02.07.2011

Michél Mazingu-Dinzey über Football und den Kongo

»Ich gehe dahin, wo es weh tut«

Zwischen Hamburg, Haiti und Afrika: Michél Mazingu-Dinzey ist ein Weltenbummler, der sich sozial engagiert. Im Interview spricht der ehemalige Profi von Hertha BSC und FC St. Pauli über Fieldgoals, unbequeme Wahrheiten und Korruption.

Interview: Moritz Herrmann Bild: Imago

»Global United« setzt sich für soziale Projekte und den Klimaschutz ein. Der Verein spielt gegen lokale Mannschaften und Auswahlteams an extremen oder gefährdeten Orten.

Michél Mazingu-Dinzey: Wir wollen bald auch in der Antarktis spielen und in einem erloschenem Vulkan. Das sind Aktionen, über die man viele Menschen erreicht. Bei allem, was mit »Global United« zu tun hat, bin ich sofort dabei. Ich habe mit diesem Engagement etwas gefunden, in dem mich zu einhundert Prozent wiederfinde. Ich habe schon viel gesehen, kenne Armut, auch aus dem Kongo, und weiß deshalb, wie sehr sich Menschen über solche Projekte freuen. Und natürlich repräsentiere ich über Global United auch den FC St. Pauli in aller Welt. Ich bin St. Paulianer durch und durch und sehe mich da als Botschafter, auch weil ich weiß, dass viele Fans des Klubs sehr sozial eingestellt sind.

Für »Global United« läuft eine illustre Riege an Ex-Stars auf. Zidane, Cafu, Chilavert, Dooley, Sforza und etliche andere sind dabei. Stellt jeder sein Ego zurück, wenn es um die gemeinsame, gute Sache geht?

Michél Mazingu-Dinzey: Zidane habe ich nun noch nicht getroffen (lacht). Aber es gibt eigentlich keine Ausnahme. Natürlich ist es für den einen oder anderen etwas härter, in diese Krisengebiete zu reisen. Wie kommt ein Profi damit klar, ein Kinderkrankenhaus zu besuchen oder eine Township? Das sind Erinnerungen, die lange haften bleiben. Das ist kein gemütlicher Reiseausflug. Dafür muss man geboren sein.

Sie sind dafür bekannt, nicht immer den bequemen und gemütlichen Weg zu wählen. 2008 gingen Sie mit Ihrem Alkoholproblem an die Öffentlichkeit. Die Beichte schlug hohe Wellen.

Michél Mazingu-Dinzey: Es ist leider so, dass heute viele Dinge verdrängt und weggeschwiegen werden. Ich bin einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Ich gehe dahin, wo es weh tut – auch gefühlsmäßig. Weil ich viel selbst erlebt habe, habe ich davor keine Angst mehr. Natürlich wusste ich, dass ich nach meinem Bekenntnis erstmal in eine Schublade gesteckt werden würde. Damit kann ich leben. Das sind einfach Fehler, die ich gemacht habe im Leben. Fehler, zu denen ich stehe. Ich will den Leuten sagen: Schließt Eure Augen nicht, zeigt Courage!

Kommen wir zum kongolesischen Fußball. Sie wurden 2009 als Assistenztrainer des FC Saint Eloi Lupopo Landesmeister. Warum haben Sie trotzdem nach nur einem Jahr wieder aufgehört in der Heimat?

Michél Mazingu-Dinzey: Was hätte ich denn noch mehr holen können? Natürlich, die afrikanische Champions League wäre ein Ziel gewesen, aber für mich hat ein Jahr damals erstmal gereicht. Die Moral ist einfach anders. Ich habe eine deutsche Mentalität und deutsche Tugenden. Es war nicht einfach. Ich wurde, obwohl ich Kongolese bin, als Ausländer beäugt. Wenn dann noch zwei andere, einheimische Trainer auf der Bank sitzen, kommt schnell Neid auf. Sollte ich in Zukunft nochmal im Kongo arbeiten, dann am liebsten auf Verbandsebene.

Auf Verbandsebene liegen die letzten Erfolge des Kongo lange zurück. Die letzte WM-Teilnahme war 1974. Auch die Qualifikation zum Afrika-Cup wurde 2008 und 2010 verpasst ...

Michél Mazingu-Dinzey: … und für das nächste Turnier in Burkina Faso werden wir uns auch nicht qualifizieren. Die Träumerei ist im Kongo das große Problem. Die Träumerei, 1974 als erste afrikanische Mannschaft dabei gewesen zu sein, und danach den großen Boxkampf (Muhammad Ali gegen George Foreman, d. Red.) ausgerichtet zu haben. Jetzt will man den Afrika-Cup 2018 oder 2022 ins Land holen. Mit welcher Mannschaft, frage ich mich. Der Verband muss überlegen: Was will ich? Die holen sich jedes Mal einen ausländischen Trainer mit großer Erfahrung, der aber eben kein Kongolese ist und deshalb nicht weiß, wie er mit Land und Leuten umgehen soll.

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