Mirko Slomka und Jörg Schmatke im Interview

»Wovon reden Sie denn?«

Mirko Slomka und Jörg Schmadtke – sind sich die beiden wirklich so uneins? Für die aktuelle Ausgabe von 11FREUNDE sprachen wir mit den Machern von Hannover 96 über gemeinsame Weinabende in Bad Segeberg und persönliche Krisen. Mirko Slomka und Jörg Schmatke im InterviewPatrick Runte
Heft#108 11/2010
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Jörg Schmadtke, Mirko Slomka, die Tagespresse zeichnet kein besonders freundschaftliches Bild Ihrer Partnerschaft. Klären Sie uns auf: Wie gut verstehen Sie sich denn nun?

Mirko Slomka: Was da berichtet wurde, ist schon ziemlich wirr und war wohl dem Sommerloch geschuldet. Eines ist klar: Wenn ein Manager einen Trainer verpflichtet und der verliert zum Start sechsmal hintereinander, würde es wohl nirgends Schulterklopfen geben.

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Jörg Schmadtke:
Ich habe auch überhaupt kein Problem damit, wenn man sich kontrovers austauscht. Wichtig ist nur: Es muss zielgerichtet sein und dem Klub weiterhelfen.

Slomka:
Der entscheidende Einschnitt in unserer Kommunikation war ein Kurztrainingslager im April in Bad Segeberg, kurz vor dem HSV-Spiel. Da hatten wir drei Tage Zeit, um einige Sachen zu besprechen und haben dafür gesorgt, dass der Austausch zwischen uns fortan besser klappt.

Noch im Juli nannte Präsident Martin Kind Ihr Verhältnis aber entwicklungsfähig. Wenn wir den bisherigen Saisonverlauf betrachten, wirkt es fast wie eine Strategie, dass der Trainer dem Manager vorwirft: »Der besorgt mir nicht die richtigen Spieler.« Und der Sportdirektor dem Trainer mitteilt: »Der setzt die Spieler nicht richtig ein.« So haben Sie ganz unkonventionell die Spieler aus dem Fokus der Medien genommen.


Slomka:
Das ist nun aber sehr schlicht formuliert.

Zugegeben, wir haben etwas zugespitzt.

Slomka: Das Zitat stimmt auch gar nicht, das habe ich nie gesagt.

Schmadtke:
Ich überlege gerade, aber so kann ich es auch nicht bestätigen.

Jörg Schmadtke, über den Transfer Ihres neuen Stürmers Moritz Stoppelkamp haben Sie gesagt: »Nicht jeder bei uns wollte ihn haben.« Der Satz war ein Seitenhieb auf ihren Trainer.

Schmadtke: Stoppelkamp haben wir verpflichtet, als wir noch gar nicht wussten, ob wir erste oder zweite Liga spielen würden. Da war noch gar nicht klar, wer hier in der nächsten Saison Trainer sein würde. Daraus wurde dann später gemacht: Slomka wollte ihn nicht, aber der Schmadtke. Es ging um einen ablösefreien Spieler, bei dem ich überzeugt war, dass er in beiden Ligen funktioniert. Wir konnten uns damals nicht darüber austauschen, weil Mirko mit ganz anderen Dingen beschäftigt war, vor allem mit der Frage: Wie geht es überhaupt weiter?

Slomka: Es war sehr viel in der Schwebe zu dem Zeitpunkt.

Mal ganz anders gefragt: Wann waren Sie das letzte Mal zusammen ein Bier trinken?

Slomka: Wir haben im Trainingslager immer wieder die Gelegenheit, bei einem Glas Wein zusammen zu sitzen. Aber unser tägliches Tun spannt uns so ein, dass kaum Zeit für gemeinsame Unternehmungen ist. Jörg hat viel mit dem Verein insgesamt zu tun, ich mit der Mannschaft. Aber es ist gibt einen ständigen Austausch. Schließlich gibt es moderne Kommunikationstechnologien wie Telefon und SMS.

Schmadtke: Wir müssen uns ja nicht gegenübersitzen, um gemeinsam Entscheidungen zu treffen.

Slomka:
Zumindest die wichtigen Entscheidungen, die in der Schnittmenge unserer beider Aufgabenbereiche liegen.

Wo liegen denn in Ihren Arbeitsbereichen die Schnittmengen?

Slomka: Bei der Lizenzmannschaft und in Teilen der Nachwuchsarbeit. Weil ich aus dem Nachwuchs gerne einen Spieler hoch hole und Jörg es gerne sieht, wenn wir einen Nachwuchsspieler mitnehmen. Außerdem gibt es auch rein sportliche Überschneidungen: Jörg besitzt ja einen Trainerschein, der ihn auch sichtbar dazu qualifiziert, mir Hinweise zu geben, etwa welcher Spieler aus dem Nachwuchs für mich interessant sein könnte.
Wenn der Manager sich mit ums Sportliche kümmert, kann er einen Trainer damit auch ziemlich schnell nerven.

Schmadtke: (lacht) Das kann man unterschiedlich auslegen.

Slomka: Es ist definitiv immer ein Vorteil. Ich könnte gar nicht ohne einen Manager. Dieses Gebilde von Felix Magath, der Manager und Trainer in Personalunion ist, da wüsste ich rein zeitlich gar nicht, wie ich das bewerkstelligen sollte.


Sie haben in der vergangenen Saison gemeinsam eine recht nervenaufreibende Zeit erlebt. Wie haben Sie den Nichtabstieg miteinander gefeiert?

Slomka: Sie meinen, ganz privat und ganz persönlich?

Ja.

Slomka: Gar nicht – oder haben wir irgendwas gemacht, Jörg?

Schmadtke:
Wir haben es weder erzwungen, noch hat es sich zeitlich ergeben. Wir führen in Hannover auch recht gegensätzliche Leben. Mirko lebt hier mit seiner Familie, ich bin alleine, weil meine Familie in Düsseldorf geblieben ist. Aber ich kann Sie beruhigen: Ich bin auch mit meinen früheren Trainer nie feiern gegangen. Dafür bin ich nicht der Typ. Ich habe ein generelles Problem mit Small-Talk und bin auch kein Partygänger. Ich sitze gerne allein in der Ecke und habe meine Ruhe. Womit ich jetzt nicht gesagt haben will, dass der Mirko ein Partygänger ist.

Slomka: Bin ich auch nicht – zumindest nicht mehr. (lacht)

Vor der Zeit bei Hannover 96 haben Sie beide unabhängig voneinander jeweils eine Krise durchlaufen…

Schmadtke: Wovon reden Sie denn, wann habe ich eine Krise gehabt? Ich war keinen Tag arbeitslos.

Slomka: Selbst, wenn man arbeitslos ist, heißt das nicht, dass man eine Krise hat.

Schmadtke:
Aber ich weiß doch, worauf die 11 FREUNDE hinauswollen. Also nur zur Information: Ich bin einer der wenigen Bundesligamanager, deren Vertrag in einem Betrieb auslief und der direkt bei einem neuen Klub angefangen hat.

Sie waren aber sieben Monate freigestellt.

Schmadtke:
Die für meine persönliche Psycho-Hygiene sehr gut und wichtig waren. Wenn man so intensiv arbeitet wie ich, sieht man plötzlich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

Wie haben Sie sich Ihre freie Zeit vertrieben?

Schmadtke: Ich habe erst einmal vier Wochen vom Fußball abgeschaltet. Und weil ich einen Freund brauchte, der nichts mit Fußball zu tun hat, habe ich mir einen Hund gekauft. 

Slomka:
Ich habe zwar keinen Hund, aber meine kleinen Kinder haben sich auch gefreut, dass ich mal öfter zuhause war. Außerdem war ich auf der anderen Seite unterwegs, habe als TV-Experte gearbeitet. Und ich habe bei Trainerkollegen vorbei geschaut.

Wann haben Sie wieder angefangen, sich auf Fußballplätzen rumzutreiben und Spieler zu beobachten, Jörg Schmadtke?

Schmadtke: Nach knapp einem Monat. Mein Job ist es schließlich, eine Mannschaft zusammenzustellen. Und dafür brauche ich ein prallgefülltes Notizbuch mit Namen von hoffnungsvollen Spielern.

Wie stellt man denn eine Mannschaft zusammen?

Schmadtke:
Das kann man nur am Einzelfall beschreiben. Es gibt da keine Universallösung.

Welche Voraussetzungen sind in Hannover für Ihre Arbeit wesentlich?

Schmadtke:
Dass wir mit einem sehr engen Budget ein bundesligareifes Team zusammenstellen müssen. Uns fehlt hier die wirtschaftliche Freiheit, um noch besser agieren zu können. Wir müssen bei einigen Top-Verdienern, die momentan nicht die Leistung bringen, beim Gehalt ein wenig nachjustieren, um etwas mehr Geld für Neuverpflichtungen zu haben.

War Hannover 96 bezüglich seiner Transfers in den letzten Jahren ein Stückweit dem Größenwahn anheim gefallen?

Schmadtke: Eventuell wurden manche Dinge falsch eingeschätzt, aber hier ist niemand größenwahnsinnig. Es ist nun mal nicht leicht, sich den Realitäten der Bundesliga zu beugen. Aber auch hier hat man inzwischen verstanden: Die Umsätze der Klubs liegen zwischen 270 und 40 Millionen. Fünf bis zehn Millionen kann man mit einer guten Planung vielleicht aufholen bzw. ausgleichen, aber doch nicht 50 oder sogar 100 Millionen!

Der FSV Mainz 05 beweist gerade das Gegenteil.

Schmadtke: Bei denen funktioniert gerade alles, aber ich glaube nicht, dass sie die Saison so geplant haben. Die pflegen ihren Lauf und haben einen Modus gefunden, wie sie sich nicht von den Störfaktoren, die mit so einem Erfolg einhergehen, beeinträchtigen lassen. Mal sehen wie lange das gut geht.

Mit Alemannia Aachen haben Sie in Ihren sieben Jahren als Manager doch einen ähnlichen Erfolg gehabt.

Schmadtke: Ansatzweise.

Sie haben den Verein aus der zweiten Liga bis in den UEFA-Cup geführt. Wie geht das?

Schmadtke: Indem man alles nicht so ernst nimmt und manchmal einfach die Dinge laufen lässt.


Mirko Slomka, Sie haben sich in der Zeit nach Ihrer Entlassung auf Schalke mit Ihrer Situation auch öffentlich gehadert. Sie haben bemängelt, dass bei offenen Stellen in den Medien oft Ihr Name fällt, Sie dann aber – vielleicht gerade deshalb – nicht genommen wurden.

Slomka: So war es ja nun nicht: Ich war sowohl in Wolfsburg, als auch beim HSV im Gespräch und habe mit den Klubs sehr interessante Gespräche geführt. Nur war da jeweils noch ein anderer Kandidat mit im Rennen, der am Ende wohl besser bewertet wurde. Zugegeben, das war sehr frustrierend, schließlich bin ich Sportler und als solcher will ich immer gewinnen. Aber man muss auch akzeptieren, wenn ein anderer besser war. Die Ironie ist, dass mir damals Armin Veh in Wolfsburg vorgezogen wurde – der inzwischen bereits Nachfolger meines Kontrahenten beim HSV, Bruno Labbadia, ist. So schnelllebig ist das Geschäft.

Gibt es etwas ganz Spezifisches, was Sie in der Zeit nach der Entlassung auf Schalke dazugelernt haben?

Slomka: Ich weiß jetzt, wie Medien funktionieren. Ich weiß, welcher Zeitdruck dort herrscht und welchen Druck die Kollegen hinter den Kulissen haben. Ich habe verstanden, dass auch  Journalisten – so wie ich als Coach – an dem Produkt Fußball mitarbeiten. Und dass ich es respektieren muss, auch wenn mir nicht jede Geschichte in 11 FREUNDE oder in der Sportbild gefällt.

Sind Sie heute mit den Kollegen geduldiger?

Slomka:
Nicht immer, aber ich habe inzwischen größeres Verständnis für manche Artikel und es fällt mir leichter zu denken: »Was soll’s, morgen erscheint die nächste Zeitung.«

Jörg Schmadtke, was waren eigentlich die Gründe, Mirko Slomka nach Hannover zurück zu holen.

Schmadtke: Erst einmal mussten wir entscheiden, uns von Andreas Bergmann zu trennen. Das hört sich von außen immer so einfach an, dabei sind Entlassungen emotional auch für die Entscheider sehr schwierig. Als das Thema durch war, haben wir uns mit dem Markt befasst und Mirko relativ schnell zu einem Gespräch geladen. 

Wie hat er Sie überzeugt?

Schmadtke:
Mirko kommt aus der Stadt, er kennt das Umfeld, hat eine hohe Verbundenheit zu dem Klub –  und er hatte längere Zeit keinen Job. Wir konnten also davon ausgehen, dass auch bei ihm das Eigeninteresse sehr hoch war, das Ding hier hinzubiegen.

Aber ein Trainer will doch immer erfolgreich sein, wenn er einen neuen Job antritt, oder?

Schmadtke:
Natürlich. Aber wenn jemand 800 Kilometer von Zuhause arbeitet, ist es immer noch etwas anderes, als wenn er und seine Familie aus der Stadt kommen, wo der Klub spielt.

Slomka:
Ich war wohl in einer Situation, die in diesem Moment zu dem Klub passte. Ich wusste ziemlich genau über den Verein Bescheid, kannte die Problematik um den Tod von Robert Enke. Ich hatte dazu in der Marktkirche sogar eine Andacht gehalten.

Sie hatten 2004 nach zehn Jahren bei Hannover 96 den Dienst quittiert. Für so einen Schritt muss sich ein Trainer auch ein Stückweit abnabeln.

Slomka: Ich habe aber nie mit 96 abgeschlossen. Ich war auch während meiner Arbeitslosigkeit immer wieder hier, nicht weil ich auf einen Job spekulierte, sondern weil mich der Klub interessierte.

Schmadtke: Dazu muss man sagen, dass Mirko in einer anderen Position zurückgekehrt ist. Er ging als Co-Trainer. Wenn er damals als Cheftrainer entlassen worden wäre, hätte ich seine Rückkehr problematisch gesehen. Denn in solchen Fällen kann es passieren, dass der Betreffende von den Erfolgen der Vergangenheit erdrückt wird. Die Erwartungen bei den Fans sind mitunter sehr hoch.


Im morgen erscheinenden zweiten Teil unseres großen Interviews sprechen Mirko Slomka und Jörg Schmadtke über die Folgen des Todes von Robert Enke und die brisante Personalie Jan Schlaudraff.

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