24.01.2013

Mirko Slomka über Weltreisen, Schrumpf-Brasilianer und seinen Traumjob

»Eines Tages Nationaltrainer«

Zu kleine Brasilianer, 36 Gegentore und das Spektakel von Schalke: Bei Hannover 96 durchlebt Mirko Slomka derzeit turbulente Tage. Hier spricht er über seine Weltreisen, den aufregenden Transferwinter und seinen Traumjob als Nationaltrainer.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago

Nicht immer war das Verhältnis zwischen Joachim Löw und den Bundesligatrainern gut. Gerade in der Anfangszeit übte der Stab der Nationalmannschaft auch Kritik an der Trainingsarbeit in der Bundesliga. Nach dieser Tagung lobt Joachim Löw explizit die Arbeit der Trainer. Ist das eine Genugtuung?
Ich hatte nie das Gefühl, dass Joachim Löw im Trainerkreis kritisch gesehen wurde. Als Jürgen Klinsmann in seiner Anfangszeit sehr viele Dinge geändert hat, fühlten sich sicher einige vor den Kopf gestoßen. Mit Joachim Löw läuft die Zusammenarbeit hervorragend. Übrigens auch mit DFB-Sportdirektor Robin Dutt, der sich auch um die Ausrichtung der DFB-Nachwuchsabteilung kümmert.

Wie ist der Kontakt zum DFB im Alltag?
Robin Dutt hat zum Beispiel alle Nachwuchsleistungszentren der Liga besucht, in der vergangenen Woche war er bei uns in Hannover. Da ist der Kontakt automatisch sehr eng. Man trifft sich dann auf eine Tasse Kaffee, tauscht sich aus. Auch das Team um Joachim Löw ist sehr präsent. Andy Köpke etwa, der in der Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen wird, arbeitet sehr akribisch. Für mich ist die Zusammenarbeit perfekt.

Sie selbst haben 2011 mal Ihr Interesse am Job des Bundestrainers geäußert. Lebt dieser Traum weiter?
Ich hätte in Hannover nicht um drei Jahre verlängert, wenn ich auf einen Job als Nationaltrainer spekulieren würde. Aber ich habe auch immer gesagt, dass nach der Zeit in der Bundesliga für mich auch das Amt als Nationaltrainer in Frage kommen würde. Einmal war ich auch schon ganz nah dran an dem Job.

Ach ja?
Nach meiner Zeit auf Schalke wäre ich um ein Haar Nationaltrainer von Österreich geworden. Das ist dann am Ende an den Ablösemodalitäten gescheitert. Ich fände es aber nach wie vor außerordentlich spannend, eines Tages die besten Spieler eines Landes auszusuchen und einen Kader zu formen, der das Land bei einem Turnier vertritt. Das ist doch ein toller Job. Aber darüber denke ich vielleicht in zehn Jahren intensiver nach. Aktuell ist das sicher kein Thema.

Bevor Sie 2010 in Hannover landeten, waren Sie zwei Jahre auf Jobsuche. Lernt man in dieser Zeit, dass es auch ein Leben ohne Fußball gibt?
Ein Leben neben dem Fußball gibt es für mich immer, aber es gibt für mich kein Berufsbild ohne Fußball. Ich habe diese zwei Jahre sehr intensiv am Fußball genutzt, insbesondere mit Besuchen bei großen Vereinen und Trainern. Ich habe jeden Tag dazu gelernt.

Sie haben etwa bei Real Madrid hospitiert. Was kann man bei so einem Klub lernen?
Vor allem habe ich mir die Organisation angeschaut. Wie wird da in der Jugend gearbeitet? Wie stellt sich der Klub in der Öffentlichkeit auf? Wie sind die Trainingsbedingungen? Es geht dabei nicht immer um konkrete Trainingsformen. Ich war mittlerweile auch drei Mal bei Arsenal London und habe die Arbeit von Arsène Wenger beobachtet. Vor allem sein Umgang mit Spielern ist sehr besonders und kommt meiner Idee von Mannschaftsführung sehr nah. Aber auch meine Zeit mit Cesare Prandelli war sehr intensiv. Das alles hat mir geholfen, für mich den besten Weg zu finden.

Wie kommt man als arbeitsloser Bundesligatrainer in diese Klubs? Haben Sie Bewerbungen geschrieben?
Zum Glück ist die Fußballwelt sehr klein. Bernd Schuster, der damals Trainer bei Real Madrid war, habe ich direkt angerufen und gefragt, ob ich mir das mal angucken kann. Mein Glück: Er hat sofort zugesagt.  

Außerdem arbeiteten Sie als TV-Experte, hatten Radioauftritte und schrieben Zeitungskolumnen. Was haben Sie über dieses Berufsfeld gelernt?
Das war eine besondere Herausforderung und mir hat es gut getan, die andere Seite des Geschäfts kennen zu lernen. Das war eine bewusste Entscheidung, denn gerade beim FC Schalke wurde mir manchmal nachgesagt, ich hätte Probleme mit den Medien. Jetzt weiß ich, in welche Stresssituationen Journalisten geraten. Es tut gut, mal im selben Boot zu sitzen und zu merken, was es heißt, die Berichterstattung mit exklusiven News anzuschieben. Dieser tiefe Einblick in die Arbeit der Medien hat mir sehr geholfen.

Dennoch haben Sie den Trainerjob vermisst.
Natürlich, das ist meine Leidenschaft. Irgendwann geht man auch wieder ins Stadion und guckt, was sich entwickelt hat. Ich bin da vor allem im Ausland unterwegs gewesen, weil man hierzulande immer gleich irgendwo ins Gespräch gebracht wird, wenn man auf der Tribüne auftaucht. Das mag ich nicht so gerne.

Während Ihrer Studienzeit haben Sie als Bestücker für Flugzeug-Catering gearbeitet. Was haben Sie aus dieser Zeit für das Leben mitgenommen?
Meine Studienzeit hat mich sehr geprägt. Der Job war einerseits eine finanzielle Absicherung, andererseits hat mir meine Anstellung bei der Lufthansa ermöglicht, zu sehr günstigen Konditionen weltweit zu fliegen. Für damals noch 100 Mark nach New York, diese Möglichkeiten hätte ich sonst nie gehabt. Natürlich habe ich das auch genutzt, um mir die Welt anzusehen.

Wo waren Sie noch?
Barcelona, London, Madrid –  europaweit habe ich fast jede Großstadt besucht und mir dort Fußballspiele angesehen. Aber ich war auch einige Zeit in Südamerika.

Eine Pilgerreise zum Aztekenstadion inklusive?
Das war natürlich ein Highlight. Aber ich würde es nicht unbedingt als Pilgerreise bezeichnen, es war immer noch Urlaub, quer durch Südamerika. Eine Woche Sao Paolo, dann Mexiko-Stadt, solche Erlebnisse vergisst man nie.

Wenn man die Urlaubsbilder der heutigen Profis sieht, hat man manchmal das Gefühl, ihnen fehle dieser Entdeckergeist. Sie fahren lieber in einen Club auf den Malediven.
Ich habe den Eindruck, dass die Spieler da weitsichtiger und noch verantwortungsbewusster geworden sind. Die fahren nicht mehr einfach so irgendwo hin und lassen sich die Sonne auf den Rücken scheinen. Sie suchen sich heute wieder Ziele, wo sie etwas erleben. Ob das nun ein Campingurlaub ist oder eine Woche in New York.

Geben Sie auch Reisetipps?
Ich glaube, das kriegen die Jungs sehr gut alleine hin. Obwohl mir in New York einiges einfallen würde. Die Stadt gehört immer noch zu meinen Favoriten. Für mich als Tennisfan gab es in Flushing Meadows immer guten Sport zu sehen.

Schauen Sie derzeit auch die Australien Open?
Selbstverständlich. Ich habe mir gerade die Eurosport-App gekauft, um möglichst alle Spiele live zu sehen. Und wenn Matthias Stach dann noch kommentiert: Weltklasse.
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