Mladen Petric im Interview

»Kroatien ist wie Brasilien«

Mladen Petric im InterviewImago

Herr Petric, Lukas Podolski hatte nach seinen Toren gegen sein Geburtsland Polen Tränen in den Augen. Haben Sie Angst davor, dass es Ihnen bei einem möglichen Spiel Kroatien gegen die Schweiz ähnlich ergehen könnte?

Ja, das wäre ein Spiel, das ich nicht unbedingt erleben möchte.

Bei Ihnen ist es im Verhältnis zum deutschen Nationalstürmer umgekehrt: Sie sind in der Schweiz aufgewachsen, spielen aber für das Land Ihrer Eltern.

Ich hätte genauso gut auch für die Schweiz spielen können. Das Land bedeutet mir sehr viel, und ich hoffe, dass das Team sehr weit kommt. Aber wenn es hart auf hart kommt, bin ich Kroate.

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Bekamen Sie Probleme in der Schweiz, nachdem Sie sich für das kroatische Nationalteam entschieden hatten?

Ich hatte am Anfang schon einige Schwierigkeiten, denn viele Leute haben mir das übel genommen. Klar waren die Menschen enttäuscht, aber sie wissen eben nicht, wie es in einem aussieht. Die Entscheidung muss man einfach dem Spieler überlassen. Mittlerweile hat sich das aber beruhigt, und das ist auch gut so.

Sie sind ein typisches Beispiel für die kroatische Mannschaft, die sich aus Spielern zusammensetzt, die in aller Herren Länder leben und teilweise auch groß geworden sind. Welche Sprache wird in der kroatischen Kabine gesprochen?


Na, kroatisch, ganz klar. Bei uns zu Hause wurde auch immer Kroatisch gesprochen. Natürlich gibt es in der Kabine aber mal den einen oder anderen Spruch auf Deutsch, wenn man jemanden hochnehmen will und der das nicht verstehen soll.

Die Bundesliga-Kroaten machen sich über die Premier-League-Kroaten lustig? Dazu passt, dass Ivica Olic mal erzählt hat, Sie seien anfangs im Nationalteam wegen Ihres Schweizerkroatisch ausgelacht worden. Gibt es Dialektcliquen im Team?

Nein. Gruppenbildung war früher mal ein Problem, aber seit Slaven Bilic Trainer ist, da ist das eine eingeschworene Mannschaft. Wir sind alle Kroaten, und ob wir woanders aufgewachsen sind oder spielen, macht keinen Unterschied.

Ein kroatisches Länderspiel stellt man sich trotzdem wie das Treffen einer Familie vor, deren Mitglieder sich lange nicht gesehen haben – jeder berichtet, was aus ihm geworden ist und wie es in seinem Teil der Welt gerade aussieht.

Wir kennen uns alle schon einige Jahre, da muss man sich nicht groß kennenlernen. Wir haben auch sechs oder sieben Spieler aus der Bundesliga, da laufen wir uns auch ständig über den Weg. Mit den anderen telefoniert man immer wieder. Aber wenn man den einen oder anderen lange nicht gesehen hat, gibt es schon zwei, drei Sachen mehr zu besprechen als mit jemandem, den man jedes Wochenende sieht.

Was verbindet diese Mannschaft voller Weltenbummler?


Ganz klar unser Teamgeist. Der Trainer hat eine optimale Mischung gefunden aus jungen Spielern und etwas älteren, erfahreneren. Das passt super zusammen. Das ist nicht so wie 1998, wo die großen Stars wie Davor Suker, Zvonimir Boban oder Robert Prosinecki über allen anderen standen. Wir leben wirklich vom Teamgeist.

Sie meinen, Sie haben keine Stars.

Natürlich haben auch wir unsere kleinen Stars wie Eduardo, der bei Arsenal spielt und jetzt leider verletzt ist, oder Luka Modric, der für 26 Millionen zu Tottenham gewechselt ist. Aber trotzdem sind wir eine Einheit.

Haben Sie das Gefühl, dass die Generation um Suker und Prosinecki, die Deutschland 1998 im WM-Viertelfinale 3:0 besiegte und schließlich Dritter wurde, noch immer wie ein Schwert über der Nationalelf schwebt?


So schlimm ist es nicht ganz. Es ist schon so, dass diese Generation immer noch sehr hoch gepriesen wird – zu Recht. Aber man sagt schon auch, dass unsere Generation das Potenzial hat, an die 98er anzuknüpfen. Allerdings sind viele Spieler von uns das erste Mal bei einem großen Turnier. Wir müssen uns jetzt beweisen.

Kroatien ist ein ziemlich kleines Land und hat gerade mal viereinhalb Millionen Einwohner. Wieso spielt trotzdem in fast jedem europäischen Profiklub einer Ihrer Landsleute?

Ich denke, das liegt daran, dass die Kroaten unglaublich fußballverrückt sind. Da gibt es keine zweite große Sportart wie Tennis oder Eishockey – schon die Kinder spielen von klein auf nur Fußball. Teilweise spielen die einfach den ganzen Tag auf der Straße, das ist manchmal ein bisschen wie in Brasilien.

Wie oft sehen Sie kickende Kinder auf kroatischen Straßen?


Ich bin eigentlich jedes Jahr im Winter oder im Sommer dort, wenn wir Pause haben.

Sorgt es auf den Straßen für Missgunst, dass fast die komplette Nationalmannschaft im Ausland tätig ist?


Nein. In Kroatien ist man stolz darauf, dass diese Spieler den Sprung in die besten Ligen geschafft haben. Natürlich würden die Menschen sie dann gern jede Woche in der kroatischen Liga sehen, aber die ist leider nicht mehr so attraktiv.

Sie haben einmal gesagt: »Ich bin in der Schweiz groß geworden, aber Kroatien ist meine Heimat.« Was macht dieses Land, in dem Sie zweimal pro Jahr sind, zu Ihrer Heimat?

Das kann man nicht groß beschreiben, das Gefühl kennt eigentlich jeder. Man kann sich irgendwo anders zu Hause fühlen, wenn man sich da eingelebt hat, aber die Heimat bleibt immer der Ort, zu dem man sich hingezogen fühlt. Wo man weiß: Da komme ich her. Das ist bei mir Kroatien: Ich stamme von da, das ist mein Blut, da gehöre ich hin. Das ist
eine Herzensangelegenheit.

Und was hat Ihr Herz gesagt, als Sie für die EM 2004 und die WM 2006 nicht nominiert wurden?

Man kommt natürlich ins Grübeln. Vor allem 2006, wo ich jedes Spiel zu Hause vorm Fernseher geschaut habe, habe ich mir schon ein paar Gedanken gemacht, ob die Entscheidung für Kroatien die richtige war. Aber seitdem Slaven Bilic Trainer ist, könnte es nicht besser laufen.

Herr Petric, der brasilianische Fußball steht für Zauber, der deutsche für Kampf, der italienische für Taktik. Wofür steht Kroatiens Fußball?

Ich würde sagen, in erster Linie für Technik. Unser Spiel ist sehr anspruchsvoll – wobei wir auch genügend Spieler haben, die auch mal durchgreifen können. Also steht der kroatische Fußball für Technik gepaart mit Aggressivität.

Können Sie Deutschland am Donnerstag mit diesem Stil schlagen?


Ich wüsste nicht, wieso nicht.

Wurde für das Siegtor ein Auto als Prämie ausgelobt?

(Lacht) Nein.

Für Ihr Tor zum 3:2 in Wembley, mit dem Sie England aus der EM gekickt haben, hatte Ihnen der russische Milliardär Leonid Fedun nämlich einen Mercedes versprochen. Haben Sie den eigentlich schon bekommen?

Zum hundertsten Mal: Nein, und der wird auch nicht kommen. Das ist ja jetzt auch schon wieder ein halbes Jahr her – wenn da noch was käme, würde der kroatische Fußballverband das Auto verkaufen und das Geld einem guten Zweck spenden.


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