Nach dem Sieg der »Hartplatzhelden«

»Ein bisschen wie Bosman«

Seit drei Jahren kämpft Oliver Fritsch von »hartplatzhelden.de« gegen den DFB und seine Landesverbände. Weil die Funktionäre die Internetplattform für Amateurfußball-Videos verbieten wollten, zog Fritsch vor Gericht. Jetzt hat er gesiegt. Nach dem Sieg der »Hartplatzhelden«

Seit 2006 gibt es sie: Die Hartplatzhelden. Auf www.hartplatzhelden.de liefen im WM-Jahr erstmals selbst gedrehte Filmchen aus den Niederungen der deutschen Fußball-Ligen an – die Tore, Grätschen, Fouls und Schwalben aus der verborgenen Welt des Amateurfußballs wurden schnell zu einer seltenen Pracht in der virtuellen Szenerie. »Wir sind eine Orchidee«, sagt Hartplatzhelden-Gründer Oliver Fritsch.

Doch weil dem Württembergischen Fußball-Verband (WFV) und damit dem allmächtigen DFB die von drei Journalisten betreute Seite ein Dorn im Auge war, standen sich beide Parteien gestern zum dritten Mal vor Gericht gegenüber. Nach zwei juristischen Niederlagen für die Hartplatzhelden wies der Bundesgerichtshof in Karlsruhe die Klage des WFV ab. Die Rettung für die Internetplattform – und auch für Macher Oliver Fritsch, der nach dem Urteil verkünden ließ: »Heute ist ein Stück Freiheit für das Internet erkämpft worden.« Wir sprachen mit ihm.

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Oliver Fritsch, 2006 haben Sie gemeinsam mit Thomas Ramge und Steffen Wenzel die Internetplattform »Hartplatzhelden« gegründet. 2007 folgte bereits der erste Prozess gegen den DFB. Wie sah der Widerstand seitens des DFB aus?

Es ging los mit einem Brief vom Hessischen Fußball-Verband, wir mögen die Seite doch schließen. Bald darauf bekam ich einen Anruf von DFB-Vizepräsident Rainer Koch, der mir damit drohte, man werde mir meine C-Trainerlizenz entziehen, wenn »Hartplatzhelden.de« nicht dicht machen würde. Was die ganze Sache noch abstruser machte: Wir hatten damals Oliver Bierhoff in unserer Jury sitzen. Der Vorwurf, wir würden den Verband gezielt umgehen, war also völlig albern.

Warum wurden die »Hartplatzhelden« überhaupt ins Leben gerufen?

Um es drastisch zu formulieren: Der Amateurfußball liegt am Boden. Es fehlen Zuschauer, Geld, Nachwuchsspieler, politische Macht gegenüber den Verbänden – und das Interesse am kleinen Fußball. Wir wollten die Kleinode des Amateurfußballs einem breiteren Publikum bekannt machen, was dann ja auch geglückt ist. Als dann 2007 der erste Prozess begann, wurde diese Aufgabe natürlich massiv behindert. Du kannst so eine Seite nicht führen, wenn du damit rechnen musst, bald verboten zu werden. Und es fällt verdammt schwer, weiter Leidenschaft und freie Zeit für so ein Projekt zu opfern, wenn du möglicherweise horrende Verhandlungskosten bezahlen musst.

Sie haben damals zu einer großen Spendenaktion aufgerufen. Wie viel Geld kam da zusammen?

Knapp 5000 Euro. Das war super, aber immer noch viel zu wenig. Gestern lagen circa 60 000 Euro auf dem Tisch.

Nach der Niederlage 2007 entschied das Oberlandesgericht Stuttgart auch in zweiter Instanz, dass »Amateurfußballspiele nicht gegen den Willen des zuständigen Verbandes im Internet gezeigt werden dürfen.« Was hat man Ihnen konkret vorgeworfen?

Unlauteren Wettbewerb. Wettbewerb an sich muss möglich sein und wird ja auch gefördert. Wenn man einen Wettbewerb verbieten will, muss man dafür gute Gründe haben. Ein Grund, uns verbieten zu lassen, wäre gewesen, wenn wir nur verbotene Videos gezeigt hätten. Das war aber nicht der Fall. Das waren Aufnahmen von Hobbyfilmern, die uns ihre Sachen freiwillig zugeschickt haben!

Wie hat das Oberlandesgericht Stuttgart dann die Urteile begründet?

Gar nicht. Keine Ahnung, wie sie in der Lage waren, solche Urteile zu fällen. Die haben gesagt: Die Videos sind verboten, weil sie verboten sind. Punkt. Das ist ja der Skandal.

Wie sehr hat Sie persönlich die juristische Auseinandersetzung mitgenommen?

Seit fast drei Jahren stehe ich finanziell vor dem Kollaps. Ich war seit vier Jahren nicht im Urlaub, habe an jeder Ecke gespart und geknapst. Wenn die Richter gestern in Karlsruhe wieder gegen die »Hartplatzhelden« entschieden hätten, hätte ich wohl zur Bank gehen müssen, um einen Kredit aufzunehmen.

Sie sprachen von 60 000 Euro Gerichtskosten. Die haben Sie persönlich zusammen getragen?

Gemeinsam mit meinen Partnern, ja.

Gab es eine Zeit in den vergangenen drei Jahren, in der Sie am liebsten alles hingeworfen hätten?

Vor dem zweiten Prozess im März 2009 haben meine Kollegen und ich gesagt: Wenn wir das wieder verlieren, lassen wir es sein und geben auf. Aber als wir den Gerichtsaal verließen, meinte ich: Ich mache weiter. Danke für eure Unterstützung.

Warum?

Einer muss es doch machen. In dieser Sache geht es um Macht, noch mehr Macht und das Selbstverständnis eines Verbandes, der alles unter Kontrolle haben will. Nach und nach sind meine Kollege wieder mit eingestiegen. Wir haben viel Unterstützung aus der Rechtswissenschaft bekommen, die gesagt hat: Die Urteile aus Stuttgart sind falsch. Und gestern haben wir endlich gewonnen.

Das Urteil besagt auch, dass die jeweiligen Vereine Videos verbieten können, die auf ihrem Platz entstanden sind.

Das Hausrecht der Vereine ist nichts Neues, auch für uns nicht. Das akzeptieren wir vorbehaltlos. Gestern rief mich jemand von RTL an und fragte: »Ist das jetzt ein Sieg oder eine Niederlage?« Ich habe geantwortet: »Geht’s noch? Das war ein Kantersieg!« Die Stuttgarter Urteile wurden in Karlsruhe förmlich zerrissen. Schon nach wenigen Minuten wurde den Vertretern vom Württembergischen Fußball-Verband deutlich gemacht, dass sie juristisch überhaupt keine Chance haben.

DFB-Vize Rainer Koch hat nach dem Urteil gesagt: »Es kann nicht sein, dass die Kosten des Spielbetriebes von den ehrenamtlich geführten Amateurvereinen selbst getragen werden müssen, mögliche Einnahmen aber von gewinnorientierten kommerziellen Unternehmen wie der Hartplatzhelden GmbH abgeschöpft werden.« Ihre Antwort?

Man soll nicht so viel von sich auf andere schließen, Herr Koch.

Sind die »Hartplatzhelden« denn kein »gewinnorientiertes kommerzielles Unternehmen«?

Ehrlich gesagt, zahlen wir fast noch drauf. »Hartplatzhelden« ist eine Orchidee, ein exotisches Gewächs, das man hegen und pflegen muss. Wir sind ein kleines Portal. Es wäre schön, wenn wir weiter wachsen könnten, aber es nicht so, dass wir aktuell die Heimat des Amateurfußballs wären. Wir sind froh, wenn wir bald über die Möglichkeiten verfügen, eine eigene Redaktion zu stellen.

Der Prozess ist beendet, »Hartplatzhelden« hat gewonnen. Was wird die Zukunft bringen?

Jetzt machen wir so richtig Asche und kaufen uns einen Elefanten, der uns das ganze Geld direkt vor dem Büro von Rainer Koch platt tritt, weil wir gar mehr wissen werden, wohin mit der ganzen Kohle. Im Ernst: Von diesem Urteil werden nicht nur wir profitieren, sondern auch viele andere. Das ist ein bisschen wie bei Bosman.


Ab sofort zu 100% legal: www.hartplatzhelden.de »Die Leute sollen uns jetzt zuschütten mit Videos«, fordert »Hartplatzhelden«-Konstrukteur Oliver Fritsch. Na denn, Feuer frei!

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