Mike Hanke im Interview

»Die Geduld ging zu Ende«

Nach langer Zeit trifft Hannovers Mike Hanke das Tor wieder. Wir sprachen mit ihm über die 701 Minuten Erfolglosigkeit, seinen persönlichen Zeitungsboykott und wie ihm seine Familie half, die Krise zu überwinden. Mike Hanke im InterviewImago

Mike Hanke, nach Ihren ersten beiden Saisontoren am letzten Spieltag gegen Karlsruhe: Sitzt ein anderer Mike Hanke vor uns als noch vor einer Woche?

(lacht) Nein. Hier sitzt der gleiche Mike Hanke.

[ad]

Die Statistiker haben 701 Minuten ohne Torerfolg notiert - eine lange Zeit für einen Stürmer.

Als Stürmer ist es immer dein Ziel, Tore zu machen. Bei mir hat es natürlich lange gedauert. Ich habe zuletzt sehr viele Spiele nicht von Anfang an gespielt, bin nur die letzten zehn, fünfzehn Minuten eingewechselt worden. Gegen Karlsruhe habe ich dann wieder das Vertrauen vom Trainer von Anfang an bekommen und die Möglichkeiten genutzt.

Verändert sich das Spiel eines Stürmers, wenn er über so einen Zeitraum nicht trifft?

Die letzten vier, fünf Wochen habe ich richtig gut trainiert und laufend Tore gemacht. Für mich war dann auch klar, dass die Zeit kommen wird, auch wieder im Spiel zu treffen.

Der Druck im Umfeld wurde in dieser Phase immer größer.

(deutlich) Ich spüre keinen Druck. Auch nicht von der Öffentlichkeit. Ich lese seit drei Monaten keine Zeitungen mehr. Früher habe ich mich verrückt gemacht. In meinem Alter mache ich mir darüber keine Gedanken mehr.

Gehört das zu ihrer persönlichen Entwicklung, sich damit nicht mehr zu beschäftigen?

Ja, das denke ich schon. Ich beschäftige mich sehr viel mit meiner Familie, mit meiner Frau, mit meinen Kindern – und sie geben mir, auch in der Zeit ohne Tore, immer sehr viel Stärke. Wenn man nach Hause kommt, schaltet man den Fußball komplett aus. Da gibt es einfach Sachen, die wichtiger sind.

Das war nicht immer so.

Das stimmt. Zu Beginn meiner Karriere habe ich mir sehr viele Gedanken darüber gemacht, was in den Zeitungen steht und stand. Ist das richtig? Stimmt das? Das mache ich heute nicht mehr, und mir geht es damit auch besser. Ich spiele befreiter.

Den Druck von außen brauchen sie also nicht, um sich zu motivieren.

Nein.

Gab es Momente, in denen sie sich dennoch selbst hinterfragt haben?

Nein, die gab es nicht. Absolut nicht. Da habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich habe immer an meine Stärken geglaubt und war mir sicher, dass der Erfolg für mich als Stürmer auch wieder kommt.

Wie haben sie die Zeit erlebt, bis der Stürmer Mike Hanke wieder das gemacht hat, was er am Besten kann: Tore schießen.

Die Zeit ohne Tore habe ich relativ ruhig erlebt. Als ich dann aber auch nicht gespielt habe, kam irgendwann auch Frust auf, die Geduld geht zu Ende. Auch, weil ich meine persönlichen Ziele gefährdet sah. Dann hat es eine Aussprache mit dem Trainer gegeben. Schließlich kam die Chance, und ich habe sie genutzt.

Bis zu der Partie gegen Karlsruhe standen sie lediglich dreimal in der Anfangsformation. Wie schwer ist es, vor dem Hintergrund, so lange nicht getroffen zu haben, dann von der Bank zu kommen?

Das war sehr schwer. Immer wieder. Gerade wenn man selber sieht, dass man im Training gute Leistungen bringt. Da ist es schwer, die Geduld zu behalten, die man als Stürmer braucht. Man fiebert – auch von draußen – genauso mit. Am liebsten will man aber auf dem Platz stehen und der Mannschaft so helfen.

Welche Rolle spielt das Selbstbewusstsein bei einem Stürmer?

Eine große Rolle. Das holt man sich bei der täglichen Arbeit im Training, und von daher war es auch nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder treffe.

Vor dem zweiten Tor gegen den KSC haben sie den langen Ball elegant mit der Hacke angenommen, dann kaltschnäuzig abgeschlossen. Hatten sie das erste Tor dabei im Hinterkopf?

Wenn man gut ins Spiel findet und direkt die erste Chance überhaupt zum Tor nutzt, bekommt man automatisch Selbstvertrauen und ein Gefühl der Sicherheit – auch und vor allem als Mannschaft. Und dieses Selbstvertrauen habe ich dann beim zweiten Tor mitgenommen.

Sind es oft diese einfachen, kleinen Momente, die entscheiden und den Stürmer wieder zu seinem Spiel finden lassen können?

Ja. Das kann ein Zweikampf sein, das kann ein gefährlicher Torschuss oder, wie vor dem zweiten Tor, ein guter, langer Ball eines Verteidigers sein, der dich ins Spiel und dir das Selbstvertrauen zurück bringt.

Bremens Spielmacher Diego hat einmal gesagt, Tore seien für ihn wie ein Orgasmus.

(lacht) Das ist schon etwas anderes.

Was bedeuten ihnen Tore?

Natürlich ist es ein geiles Gefühl, wenn man ein Tor macht und die Fans deinen Namen schreien. Ich habe Spaß an meinem Beruf und am Leben. Deshalb genießt man das auch besonders. Gerade als Stürmer.

Wie sehr brauchen sie diese Momente?

Dass ich Tore schieße, dafür werde ich bezahlt. Jeder Spieler wird für seine Position bezahlt, und die muss er dann zu Einhundertprozent ausfüllen. Und Tore zu schießen, das versuche ich von Spieltag zu Spieltag.

Das klingt sehr nüchtern.

Das ist professionell.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!