24.01.2013

Mirko Slomka über Weltreisen, Schrumpf-Brasilianer und seinen Traumjob

»Eines Tages Nationaltrainer«

Zu kleine Brasilianer, 36 Gegentore und das Spektakel von Schalke: Bei Hannover 96 durchlebt Mirko Slomka derzeit turbulente Tage. Hier spricht er über seine Weltreisen, den aufregenden Transferwinter und seinen Traumjob als Nationaltrainer.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago

Mirko Slomka, die momentane Wetterlage erschwert das Training enorm. Allerdings eröffnet sie auch ein paar neue Möglichkeiten. Mussten Ihre Jungs schon zum Schneeschaufeln antreten?
In der Tat hat unser Platz mittlerweile eine kleine Eisschicht angelegt. Das ist nicht so angenehm. Aber warum sollte es Grund für ein Straftraining geben?

Nach dem 4:5 gegen Schalke sprachen Sie von einem »Desaster«. Das klang zumindest so, als wären Sie angefressen.
Natürlich war ich nicht zu 100 Prozent zufrieden, aber in dem Moment habe ich auf eine Frage eines Reporters geantwortet und gesagt, dass dieses Spiel für einen strategisch denkenden Trainer ein Desaster war. Dazu stehe ich auch. Aber wenn man vier Tore auswärts beim FC Schalke schießt, dann kann man nicht von einer desaströsen Mannschaftsleistung sprechen. Im Gegenteil, dann ist das offensiv sogar außergewöhnlich gut.

Außer man kassiert fünf Gegentreffer.
Genau, das ist Wahnsinn. Es war ein irres Spiel, das den Zuschauern weltweit Spaß gemacht hat. Einem Trainer bereitet das aber weniger Freude.

Wie viel Lust hat man nach so einem Spiel auf eine Trainertagung?
So gesehen war das Freitagsspiel ein Vorteil. Wir konnten am Samstag lange mit der Mannschaft sprechen, normal trainieren und uns anschließend noch mal mit den entscheidenden Faktoren aus diesem Spiel beschäftigen. Als ich dann Samstag losgefahren bin, habe ich mich richtig auf das Treffen mit den Kollegen gefreut.

Also war das alles andere als ein Pflichttermin?
In erster Linie sind diese Tagungen eine willkommene Abwechslung. In der Regel laufen wir Trainer uns in der Coaching Zone über den Weg. Da bleibt kaum Zeit, sich auch mal länger auszutauschen.

Klingt, als würden die Trainer die Veranstaltung nutzen, um mal den Kopf frei zu bekommen.
Alle Trainer kommen sehr, sehr gerne zur Tagung. Und natürlich erlebt man neben den intensiven Diskussionen auch ein paar unterhaltsame Stunden.

Wenn man die Blicke sieht, die einige Trainer im Bundesliga-Alltag austauschen, kann man sich kaum vorstellen, dass sie überhaupt miteinander reden.
Das wird immer sehr aufgebauscht. Wir können selbstverständlich als Kollegen alle ganz normal miteinander umgehen. Nach so einem 4:5 kann sich auch der ein oder andere Kollege trotz aller Professionalität und Seriosität auch seinen Spruch nicht verkneifen. Sie würden sich wundern, wie locker es da zugeht. Wir sind zwar alle irgendwie Konkurrenten, aber wir sind eben auch ein gut funktionierendes Team und lassen uns nicht alles gefallen.

Und am Ende packt Thomas Tuchel seine Playstation aus.
(lacht) Nein, so weit gehen wir nicht. Das überlassen wir lieber unseren Spielern.

Wie sieht denn die eigentliche Tagung aus: Vorne sitzt Joachim Löw und referiert, während alle Trainer eifrig mitschreiben.
Natürlich nicht. Wir diskutieren auf Augenhöhe. Auch mit Verantwortlichen aus anderen Bereichen, wie etwa den Schiedsrichtern. Beim letzten Mal etwa haben wir angeregt, dass erfahrenere Schiedsrichter als Vierte Offizielle eingesetzt werden. Dieser Vorschlag wird jetzt sukzessive umgesetzt.

Fifa-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer nahm beim Spiel zwischen Mainz und Freiburg Thomas Tuchel und Christian Streich quasi in Manndeckung. Es war zu lesen, dass das nicht allen so gut gefallen hat.
Ich halte es für einen wichtigen Schritt. Alle Beteiligten haben sich dafür ausgesprochen, in Zukunft sorgsamer miteinander umzugehen. Dabei geht es auch um den Ton, in dem man miteinander kommuniziert.

Denkt man an so etwas, wenn in der 89. Minute eine Fehlentscheidung getroffen wird?
Auch ich weiß, dass ich in der ein oder anderen Situation mal einen forschen Ton angeschlagen habe. Ich verstehe, dass es für ein junges Schiedsrichtertalent kompliziert ist, damit umzugehen. Wir stehen alle enorm unter Druck und werden in unserer Emotionalität auch mal Dinge los, die man sonst eher überdenken würde. Ein junger Mensch kann das vielleicht nicht so einordnen wie ein erfahrener Mann.

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