« Arsene Wenger.

Interview: Titus Chalk Bild: Promo
Barney Greenway, Napalm Death sind gerade durch Russland getourt, als nächstes steht Kanada auf dem Plan. Haben Sie überhaupt noch Zeit, Spiele von Aston Villa zu besuchen?

Barney Greenway: Gelegentlich bin ich ja noch zu Hause. Und der Villa Park ist von meiner Wohnung in Birmingham gerade mal 30 Minuten zu Fuß entfernt, so schlimm ist es also nicht. Außerdem ist unser Tourplan nicht fest durchgeplant wie bei einigen anderen Bands. Im Sommer und im Herbst treten wir meistens am Wochenende auf, so kann ich immer noch zu den Spielen unter der Woche gehen. Und wenn ich im Ausland bin, verfolge ich natürlich die Ergebnisse.



Gibt es in der Band denn Spannungen zwischen Birmingham-City- und Aston-Villa-Fans?

Barney Greenway: »Bluenoses« (Birmingham-Fans, d. Red.) haben wir bei uns nicht. Doch selbst wenn, gäbe es keine Konflikte. Ich kann nicht wirklich sagen, dass ich Brimingham City außerordentlich mag, aber letztendlich bin ich bei dieser ganzen Sache auch sehr rational. Ich hasse die »Blues« nicht so sehr, dass ich jemandem deswegen aufs Maul hauen würde. Sowieso habe ich kein Interesse an der ganzen Gewalt, die zwischen Fangruppen abgeht. Es gibt viel wichtigere Dinge im Leben, als sich über Fußballrivalität aufzuregen.

Birmingham hat in England nicht gerade den besten Ruf. Sie sind dort geboren und aufgewachsen. Was denken Sie über die Stadt?

Barney Greenway: Ich bin auf eine gewisse Art und Weise stolz darauf, ein »Brummy« zu sein, auch wenn alle über die Stadt herziehen. Aber die Leute stereotypisieren halt gerne: Birmingham schlecht – Manchester toll. Mich hat etwa an Manchester immer gestört, dass sie ihre Musikkultur auf ein Podest stellen und so tun, als hätte es eine unberührbare, spirituelle und himmlische Aura. Das ist Schwachsinn.

Wie ist es mit London?

Barney Greenway: Ich habe eine Zeit lang in London gewohnt, habe die Stadt aber gehasst, weil alle so kalt und unfreundlich waren.  

Waren Sie schon immer Fan von Villa?

Barney Greenway:  Ich komme aus dem Norden Birminghams und alle Familienmitglieder sind Villa-Fans. Einige haben sogar eine Geschichte mit dem Verein. Mein Vater hing mit den Sleeuwenhoeks (John Sleeuwenhoek spielte zwischen 1961 und 1967 für Aston Villa, d. Red.) und anderen Spielern rum. Mein Großvater war mit den Shillcocks befreundet, der Familie, die das Sportgeschäft besaß, aus dem 1895 die FA-Cup-Trophäe gestohlen wurde.

Sie sind bereits in den frühen achtziger Jahren zu Aston Villa gegangen. Wie war damals die Stimmung in der Stadt?

Barney Greenway: Ich erinnere mich vor allem an die Handsworth-Riots. Und auch wenn es keine besonders populäre Meinung ist: Ich konnte diese Unruhen nachvollziehen (1981 kam es bei Unruhen im Birminghamer Bezirk Handsworth zu 121 Festnahmen und 40 verletzte Polizisten, d. Red.).

Sie sagten einmal, Sie sind Pazifist.

Barney Greenway: Aber ich verstehe, warum sich Spannungen entladen, wenn die Mächtigen die Menschen wie wie Scheiße behandeln. Ich würde physische Gewalt nicht unterstützen, aber bei den Handsworth-Riots verstehe ich, warum es dazu kam.

Wie war die Stimmung denn damals im Fußball?

Barney Greenway: Fußball war damals eine rechte Bestie. Die Nationale Front versuchte immer wieder den Sport zu infiltrieren. Ich erinnere mich noch an einen Vorfall in der Schule. Ein so genannter Sympathisant stand mit einer Großbritannien-Flagge auf dem Dach eines Klassenzimmers und ich habe ihm auf den Kopf geschlagen. Die Fußballfans waren für so etwas sehr empfänglich, sie haben diese nationalistische Ideelogie aufgesogen – ob sie das Gedankengut wirklich verstanden haben oder nicht, ist eine andere Sache.

Reflektiert das Publikum im Villa Park heute die ethnische Identität der Stadt?

Barney Greenway: Die letzte rassistischen Scheiße erlebte ich vor etwa fünf Jahren im Villa Park. Und ich werde Villa-Fans nicht entschuldigen – so etwas lässt sich nicht entschuldigen. Immerhin ist es seitdem besser geworden. Gerade in den vergangenen Jahren habe ich viel mehr asiatische und schwarze Fans im Villa Park gesehen. Ich habe auch keine rassistische Äußerungen mehr gehört. Aber es gibt eine Menge anderer Dinge, die einige Leute nicht als direkten Rassismus bezeichnen würden.

Zum Beispiel?

Barney Greenway: Ich höre immer noch, dass langhaarige Spieler »Gypo« (Slang für Zigeuner, d. Red.) genannt werden und ihnen gesagt wird, sie sollen zurück in ihren Wohnwagen gehen. Wenn ich solche Gesänge höre, dreht sich mir der Magen um. Es ist okay, sich mal einen Spaß zu erlauben. Ich finde auch nicht, dass Fluchen auf der Tribüne verboten werden sollte. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen Fluchen und solchen Äußerungen.

Kommt Ihre markante Napalm-Death-Stimme eigentlich während den Spielen zum Einsatz?

Barney Greenway: Eigentlich bin ich eher ein Beobachter. Ich bin ein »chin stroker« (ein Bartzwirbler, d. Red.), Fußball ist meine Ruhezeit. Ich stehe auf und singe ein bisschen, vor allem die einfachen Lieder. Aber wenn Leute aufstehen und die gegnerischen Fans niedermachen, die 150 Meter weit entfernt sitzen, finde ich das selten dämlich. Ich meine, glaubt ihr wirklich, dass die das stört? Mein Bruder und ich lachen dann einfach.

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