Mirko Slomka über Weltreisen, Schrumpf-Brasilianer und seinen Traumjob

»Eines Tages Nationaltrainer«

Zu kleine Brasilianer, 36 Gegentore und das Spektakel von Schalke: Bei Hannover 96 durchlebt Mirko Slomka derzeit turbulente Tage. Hier spricht er über seine Weltreisen, den aufregenden Transferwinter und seinen Traumjob als Nationaltrainer.

Mirko Slomka, die momentane Wetterlage erschwert das Training enorm. Allerdings eröffnet sie auch ein paar neue Möglichkeiten. Mussten Ihre Jungs schon zum Schneeschaufeln antreten?
In der Tat hat unser Platz mittlerweile eine kleine Eisschicht angelegt. Das ist nicht so angenehm. Aber warum sollte es Grund für ein Straftraining geben?

Nach dem 4:5 gegen Schalke sprachen Sie von einem »Desaster«. Das klang zumindest so, als wären Sie angefressen.
Natürlich war ich nicht zu 100 Prozent zufrieden, aber in dem Moment habe ich auf eine Frage eines Reporters geantwortet und gesagt, dass dieses Spiel für einen strategisch denkenden Trainer ein Desaster war. Dazu stehe ich auch. Aber wenn man vier Tore auswärts beim FC Schalke schießt, dann kann man nicht von einer desaströsen Mannschaftsleistung sprechen. Im Gegenteil, dann ist das offensiv sogar außergewöhnlich gut.

Außer man kassiert fünf Gegentreffer.
Genau, das ist Wahnsinn. Es war ein irres Spiel, das den Zuschauern weltweit Spaß gemacht hat. Einem Trainer bereitet das aber weniger Freude.

Wie viel Lust hat man nach so einem Spiel auf eine Trainertagung?
So gesehen war das Freitagsspiel ein Vorteil. Wir konnten am Samstag lange mit der Mannschaft sprechen, normal trainieren und uns anschließend noch mal mit den entscheidenden Faktoren aus diesem Spiel beschäftigen. Als ich dann Samstag losgefahren bin, habe ich mich richtig auf das Treffen mit den Kollegen gefreut.

Also war das alles andere als ein Pflichttermin?
In erster Linie sind diese Tagungen eine willkommene Abwechslung. In der Regel laufen wir Trainer uns in der Coaching Zone über den Weg. Da bleibt kaum Zeit, sich auch mal länger auszutauschen.

Klingt, als würden die Trainer die Veranstaltung nutzen, um mal den Kopf frei zu bekommen.
Alle Trainer kommen sehr, sehr gerne zur Tagung. Und natürlich erlebt man neben den intensiven Diskussionen auch ein paar unterhaltsame Stunden.

Wenn man die Blicke sieht, die einige Trainer im Bundesliga-Alltag austauschen, kann man sich kaum vorstellen, dass sie überhaupt miteinander reden.
Das wird immer sehr aufgebauscht. Wir können selbstverständlich als Kollegen alle ganz normal miteinander umgehen. Nach so einem 4:5 kann sich auch der ein oder andere Kollege trotz aller Professionalität und Seriosität auch seinen Spruch nicht verkneifen. Sie würden sich wundern, wie locker es da zugeht. Wir sind zwar alle irgendwie Konkurrenten, aber wir sind eben auch ein gut funktionierendes Team und lassen uns nicht alles gefallen.

Und am Ende packt Thomas Tuchel seine Playstation aus.
(lacht) Nein, so weit gehen wir nicht. Das überlassen wir lieber unseren Spielern.

Wie sieht denn die eigentliche Tagung aus: Vorne sitzt Joachim Löw und referiert, während alle Trainer eifrig mitschreiben.
Natürlich nicht. Wir diskutieren auf Augenhöhe. Auch mit Verantwortlichen aus anderen Bereichen, wie etwa den Schiedsrichtern. Beim letzten Mal etwa haben wir angeregt, dass erfahrenere Schiedsrichter als Vierte Offizielle eingesetzt werden. Dieser Vorschlag wird jetzt sukzessive umgesetzt.

Fifa-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer nahm beim Spiel zwischen Mainz und Freiburg Thomas Tuchel und Christian Streich quasi in Manndeckung. Es war zu lesen, dass das nicht allen so gut gefallen hat.
Ich halte es für einen wichtigen Schritt. Alle Beteiligten haben sich dafür ausgesprochen, in Zukunft sorgsamer miteinander umzugehen. Dabei geht es auch um den Ton, in dem man miteinander kommuniziert.

Denkt man an so etwas, wenn in der 89. Minute eine Fehlentscheidung getroffen wird?
Auch ich weiß, dass ich in der ein oder anderen Situation mal einen forschen Ton angeschlagen habe. Ich verstehe, dass es für ein junges Schiedsrichtertalent kompliziert ist, damit umzugehen. Wir stehen alle enorm unter Druck und werden in unserer Emotionalität auch mal Dinge los, die man sonst eher überdenken würde. Ein junger Mensch kann das vielleicht nicht so einordnen wie ein erfahrener Mann.


Nicht immer war das Verhältnis zwischen Joachim Löw und den Bundesligatrainern gut. Gerade in der Anfangszeit übte der Stab der Nationalmannschaft auch Kritik an der Trainingsarbeit in der Bundesliga. Nach dieser Tagung lobt Joachim Löw explizit die Arbeit der Trainer. Ist das eine Genugtuung?
Ich hatte nie das Gefühl, dass Joachim Löw im Trainerkreis kritisch gesehen wurde. Als Jürgen Klinsmann in seiner Anfangszeit sehr viele Dinge geändert hat, fühlten sich sicher einige vor den Kopf gestoßen. Mit Joachim Löw läuft die Zusammenarbeit hervorragend. Übrigens auch mit DFB-Sportdirektor Robin Dutt, der sich auch um die Ausrichtung der DFB-Nachwuchsabteilung kümmert.

Wie ist der Kontakt zum DFB im Alltag?
Robin Dutt hat zum Beispiel alle Nachwuchsleistungszentren der Liga besucht, in der vergangenen Woche war er bei uns in Hannover. Da ist der Kontakt automatisch sehr eng. Man trifft sich dann auf eine Tasse Kaffee, tauscht sich aus. Auch das Team um Joachim Löw ist sehr präsent. Andy Köpke etwa, der in der Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen wird, arbeitet sehr akribisch. Für mich ist die Zusammenarbeit perfekt.

Sie selbst haben 2011 mal Ihr Interesse am Job des Bundestrainers geäußert. Lebt dieser Traum weiter?
Ich hätte in Hannover nicht um drei Jahre verlängert, wenn ich auf einen Job als Nationaltrainer spekulieren würde. Aber ich habe auch immer gesagt, dass nach der Zeit in der Bundesliga für mich auch das Amt als Nationaltrainer in Frage kommen würde. Einmal war ich auch schon ganz nah dran an dem Job.

Ach ja?
Nach meiner Zeit auf Schalke wäre ich um ein Haar Nationaltrainer von Österreich geworden. Das ist dann am Ende an den Ablösemodalitäten gescheitert. Ich fände es aber nach wie vor außerordentlich spannend, eines Tages die besten Spieler eines Landes auszusuchen und einen Kader zu formen, der das Land bei einem Turnier vertritt. Das ist doch ein toller Job. Aber darüber denke ich vielleicht in zehn Jahren intensiver nach. Aktuell ist das sicher kein Thema.

Bevor Sie 2010 in Hannover landeten, waren Sie zwei Jahre auf Jobsuche. Lernt man in dieser Zeit, dass es auch ein Leben ohne Fußball gibt?
Ein Leben neben dem Fußball gibt es für mich immer, aber es gibt für mich kein Berufsbild ohne Fußball. Ich habe diese zwei Jahre sehr intensiv am Fußball genutzt, insbesondere mit Besuchen bei großen Vereinen und Trainern. Ich habe jeden Tag dazu gelernt.

Sie haben etwa bei Real Madrid hospitiert. Was kann man bei so einem Klub lernen?
Vor allem habe ich mir die Organisation angeschaut. Wie wird da in der Jugend gearbeitet? Wie stellt sich der Klub in der Öffentlichkeit auf? Wie sind die Trainingsbedingungen? Es geht dabei nicht immer um konkrete Trainingsformen. Ich war mittlerweile auch drei Mal bei Arsenal London und habe die Arbeit von Arsène Wenger beobachtet. Vor allem sein Umgang mit Spielern ist sehr besonders und kommt meiner Idee von Mannschaftsführung sehr nah. Aber auch meine Zeit mit Cesare Prandelli war sehr intensiv. Das alles hat mir geholfen, für mich den besten Weg zu finden.

Wie kommt man als arbeitsloser Bundesligatrainer in diese Klubs? Haben Sie Bewerbungen geschrieben?
Zum Glück ist die Fußballwelt sehr klein. Bernd Schuster, der damals Trainer bei Real Madrid war, habe ich direkt angerufen und gefragt, ob ich mir das mal angucken kann. Mein Glück: Er hat sofort zugesagt.  

Außerdem arbeiteten Sie als TV-Experte, hatten Radioauftritte und schrieben Zeitungskolumnen. Was haben Sie über dieses Berufsfeld gelernt?
Das war eine besondere Herausforderung und mir hat es gut getan, die andere Seite des Geschäfts kennen zu lernen. Das war eine bewusste Entscheidung, denn gerade beim FC Schalke wurde mir manchmal nachgesagt, ich hätte Probleme mit den Medien. Jetzt weiß ich, in welche Stresssituationen Journalisten geraten. Es tut gut, mal im selben Boot zu sitzen und zu merken, was es heißt, die Berichterstattung mit exklusiven News anzuschieben. Dieser tiefe Einblick in die Arbeit der Medien hat mir sehr geholfen.

Dennoch haben Sie den Trainerjob vermisst.
Natürlich, das ist meine Leidenschaft. Irgendwann geht man auch wieder ins Stadion und guckt, was sich entwickelt hat. Ich bin da vor allem im Ausland unterwegs gewesen, weil man hierzulande immer gleich irgendwo ins Gespräch gebracht wird, wenn man auf der Tribüne auftaucht. Das mag ich nicht so gerne.

Während Ihrer Studienzeit haben Sie als Bestücker für Flugzeug-Catering gearbeitet. Was haben Sie aus dieser Zeit für das Leben mitgenommen?
Meine Studienzeit hat mich sehr geprägt. Der Job war einerseits eine finanzielle Absicherung, andererseits hat mir meine Anstellung bei der Lufthansa ermöglicht, zu sehr günstigen Konditionen weltweit zu fliegen. Für damals noch 100 Mark nach New York, diese Möglichkeiten hätte ich sonst nie gehabt. Natürlich habe ich das auch genutzt, um mir die Welt anzusehen.

Wo waren Sie noch?
Barcelona, London, Madrid –  europaweit habe ich fast jede Großstadt besucht und mir dort Fußballspiele angesehen. Aber ich war auch einige Zeit in Südamerika.

Eine Pilgerreise zum Aztekenstadion inklusive?
Das war natürlich ein Highlight. Aber ich würde es nicht unbedingt als Pilgerreise bezeichnen, es war immer noch Urlaub, quer durch Südamerika. Eine Woche Sao Paolo, dann Mexiko-Stadt, solche Erlebnisse vergisst man nie.

Wenn man die Urlaubsbilder der heutigen Profis sieht, hat man manchmal das Gefühl, ihnen fehle dieser Entdeckergeist. Sie fahren lieber in einen Club auf den Malediven.
Ich habe den Eindruck, dass die Spieler da weitsichtiger und noch verantwortungsbewusster geworden sind. Die fahren nicht mehr einfach so irgendwo hin und lassen sich die Sonne auf den Rücken scheinen. Sie suchen sich heute wieder Ziele, wo sie etwas erleben. Ob das nun ein Campingurlaub ist oder eine Woche in New York.

Geben Sie auch Reisetipps?
Ich glaube, das kriegen die Jungs sehr gut alleine hin. Obwohl mir in New York einiges einfallen würde. Die Stadt gehört immer noch zu meinen Favoriten. Für mich als Tennisfan gab es in Flushing Meadows immer guten Sport zu sehen.

Schauen Sie derzeit auch die Australien Open?
Selbstverständlich. Ich habe mir gerade die Eurosport-App gekauft, um möglichst alle Spiele live zu sehen. Und wenn Matthias Stach dann noch kommentiert: Weltklasse.

Sie haben mal gesagt: »Dieser Job hinterlässt Spuren«. Welche hat Hannover 96 bisher hinterlassen?
Bis heute ist meine Arbeit bei Hannover ja von Erfolg geprägt. Aber vor allem die Anfangszeit mit sechs sieglosen Spielen war prägend. Zuvor kam der Tod von Robert Enke, der uns alle verändert hat. Ich habe gemerkt, dass der Umgang mit den Menschen über vieles entscheidet, was in unserem Job passiert.

Wie muss man das verstehen?
Allein die eigene Familie in der Nähe zu haben, schafft Freiräume, die man sonst eben nicht hat. Zusammen frühstücken, auch mal abends etwas zusammen unternehmen, das ist für einen Trainer nicht normal. Außerdem ist im Verein über die Jahre ein Vertrauensverhältnis zwischen allen Personen entstanden, das wohl einmalig ist. Der ganze Klub hat sich weiterentwickelt, genau wie die Begeisterung für 96 in der Stadt. Ich bin nicht nur glücklich, dass ich einer von 18 Bundesligatrainern sein darf, sondern, dass ich in einer Stadt zuhause bin, in der ich mich sehr wohl fühle.

Sie gelten als akribischer Arbeiter, Ihr Vorbild war lange Ralf Rangnick. Haben Sie aus seiner Geschichte gelernt, dass man als Trainer auch zu viel machen kann?
Ich habe gelernt, dass man Verantwortung abgeben kann und auch muss. Eine sehr wichtige Erkenntnis, um sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Man braucht ein vertrauensvolles Umfeld, um sich auch Freiräume zu schaffen. Ich brauche meine sportlichen Aktivitäten, genauso brauche ich Ruhephasen. Und in diesen Momenten kann ich darauf vertrauen, dass die Dinge trotzdem perfekt weiterlaufen.

Nicht ganz so perfekt lief bisher die Transferperiode für Hannover 96. Nach der Posse um den polnischen Verteidiger Pawel Wszolek ist nun vom »Schrumpf-Brasilianer« Franca zu lesen. Was ist da passiert?
Ein Name, den sich in der Tat nur der Boulevard ausdenken kann und der Franca sicher auch nicht gut tut. Ich hatte ihn schon bei der medizinischen Untersuchung gesehen und gemerkt, dass er kleiner als die angekündigten 1,90 Meter ist. Für mich ist das aber erst einmal unerheblich, wie groß ein Spieler ist, wenn er seine Leitung bringt. Aber ich habe die Zuversicht, dass Franca für uns ein Gewinn werden wird.

Dennoch haben Sie einen anderen Spielertyp gesucht.
Richtig, unsere Suchkriterien waren andere: Wir haben einen großen, kopfballstarken Mann für die Sechser-Position gesucht, damit wir im Zentrum mehr Bälle erobern können. Deswegen war ich schon etwas überrascht, als ich Franca das erste Mal sah.

Vielleicht springt er ja sehr hoch.
Das alles hat nichts mit der Qualität des Spielers zu tun. Ich hoffe, dass die Fans ihn jetzt nicht vorschnell abstempeln. Wir wussten, dass Franca vielleicht nicht sofort einschlagen wird. Schließlich hatte er in Brasilien 30 Tage Pause. Dennoch hat er dieselbe Chance wie jeder andere. Und bei der Kritik, die jetzt kommt, müssen wir jetzt einfach auch dagegenhalten.

In den letzten beiden Pflichtspielen kassierte Hannover zehn Gegentore. Das muss Sie doch wahnsinnig machen?
Das ist absolut so. Das hat mich verrückt gemacht. Gerade weil wir im Trainingslager an den Schwächen in der Defensive gearbeitet haben und uns klar war, dass wir uns exzellent verstärkt hatten. Und dann kriegst du fünf Gegentore im ersten Spiel. Wahnsinn. Aber auch klar ist: Wir haben uns explizit darauf verständigt, weiterhin nach vorne zu verteidigen, also ständig aktiv am Ballgewinn zu arbeiten. Dafür haben wir sehr viel Grundlagenarbeit gemacht.

Wie sieht die aus?
Dazu gehören mentale Grundlagen: sofortiges Reagieren, das Unterdrücken von Enttäuschungen, die einen automatisch langsam machen auf dem Platz, konsequentes Nachsetzen. Wir haben an der Organisation und an den Absprachen gefeilt. Wenn dann im ersten Spiel nach der Rückrunde plötzlich viele organisatorische Dinge nicht stimmen, ist das schon besonders enttäuschend.

Sie haben nach Ihrer Vertragsverlängerung gesagt: »Wir spielen seit zwei Jahren am Limit!« Muss man seiner Mannschaft auch mal eine Schwächephase zugestehen?
Ich weiß, dass meine Mannschaft seit Jahren sehr stabil agiert. Aber um den nächsten Schritt zu machen, wissen wir auch, dass wir uns auf gewissen Positionen anders präsentieren müssen. Sei es mit anderen Spielertypen oder unter einer anderen taktischen Ausrichtung. Aber grundsätzlich werden wir an den Dingen festhalten, die uns in den letzten Jahren stark gemacht haben. Und dazu gehört auch eine Mannschaft, die geschlossen arbeitet und Kritik ertragen kann. Wir brauchen eine Erfrischung, wie sie jede Mannschaft immer mal wieder braucht. Derzeit haben wir den Luxus, auch in die Zukunft investieren zu können, was andere Klubs derzeit vielleicht nicht können, weil sie Schuldenberge abbauen müssen. Da können wir einen Schritt voraus sein.

Sie sehen das Ziel Ihres Präsidenten, aus Hannover eine »deutschlandweite Marke« zu machen, also nicht gefährdet.
Im Gegenteil. Durch das Spektakel gegen Schalke haben wir jetzt schon weltweit für Aufsehen gesorgt. Immerhin waren über 200 Länder live dabei.

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