Mythos Millerntor

»Das alte Ding hat Charme«

Der Stadion- und Ticketbeauftragte des FC St. Pauli, Torsten Vierkant, betreute das Neubauprojekt am Millerntor. Wir sprachen mit ihm über den geplanten Bau der Gegengerade, den Kampfmittelräumdienst und HSV. Mythos Millerntor
Heft#95 10/2009
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Torsten Vierkant, Glückwunsch. Zum 100-jährigen Geburtstag des FC St. Pauli im nächsten Jahr spielt der Klub in einem weitgehend renovierten Stadion. 

Vielen Dank. Ich bin jetzt 18 Jahre im Verein und habe viele Stadionprojekte kommen und gehen sehen. Insofern ist es auch für mich ein erhabenes Gefühl, das Team nun vor einer nagelneuen Südtribüne spielen zu sehen. 

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Ohne Sponsoren ließe sich so ein 32-Millionen-Euro-Projekt aber nicht stemmen. Auch die Stadt hat mit 5,5 Millionen eine Anschubfinanzierung hingelegt. Wie wichtig sind da noch die Zuschauerzahlen für das langfristige Umbauprojekt?

Natürlich haben wir uns gefragt: Kriegen wir das neue Stadion überhaupt voll in der Zweiten Liga? Aber wir haben vor kurzem noch Regio-
nalliga gespielt und hatten trotzdem einen Schnitt von 17 000. Dieses Klientel werden wir also immer haben. Letztes Jahr hatten wir dann schon über 22 000. Aber es ist natürlich sehr wichtig, dass der Zuspruch weiterhin so groß bleibt. Wir brauchen definitiv eine volle Hütte, um Geld anzusparen und weiterbauen zu können. Schließlich baut der Verein nach der Anschubfinanzierung inzwischen komplett aus eigenen Mitteln.

Geht mit dem Umbau langsam der marode Charme des Stadions verloren? 

Dem alten Ding kann man einen gewissen Charme sicher nicht absprechen. Andererseits muss man an die Sicherheit der Menschen denken. Es gibt eine Veranstaltungsverordnung, die klare Richtlinien aufweist. Und wenn ich mir die marode Haupttribüne so angucke, mit ihrer alten Dachkonstruktion, kommt mir nur ein Gedanke: Lieber heute als morgen weiterbauen. Dann weiß ich wenigstens, dass nichts passieren kann. 

Wie wird die neue Gegengerade aussehen? 

Es wird sich nicht viel ändern. Auf der Gegengerade, wo traditionell unsere treuesten Fans stehen, werden wir am Ende des Neubaus eine riesige Wand haben mit über 10 000 Stehplätzen und einigen Sitzplätzen darüber. Ich kenne nicht viele deutsche Stadien, die das auf ihrer Gegengerade haben. Am Ende des Ausbaus werden wir dann insgesamt sogar mehr Stehplätze haben als vorher. In Bezug auf die Haupttribüne wird die spannende Frage sein, ob unsere neue Gegengerade auch die Zuschauer dort dann mitreißen kann. 

Wird ein Spiel auf St. Pauli dann auch irgendwann zu einem Event mit einer bizarren Sponsorenshow in der Halbzeit?

Dass alles Richtung Event geht mit amerikanischen Verhältnissen und nur das Drumherum wichtig ist – so extrem wird das bei uns auf St. Pauli nicht werden. Aber mittlerweile haben ja sogar wir eine elektronische Anzeigentafel (lacht). Und es ist völlig normal, dass es Leute gibt, die einfach mal zum Spiel kommen, um reinzuschnuppern. Ehrlich gesagt, habe ich gegen so etwas auch nichts einzuwenden. 

Es gab noch einige Probleme beim Umbau. Wie hat sich da ihr jetziger Präsident Corny Littmann eingebracht?

Corny versuchte, alle Probleme immer sehr engagiert anzugehen. Er war jede Woche auf der Baustelle, hat sich informiert und gekümmert. Sehr erstaunlich für einen Mann, der eigentlich aus der Künstlerbranche kommt. Man mag Corny lieben oder hassen, aber wenn er nicht gewesen wäre, hätten wir keine neue Südtribüne.

Ihre seltsamste Anekdote vom Umbau? 

Einmal musste der Kampfmittelräumdienst anrücken, als wir im Erdreich auf einen Behälter mit ätzendem Kampfstoff aus dem Zweiten Weltkrieg stießen.

Wird das Stadion auf lange Sicht seinen Namen behalten? 

Es ist ein Beschluss der Mitgliederversammlung, den Namen nicht zu ändern. Das wird von den Klubverantwortlichen natürlich respektiert. Wir wollen uns auch nicht an irgendjemanden verkaufen. Den Namen einer Tribüne könnte man vielleicht mal an einen Sponsoren vergeben, aber das ist bislang auch noch nicht angedacht.

Der Lokalrivale vom Hamburger SV ist da weniger eitel und erlöst durch den Verkauf der Namensrechte viele Millionen. 

Natürlich hat das zwei Seiten. Wenn ich sehe, dass nebenan bei der Müllverbrennungsanlage eine Firma für sechs Jahre über 20 Millionen Euro für den Namen hinlegt, dann tut das natürlich weh. Denn mit so viel Geld könnten wir hier richtig was aufbauen. Andererseits: Solche Entscheidungen sind es eben auch, die uns von dem Klub aus Stellingen unterscheiden.

Auch dadurch, dass bei Ihnen weiterhin zu »Hells Bells« eingelaufen wird und beim heimischen Torerfolg der »Song 2« von Blur läuft?

So wird es bleiben.  


Im aktuellen 11FREUNDE-Heft findet Ihr das Stadionposter vom Millerntor!

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