06.03.2007

Michel Platini im Interview

„Ich betrachte mich als Leader“

Seit einem Monat ist Michel Platini nun Präsident der UEFA – zu einer Zeit, in der der Fußball von Gewalt, Korruption und exzessiver Kommerzialisierung bedroht ist. Wie will er sich diesen Herausforderungen stellen?

Interview: Rainer Kalb Bild: Imago
Michel Platini, Sie sind gerade einen Monat Präsident der Europäischen Fußball-Union (UEFA), da wird der Fußball in Europa von einer beispiellosen Welle der Gewalt erfasst. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Nein! Wenn ich eine hätte, könnten wir über Gegenmaßnahmen nachdenken. Aber so? Ich verstehe nicht, wie 80 Fans aus Utrecht nach Sedan in Frankreich fahren können, um dort Randale zu machen. Weshalb der Fußball? Weshalb nicht Basketball oder Rugby, weshalb nicht das Kino oder der Supermarkt? Weshalb prügeln sie sich nicht auf der grünen Wiese? Ich weiß es nicht.



Aber Sie können doch nicht die Hände in den Schoß legen
.

Tu´ ich ja auch nicht. Wir treffen am 19. März die Polizeichef aller 53 UEFA-Mitgliedsländer, um zu beraten. Vielleicht brauchen wir ja eine europäische Sportpolizei, die sich um alle Probleme kümmert, die der Sport im allgemeinen und der Fußball im Besonderen nicht mehr in den Griff bekommen. Außer den Hooligans fällt mir da die Korruption, die illegalen Wetten, die Geldwäsche ein. Das Internet wird ja auch überwacht, weshalb nicht der europäische Sport?

Es gibt Verfechter der Autonomie des Sports.

Das bin ich auch, bei Transfer- oder Regelfragen oder einem Wettkampfkalender. Aber die Vereine können nicht für die Sicherheit außerhalb der Stadien verantwortlich gemacht werden. Das ist Sache des Staates, der Polizei und der Sicherheitsbehörden.

Gewalt hat es im Fußball ja immer schon gegeben; Sie selber haben Heysel 1985 miterlebt. Was hat sich geändert?

Früher war der Fußball Qualität, Gesundheit, Spiel. Heute ist er Geld und manchmal fast wichtiger als das richtige Leben. Da müssen sich aber auch die Medien fragen lassen, ob sie mit übertriebener und zugespitzter Berichterstattung diese Entwicklung nicht auch gefördert haben.

Die Stars wirken oft überfordert.

Das liegt daran, dass heute jedes Spiel übertragen wird und dir deshalb jedes Mal 100 Prozent Leistung abverlangt wird. Du kannst keine Verschnaufpause mehr einlegen, ohne kritisiert zu werden. In dieser Umgebung sind Leute wie Zidane oder Ronaldinho dann wieder im Vorteil, weil denen, auch wenn sie kaputt sind, immer noch ein Freistoß oder tödlicher Pass gelingt. Die anderen müssen nur laufen - und das geht nicht eine Saison lang auf höchstem Level.

Wie haben Sie ihre ersten Wochen als Präsident erlebt?


Ich betrachte mich nicht als Präsident, sondern als Leader, der den Sport nach vorne bringen will.

Was haben Sie bislang gemacht?

Ich habe die Verwaltung und das Exekutiv-Komitee reorganisiert.

Weshalb haben Sie den ehemaligen DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder zum Vizepräsidenten gemacht?

Ich hoffe, so hören die Deutschen endlich auf, mich zu kritisieren.

Werden Sie im Oktober den DFB-Bundestag besuchen?

Ich kenne meinen Terminkalender noch nicht.

Sind Sie noch über den DFB verstimmt, weil der Wahlkampf für Lennart Johansson betrieben hat?

Nein, ich bin ihm nicht mehr böse.

Wie geht es weiter?

Wir werden, wie die FIFA auch, die Aufgaben der Kommissionen neu definieren, damit sie deckungsgleich werden und so keine Reibungsverluste entstehen. Wir werden vor allem, wie die FIFA auch, eine Strategiekommission gründen, in der Verbände, Ligen, Vereine und Spieler vertreten sind. In der UEFA-Kommission bin ich qua Amt. FIFA-Präsident Joseph Blatter hat mich gebeten, den Vorsitz in der FIFA-Strategiekomission zu übernehmen. Wir werden die Statuten auf einer Sitzung am 26. März revidieren und dann einem außerordentlichen UEFA-Kongress am 28. Mai in Zürich zur Entscheidung vorlegen.

Das hört sich nach einem Schulterschluss zwischen FIFA und UEFA an.

Ich glaube, die Spannungen in der Vergangenheit war ein Problem von Personen, nicht von Konföderationen. Ich denke, UEFA und FIFA können gut zum Wohl des Fußballs zusammenarbeiten. Denken Sie nur an den internationalen Kalender.

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