11.03.2013

Musiker Axel Bosse über Eintracht Braunschweig, Schlägerein und Mickey Mouse

»Heute sitze ich – wie eine Oma«

Axel Bosse ist Musiker, verhinderter Fußballprofi und Fan von Eintracht Braunschweig. Vor dem heutigen Topspiel gegen Kaiserslautern spricht er über die Aufstiegsambitionen seines Klubs, Gänsehaut am Bankautomat und das Gebiss seines Großvaters.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Nina Stiller

Axel Bosse, Sie sind im Örtchen Hemkenrode aufgewachsen, 20 Kilometer entfernt von Braunschweig. Wie oft hat man Sie mit dem Fahrrad zum Stadion an der Hamburger Straße fahren sehen?
Ich war schon das erste Mal da, bevor ich überhaupt Fahrradfahren konnte. Mein Opa hat lange bei der »Feldschlösschen«-Brauerei gearbeitet, die damals den Verein mitgesponsert haben. Ich glaube, da wurden Karten sehr oft über den kurzen Dienstweg organisiert.

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an die alten Zeiten an der Hamburger Straße zurückdenken?
Das Gebiss meines Opas.

Warum?
Er war nicht nur Gebissträger, sondern auch noch Rollstuhlfahrer. Deswegen hatten wir immer sehr gute Plätze, manchmal auch im Innenraum des Stadions. An einem Samstag hat er sich fürchterlich über die Mannschaft aufgeregt. Er motzte, schrie und gestikulierte wild herum –  bis ihm sein Gebiss im hohen Bogen auf die Tartanbahn flog. Ich musste hinterher und es suchen.

Was sagt es über einen Verein, wenn das Ihre prägendste Erinnerung ist?
Dass ich die Eintracht durch sehr graue Jahre begleitet habe. Ich erinnere mich beispielsweise an unzählige Abstiegspartys, die kurzfristig umorganisiert wurden, weil wir dann doch drin geblieben sind. Dann haben wir statt aus Frust eben aus Freude getrunken. Und natürlich an zahlreiche Aufstiege, deren Freudentaumel schon nach wenigen Spieltagen wieder verflogen war. Ich habe seit jüngsten Jahren eine sehr enge Bindung zur Eintracht – und wirklich selten etwas vom Klub zurückbekommen. Da sind diese Zeiten echter Balsam.

Immerhin haben Sie sich selbst ein Denkmal gesetzt: Sie singen den Song »Zwischen Harz und Heideland«, der bis heute bei jedem Heimspiel beim Einlaufen gespielt wird.
Ein Denkmal würde ich das jetzt nicht nennen. Der Verein hatte bei den Jungs von der »Jazzkantine« und »Such a Surge« angefragt, ob wir was machen wollen. Eigentlich eine Schnapsidee. Ich war damals sehr jung und hörte mich an wie eine Mickey Mouse. Aber wir waren eben alle Fans und wollten was für den Verein tun. Dass das Lied jetzt schon fast zur Vereinsfolklore gehört, macht mich stolz.

Damit stehen Sie in einer Reihe mit Scooter, AC/DC und den Höhnern, deren Lieder sich allesamt ebenfalls als Stadionmusik etabliert haben.
Stimmt eigentlich. Endlich mal eine Sache, die ich mir auf den Grabstein schreiben kann. (lacht)

Haben Sie einen Lieblingsspieler aus dieser grauen Zeit?
Wir hatten mal einen Rechtsaußen, der war ein Phänomen. Er hatte einen Körper wie Lennox Lewis, war schneller als alle anderen, konnte aber nur geradeaus laufen. Den habe ich bewundert, weil der nie aufgegeben hat, obwohl er offensichtlich limitierte Möglichkeiten hatte. Wie hieß der denn noch mal? (Kurze Pause) Hab ich einen Telefonjoker?

Klar.
(Kramt sein Telefon hervor und telefoniert mit einem Freund.)
Valentine Atem. Und jetzt kommt die Geschichte dazu. Ich habe mit der Mannschaft von »Viva con Agua« (eine Trinkwasserinitiative aus Hamburg d. Red), für die ich oft unterwegs bin,  gegen die Stuttgart-Allstars gespielt. Neben Guido Buchwald stand da auf einmal: Valentine Atem. Und neben ihm auch noch Alessandro da Silva. Auch den habe ich damals gefeiert, als der bei uns war. Er war einer dieser Spieler, in dem man das Besondere zu erkennen meint, weil er fehlerfreie Übersteiger beherrscht. Ab dann wird man eigentlich nur enttäuscht.

Wie eng ist Ihre Bindung zum Klub heute?
Ich kenne sehr viele Leute im Verein seit meiner Jugend. Meine besten Kumpels haben jahrelang für verschiedene Schnapsmarken im Vereinsumfeld gearbeitet und sind im Laufe der Jahre noch näher rangerückt.

Haben Sie die Kurve gegen die VIP-Tribüne eingetauscht?
Ich war immer der Gegengerade-Typ. Früher habe ich gestanden, heute sitze ich eben – wie eine Oma.

Wie sieht ein Eintracht-Spieltag für Sie aus?
Lange Zeit folgte mein perfektes Wochenende einem klaren Programm: Freitag oder Samstag habe ich mit Freunden und ein paar Ex-Spielern auf dem Eintracht-Trainingsgelände gekickt, im Anschluss sind wir zum Auswärtsspiel gefahren oder eben direkt an die Hamburger Straße.

Sie leben mittlerweile in Hamburg. Das macht die Wochenendplanung sicher nicht einfacher.
Ich bin Familienvater und deswegen auch nicht mehr jedes zweite Wochenende bei der Eintracht. Ich sehe aber jedes Spiel, was nicht leicht ist, weil ich fast der einzige in Hamburg bin, der Braunschweig mag.

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