11.06.2008

Mladen Petric im Interview

»Kroatien ist wie Brasilien«

Er wuchs in der Schweiz auf, kickt aber für Kroatien. Vor dem Spiel gegen Deutschland spricht Mladen Petric über Heimat, deutsche Witze in der kroatischen Kabine und den Mercedes für sein Tor gegen England, den er niemals gekriegt hat.

Interview: Christian Hönicke Bild: Imago
Herr Petric, Lukas Podolski hatte nach seinen Toren gegen sein Geburtsland Polen Tränen in den Augen. Haben Sie Angst davor, dass es Ihnen bei einem möglichen Spiel Kroatien gegen die Schweiz ähnlich ergehen könnte?

Ja, das wäre ein Spiel, das ich nicht unbedingt erleben möchte.

Bei Ihnen ist es im Verhältnis zum deutschen Nationalstürmer umgekehrt: Sie sind in der Schweiz aufgewachsen, spielen aber für das Land Ihrer Eltern.

Ich hätte genauso gut auch für die Schweiz spielen können. Das Land bedeutet mir sehr viel, und ich hoffe, dass das Team sehr weit kommt. Aber wenn es hart auf hart kommt, bin ich Kroate.



Bekamen Sie Probleme in der Schweiz, nachdem Sie sich für das kroatische Nationalteam entschieden hatten?

Ich hatte am Anfang schon einige Schwierigkeiten, denn viele Leute haben mir das übel genommen. Klar waren die Menschen enttäuscht, aber sie wissen eben nicht, wie es in einem aussieht. Die Entscheidung muss man einfach dem Spieler überlassen. Mittlerweile hat sich das aber beruhigt, und das ist auch gut so.

Sie sind ein typisches Beispiel für die kroatische Mannschaft, die sich aus Spielern zusammensetzt, die in aller Herren Länder leben und teilweise auch groß geworden sind. Welche Sprache wird in der kroatischen Kabine gesprochen?


Na, kroatisch, ganz klar. Bei uns zu Hause wurde auch immer Kroatisch gesprochen. Natürlich gibt es in der Kabine aber mal den einen oder anderen Spruch auf Deutsch, wenn man jemanden hochnehmen will und der das nicht verstehen soll.

Die Bundesliga-Kroaten machen sich über die Premier-League-Kroaten lustig? Dazu passt, dass Ivica Olic mal erzählt hat, Sie seien anfangs im Nationalteam wegen Ihres Schweizerkroatisch ausgelacht worden. Gibt es Dialektcliquen im Team?

Nein. Gruppenbildung war früher mal ein Problem, aber seit Slaven Bilic Trainer ist, da ist das eine eingeschworene Mannschaft. Wir sind alle Kroaten, und ob wir woanders aufgewachsen sind oder spielen, macht keinen Unterschied.

Ein kroatisches Länderspiel stellt man sich trotzdem wie das Treffen einer Familie vor, deren Mitglieder sich lange nicht gesehen haben – jeder berichtet, was aus ihm geworden ist und wie es in seinem Teil der Welt gerade aussieht.

Wir kennen uns alle schon einige Jahre, da muss man sich nicht groß kennenlernen. Wir haben auch sechs oder sieben Spieler aus der Bundesliga, da laufen wir uns auch ständig über den Weg. Mit den anderen telefoniert man immer wieder. Aber wenn man den einen oder anderen lange nicht gesehen hat, gibt es schon zwei, drei Sachen mehr zu besprechen als mit jemandem, den man jedes Wochenende sieht.

Was verbindet diese Mannschaft voller Weltenbummler?


Ganz klar unser Teamgeist. Der Trainer hat eine optimale Mischung gefunden aus jungen Spielern und etwas älteren, erfahreneren. Das passt super zusammen. Das ist nicht so wie 1998, wo die großen Stars wie Davor Suker, Zvonimir Boban oder Robert Prosinecki über allen anderen standen. Wir leben wirklich vom Teamgeist.

Sie meinen, Sie haben keine Stars.

Natürlich haben auch wir unsere kleinen Stars wie Eduardo, der bei Arsenal spielt und jetzt leider verletzt ist, oder Luka Modric, der für 26 Millionen zu Tottenham gewechselt ist. Aber trotzdem sind wir eine Einheit.

Haben Sie das Gefühl, dass die Generation um Suker und Prosinecki, die Deutschland 1998 im WM-Viertelfinale 3:0 besiegte und schließlich Dritter wurde, noch immer wie ein Schwert über der Nationalelf schwebt?


So schlimm ist es nicht ganz. Es ist schon so, dass diese Generation immer noch sehr hoch gepriesen wird – zu Recht. Aber man sagt schon auch, dass unsere Generation das Potenzial hat, an die 98er anzuknüpfen. Allerdings sind viele Spieler von uns das erste Mal bei einem großen Turnier. Wir müssen uns jetzt beweisen.

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