Musiker Axel Bosse über Eintracht Braunschweig, Schlägerein und Mickey Mouse

»Heute sitze ich – wie eine Oma«

Axel Bosse ist Musiker, verhinderter Fußballprofi und Fan von Eintracht Braunschweig. Vor dem heutigen Topspiel gegen Kaiserslautern spricht er über die Aufstiegsambitionen seines Klubs, Gänsehaut am Bankautomat und das Gebiss seines Großvaters.

Nina Stiller

Axel Bosse, Sie sind im Örtchen Hemkenrode aufgewachsen, 20 Kilometer entfernt von Braunschweig. Wie oft hat man Sie mit dem Fahrrad zum Stadion an der Hamburger Straße fahren sehen?
Ich war schon das erste Mal da, bevor ich überhaupt Fahrradfahren konnte. Mein Opa hat lange bei der »Feldschlösschen«-Brauerei gearbeitet, die damals den Verein mitgesponsert haben. Ich glaube, da wurden Karten sehr oft über den kurzen Dienstweg organisiert.

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an die alten Zeiten an der Hamburger Straße zurückdenken?
Das Gebiss meines Opas.

Warum?
Er war nicht nur Gebissträger, sondern auch noch Rollstuhlfahrer. Deswegen hatten wir immer sehr gute Plätze, manchmal auch im Innenraum des Stadions. An einem Samstag hat er sich fürchterlich über die Mannschaft aufgeregt. Er motzte, schrie und gestikulierte wild herum –  bis ihm sein Gebiss im hohen Bogen auf die Tartanbahn flog. Ich musste hinterher und es suchen.

Was sagt es über einen Verein, wenn das Ihre prägendste Erinnerung ist?
Dass ich die Eintracht durch sehr graue Jahre begleitet habe. Ich erinnere mich beispielsweise an unzählige Abstiegspartys, die kurzfristig umorganisiert wurden, weil wir dann doch drin geblieben sind. Dann haben wir statt aus Frust eben aus Freude getrunken. Und natürlich an zahlreiche Aufstiege, deren Freudentaumel schon nach wenigen Spieltagen wieder verflogen war. Ich habe seit jüngsten Jahren eine sehr enge Bindung zur Eintracht – und wirklich selten etwas vom Klub zurückbekommen. Da sind diese Zeiten echter Balsam.

Immerhin haben Sie sich selbst ein Denkmal gesetzt: Sie singen den Song »Zwischen Harz und Heideland«, der bis heute bei jedem Heimspiel beim Einlaufen gespielt wird.
Ein Denkmal würde ich das jetzt nicht nennen. Der Verein hatte bei den Jungs von der »Jazzkantine« und »Such a Surge« angefragt, ob wir was machen wollen. Eigentlich eine Schnapsidee. Ich war damals sehr jung und hörte mich an wie eine Mickey Mouse. Aber wir waren eben alle Fans und wollten was für den Verein tun. Dass das Lied jetzt schon fast zur Vereinsfolklore gehört, macht mich stolz.

Damit stehen Sie in einer Reihe mit Scooter, AC/DC und den Höhnern, deren Lieder sich allesamt ebenfalls als Stadionmusik etabliert haben.
Stimmt eigentlich. Endlich mal eine Sache, die ich mir auf den Grabstein schreiben kann. (lacht)

Haben Sie einen Lieblingsspieler aus dieser grauen Zeit?
Wir hatten mal einen Rechtsaußen, der war ein Phänomen. Er hatte einen Körper wie Lennox Lewis, war schneller als alle anderen, konnte aber nur geradeaus laufen. Den habe ich bewundert, weil der nie aufgegeben hat, obwohl er offensichtlich limitierte Möglichkeiten hatte. Wie hieß der denn noch mal? (Kurze Pause) Hab ich einen Telefonjoker?

Klar.
(Kramt sein Telefon hervor und telefoniert mit einem Freund.)
Valentine Atem. Und jetzt kommt die Geschichte dazu. Ich habe mit der Mannschaft von »Viva con Agua« (eine Trinkwasserinitiative aus Hamburg d. Red), für die ich oft unterwegs bin,  gegen die Stuttgart-Allstars gespielt. Neben Guido Buchwald stand da auf einmal: Valentine Atem. Und neben ihm auch noch Alessandro da Silva. Auch den habe ich damals gefeiert, als der bei uns war. Er war einer dieser Spieler, in dem man das Besondere zu erkennen meint, weil er fehlerfreie Übersteiger beherrscht. Ab dann wird man eigentlich nur enttäuscht.

Wie eng ist Ihre Bindung zum Klub heute?
Ich kenne sehr viele Leute im Verein seit meiner Jugend. Meine besten Kumpels haben jahrelang für verschiedene Schnapsmarken im Vereinsumfeld gearbeitet und sind im Laufe der Jahre noch näher rangerückt.

Haben Sie die Kurve gegen die VIP-Tribüne eingetauscht?
Ich war immer der Gegengerade-Typ. Früher habe ich gestanden, heute sitze ich eben – wie eine Oma.

Wie sieht ein Eintracht-Spieltag für Sie aus?
Lange Zeit folgte mein perfektes Wochenende einem klaren Programm: Freitag oder Samstag habe ich mit Freunden und ein paar Ex-Spielern auf dem Eintracht-Trainingsgelände gekickt, im Anschluss sind wir zum Auswärtsspiel gefahren oder eben direkt an die Hamburger Straße.

Sie leben mittlerweile in Hamburg. Das macht die Wochenendplanung sicher nicht einfacher.
Ich bin Familienvater und deswegen auch nicht mehr jedes zweite Wochenende bei der Eintracht. Ich sehe aber jedes Spiel, was nicht leicht ist, weil ich fast der einzige in Hamburg bin, der Braunschweig mag.


Müssen Sie sich oft für die Eintracht rechtfertigen?
Ich bin oft am Millerntor und bewundere den Klub für seine Fankultur. Das ist in Braunschweig natürlich nicht in diesem Maße umsetzbar. Aber trotzdem ist mein Gefühl bei der Eintracht immer so ein bisschen ruhrgebietig. In den Ecken liegt Müll, das Stadion ist eine Baustelle, es zieht und die Leute sehen nicht alle aus, wie Topmodels, die aus Lifestyle-Gründen zum Spiel gehen. Ich denke, das geht dem FC St. Pauli langsam ab.

Dennoch ist der Kiez-Klub gerade unter Musikern sehr beliebt.
Was verständlich ist, denn der Klub trägt seit jeher eine gewisse Punk-Attitüde in sich. Zudem ist Hamburg natürlich auch um einiges attraktiver als Braunschweig.

Werden Sie mit Ihrer Herkunft aufgezogen?
Letztens schrieb mir der Schlagzeuger der Band »Fotos« eine bezeichnende SMS. Sie waren auf Tour und fuhren offenbar durch Braunschweig. Er schrieb: »Ich bin so stolz, dass du hier rausgekommen bist und nicht gerade am Bahnhof stehst und Bier trinkst.« Das kann ich so unterschreiben. Doch nur, weil ich weggezogen bin, ist meine Verbindung zu meinem Verein ja nicht abgekühlt.

Sie haben auch ein halbes Jahr in Istanbul gelebt. Waren Sie dort auch beim Fußball?
Klar, ich war zum Beispiel beim Derby Fenerbahce gegen Besiktas. Alter Schwede, so eine Lautstärke habe ich noch nie erlebt. Nachher bin ich noch mit meinem Kumpel durch die Straßen gezogen. Und wer sich hier über ein paar Pyros beschwert, der sollte sich mal angucken, was da abgeht. Kein Witz, das war ein echtes bengalisches Feuer.

Wie viel Fanatismus verträgt der Fußball?
Beim Thema Fußball sind in der Türkei alle irgendwie wahnsinnig. Da rennt der Bürohengst genauso mit dem Schal durch die Stadt wie der Ultra. Mitunter wirkt das alles immer ein bisschen aggressiv, ohne aber in Gewalt umzuschlagen.



Auch in der Braunschweiger Fan-Szene steckt jede Menge Herzblut. Mit dem sportlichen Aufstieg wurden aber auch die Probleme immer deutlicher. Wie präsent ist das Thema »Nazis in der Kurve« im Stadion?
Natürlich kriegt man mit, dass es in den Kurven diese Probleme gibt. Für mich gehören diese Spinner nicht in ein Stadion. Und auch in keinen Verein. Das sind Idioten. Und es nervt, dass das Thema so am Verein klebt. Die ganze Diskussion drumherum hat allerdings nichts mit Fußball zu tun. Und wegen dem gehe ich schließlich an die Hamburger Straße.

Braunschweig hat dreckige Jahre hinter sich. Gab es einen Moment, an dem Sie gedacht haben: Es reicht! Ich brauche mal eine Eintracht-Pause.
Ich bin früher regelmäßig auswärts mitgefahren. Einmal haben wir in Leipzig gespielt und nach Abpfiff gab es eine krasse Hauerei. Die Polizei musste mit Pferden rein und so. Da wurde mir bewusst, dass ich mal eine Pause brauche. Also bin ich knapp ein Jahr nicht mehr hingegangen.

Mit dieser Erfahrung erträgt man es, ein paar Spiele vor dem Fernseher zu gucken?
Nicht wirklich. Ich fand es schon immer unerträglich, mir ein Drittligaspiel vor der Glotze anzugucken. Dieses Schneckentempo ist in der Kreisliga noch lustig, aber sobald dein eigener Klub so spielt, dann bereitet dir das körperliche Schmerzen. Wenn außerdem das Stadiongefühl wegfällt, wird es zur Folter. Sowieso konnte man sich jahrelang darauf verlassen, dass die Eintracht im entscheidenden Moment auf die Schnauze fällt.

Trägt der Klub die Tendenz zum Scheitern in sich?
Er macht mich als Fan jedenfalls misstrauischer. Eigentlich hat man auch die ganze Hinrunde nur darauf gewartet, dass die Sache irgendwo einen Haken hat.

Wie kritisch sind Sie als Fan?
Ich beschäftige mich mit allem, was den Klub betrifft und da gab es jahrelang Sachen, die mir Falten bereitet haben. Wenn irgendein Manager mal wieder einen 38-jährigen Ex-Sträfling geholt hat, der sich dann auch noch im zweiten Spiel verletzt und als Abzocker erweist, kann das einen fertigmachen. Nein, der Klub fing an, mich zu langweilen. Und das ist das Schlimmste, was einem Fan passieren kann.

Die Zeiten scheinen unter Torsten Lieberknecht und Marc Arnold immerhin vorbei zu sein.
Man darf da auch nicht die Rolle von Sören Oliver Voigt vergessen, der dem Verein enorm weiterhilft. Dennoch bin ich der Meinung, dass man gerade jetzt besonders aufmerksam sein muss.

Elf Punkte Vorsprung auf einen Nicht-Aufstiegsplatz sorgen also nicht für Gelassenheit. 
Ich sage es mal so: Ich war mein Leben lang immer pleite. Und wenn ich Braunschweig zum Geldautomaten gegangen bin, bekam ich immer eine Gänsehaut. Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben, aber man hat geahnt, dass irgendetwas nicht stimmt. Und heute ist es echt okay mit der Kohle. Aber trotzdem habe ich immer noch dieses Gefühl, wenn ich zur Bank gehe. Genauso ist es mit Braunschweig. Das Misstrauen bleibt.

Günter Mast, Jägermeister, Paul Breitner: Kommen einem diese Dauerbrenner als Braunschweig-Fan langsam zu den Ohren raus?
Sie sind Teil unserer Tradition und das Jägermeister-Shirt ist sicher auch gut für das Merchandising. Wenn man in der vierten Liga spielt, dann hält man sich auch gerne an dieser Tradition fest – auch wenn sie schon gefühlte 200 Jahre her ist.  Es gibt ja nichts anderes. Der Mensch ist aber nun mal so: Wenn es einem schlecht geht, denkt man an früher, als man noch jung und hübsch war.

Es gilt aber auch: Von Tradition kann man sich nichts kaufen.
Diese Retroperspektive hat uns jahrelang am Leben gehalten. Aber heute hat der Verein das nicht mehr nötig. Wir haben eine so junge, homogene Truppe, da muss man nicht immer über Paul Breitner reden. Darauf darf man sich eben nicht ausruhen, sondern muss endlich versuchen eine neue Tradition zu begründen.

Also den Aufstieg in die Erste Liga.
Ja, natürlich. Ich stehe total auf das Trio Lieberknecht, Arnold, Voigt. Die haben da was geschaffen, was mich immer an so eine kleine Robben-Insel in der Nordsee erinnert. Auf unserer Sandbank sind die Spieler gestrandet, die in ihrer Karriere schon mal woanders entlang geschwommen, aber dort eben nicht klargekommen sind. Und unsere Führungsriege hat es geschafft, wirtschaftlich sinnvoll zu arbeiten und eine Menschlichkeit in den Klub zu bringen, die ihm lange gefehlt hat.

Wie groß ist der Anteil von Trainer Lieberknecht?
Die Mannschaft hört auf ihn wie auf den lieben Gott – und das, ohne sich dabei scheiße zu fühlen. Ich kann das verstehen, denn ich kann mir gut vorstellen, dass er es perfekt hinkriegt Kumpel und harter Hund in einem zu sein.

Axel Bosse, Eintracht Braunschweig spielt heute Abend gegen den 1. FC Kaiserslautern. Im Falle eines Sieges, ist der Aufstieg in die Erste Liga im Grunde nicht mehr zu verhindern. Ahnen Sie schon, dass bald noch mehr berühmte Braunschweiger Ihr Herz für den Klub entdecken und der Klub zum neuen FC St. Pauli wird?
Die Gefahr sehe ich nicht, denn in Braunschweig gibt es sowieso nicht allzu viel Prominenz. Und freiwillig zieht da auch keiner hin. Aber ich weiß auch, dass ich hier nicht zum Interview sitzen würde, wenn die Eintracht auf Platz 13 rumdümpeln würde. Insofern kann ich sagen: Das erste Mal gibt mir der Verein auch mal etwas zurück. Darauf lässt sich ja aufbauen. (lacht)

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Das neue Bosse-Album »Kraniche« ist ab sofort im Handel erhältlich

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