09.03.2008

Moses März im Interview

Africa-Cup: „Das letzte Abenteuer“

11 Freunde-Lesergewinner und Yahoo! Eurosport-Live-Reporter Moses März reiste beim Afrika-Cup 2340 Kilometer in 63 Stunden und durfte 14 von 16 Mannschaften live erleben. Wir sprachen mit ihm über seine Erfahrungen.

Interview: Thorsten Schaar Bild: Moses März
Moses, Du warst als 11 FREUNDE-Lesergewinner und Yahoo! Eurosport-Live-Reporter beim Afrika-Cup. Wie viele Spiele hast Du in den drei Wochen gesehen?

Insgesamt war ich bei elf Spielen im Stadion. Bis auf Angola und den Sudan habe ich jedes der 16 Teams live spielen sehen. Dadurch, dass ich eine Presse-Akkreditierung hatte, konnte ich in den Stadien fast überall hin: VIP-Bereich, Presse- und Haupttribüne, Fan-Kurve. Nur die Kabinen und der Doping-Kontrollraum waren tabu.



Den Wettbewerb hattest Du mit einem Text über den ghanaischen Klub Kumasi Asante Kotoko gewonnen. Woher rührt Deine besondere Verbindung zum afrikanischen Kontinent?

Nachdem ich als Austauschschüler in Kapstadt gelebt habe, war für mich klar, dass ich auch gerne andere Länder in Afrika sehen würde. Durch den „Anderen Dienst im Ausland“, dem Ersatz für den Zivildienst, ergab sich die Möglichkeit, ein Jahr in Ghana zu verbringen. Ich habe an einer Gehörlosenschule unterrichtet und viel Zeit gehabt zu reisen. Dadurch habe ich Ghana besser kennen gelernt und lieb gewonnen. Es mag kitschig klingen, aber für mich ist es eine Art zerfallendes Paradies.

Das Leben vieler Ghanaer ist nicht besonders leicht. Wie wichtig ist der Fußball überhaupt im Alltag?

Zunächst geht es Ghana im Vergleich zu vielen anderen afrikanischen Ländern relativ gut. Die politische Lage ist dort seit Jahren stabil, die Wirtschaft wächst konstant. Trotzdem stimmt es, dass die Leute sich dort nicht viel leisten können. Die Jugend blickt relativ perspektivlos in die Zukunft. Fußball ist für sie eine der wenigen Chancen, reich zu werden oder nach Europa zu kommen. Deswegen wird eigentlich immer Fußball gespielt. Mit allem und überall – allerdings ohne Fußballschuhe, richtige Bälle und ordentliche Tore.

Welchen Stellenwert haben Superstars wie Essien, Mensah oder Appiah in Ghana?

„The Matador“, wie die Ghanaer Michael Essien nennen, ist ein Volksheld, wie man sich das in Deutschland nicht vorstellen kann. Während Turnieren laufen andauernd Lieder im Radio, in denen nichts außer den Namen der „Black Stars“-Spieler gesungen wird. Egal ob John Mensah („The Rock of Gibraltar“) oder Steven Appiah („Tornado“), die Ghanaer sind unglaublich stolz auf sie und lassen sich die Namen immer gerne auf der Zunge zergehen. Dadurch, dass die meisten der Nationalspieler in Europa spielen, sehen die Ghanaer ihre Stars leider nicht so oft. Vielleicht ist es auch gerade deswegen so wichtig, den Afrika-Cup alle zwei Jahre stattfinden zu lassen.

Das Viertelfinale gegen Nigeria wurde ja von allerlei Polemik begleitet. Wie hast Du die Partie erlebt?

Das Verhältnis zwischen Ghana und Nigeria ist etwas angespannt. Allein schon dadurch, dass in der Bevölkerung viele Vorurteile gegenüber den Nigerianern herrschen. Sie seien kriminell, korrupt und verantwortlich für alle Probleme, höre ich oft, wenn Ghanaer über Nigerianer reden. Dazu kommt natürlich die sportliche Rivalität. In den Zeitungen war etwas von „Weltkrieg“ zu lesen oder davon, dass die ganze Welt stillstehen wird, wenn es zum „Kampf der Titanen“ kommt. Tatsächlich stand zumindest in Ghana während des Viertelfinals die Welt still. Ich habe das Spiel in Tamale auf der Straße verfolgt – vor einem kleinen Geschäft mit Fernseher. Ein solches Match habe ich noch nicht erlebt. Es ging ständig rauf und runter. Trotz Rückstand und Platzverweis haben die „Black Stars“ letztendlich ihren Erzrivalen 2:1 besiegt.





Wie gingen die Jubelfeiern nach dem geschichtsträchtigen Erfolg vonstatten?


Mit dem Schlusspfiff wurden die leeren Straßen von tanzenden Menschen und hupenden Motorrollern geflutet. Dem konnte man sich überhaupt nicht entziehen. Ich wurde einfach von dem Strom mitgerissen. Nur unbeteiligt an der Seite stehen war nicht möglich. Es herrschte eine exzessive Freude, die jeden angesteckt hat. Alte Frauen und kleine Kinder haben getanzt und sind durch die Straßen gesprungen. Zwischen den Leuten fuhren immer wieder wie wild Lastwagen und kleine Motorroller mittendurch, auf denen die Fahrer akrobatische Kunststücke gemacht haben. Obwohl die Ghanaer normalerweise schon um neun Uhr abends schlafen gehen, wurde an diesem Tag durch die Nacht hinweg gefeiert. Das war so exzessiv, dass allein in Tamale vier Menschen durch die Feier starben.

Wie groß war ein paar Tage später die Enttäuschung nach der unglücklichen Niederlage im Halbfinale?

Es kam mir so vor, als ob die Ghanaer es überhaupt nicht fassen konnten, dass sie tatsächlich gegen Kamerun verloren hatten. Wochenlang wurde ihnen schließlich durch die Medien eingetrichtert, dass ihre „Black Stars“ eigentlich unschlagbar seien, und dann dieses unglückliche 0:1. Aggressionen oder Randale, wie man das teilweise aus Europa kennt, gab es aber überhaupt nicht. Das Bild, das mir nach dem Schlusspfiff blieb, war, wie die Leute einfach auf ihren Sitzen saßen und ungläubig aufs Spielfeld starrten. Im Hintergrund spielte die High-Life-Band weiter fröhliche Trommel- und Blasmusik.

Das große Finale absolvierten Ägypten und Kamerun. Waren die Nordafrikaner ein verdienter Turniersieger?

Die Ägypter haben den Sieg wohl schon verdient. Sie waren durch das gesamte Turnier hinweg konstant gut, haben die Elfenbeinküste im Halbfinale 4:1 und Kamerun in der Gruppenphase 4:2 geschlagen. Sie wirkten sehr eingespielt, was ja nicht verwunderlich ist, da der Großteil des Teams zusammen bei Al-Ahly in Ägypten spielt. Vielleicht hatten die Ägypter in dieser Hinsicht einen entscheidenden Vorteil. Dazu kommt natürlich auch die sehr gute Organisation, die eventuell auch mit der Finanzstärke des Landes einhergeht. Auch die europäische Spielweise der Ägypter schien vielen afrikanischen Teams nicht zu liegen.

Während der WM 2006 gab es spezielle Bahncards, war der Personennahverkehr perfekt organisiert. Wie bist Du in Ghana von Stadion zu Stadion gereist?

Ein funktionierendes Bahnsystem gibt es in Ghana nicht. Für die 250 Kilometer, die zwischen Kumasi und der Hauptstadt Accra liegen, braucht der einzige Zug – wenn er denn fährt – fast einen ganzen Tag. Man reist deswegen meistens in kleinen „Trotro“-Minibussen: In einen alten Mercedes-Transportwagen werden locker 18 Menschen gequetscht. Es gibt auch größere Reisebusse, die allerdings weniger gut über die Schlagloch-Straßen kommen. Ich bin deswegen in „Trotros“ von Stadion zu Stadion gefahren. Das ist sehr billig, dauert aber auch sehr lange. Für die circa 600 Kilometer lange Strecke von Tamale nach Accra habe ich knapp zehn Euro bezahlt, aber auch 14 Stunden gebraucht.

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